Spüren Sie den Freudenspirit der Natur Kontakt zu Heiko Gärtner Herausgeber von Heiko Gärtner
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

Tag 1334: Reiseerfahrungen in Irland

Nur weil man eine Grenze überquert, heißt das nich

05.08.2017 Wir sind nun rund 10 Tage in Irland und seither hat sich die Insel vom Landschaftsbild selber noch kein einziges Mal verändert. Das einzige, was tatsächlich immer wieder einen großen Unterschied ausmacht ist das Wetter. Der Pfarrer vor einigen Tagen hatte Recht: Man braucht Sonne, um die Schönheit von Irland erkennen zu können. Heute, da immer mal wieder die Sonne schien und alles in ihrem Licht erstrahlen ließ, sah es wirklich an vielen Ecken sehr schön aus. Und das obwohl sich das Bild, das man sehen konnte, nicht im Geringsten von dem unterschied, das wir an früheren Tagen im Regen zu Sicht bekommen hatten. Bei genauerer Betrachtung blieb es auch eine reine Oberflächenschönheit. Denn soweit das Auge reichte gab es keinen einzigen Meter echte Natur. Es wirkte so, weil immer wieder Bäume auftauchten, die Landschaft von Hecken aufgelockert wurde und weil alles so grün war. Aber im Grunde war es nichts anderes, als die gigantischen Maisfelder in Rumänien. Es war totes Land, das vom Menschen so verändert worden war, dass jedes natürliche Leben aus ihm verbannt wurde. Alles war penibel in fast gleichgroße rechteckige Bereiche eingeteilt wurden, die mit Hecken, Gattern und Stacheldrahtzäunen umgeben waren. Dazwischen befanden sich reine Graswiesen auf denen nicht einmal ein Gänseblümchen wuchs. War es wirklich das, wofür Irland auf der ganzen Welt so berühmt war? Anders als in England, wo man ja auch auf das Einkästeln und Zerstückeln der Welt in kleine, handliche Stücke stand, boten hier jedoch nicht einmal die Gebäude einen sehenswerten Anblick. Wir fühlten uns fast wieder wie in Osteuropa, wenn wir irgendwo in einen Ort kamen. Es gab natürlich immer wieder Villen und prunkvolle Anwesen, aber die meisten Gebäude waren graue Betonklötze, die schäbig, verfallen, ranzig und verlassen aussahen, obwohl sie bewohnt waren. Auch die berühmten Irisch Pups, die wir hier sahen hatten so gar nichts von dem Flair, den man ihnen im Ausland nachsagte. Es waren zwielichtige, schäbige Alkoholiker-Kneipen mit schmutzigen Fenstern und verblichenen Werbeschildern. Der Irish Pub wie wir ihn kennen, muss eine Erfindung für Touristen sein oder vielleicht sogar rein im Ausland existieren. Was jedoch kein Mythos war, war die Aussage, dass die Iren sehr gesellige Leute sind, die gerne und groß feiern. Ob sie es wirklich gerne tun bin ich mir nicht sicher, aber bei „groß“ sind sie dabei. In unserem geplanten Zielort wurde gerade eine Hochzeit abgehalten. Erst wunderten wir uns darüber, dass so viele Autos an uns vorbei fuhren obwohl wir auf den kleinstmöglichen Straßen unterwegs waren. Dann wunderten wir uns, warum sie immer in unsere Richtung fuhren, egal wie oft wir auch abbogen. Schließlich fiel Heiko auf, dass alle außergewöhnlich fein und festlich gekleidet waren und so waren wir uns schließlich sicher, dass es sich nur um eine Hochzeit handeln konnte. Und richtig. Als wir an der Kirche eintrafen war der große Parkplatz mit gut 200 Autos befüllt. Langsam verstanden wir nun auch, warum die Kirchen im Norden so imposant waren. Es ging hier nie um sie Messen, sondern um Hochzeiten, Kommunionen und Taufen, für die stets das halbe Land zusammen kam. Selbst aus 100 Meter Entfernung konnte man die Menschen im Inneren der Kirche noch singen, grölen und klatschen hören, was uns nicht unbedingt das Gefühl gab, hier besonders richtig aufgehoben zu sein. Eine ältere Dame stieg mit ihrem Enkelkind aus einem neu angekommenen Auto und wir fragten, ob sie etwas über die Hochzeit hier wisse. Sie war kein Mitglied der Hochzeitsgesellschaft, sondern gehörte zur Kirche selbst und war gerade dabei dem Pfarrer Tee und Sandwiches zu bringen. „Die Messe muss jeden Moment vorbei sein!“ sagte sie, „deswegen bin ich ja hier!“ Tatsächlich strömten bereits wenige Minuten später die ersten Gäste aus der Kirche und beglückwünschten das Brautpaar, dass sich vor dem Eingangsportal positionierte. Die letzten ankommenden Autos hatten uns gerade einmal zwanzig Minuten zuvor überholt, also dauerte eine Hochzeitsmesse hier offenbar nicht einmal eine halbe Stunde. Besonders Ereignisreich konnte so eine Trauung also nicht sein, denn in zwanzig Minuten brachte man ja kaum mehr als das Ja-Wort und ein paar Lieder unter. Wahrscheinlich hieß es am Ende: „Sie dürfen die Braut nun Küssen! Aber gehen Sie dafür doch ruhig schon einmal vor die Tür, denn wir würden dann hier auch gerne Feierabend machen.“ Es war nicht die erste Hochzeitsgesellschaft in die ich während unserer Reise hineinplatzte, um den Pfarrer zu sprechen. Aber es war die bei weitem unangenehmste. So viele abwertende Blicke auf einen Haufen habe ich in meinem Leben wohl noch nie geerntet. Es war fast Ekel, der da in den Blicken der Leute lag, die die Nase rümpften, mich anstarrten und dann ein gutes Stück zur Seite auswichen. Dabei waren die Männer zu großen Teilen in Anzüge gezwängt, die zwar teuer und edel waren, aber so wenig zu ihnen passten, wie eine Bananenschale. Die Frauen trugen bunte Kleider und in dazu passenden Farben kleine, schiefe Hütchen auf dem Kopf, die so dämlich aussahen, dass ich mir nicht sicher war, ob sie sich dadurch nicht das Recht verspielten, irgendjemanden aufgrund seines Aussehens abzuwerten Grüßen tat keiner, nicht einmal wenn ich damit anfing. Der Vorteil war aber, dass ich relativ leicht in die Kirche kam, obwohl diese mit gut 600 Gästen bis zum Platzen gefüllt war. So musste sich dann wohl Moses gefühlt haben, als er das Meer geteilt hat. Nur dass es vom Wasser dabei wohl nicht so angewidert begafft wurde. Am Altar stand ein alter man mit schütterem, grauen Haar. „Sind sie der Gemeindepfarrer?“ fragte ich. „Hä?“ antwortete er und deutete auf ein großes, schweres Hörgerät, das von seiner Ohrmuschel kaum mehr getragen werden konnte. „Du musst lauter sprechen! Ich hör nicht mehr so gut!“ „SIND SIE DER GEMEINDEPFARRER?“ fragte ich erneut. Der Mann lachte. „Nein, ich helfe hier nur aus, damit die Rente nicht so langweilig ist!“ „Wo kann ich den Pfarrer finden?“ „Na wo wohl? Er sitzt in der Sakristei und trinkt Tee! Warten Sie ich führe Sie hin!“ Und da saß er tatsächlich, gemeinsam mit der Frau und der Enkelin vom Parkplatz, ließ die Hochzeitsgesellschaft Hochzeitsgesellschaft sein, lehnte sich in einem bequemen Stuhl zurück, trank genüsslich seinen Tee und freute sich über Kekse und Sandwich. Er selbst, wie auch die anderen Anwesenden lebten leider nicht hier im Ort, sondern irgendwo in der Gegend verstreut. Hier konnten sie uns daher nichts anbieten, denn es gab nichts außer der Kirche selbst und auf der lag mal wieder der Fluch eines Kirchenrates, der sich über alles und jeden beschwerte. Die Kirche, die sich 6km weiter befand, konnte er uns aber zur Verfügung stellen. Eine gute Stunde später kamen wir dann im Nachbarort an, wo wir ein Treffen mit einer sonderbaren Frau vereinbarten, deren Stimme tiefer und männlicher war, als die von Luis Armstrong. Die Kirche war eine kleine Kapelle mit einer simplen Sakristei und einer Toilette. Und doch schaffte sie es, uns über eine Stunde mit irgendwelchen Erklärungen und hinweisen aufzuhalten. Am Ende war es genau wie an den letzten Tagen wieder 17:00 Uhr als wir damit beginnen konnten, uns einzurichten. Und das obwohl wir um 14:00 Uhr das erste Mal mit dem Pfarrer gesprochen haben. Ich habe keine Ahnung wie dieses Land das macht, aber es ist mit Abstand der größte Zeiträuber, den wir je hatten.
 
Spruch des Tages: Nur weil man eine Grenze überquert, heißt das nicht, dass dadurch alles besser wird.
Höhenmeter. 160 m
Tagesetappe: 22 km
Gesamtstrecke: 25.217,27 km
Wetter: bewölkt
Etappenziel: Gemeindesaal, Laignelet, Frankreich

Zuletzt aktualisiert am 2018-02-10 21:09:51

 

 

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