Spüren Sie den Freudenspirit der Natur Kontakt zu Heiko Gärtner Herausgeber von Heiko Gärtner
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

Tag 1292: Leben in der Irrealität

Armer, alter Highlander

10.-11.07.2017 Dieses Schottland macht einen wahnsinnig! Es ist mit Abstand, das anstrengendste, zehrendste, auslaugendste, lauteste und ungemütlichste Land, das wir je bereist haben. Auf der ganzen Reise waren wir noch von keinem Land so schwer enttäuscht, wie von Schottland. Wobei ich mit enttäuscht hier wirklich ent-täuscht meine, denn wir haben uns unter diesem Fleckchen Erde einfach etwas ganz anderes vorgestellt. Wir hatten ein wildes, raues Bergland in Einsamkeit erwartet, mit burschikosen und rauen, aber herzensguten und freundlichen Menschen, die hier in kleinen Bergdörfern noch immer ihren alten Traditionen nachgingen. Wir hatten eine einsame, ruhige Zeit inmitten tiefer Wälder erwartet, die nicht immer leicht sein, uns dafür aber viel schenken würde in Form von Harmonie, Ruhe, Tierbegegnungen und außergewöhnlichen Naturschauspielen. Doch nichts, aber auch wirklich gar nichts davon ist hier eingetreten. Obwohl in diesem Bereich von Schottland gerade einmal 3% der britischen Gesamtbevölkerung leben, ist der Verkehrslärm schlimmer als je zuvor. In den ukrainischen, slowenischen und polnischen Karpaten haben wir darüber geflucht, dass man den gesamten Verkehr auf einige wenige Hauptstraßen geballt hat, denen man auch als Fußgänger nicht ausweichen konnte. Hier ist es sogar noch schlimmer. Der Norden Schottlands besteht aus lauter Hügel- und Bergketten mit langgezogenen, schmalen Tälern dazwischen. Und in jedem dieser Täler verläuft eine Hauptstraße, die selbst hier noch genauso stark befahren ist, wie in Zentralengland. Ihnen zu folgen ist schier unmöglich, da der laute Asphalt die Situation hier noch einmal weitaus unerträglicher Macht als in der Ukraine. Man muss also auf Nebenwege ausweichen, die es jedoch nur in sehr begrenztem Rahmen gibt. Teilweise gelangen wir dadurch in sehr schöne Gebiete, doch die Straße mit ihrem unangenehmen Rauschen ist nie weit entfernt. Gleichzeitig bedeutet dies aber auch, dass wir hier Höhenmeter machen wie die Weltmeister. Teilweise, weil wir Bergrücken überqueren müssen, hauptsächlich jedoch, weil die Schotten noch vor den Engländern die schlechtesten Straßenbauer aller Zeiten sind. Wenn eine Straße hier nicht alle zehn Meter bergauf oder bergab führen kann, dann ist es keine anständige Straße. Heute beispielsweise haben wir rund 1200 Höhenmeter zurückgelegt, obwohl wir an einem See entlang gewandert sind. Die Seeoberfläche war (wie für Wasserflächen üblich) spiegelglatt und brettl-eben. Wir aber wechselten permanent zwischen der Höhe der Wasserfläche und beliebigen Punkten oberhalb am Hang, die zwischen 50 und 100 Höhenmeter variierten. Und das ohne jeden erkennbaren Grund. Die Hauptstraße am Hang gegenüber verlief schnurgerade und unser Berghang unterschied sich von dem auf der anderen Seite nicht im Geringsten. Man hätte also eben bauen können, man hatte es nur nicht gewollt. Damit wurde die ohnehin schon überdurchschnittlich lange Etappe von 32km noch einmal doppelt so ansträngend. Doch es sind nicht nur die vielen Höhenmeter, die das Wandern hier so auszehrend machen, es ist viel mehr die Kombination aus allem. Es regnet hier nahezu ununterbrochen. Gestern und Heute galten offiziell als Trocken- oder gar Sonnentage, weil nur ein leichter Nieselregen fiel, der hin und wieder sogar ganz aufhörte. Seit nun über einem Monat haben wir es nicht mehr geschafft, unsere Sachen wirklich trocken zu bekommen. Alles ist immer klamm und damit auch kalt. Wie ihr euch denken könnt ist das dem Geruch auch nicht gerade zuträglich. Auch die Freundlichkeit der Menschen, die uns bereits in Südengland so hoch angeprisen wurde, konnten wir bislang leider nicht bestätigen. Es gibt immer wieder einzelne Menschen, die wahnsinnige freundlich sind und die uns dann auf einen Schlag für den ganzen Tag oder gar für mehrere Tage durchbringen. Vor allem die Kirche ist ein großartiger Ansprechpartner und ohne sie hätten wir zweifelsfrei längst umgetreht und währen auf dem gleichen Weg zurück gegangen, den wir hier hergenommen haben. Es ist viel mehr die generelle Grundstimmung, die man als unfreundlich empfindet. Es ist die Art, wie sie im Auto an einem vorbei rasen, ohne abzubremsen oder auch nur einen angenehmen Abstand einzuhalten. Es ist die Art, wie jeder Anwohner seinen Privatgrund mit Stacheldrähten und hunderttausend Schildern eindeckt, die jeden Fremden davon abhalten sollen, auch nur zu stark in die entsprechende Richtung zu schauen. Diese Privatgrundstücke sind wahrscheinlich auch der Grund für das permanente auf- und ab der Straßen, die sich hier nicht an Landmarken sondern an Grundstücksgrenzen orientieren müssen. Teilweise ist es sogar deutlich erkennbar, dass man einen gewaltigen Schlenker über schlammige Pfade oben über einen Bergkamm machen muss, nur weil der Besitzer einer zumeist brach liegenden Wiese, etwas gegen ein paar Wanderer auf seinem Geländer hatte. Alles in allem wirkte es, als wäre das, was die Leute mit “Freundlichkeit” beschrieben, in den meisten Fällen viel mehr eine Form der Geschäftstätigkeit. Alles, aber auch wirklich alles war darauf ausgelegt, Menschen Geld aus der Tasche zu ziehen und man musste den Schotten lassen, dass sie sich ganz hervorragend darauf verstanden, einen Haufen nichts so zu präsentieren, als wäre es eine Weltweit einzigartige Attraktion. Bis heute konnten wir noch immer nicht nachvollziehen, warum es hier überhaupt so viel Tourismus gab. Klar waren die Berge nett anzusehen und es gab einige schöne Seen, viele alte knorrige Bäume und unzählige Wasserfälle. Aber nichts davon war einzigartig oder spektakulär. Es unterschied sich nur in Details von den Hügelregionen in England und Wales, wodurch es eigentlich keinen Grund für die dort lebenden Menschen gab, hier Urlaub zu machen. Trotz des Hochsommers war das Wetter hier grauenhaft nass und kalt. Es gab nahezu nichts, das man besichtigen konnte, abgesehen von ein paar sehr vereinzelten Schlössern und einer Reihe von Whisky-Destillerien, man konnte sich weder sonnen noch baden, noch hatte man eine ruhige Umgebung in der man sich erholen und in der man abschalten konnte. Hotels lagen grundsätzlich an der Hauptstraße und/oder direkt neben einem Wasserfall. Wer campen wollte, der musste sich einen Platz irgendwo im Wald suchen, was bei den vielen Zäunen eine echte Herausforderung war, und dann trotzdem das gleiche zahlen, wie auf einem normalen Campingplatz. Was die Natur anbelangt, was die Natur anbelangt muss man leider sagen, dass hier unglaublich viel kaputt gemacht wurde. Wenn es Highlander wirklich geben würde, hätte er sich bei dem Anblick wahrscheinlich selbst umgebracht. In einem Gebiet wie diesem unsterblich zu sein, war sicher eine harte Prüfung. Tausende von Jahren gab es hier unberührte Natur voller reicher Wälder und dann kamen die Menschen auf die Idee, alle kaputt zu machen. Auch jetzt noch werden die wenigen verbleibenden Wälder radikal und flächendeckend nieder gemäht. Mit ökologischer oder schondender Waldwirtschaft hat dies nicht das geringste zu tun. Nachhaltig war daran nur die Zerstörung die die Rodungen mit sich brachten. Denn sobald die Bäume weg waren begannen Wind und Regen die Erde abzutragen bis nur noch nackter Fels übrig bliebt, auf dem eine neue Aufforstung vollkommen unmöglich war. Durch die permanenten Rodungen konnte man hier sogar jede einzelne Phasen der Errosion erkennen, angefangen beim intakten Wald über das zurückbleiben, kahler, toter Rodungsflächen, das Verschwinden des Bodens, bis hin zur erneuten Ansiedelung von Moosen und Gräsern die dann das vorerst endgültige Landschaftsbild prägen. Fortsetzung folgt...
 
Spruch des Tages: Armer, alter Highlander
Höhenmeter: 315 m
Tagesetappe: 30 km
Gesamtstrecke: 24.014,27 km
Wetter: Bedeckt aber nicht allzu kalt
Etappenziel: Kirchenzentrum, Campbeltown, Schottland

Zuletzt aktualisiert am 2017-12-24 15:37:55

 

 

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