Spüren Sie den Freudenspirit der Natur Kontakt zu Heiko Gärtner Herausgeber von Heiko Gärtner
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

Tag 1325: Der Blick für das Schöne

es sind die kleinen Dinge, die das Leben lebenswer

Am bezeichnendsten war jedoch eine Situation am Abend, nachdem wir wieder einmal einen heftigen Regenguss und das dritte Gewitter des Tages überstanden hatten. Die kurze Phase direkt nach diesen spontanen Platzregen-Attacken bei denen man jedes Mal meint, die Welt ginge unter, sind die schönsten und friedlichsten Phasen in diesem Land. Es sind die Momente, in denen man das Gefühl hat, dass alles die Luft anhält und sich noch immer irgendwo hinter einer Fensterscheibe versteckt. Wenn dann die Sonne herauskommt und die Straßen zum Dampfen bringt, während sich ein seichter Nebel über die grünen Wiesen legt, dann hat diese Region wirklich etwas magisches. Und heute gab es einen Moment, an dem die Natur noch einmal einen drauf legte und mit all ihrer Farbenpracht einen perfekten, gestochen scharfen und klaren Regenbogen an den noch immer düsteren Himmel malte. Es war der schönste und klarste Regenbogen den ich je gesehen habe und nach einer kurzen Zeit erschien sogar noch ein zweiter direkt daneben. Genau in diesem Moment hielt ein Bully neben uns. Eine Fensterscheibe wurde herunter gekurbelt und ein Mann rief über die Köpfe seiner beiden Töchter hinweg: „Hey-Ya! Was machta denn da?“ „Fotos von einem Regenbogen!“ erklärte Heiko und ich fügte hinzu „Vom wahrscheinlich schönsten Regenbogen, den ihr jemals in eurem Leben gesehen habt!“ „Aha!“ gab der Mann zurück und beugte sich über die Kinder hinweg um aus dem Beifahrerfenster in die Richtung schauen zu können, in die Heiko das Foto machte. Er hob nicht einmal den Kopf in Richtung Himmel sondern stellte nur fest, dass er von dort aus nichts sehen konnte. Auch die Kinder schauten nicht nach oben und versuchten nicht einmal, einen Blick auf das faszinierende Naturschauspiel zu erhaschen. „Habt ihr ne Panne?“ fragte der Mann weiter, weil er sich offenbar noch immer nicht erklären konnte, warum wir hier einfach anhielten. „Nein!“ sagte Heiko kurz angebunden, da er sich ärgerte, dass der Mann einen der seltenen schönen Momente, die wir hier hatten mit seinem Motorenlärm zerstörte. Aber es war genau das, was wir hier in anderer Form ständig erlebten. Auf der einen Seite gab es so viel Reichtum und Schönheit und auf der anderen Seite war man es sich nicht einmal wert, auch nur für eine Minute den Motor auszuschalten, auszusteigen und die Schönheit zu genießen. Man raste in Hektik an ihr vorbei, ohne sie auch nur wahrzunehmen und die einzigen Momente in denen man überhaupt einmal einen Gang zurück schraubte waren Situationen, in denen man andere Menschen zuschwallen konnte. Dies machte wohl auch einen Großteil der immensen Lebensarmut aus, die hier permanent zu spüren war. Und es war wahrscheinlich auch einer der Gründe, warum es für uns so komplex wurde. Es gab kein echtes Miteinander, keinen Austausch, kein persönliches Interesse und somit auch keine Dorfgemeinschaft. Es war das erste Land, in dem man in ein Dreißig-Seelen-Dorf kommen konnte, ohne jemanden zu finden, der wusste, wo der Pfarrer wohnte oder wer sonst für die Kirche verantwortlich war. Wir kamen heute durch drei verschiedene Orte in denen es jeweils mindestens zwei Kirchen, zwei Gemeindehallen und einen Sportplatz mit Aufenthaltsräumen und Umkleidekabinen gab und doch gab es keine Möglichkeit irgendetwas davon zu nutzen. Entweder, man erreichte überhaupt niemanden, oder man fand nur Menschen, die leider alleine nichts entscheiden, aber auch niemanden anrufen konnten, weil sie eben einfach nicht wollten. So viel Spießigkeit auf einem Haufen hatten wir unser Leben lang noch nicht erlebt. Der einzige, der uns an diesem Nachmittag wirklich half, war ein nahezu tauber und blinder alter Mann in einer kleinen Hütte, der uns mit Brot, Käse und Keksen versorgte. „Ihr könnt das haben, ich muss morgen eh einkaufen!“ meinte er und gab uns damit fast den gesamten Inhalt seines Kühlschrank. Dann versuchte er noch, uns einen Platz zum Schlafen in der kleinen Gemeindehalle auf der anderen Straßenseite zu organisieren, aber der Verantwortliche wimmelte ihn am Telefon mit der Aussage: „So etwas machen wir hier nicht!“ ab. Das wir schließlich überhaupt einen Platz zum Übernachten bekamen verdankten wir einer Kette von „Zufällen“ und „Glückstreffern“, die ich später am Abend noch einmal genau beschreiben musste, um nicht wieder auf die Straße gesetzt zu werden. Der Pfarrer von Churchtown war in die Jahre gekommen und ein paar Monate zuvor in ein Pfelgeheim eingewiesen worden, weshalb das Dorf nun pfarrerlos da stand. Eine alte Dame im Rollstuhl vermachte mir ihr Kirchenblättchen mit den Nummern aller Pfarrer in der Umgebung darauf, von denen die meisten jedoch nicht erreichbar waren. Der einzige, den ich ausfinden machen konnte war Pater Francis aus Coagh, der leider gute 23km nördlich von uns Wohnte. Er selbst konnte uns also nicht helfen, versuchte aber und an einen Kollegen auf unserer Route weiter zu vermitteln. Dieser Kollege sollte schließlich Pater David sein, der rund 25km weiter im Süden lebte. Bis wir seinen Wohnort erreichten, versuchten wir vergeblich alle 20 Minuten ihn anzurufen um uns bei ihm anzukündigen. Als wir schließlich an der Kirche eintrafen, war es bereits 21:00 Uhr und der Pfarrer war nicht zu hause. Dafür lernten wir einen freundlichen und hilfsbereiten Bauarbeiter kennen, der in der kleinen Kapelle saß und Zeitung las, was hier offenbar eine anerkannte Form des Betens war. Er tätigte ein paar Anrufe und trieb so die Handynummer von Pater David auf, den ich kurz darauf tatsächlich an die Strippe bekam. „Hallo!“ sagte ich, „Mein Name ist Franz Bujor und ich mache gemeinsam mit meinem Freund Heiko Gärtner eine Pilgerreise durch Eurpa, bei der wir bereits 23.000km zu Fuß unterwegs sind um vier soziale Projekte zu unterstützen. Ich habe Ihre Nummer von Pater Francis aus Coagh und er meinte, dass Sie uns helfen könnten, wenn es darum geht einen Schlafplatz für die Nacht zu finden.“ Die Reaktion war nicht ganz die, die ich mir daraufhin erhofft hatte: „Ich kenne keinen Pater Franzis aus Coagh und ich kenne Sie nicht! Auf Wiederhören!“ Dann folgte ein wenig vielversprechendes Tuten. Ich konnte es nicht fassen! Wir waren gerade zum vierten Mal nass geworden, der Himmel war schwarz wie Teer und die Nacht stand unmittelbar bevor. Und der Mann war nicht einmal bereit auch nur zuzuhören? Sicher hatte er mich einfach falsch verstanden! Meine nächste Idee war, ihn noch einmal direkt von Francis anrufen zu lassen, doch der Handerker kam uns zuvor. „Kein Problem!“ meinte er, „ich nehme euch einfach bei mir auf!“ Damit er das tun konnte, musste er uns jedoch zunächst den Weg zeigen, da er knapp zwei Kilometer außerhalb des Ortes lebte. So fuhren er und ich gemeinsam mit dem Auto zu seinem Haus, während Heiko unsere Wagen bewachte und versuchte nicht zu erfrieren. „Warte eine Minute!“ sagte der Mann, als wir in seinem Hof standen, „ich muss nur noch kurz mit meiner Frau sprechen!“ Er machte den Eindruck, als hätte er bis zu diesem Moment sehr erfolgreich verdrängt, dass er überhaupt eine Frau hatte, was man auch gut verstehen konnte. Guten Mutes, mit hoch erhobenem Haupt ging er zur Tür und tief gebeugt und betroffen kam er einige Minuten später wieder zurück. „Hast du die Nummer von Pater David noch?“ fragte er direkt um nicht auf die Situation mit seiner Frau eingehen zu müssen. Ich habe keine Ahnung wie es hatte passieren können, dass ein so herzensguter Mann an eine so grauenhafte Frau geraten war, aber sie war wirklich ein Hausdrache, wie er im Buche steht. Als ich mit ihrem Mann durch die Tür trat und freundlich grüßte, kam nicht einmal ein Blick von ihr zurück. In der ganzen Zeit, in der ich mich bei ihnen aufhielt, sprach sie kein einziges Wort mit mir und das obwohl sie sich an dem Gespräch über Lösungsmöglichkeiten außerhalb ihres eigenen Hauses beteiligte. Der Sohn, der kurz darauf ins Wohnzimmer kam, schlug glücklicherweise nach seinem Vater. Noch einmal riefen wir den Pfarrer an und dieses Mal begann der Bauarbeiter mit der Erklärung, bevor er mir den Hörer weiter reichte. Was nun folgte war eine Art polizeiliches Verhör in dem ich den Tathergang unserer heutigen Reise mit allen Details und Einzelheiten zu Protokoll geben musste, angefangen beim Vor- und Zunamen unseres letzten Gastgebers bis zu einer schlüssigen Begründung dafür, dass wir hier und nicht irgendwo anders aufgeschlagen waren. Dann endlich ließ er sich gegen all seine inneren Widerstände dazu hinreißen, uns doch noch aufzunehmen. Wir müssten nur bis um 23:00 warten, da er zuvor nicht im Haus war, aber wir könnten diese Zeit ja beim Bauarbeiter und seinem Hausdrachen verbringen. Wir lernten den Pfarrer gegen 22:15 kennen, während wir in der Gemeindehalle bei einer Portion Fish and Chips saßen. Es war mit gelungen, den Vorschlag mit unserer Wartezeit noch einmal abzuändern, so dass wir uns die Hin- und Herfahrerei sparen konnten. Ruhe und Zeit zum Arbeiten gab es aber dennoch nicht, denn die Halle wurde gerade umgeräumt und die Frauen, die dafür zuständig waren, hatten die dringende Order, uns nicht alleine zu lassen. „Wo ist denn Franz?“ erkundigte sich eine der beiden Frauen, bei Heiko, der versuchte, irgendwie trotz all der Widrigkeiten ein paar Bilder zu bearbeiten. „Er fragt im Ort nach etwas zum Essen!“ antwortete er, „Es ist gleich zehn und wir hatten den Tag noch nichts außer etwas angeschimmeltes Brot und ein paar Kekse!“ Sofort rief die Frau den Pfarrer an und fragte, ob sie uns nicht im Namen der Kirche und vor allem auch auf dessen Rechnung etwas zum Essen kaufen sollte. Der Pfarrer verneinte bekam aber einen halben Herzinfarkt, als er hörte, dass wir die Läden wegen kostenlosen Essensspenden ansprachen. Dieser Umstand sorgte wohl dafür, dass er sich mit seiner Heimreise deutlich mehr beeilte, als er es geplant hatte. Als er bei uns eintraf hatten wir beides, das Essen, das uns die Läden umsonst gegeben hatten und das Essen, das uns die Frau aus eigener Tasche bezahlt hatte. Nun da der Mann leibhaftig vor uns stand, wurde mir auch klar, warum es so schwer gewesen war, eine sinnvolle Vereinbarung mit ihm zu treffen. Er war ein Gollum-Artiges Wesen mit gebeugter Haltung und grauem, schütteren Haar, das in einzelnen Strähnen an seinem Kopf klebte. Sein Händedruck fühlte sich an wie der eines toten Fisches und seine Stimme überschlug sich immer wieder zu einer hohen Fistelstimme, so als wäre ihm gerade jemand auf den Hoden getreten. Nichts von dem, was mir machten oder warum wir hier waren interessierte ihn. Das einzige was er sehen wollte, war eine Bestätigung, dass wir uns wirklich auf einer Pilgerreise befanden, denn wenn das der Fall war, dann verpflichtete ihn seine Moral dazu, uns wirklich aufzunehmen. Ohne diese Bestätigung hätte er uns selbst jetzt um diese Urzeit noch immer vor die Tür gesetzt. So aber war er beruhigt und nahm uns mit hinüber in sein Haus. Die Villa die er bewohnte war gerade einmal zwei Jahre alt und Heiko schätzte allein den Wert der Inneneinrichtung auf eine gute Million Euro. Woher kam all dieses Geld? Wie konnte sich die Kirche hier solche Gebäude leisten, wenn doch kaum jemand in den Gottesdienst ging? Und warum leistete sie es sich? Welcher Vorteil entstand daraus? Was war die Absicht dahinter? Uns fiel auf, dass diese Frage im Allgemeinen noch ungeklärt war. Der Norden Irlands war, so arm er auch von der menschlichen Seite war, aus materieller Sicht eine der reichsten Regionen, die wir je gesehen hatten. Und doch schien es hier keine Arbeit zu geben. Nirgendwo sah man Firmen oder Unternehmen. Es gab ja nicht einmal mehr Supermärkte oder Bäckereien. Wie verdienten die Menschen also ihr Geld? Lebten hier wirklich nur die Firmenchefs und Bankmanager, die ihr Kapital aus Kapital schlugen und dadurch so viel Geld hatten, dass alle anderen für sie arbeiten konnten? Handwerker, Fensterputzer, Gärtner und ähnliches sah man ständig und überall. Es waren die einzigen, die man hier überhaupt arbeiten sah. Darüber hinaus blieb alles wie hinter einem Schleier. Von Seiten des Pfarrers bekamen wir unsere Schlafzimmer und je ein Glas Wasser angeboten. Dann entschuldigte er sich noch vier oder fünf mal, dass er nicht gastfreundlicher wirkte, da dies unter den gegebenen Umständen leider nicht möglich sei. Hätte er früher von uns gewusst, hätte er uns einen anständigen Empfang bereitet, aber so war leider nichts mehr zu machen. Schon spannend, wie unterschiedlich die Einstellung war. Pater John gestern hatte sich keinen einzigen Gedanken darüber gemacht, ob er nun gastfreundlich wirkte oder nicht und bei ihm hatte man sich sofort willkommen und heimisch gefühlt. Hier fühlte man sich wie ein Eindringling und traute sich nicht einmal, das Wasserglas auf dem Nachttisch abzustellen.
 
Spruch des Tages: es sind die kleinen Dinge, die das Leben lebenswert machen.
Höhenmeter. 40m
Tagesetappe: 14 km
Gesamtstrecke: 25.005,27 km
Wetter: sonnig, warm
Etappenziel: Multifunktionsräume der Kirche, St. Lo, Frankreich

Zuletzt aktualisiert am 2018-02-05 19:06:43

 

 

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