Spüren Sie den Freudenspirit der Natur Kontakt zu Heiko Gärtner Herausgeber von Heiko Gärtner
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

Tag 1272: Das Buddhistenkloster

Wenn das Leben dir eine Limonade schenkt, mach Zit

27.06.2017 Kurz nach Mitternacht beendeten wir das Tattoo-Ritual für diesen Tag. Heiko und Shania zogen sich ins innere der Kirche zurück und ich machte mich vor dem Einschlafen noch daran, den zentralen Bereich meines Tattoos auf ein neues Matritzenpapier durchzuzeichnen, damit wir es am nächsten Nachmittag erneut auf meinen Rücken übertragen konnten. Der nächste Morgen erwartete uns mit dem stärksten Regen seit Tagen, was einiges heißen will in diesem Land. Bis zur Nasenspitze in Regenkleidung gehüllt machten wir uns auf den Weg und kamen nach knapp zwei Kilometer an das Buddhisten-Kloster das uns bereits mehrfach angepriesen worden war. Trotz der Ungemütlichkeit nahmen wir uns die Zeit für eine Besichtigung. Wenn man glauben konnte, was uns erzählt wurde, dann war dieses Glaubenszentrum das älteste buddhistische Kloster in der westlichen Welt. Das bedeutete aber leider nicht, dass es hier auch eine echte, buddhistische Tradition gab. Wir können natürlich nichts darüber sagen, was hier für Kurse und Retreats veranstaltet werden, aber der erste Eindruck sprach nicht dafür, dass es sich um etwas handelte, das einem eine wirkliche, tiefe Verbindung mit dem Eins-Sein schenken konnte. Vom Eingangsportal über die großen, kitschigen Kunststoffstatuen bis hin zu den lieblos errichteten Komposthaufen neben dem Zen-Garten machte alles den Anschein einer bewusst aufgebauten Fassade zum Herbeilocken möglichst vieler Touristen. Trotzt des miesen Wetters trafen wir überall auf dem Gelände auf Arbeiter, die Unkraut jäteten, Pflastersteine verlegten oder andere Aufgaben erledigten. Es waren keine Angestellten, sondern Teilnehmer, die hier eine Art Karma-Arbeit verrichteten. Offenbar hatten sie ein recht schlechtes Karma, wenn man sie bei den Bedingungen vor die Tür jagte. Prinzipiell war es zweifelsfrei eine gute Sache, sich bei praktischen Arbeiten und gerade unter unangenehmen Bedingungen in spiritueller Praxis zu üben, doch es wirkte hier weit weniger wie eine Therapie als mehr wie gut verpackte Sklavenarbeit. In den Augen jedes Teilnehmers konnte man förmlich die Führungsetage des Klosters spiegeln sehen, die irgendwo in einem Liegestuhl saß, einen Cocktail schlürfte und sich von heißen Thailänderinnen massieren ließ. Hin und wieder sahen wir auch einen der Mönche, der von einem Gebäude zum nächsten eilte um schnell wieder ins Trockene zu kommen. Einklang, Gelassenheit und Verbundenheit konnte ich persönlich in ihrer Präsenz nicht spüren. Geschäftigkeit ja, aber Verbundenheit nicht. Zunächst konnte ich mir nicht einmal richtig erklären, was hier nicht passte. Wir waren uns lediglich alle drei einig darüber, dass man in ganz Schottland wahrscheinlich keinen Platz finden konnte, an dem man der Einswerdung mit sich und dem Universum so fern war wie hier, obwohl hier jeder danach strebte. Ich finde am deutlichsten wird es eigentlich bei dem Gang mit den Gebetsmühlen. Ihr eigentlicher Zweck ist es, sie mit einer bestimmten Frage aufzusuchen, sie zu drehen und dabei zu meditieren um ganz im Jetzt zu sein, so dass man mit der Bewegung verschmilzt und sich ans Allwissen anschließt. Die Gebetsmühlen hier wurden hingegen elektrisch angetrieben, so dass man selbst nichts mehr drehen konnte. Auch meditieren konnte man nicht mehr wirklich, denn die Motoren der Gebetsmühlen verursachten ein stetes Surrgeräusch, dass sie einem im Kopf festsetzte und das jede Harmonie zerstörte. Oberflächlich betrachtet war dies ein Ort der Meditation und der Stille, doch bei genauerer Betrachtung erreichte er genau das Gegenteil. Jetzt im Nachhinein betrachtet wird mir bewusst, dass auch dieses Kloster nicht ohne Grund genau an diesem Tag auf unserem Weg lag. Es war genau wie alles andere ein Spiegel, in dem wir uns selbst noch einmal deutlich erkennen konnten. Und dieser Spiegel zeigte, was passierte wenn die nötige Ernsthaftigkeit fehlte. Es war das Ergebnis eines gut gemeinten Prozesses, eines Versuchs um eine Verbindung herzustellen, der jedoch nicht ernst gemeint wurde und daher mehr zerstörte, als er bewirkte. Er zeigte uns also ganz genau, worauf es bei einem Ritual ankam und wie man es auf keinen Fall machen sollte. Nach dem Kloster lagen noch knapp 20km Wegstrecke im Dauerregen vor uns, an dessen Ziel wir nicht einmal sicher wussten, ob es überhaupt eine Übernachtungsmöglichkeit gab. Als wir ankamen fanden wir ein winziges Dorf mit nicht einmal zehn Häusern vor. Eines davon war jedoch glücklicherweise eine Kirche. Eiskalt und nass bis auf die Haut versuchten Heiko und Shania es sich darin so gemütlich wie möglich zu machen, während ich nach einem Nachbarn suchte, der uns erlaubte, sie auch in der Nacht zu nutzen. Dabei traf ich auf eine etwas sonderbare Frau, die mit die Nummer des Pfarrers und ein paar Pennis gab, um ihn von der Telefonzelle auf der anderen Straßenseite aus anzurufen. Selber telefonieren wollte sie nicht, da niemand hier in der Gegend erfahren sollte, dass sie ein Telefon besaß. „Braucht ihr auch etwas zu essen?“ fragte sie dann und sprach die Einladung aus, dass wir herkommen und sie für uns kochen könnte. Als ich jedoch darum bat uns stattdessen etwas zum Essen mitzugeben, da wir die Einladung aufgrund des engen Zeitplans nicht annehmen konnten, wollte sie plötzlich gar nicht mehr helfen und ich ging mit leeren Händen. Immerhin war die Nummer des Pfarrers hilfreich, denn er hatte nichts gegen Übernachtungsgäste in seiner Kirche. Tagebuch des Tattoo-Rituals: Tag 2 Um wieder warm zu werden machten wir uns nun zunächst eine Suppe und setzen uns an einen Tisch im hinteren Bereich der Kirche. Ich kann nicht sagen, was genau wir hier machten, aber als wir schließlich mit dem Tattoo begannen, war es bereits wieder spät am Nachmittag. Die Zeit war verflogen, ohne dass ich es mir erklären konnte und auch Shania stand davor wie der Ochs vorm Berg. Lektion 6: Fokus Heiko hingegen wusste genau was geschehen war. „Ihr bekommt nun einmal bewusst mit, was ein fehlender Fokus ausmacht!“ erklärte er. „Ihr habt keine Konzentration, keine Absicht auf dem, was ihr an einem Tag erreichen wollt. Wie klar habt ihr vor Augen, welche Teile des Tattoos heute fertig werden und wie viel Zeit ihr dafür verwenden werdet?“ Wir zuckten mit den Schultern, denn wir hatten keine Ahnung. Der Plan war natürlich, dass das Tattoo weiter gestochen werden sollte, aber wie das konkret aussehen sollte, darüber hatte sich keiner von uns Gedanken gemacht. Loslegen und soweit stechen wie man kommt. Das war alles. Dementsprechend hatten wir natürlich auch kein Gefühl dafür, wann der Prozess beginnen sollte und jede noch so kleine Ablenkung reichte aus, um uns irgendwo anders hin zu treiben. Wir waren wir ein Boot ohne Ruder und Segel, ein Spielball der Umstände auf einem Ozean voller Möglichkeiten. Der Fokus ist das Ruder und die Absicht das Segel. Setzt man beides bewusst ein, wird man automatisch genau dorthin getrieben, wohin man gelangen will. Selbs wenn de Wind von vorne kommt, wenn sich also scheinbar alles gegen einen Wendet, kann man durch die richtige Ausrichtung noch immer Kreuzen, sich also durch den Gegenwind in die gewünschte Richtung ziehen lassen. Davon aber waren wir leider noch weit entfernt, wenngleich sich das Tattoo in den kommenden Tagen als hervorragender Lehrmeister entpuppen sollte. Lektion 7: Die Eltern sind die Bösen, wir sind die Guten! Ich weiß nicht mehr genau was passiert ist, aber infolge irgendeines ungeschickten Verhaltens von Seiten Shanias, bei dem sie vollkommen unnötiger Weise irgendetwas zerstörte, kam es zu einem kurzen und heftigen Spannungsaufbau, bei dem unser Frust über die Widrigkeiten und sämtliche, noch nicht ausgesprochene Unstimmigkeiten der letzten Tage ans Licht kam. Was ihren Hang zum Zerstören von Dingen und Stimmungen, zum verplempern von Zeit, zum Erschaffen unnötiger Zusatzarbeit und zum Nerven ihrer Mitmenschen durch genau dieses Verhalten anbelangte, war mir Shania sehr ähnlich. Dies deutete darauf hin, dass wir beide noch ein großes, offenes Thema in diesem Bereich hatten, das wir weder erkennen noch auflösen konnten. Aus irgendeinem Grund manipulierten wir uns permanent selbst. Die Frage war nur, was wir damit bezweckten. Bislang hatte ich die Frage nie wirklich zugelassen, weil ich es selbst für Blödsinn hielt, was ich hier tat und daher nicht glauben konnte, dass es irgendeinen Sinn macht. Dies zeigte jedoch nur wieder meine Voreingenommenheit, mit der ich an Dinge heran ging. Alles macht irgendwo einen Sinn, denn sonst würde man es nicht tun. Unser Verhalten hatte einen Grund und ein klares Ziel, das wir damit auch erreichten. Wir wussten nur nicht dass es dieses Ziel gab und dass wir es erreichen wollten. Zunächst einmal war auffällig, dass wir für unser Verhalten auf den ersten Blick nichts konnten. Wir taten nie etwas mit Absicht und wir wollten nie jemanden bewusst schaden. Es geschah einfach, was ärgerlich war, wofür man uns aber nach gesellschaftlichen Maßstäben nicht wirklich verantwortlich machen oder böse sein konnte. Dennoch führte diese Art des Umgangs dazu, dass wir gerade die Menschen, die uns nahe standen von uns weg stießen. Wir machten es jedem Menschen so unangenehm wie nur möglich, bei uns zu bleiben, so als wollten wir ihn ganz bewusst vertreiben. Warum? Bei dieser Frage stand ich natürlich mal wieder auf de Schlauch, auch wenn die Antwort extrem einfach war: Es ging stets darum, der Gute zu sein und den anderen die Rolle der Bösen zuzuschieben. Dass die Situation mit meinen Eltern alles andere als Stimmig war, spürte ich ja nicht erst auf unserer Reise, sondern schon mein ganzes Leben lang. Irgendwo tief in meinem Herzen hatte ich schon immer gespürt, dass irgendwann eine Trennung anstand. Daher kam auch diese immense Angst davor, verstoßen und nicht mehr geliebt zu werden. Wenn es aber schon zu einer Trennung kommen musste, dann sollte sie wenigstens so verlaufen, dass ich selbst dabei nicht der Täter, also der Böse, sondern das unschuldige Opferlamm bin, das ohne Grund von seinen grausamen und herzlosen Eltern verstoßen wurde. Das ging am Besten, in dem man auf subtile Weise sabotierte und andere in den Wahnsinn trieb, ohne dass sie direkt erkennen konnten, das man es tat. Wenn ich noch einmal ehrlich zurück denke, dann verfolgte ich diese Strategie tatsächlich schon mein Leben lang. Auch was die Trennung von meinen Eltern anbelangte hatte ich es vor anderen und vor mir selbst stets so hingestellt, dass ich das Opfer und sie die Bösen waren. Das war natürlich Blödsinn. Die Trennung war aus einem Prozess heraus erfolgt und hatte genau so stattgefunden, wie sie hatte stattfinden sollen. Wir alle hatten uns einander gegenüber unmöglich verhalten, was ja auch nicht anders möglich war, wenn man seine Gefühle über Jahrzehnte aufstaut und dann auf einen Schlag hervor bringt. Vor allem aber war die ganze Situation ja nicht einmal eine echte Trennungssituation gewesen. Ich selbst hatte meinen eigenen Lebensfilm so geschrieben, wie er nun verlief. Ich selbst hatte es mir zur Aufgabe gemacht, mich von einem alten, illusionistischen Leben loszulösen und ein neues in Klarheit und Präsenz zu beginnen. Ich selbst hatte mich dafür entschieden, dieses spezifische Szenario zu durchleben, um die Liebe auszudehnen und um mich selbst als Teil Gottes zu erfahren. Und nun war ich Sauer auf meine Mutter, die ich mir selbst als Teil der Inszenierung erschaffen hatte, weil sie sich genau so verhalten hatte, wie ich es ins Drehbuch geschrieben habe. Das war doch einfach nicht logisch! Doch der Wunsch, als der Gute, also der tragische Held dieser Geschichte dazustehen, war so groß, dass ich noch immer mit allen Mitteln gegen mich selbst kämpfte, obwohl die Trennung ja längst abgeschlossen war. Diesen Zusammenhang erst einmal zu verstehen und zu begreifen, dass sehr wohl ein Ziel und ein Nutzen hinter meiner angeblichen Tollpatschigkeit lag, fühlte sich bereits sehr heilsam und befreiend an. Jetzt geht es nur noch darum, dieses Bewusstsein nicht wieder zu verlieren, sondern das alte Muster bewusst loszulassen. Bei Shania steckte das gleiche Prinzip hinter dem gleichen Verhaltensmuster, auch wenn die Details natürlich etwas anders aussahen. Fortsetzung folgt...
 
Spruch des Tages: Wenn das Leben dir eine Limonade schenkt, mach Zitronen daraus! Und das Leben so: „Waaas?“ (Phill-o-Sophie, die Weisheiten des Phill Dumphie aus „Modern Family“)
Höhenmeter: 180 m
Tagesetappe: 17 km
Gesamtstrecke: 23.346,27 km
Wetter: überwiegend trocken und windig
Etappenziel: Kirchensaal, Caldercruix, Schottland

Zuletzt aktualisiert am 2017-11-09 10:02:49

 

 

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