Spüren Sie den Freudenspirit der Natur Kontakt zu Heiko Gärtner Herausgeber von Heiko Gärtner
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

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Tag 1278: Offene Rechnung

Fortsetzung folgt

Lektion 12: Die offene Rechnung Das Problem hinter der ganzen Geschichte war, dass ich noch immer das Gefühl hatte, ungerecht behandelt worden zu sein. Mein Verstand hatte begriffen, dass alles so war wie es sein sollte, dass es keine Fehler gab und das mein Leben genau so verlaufen war, wie ich es mir selbst als Gott geschrieben hatte. Meine Mutter war in dieser Geschichte nicht real, sondern lediglich ein Teil meiner eigenen Phantasie. Sie war ein Charakter, den ich mir selbst erschaffen hatte, um genau diese Lernschritte machen zu können. Somit konnte es so etwas wie Ungerechtigkeit natürlich nicht geben. Dummerweise war die bislang nur ein Gedankenkonstrukt in meinem Kopf und hatte noch nichts mit meinen Gefühlen zu tun. Diese sagten mir noch immer, dass ich als Kind nicht so geliebt worden war, wie ich es verdient gehabt hätte. Meine Mutter schuldete mir also noch einen großen Berg Liebe, den sie mir in meinen Augen verweigert hatte. Und obwohl ich wusste, dass weder sie noch diese Rechnung real waren, konnte ich sie nicht loslassen und bestand darauf, sie beglichen zu bekommen. Ich hatte das Gefühl, dass es hier einen Wert gab, der mir zustand und den ich ausgezahlt bekommen musste, damit hier wieder ein Gleichgewicht eintreten konnte. Hätte man diese Rechnung von verpasster Liebe auf Geld umrechnen wollen wäre der Rechnungsbetrag in meinem Fall etwa 10 Milliarden Euro gewesen. Shania, die das gleiche Thema ihren Eltern gegenüber hatte, gab ihrer Rechnung sogar eine Summe von 10 Billiarden Euro. Nun wurde auch klar, warum es uns so schwer fiel, dies loszulassen. Bislang hatte ich es nie verstanden, weil ich immer geglaubt hatte, dass es sich bei der offenen Rechnung rein um negative Bestandteile handelte. Nun wurde mir zum ersten Mal bewusst, dass ich mir tatsächlich etwas davon versprach, so abstrakt das auch sein mochte. Ich war ein bisschen wie die zwielichtigen Bösewichter in den Schatzsucher-Filmen, die am Ende grundsätzlich starben, weil sie einen Schatz in den Händen hielten, den sie nicht loslassen konnten, obwohl alles um sie herum einstürzte. Nur dass mein Schatz dabei nicht einmal einen Wert hatte. Es war, als würde ich mein Leben lang eine leere Tüte mit mir herum schleppen, die ich niemals abstellen konnte, weil ich glaubte, das vielleicht etwas Wertvolles darin sein könnte. Das Problem war auch hier wieder meine Unfähigkeit zu fühlen. Die Filme über meine Kindheit hatten mir gezeigt, dass Oberflächlichkeit das einzig wichtige im Leben war. Es kam nicht darauf an, wie etwas wirklich war, sondern nur, wie es nach außen hin wirkte. Dass es in meiner Familie stets um die aufrechterhaltung dieses Scheinbildes ging, war mir spätestens seit der Trennung von meinen Eltern und dem Versuch meiner Mutter klar, hier eine Scheinbeziehung aufzubauen, die rein auf Äußerlichkeiten bestand. Trotzdem hatte ich bis heute immer geglaubt, ein tiefsinniger Mensch zu sein, der sich eben nicht um Oberflächlichkeiten kümmerte. Wie aber hätte das funktionieren sollen? Das war ja gar nicht möglich. Wer englischsprachig aufwächst, der konnte kaum erwarten als Erwachsener plötzlich Französisch sprechen zu können. Ohne die Fähigkeit in die Tiefe zu blicken und zu fühlen, was sich hinter der Oberfläche befand, konnte ich mir aber nie sicher sein, ob meine Tüte leer war oder nicht. Das gleiche Problem hatte ich auch immer wieder bei der Suche nach einem Schlafplatz. Wenn wir in einen Ort kamen, spürte Heiko in der Regel sehr präzise, ob es Sinn machte hier nach einem Platz zu fragen oder nicht. Ich hingegen sah nichts weiter als einen Ort, in dem es einen oder mehrere verschiedene Räumlichkeiten gab, die infrage kommen würden. Die einzige Möglichkeit für mich herauszufinden, ob wir hier übernachten konnten oder nicht war es, die Verantwortlichen zu finden und zu fragen. Dadurch verlor ich natürlich oft Unmengen an Zeit, weil ich stets versucht war, alle Eventualitäten abzuklären. Und selbst wenn ich 90% er Möglichkeiten ausschließen konnte und beschloss, dass es besser war, weiter zu ziehen, ging ich meistens mit dem Gefühl, vielleicht doch eine Chance verpasst zu haben. Könnte ich hingegen meiner Intuition vertrauen und wüsste daher instinktiv, dass ein Ort uns nicht willkommen heißen würde, würde ich zum einen die Fragezeit einsparen und könnte zum anderen mit gutem Gefühl weiter ziehen. So war es auch mit der leeren Tüte meiner 10 Milliarden Euro Rechnung. Ich glaubte, dass es eine Illusion war, aber sicher war ich mir nicht und deswegen behielt ich sie vorsichtshalber noch ein bisschen länger in der Hand. Damit wir trotzdem ein Gefühl dafür bekommen konnten, worum es ging, erklärte uns Heiko das Prinzip noch einmal anhand eines eigenen Beispiels. Er selbst hatte die Tüte früher in Form seiner Stellung bei der Allianz in den Händen gehalten. Als einer der besten Verkäufer des Landes hatte er in diesem Beruf so gut verdient, dass er sich jedes Hobby leisten konnte, das er wollte und zeitgleich sogar noch eine eigene Wohnung abfinanzierte. Er wusste also, dass der Weg, den er hier eingeschlagen hatte, ein sicherer, luxuriöser und wohlhadender Weg war, auf dem er bis an sein Lebensende bequem bleiben konnte, ohne dass es ihm objektiv betrachtet an irgendetwas mangelte. Doch er spürte, dass es nicht sein Weg war. Er war verführerisch, hatte aber nichts mit ihm zu tun und würde ihn letztlich nur Krank machen. Also nahm er die Tüte, die in seinem Fall sogar prall gefüllt war und warf sie im hohen Bogen davon. Sein „Loslösungsritual“ war dabei der Schritt, die Allianzagentur aufzugeben und seinen Anteil daran an seinen Sozietätspartner zu verschenken, ohne ihm auch nur eine Sekunde nach zu trauern. Er konnte dies tun, weil er zu 100% wusste, dass er durch dieses Geschenk nichts verlor, sondern sein Leben reicher machte. Doch dies ging nur deshalb, weil er seiner Intuition vertrauen konnte. Uns hingegen fehlte noch immer die Klarheit um diese Sicherheit wirklich zu spüren. Also klammerten wir uns auch weiterhin an der Tüte fest, in der Hoffnung, dass sie uns vielleicht doch eines Tages irgendetwas bringen würde. Dabei war es aber nicht so, als gäbe es nicht ausreichend Hinweise, die uns die nötige Sicherheit geben würden. Wir nahmen sie nur nicht wahr oder erkannten sie nicht an, wodurch wir sie nicht nutzen konnten. In diesem Fall hatten Shania und ich jeweils ein anderes Prinzip, das uns von unserer Wegfindung abhielt. Shania war deutlich aufmerksamer und fokussierter als ich, weshalb sie die Hinweisschilder durchaus wahrnahm, wenn diese auftauchten. Sie erkannte auch, dass es Hinweisschilder waren und dass sie ihnen folgen sollte, doch sie hatte stets etwas an ihnen auszusetzen. Ihr eigener innerer Verwirrer flüsterte ihr stets so etwas zu wie: „Der Wegweise sieht doch nicht schön aus! Willst du wirklich auf ihn vertrauen? Komm schon, da kommt noch ein besserer!“ Ich hingegen war in Bezug auf die Schilder wie ein kleines Kind in Bezug auf sein Spielzeug. Auch ich nahm die Hinweise wahr, erkannte sie als Hinweise und wollte ihnen folgen. Doch dann tauchte immer etwas auf, das mich ablenkte, so dass ich schlicht den Faden verlor. „Oh, das ist dann also meine Lebensaufgabe! Ich muss nun nur noch... Hey, sieh mal da ist ja ein Laubfrosch! Wo der wohl hin hüpft? Ich glaube ich schaue ihn mir mal genauer an...“ Dieses Prinzip passierte mir am Tag sicher viele hundert Mal im Kleinen wie im Großen. Eigentlich wollte ich ja diese Tagesroutine einhalten, aber jetzt ist etwas dazwischen gekommen. Ich wollte gerade meine Wasserflasche auffüllen aber dann wurde ich abgelenkt und jetzt habe ich kein Wasser während der Reise. In Bezug auf Wandlungsschritte ist es natürlich noch bedeutend intensiver. Wie oft ich schon Dinge erkannt und verstanden habe, die kurz darauf einfach wieder aus meinem Bewusstsein verschwunden sind, dürfte nun auf keine Kuhhaut mehr passen. So war es auch mit dem Wissen über die Irrealität der Geschichten über meine Kindheit und Jugend. Ich wusste, dass weder die Freunde von früher noch meine Eltern in meinem Leben real waren und dass es sich bei ihnen nur noch um Gedankenkonstrukte in meinem eigenen Kopf handelte. Trotzdem glaubte ich noch immer zu rund 50% dass meine Mutter real sei und zu 100% dass meine Freunde real wären. Obwohl ich all dies bereits einmal verstanden hatte, war ich durch die Ablenkung wieder dort hin zurückgekehrt und wollte nun noch immer die Anerkennung ergattern, die ich für angemessen hielt. Das zweite Problem, dass mir das erkennen der Hinweisschilder schwer machte war, dass ich in der Regel zu dicht davor stand. Ich konnte mich nicht oder nur schwer selbst mit Abstand betrachten, sondern biss mich immer wieder in Situationen fest und hoffte darauf, dass mich jemand wieder daraus befreite. Doch das passierte natürlich nicht. Stattdessen verplemperte ich Zeit, drehte mich im Kreis und ärgerte mich über mich selbst, um alles noch etwas schlimmer zu machen. Es ging also auch hier wieder darum, aufmerksam zu werden, zu erkennen, wann ich in diese Muster geriet und mich dann gezielt raus zunehmen und alles noch einmal mit Abstand zu betrachten. So auch die aktuelle Situation. Meine Aufgabe war es, meinen Rücken einzuladen, das Ritual mit mir gemeinsam durchzuführen und ihm zu erklären dass er dadurch nicht bestraft oder zerstört, sondern gestärkt und geheilt wurde. In diesem Moment brachte ich kein Wort heraus und auch wenn wir an diesem Abend viele wichtige Themen erkennen und bearbeiten konnten, ging ich schließlich ins Bett, ohne mit meinem Rücken gesprochen zu haben. Ich ging also auch ins Bett, ohne für mich selbst geklärt zu haben, warum das Tattoo gerade entstand und welche Heilwirkungen es entfalten sollte. Dies wurde mir erst nach uns nach klar und zwei Tage später war ich dann schließlich bereit, das innere Gespräch zu meinem Rücken zu suchen und ihm zu erklären, was hier gerade mit ihm geschah... Fortsetzung folgt...
 
Höhenmeter: 630 m
Tagesetappe: 36 km
Gesamtstrecke: 23.503,27 km
Wetter: überwiegend trocken und windig
Etappenziel: Presbyterianische Kirche, Kenmore, Schottland

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Zuletzt aktualisiert am 2017-11-12 23:32:26


Tag 1277: Aufmerksamkeit durch Stören gewinnen

Auch negative Aufmerksamkeit ist Aufmerksamkeit

30.07.2017 Mit der kleinen Gemeindehalle hatten wir nun langsam den nördlichen Rand der Pannines, also des Hügelgebietes erreicht, das wir die letzten Tage durchwandert haben. Zum ersten Mal seit Shanias Ankunft mussten wir daher wieder durch eine Stadt und an einer Hauptstraße entlang wandern. Man muss ganz ehrlich sagen, vermisst haben wir das in den letzten Tagen nicht, denn die Städte bieten hier außer einer beeindruckenden Portion Hässlichkeit fast gar nichts mehr. Nicht einmal ein Döner oder eine anständige Portion Pommes waren drin. Hinter der Stadt überquerten wir einen Hügel und landeten dann in einem einsamen Nachbartal, wo wir wieder in einer Kirche einziehen durften. Hier zu Tätowieren war zunächst einmal ein komisches Gefühl, denn es gab keinen Nebenraum in dem wir uns verstecken konnten. Wir konnten nur die Eingangstür absperren, so dass wir ein paar Sekunden Zeit bekamen, die Farben und Nadeln zu verstecken und mit meine Robe überzuwerfen falls wirklich jemand kommen sollte. Einmal bekamen wir Besuch, von der Frau, die uns die Schlaferlaubnis erteilt hatte. Ansonsten blieben wir ungestört und durften sogar die Dusche der Nachbarin nutzen. Außer ihr gab es hier nur noch einen Reiterhof sowie eine junge Familie mit einem autistischen Kind. Letztere lebte in einem kleinen Haus und besaß nahezu keine Möbel. Es war wahrscheinlich eine der ärmsten Familien, die wir in Großbritannien überhaupt angetroffen haben und dennoch (oder vielleicht sogar deswegen) eine der großzügigsten und hilfsbereitesten überhaupt. Wenn ich die junge Mutter nicht gestoppt hätte, wäre sie noch in die nächste Stadt gefahren und hätte für uns eingekauft. Tagebuch des Tattoo-Rituals: Tag 5 War ich vielleicht doch der einzige Mensch auf der Welt, der untätowierbar war? Seit dem ersten Moment an wollte die Farbe nicht unter meiner Haut haften bleiben. Wie war das möglich? Andere stachen sich mit einer Nadel und etwas Kugelschreibertinte und bekamen diese nie wieder weg, doch bei mir konnte Shania teilweise hunderte, ja tausende von Malen über die gleiche Stelle stechen und es änderte sich nichts. Wie konnte das sein? Um uns ein wenig zu unterstützen begann Heiko parallel zu Shanias Linien-Ziehen heute bereits mit den ersten Füllarbeiten und machte dabei die gleiche Erfahrung. Immer und immer wieder stach er über ein und das selbe Areal und machte nahezu keine Fortschritte. Während meine Haut immer wunder und gereizter wurde, ohne dass ein Erfolg in Aussicht stand, spürte ich, wie in mir der Frust aufstieg und ich langsam zu verzweifeln begann. Mit einem Mal musste ich loshäulen und konnte die Tränen nicht mehr stoppen. Ich hatte das Gefühl, niemals weiter zu kommen, nicht nur in Bezug auf das Tattoo, sondern insgesamt in meinem Leben. Mit einem Schlag kam nun der ganze Frust darüber hoch, so als hätten Heiko und Shania mit den letzten Stichen eine Lawine der Gefühle in mir losgetreten. Doch was stand dahinter? Dass ich mich hier irgendwie blockierte und mir selbst im Wege stand war klar, aber wieso ich es tat und wie ich es ändern konnte war mir ein Rätsel. Lektion 11: Anerkennung durch negatives Verhalten Um dieses Rätsel zu lösen machten wir einige Austestungen, die mich zunächst gleich noch mehr frustrierten. Gerade einmal 0,01% der Farbe blieb in meiner Haut haften. Das bedeutete, dass Shania nun 1000x stechen musste um den gleichen Erfolg zu erzielen, den man unter Idealbedingungen mit nur einem einzigen Stich erzielen konnte. Und der Grund dafür war nichts anderes als Trotz. Es stand noch immer das gleiche, sabotierende Prinzip dahinter, das ich als Kind meiner Mutter gegenüber angewandt hatte. Wenn es hieß: „Räum dein Zimmer auf!“ dann sorgte ich dafür dass es möglichst chaotisch blieb um so auf unterbewusste Weise Aufmerksamkeit zu erhaschen. Denn Aufmerksamkeit für positives Verhalten zu bekommen war in den Illusionsfilmen über meine Kindheit nur schwer oder gar nicht möglich gewesen. Es war stets normal gewesen, dass ich gute Noten mit nach Hause brachte, also gab es keinen Grund, dies besonders zu würdigen. Es wurde auch vorausgesetzt, dass ich mich anständig benahm, keinen Ärger machte, nicht zu lange fort ging und dergleichen mehr. Sobald ich mich also an Regeln hielt, passierte einfach nicht. Verstieß ich jedoch dagegen, gab es sofort eine heftige Reaktion. Niemals eine angenehme, aber immerhin irgendeine. Ein einziges Mal beim Feiern eine halbe Stunde nach hause zu kommen reichte für ein Donnerwetter. Auch wenn ich stets das Gefühl hatte, diese Situationen vermeiden zu wollen, gab mir das Negativ-Feedback trotzdem irgendetwas von dem ich glaubte es zu brauchen. Es zeigte mir, dass ich doch nicht egal war, sondern dass es doch Gefühle in meiner Familie gab. Ich hasste diese Situationen, aber ich fühlte mich in ihnen auch gesehen und als Mensch anerkannt, während ich als braver, guter Sohn stets nur eine gefühllose Puppe war. Diesen Wunsch nach Aufmerksamkeit hatte ich noch immer und deshalb sabotierte mein Unterbewusstsein wo es nur konnte. Bislang hatte ich stets das Gefühl gehabt, lernresistent zu sein und Fehler einfach nicht abschalten zu können, selbst wenn ich sie erkannte. Nun wurde mir bewusst, dass dies nicht stimmte. In meiner abstrakten Wahrnehmung waren es keine Fehler, die man abschalten musste, sondern gut funktionierende Strategien um Anerkennung zu gewinnen. Ich machte diesen Blödsinn, also nicht OBWOHL ich wusste, dass er scheiße war und zu Ärger führte, sondern WEIL ich wusste, dass ich damit Anerkennung in Form von Ärger erhalten konnte! Wie krass ist das denn??? Dies zu erfahren löste gleich noch einmal mehr Frust, Verzweiflung und Trauer aus und ich heulte nun ohne Unterlass. Als ich mich wieder etwas beruhigt hatte, kam Heiko auf ein anderes zentrales Thema zu sprechen: „Wie oft hast du dich eigentlich bei deinem Rücken bedankt, dafür dass er all dies über sich ergehen lässt? Wie oft hast du ihm erklärt, warum er ein Tattoo bekommt, so dass er weiß, warum er die Farbe überhaupt annehmen sollte? Du hasst so Tattoos und all diese Dinge! Das war schon immer so und plötzlich soll sich dein Rücken wohl damit fühlen, dass er nun ein riesiges Bild aufgepresst bekommt? Als ich würde da auch keine Farbe annehmen!“ Er hatte Recht! Tatsächlich hatte ich ihn kein einziges Mal um Erlaubnis gebeten, hatte nichts erklärt, mich nie bedankt und auch sonst keinen positiven Bezug zu meiner Haut und meinem Rücken aufgebaut. Irgendwie war klar, dass dieses Tattoo wichtig war, aber das war dann auch schon alles, was ich darüber sagen konnte. Heiko forderte mich auf, meinen Platz zu verlassen und mich vorne in die Kirche an den Altar zu stellen, während Shania und er auf der ersten Bank Platz nahmen. „Wir sind jetzt dein Rücken!“ erklärte er die Übung, „und du darfst uns nun erklären, warum wir den ganzen Tag gepiekst werden und warum wir diere komische Farbe aufnehmen sollten.“ Da stand ich nun mit 1000 Gedanken im Kopf, wollte lossprechen und brachte kein einziges Wort heraus. Meine Kehle war wie zugeschnürt und auch wenn ich viele Argumente wusste, die das Tattoo bedeutsam machten, hatte ich das Gefühl, kein einziges davon autistisch aussprechen zu können. So wie ich zuvor keinen Bezug zu meinem Rücken hatte, hatte ich nun auch keinen Bezug zu meinen Gefühlen. Etwas stand mir im Weg, blockierte mich und schnitt mich von allem ab. Und wieder war dieses Etwas die noch immer offene Rechnung mit meiner Mutter. Worum aber ging es dabei? Fortsetzung folgt...
 
Spruch des Tages: Auch negative Aufmerksamkeit ist Aufmerksamkeit
Höhenmeter: 430 m
Tagesetappe: 47 km
Gesamtstrecke: 23.467,27 km
Wetter: überwiegend trocken und windig
Etappenziel: Schottische Kirche, Killin, Schottland

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Zuletzt aktualisiert am 2017-11-12 23:31:42


Tag 1276: Innere Klarheit finden

Alles ist ein Prozess! Es muss nicht an einem Tag

Fortsetzung von Tag 1275 Interventionsübung: Klarheit in ein verworrenes Thema bringen Zunächst einmal ging es darum herauszufinden, was überhaupt das Problem war. Dies war bereits der erste Punkt, an dem wir scheiterten. Wir wussten, dass wir nicht voran kamen und dass es irgendwelche Blockaden und Widerstände in uns gab, doch alles blieb diffus, so dass wir stets das Gefühl hatten, hier nichts verändern zu können. Um Licht ins Dunkle zu bringen fertigte Heiko vier Schilder an, auf die wir jeweils die beiden Pole unserer aktuell präsentesten Themen schreiben sollten. Mit ihrer Hilfe wandten wir die Technik der Polarbeit an, die wir vor einem Dreivierteljahr von Julie und Maxi gelernt hatten. Bei Shania war dies „Arbeit“ auf der negativen und „Freiheit“ auf der positiven Seite. Ich selbst schrieb „Ineffektivität“ und „Vorankommen“ darauf. Auffällig war hierbei, dass mir mein Problem (Ineffektivität) sofort bewusst war, genau wie Shania das Wort „Arbeit“ in Sekundenbruchteilen auf dem Zettel stehen hatte. Bei den Lösungen, also den Zielen wo wir hin wollten, taten wir uns hingegen schwerer und kamen ohne Gedankenanstöße von Heiko auf gar keinen Punkt. Wie also wollten wir in der Lage sein, ein Ziel effektiv und sicher zu erreichen, wenn wir nicht einmal wussten, wohin wir überhaupt wollten? Im laufe des Prozesses wurde es sogar noch heftiger. Beiden fiel es uns leicht, uns auf den Zettel mit dem Problem zu stellen während wir einen Widerstand beim betreten des Lösungszettels spürten. Als ich darauf stand, war ich mir für einen Moment nicht einmal mehr sicher, welches Wort ich darauf geschrieben hatte. Deutlicher hätte man uns also nicht vor Augen führen können, auf welche Weise wir uns selbst am Fuß des Berges gefangen hielten, der uns zum Erfolg führen sollte. Lektion 9: Lebendige Ziele vor Augen haben Wir hatten uns selbst einen Teufelskreis erschaffen, in dem wir nun immer wieder im Kreis liefen. Zunächst einmal fehlte uns die Klarheit darüber, wohin wir überhaupt wollten. Wir wussten nur, dass ein nebulöser und damit angsteinflößender Berg an scheinbar unüberwindbar vielen Aufgaben vor uns lag, der uns bereits beim bloßen Gedanken daran demotivierte. Ohne Motivation fühlten wir uns Kraftlos und da wir keinen Ausweg sehen konnten, konzentrierten wir uns nicht auf eine Lösung, sondern nur auf das Problem. Alles was wir damit erreichten war, dass wir das Problem immer mehr mit Kraft und Leben füllten, wodurch es immer mehr zum Jammern und Fluchen gab, was unseren Fokus noch weiter verstreute. Auf der anderen Seite hatten wir aber kein lebendiges, positives und freudiges Bild von dem vor uns, was wir erreichen wollten. Heiko erklärte es an einem eigenen Beispiel. Ihm war bewusst, dass wir für die nächste Etappe in Nordamerika ein Begleitfahrzeug in Form eines Expeditionsmobils, bzw. eines offroadtauglichen Caravans haben würden, der uns allen dreien den Lebenskomfort bot, den wir uns wünschten. Für Shania und mich war das alles, was wir über dieses Mobil sagen konnten. Es würde ein relativ großer Wagen mit seitlichen Ausschüben und mehreren Zimmern werden, in dem jeder seinen Platz für sich hatte und in dem wir gemeinsam entspannen, kochen, trainieren und arbeiten konnten. Heiko hingegen lebte bereits in diesem Mobil. Es hatte ein vollständiges und detailliertes Bild vor Augen, hatte schon unzählige Male in seinem Bett geschlafen, in der Küche gekocht, die Infrarotkabine zur Rückenentspannung genutzt, es sich auf dem Sofa bequem gemacht und die komplette Einrichtung von A nach B verschoben um herauszufinden, was am praktikabelsten war. Er hatte eine Schall- und Hitzeisolierung eingebaut, verschiedene Zugmaschinen und Geländearten getestet und vieles mehr. Kurz: Für ihn existierte dieses Mobil bereits und somit stand es auch außer Frage, dass es zu uns kommen würde. Wie das Geschah war vollkommen offen und es war zu diesem Zeitpunkt auch noch nicht wichtig, da das Leben immer seine Wege fand. Aber das Ziel selbst war klar definiert und es lebte. Wir hingegen versuchten es stets mit dem umgekehrten Prinzip. Wir hatten keine Vorstellung davon, was das Ziel wirklich war, wollten aber permanent den kompletten Weg vor Augen haben, um sagen zu können, ob er sicher war oder nicht. Ohne diese Sicherheit, die wir ja niemals bekommen konnten, wollten wir gar nicht erst los gehen, wodurch wir ohne es zu merken immer mehr ins Trödeln gerieten. Lektion 10: Den Weg gehen wie er ist Hinzu kam, dass wir den aktuellen Zustand nicht annehmen konnten. Wir empfanden und selbst nicht als in Ordnung so wie wir waren und hatten daher auch keine Zufriedenheit mit dem Jetzt, wodurch wir alles nur noch schlimmer machten. Das Fehlen einer klaren Ausrichtung führte dazu, dass wir die zehnfache Strecke zurücklegen mussten, die eigentlich nötig gewesen wäre. Da wir dies merkten, fluchten und meckerten wir über diese Zeitverschwendung und diese unnötige Anstrengung, wodurch wir uns auf das Konzentrierten, was uns aufhielt, anstatt auf das, was uns weiter brachte. Allein dadurch verlängerten wir die Strecke noch einmal um das Hundert- bis Tausendfache. Um aus dieser Spirale herauszukommen waren also zwei Punkte wichtig. Zum einen ging es darum, Klarheit zu erlangen und die eigenen Ziele plastisch und lebendig vor Augen zu haben. Zum anderen ging es darum, in liebe anzunehmen, dass wir gerade Umwege liefen und eben nicht auf der kürzesten Verbindung unterwegs waren. Dies war für uns in diesem Moment einfach noch nicht dran, weil es gerade auf den Umwegschleifen, viel für uns zu entdecken gab. Es war wie beim Tattoo. Wären wir bereits in unserer Kraft, hätten wir es an einem einzigen Nachmittag fertig stechen können, ohne dass es hier eine Anstrengung, eine Unvorhersehbarkeit oder andere Schwierigkeiten gab. Doch dann wären wir auf keine Erkenntnisse gekommen, hätten nichts von dem über uns erfahren, was wir in den letzten Tagen erfahren durften und hätten die Lernschritte nicht machen können, durch die das Tattoo für uns beide so heilsam wurde. Wenn all diese Schritte gemacht wurden, sprach nichts mehr dagegen, den direkten Weg zu gehen, doch bis dahin waren es genau die Umwege, die für uns wichtig waren. Doch um aus ihnen lernen zu können, müssen wir sie natürlich annehmen und sie mit offenen Augen und einer lernbereiten Präsenz gehen. Der Satz „Umwege erhöhen die Ortskenntnis“ trifft nur dann zu, wenn man nicht vor lauter Fluchen über das verlaufen so sehr in sich gekehrt ist, dass man von seiner Umgebung nichts wahrnehmen kann. Wer sich während eines Weges nur darauf konzentriert, sich zu ärgern, dass er eigentlich gar nicht hier sein sollte, wird kaum offen genug sein, um die Geschenke wahrzunehmen, die ihm unterwegs begegnen, und die für ihn weit wichtiger sind, als das schnelle vorankommen auf dem direkten Weg.
 
Spruch des Tages: Alles ist ein Prozess! Es muss nicht an einem Tag fertig werden, sondern darf Stück für Stück entstehen.
Höhenmeter: 490 m
Tagesetappe: 37 km
Gesamtstrecke: 23.420,27 km
Wetter: überwiegend trocken und windig
Etappenziel: Katholische Kirche, Callender, Schottland

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Zuletzt aktualisiert am 2017-11-12 23:31:06


Tag 1275: Der beste Kuchen Schottlands

Überlasst das Backen lieber euren Kindern, das ist

29.06.2017: Nachdem wir am Vortag einmal ohne Regen wandern durften, bekamen wir heute gleich die doppelte Dosis. Es prasselte ohne Ende und war gleichzeitig so stürmisch, dass der Regen eher von vorne als von oben zu kommen schien. Es war ein Wetter, bei dem man nicht einmal seinen Hund vor die Tür setzte und auch wir versuchten die Zeit im Freien so kurz wie nur möglich zu halten. Nach 9km machten wir daher bereits wieder einen Etappenstopp an einer Gemeindehalle, die glücklicherweise heute nicht wie üblich mit Tanzkursen belegt war. Auch hier waren wir wieder für uns und konnten ungestört stechen, da es eine geräumige und beheizbare Behindertentoilette gab. Am Nachmittag bekamen wir noch einmal Besuch von unserem Gastgeber und seiner Familie. Vor allem sein Sohn war begeistert von dem was wir taten. Da er außerdem gerade von einen vollkommen verregneten Sommerferien gelangweilt war, verbrachte er seinen Nachmittag damit und einen Bananenkuchen zu backen, den er uns am Abend vorbei brachte. Wir hatten in den letzten Tagen und Wochen schon einiges an Britischer Backkunst probieren dürfen und waren meist nicht allzu überzeugt gewesen. In der Regel war das Gebäck deutlich zu süß und vor allem zu trocken, während beim Geschmack eher gespart wurde.Dieser Kuchen hingegen war anders und mit abstand der beste, den wir auf den Inseln bekommen haben. Vielleicht sollten die Menschen das Backen hier generell ihren Kindern überlassen. Das könnte den Ruf der britischen Küche durchaus etwas aufwerten. Tagebuch des Tattoo-Rituals: Tag 4 Bevor wir mit dem Tätowieren begannen, testeten wir heute zunächst einmal unsere Seelenverstöße und die dazu passenden Sanktionen aus. Ich hatte dabei wieder einmal ein neues Rekordhoch erreicht und lag bei rund 10 Milliarden Herzensverstößen. Auch Shania war mit rund 5000 Verstößen für ihre Verhältnisse relativ weit oben. Der Grund dafür lag vor allem in den vielen kleinen Dingen, mit denen wir uns selbst bei der Durchführung des Rituals sabotierten, angefangen von der immer wieder fehlenden Ernsthaftigkeit über das verschleudern und Vertreiben von Zeit, den fehlenden Fokus, die vielen inneren Blockaden und Selbstzweifel bis hin zu den Ängsten und Blockaden, mit denen wir sogar die Außenwelt manipulierten. Als Sanktion für diese Verstöße sollten wir heute auf den Knien tätowieren. Shania sollte die Position dabei für eine halbe Stunde, ich für den kompletten Prozess des heutigen Tages durchhalten. Was zunächst wie eine Tortur klang, entpuppte sich dann jedoch als große Hilfe für den Prozess. Denn das Knien sorgte noch einmal für eine ganz andere Präsenz und erleichterte es mir wie auch Shania den Fokus zu halten und für einen deutliche längeren Zeitraum konzentriert bei der Sache zu bleiben. Dadurch wurde auch das Schmerzempfinden bei weitem angenehmer und es gelang mir deutlich besser entspannt und unverkrampft zu bleiben, als an den beiden Tagen zuvor. Dennoch wollte meine Haut die Farbe in vielen Bereichen noch immer nicht aufnehmen. Noch immer gab es in mir einen Widerstand oder eine Blockade, die dies verhinderte und die dafür sorgte, dass wir ein Vielfaches an Zeit und Arbeit investieren mussten, um das Tattoo entstehen zu lassen, als eigentlich notwendig gewesen wäre. Nach dem Abendessen sollten wir noch zwei Stunden weiter tätowieren, bis wir für heute Feierabend machen konnten. Es war das erste Mal, dass wir uns eine Zeitspanne als Ziel setzten und keinen Ergebnisstand. Allein diese Tatsache löste bei Shania eine so tiefe, unangenehme Assoziation aus, dass sie an eine psychische Grenze stieß, die ihr das Weiterstechen unmöglich machte. Zunächst war sie versucht, ihre Gefühle beiseite zu drücken und einfach trotzdem weiter zu machen, in der Hoffnung, möglichst schnell fertig zu werden. Doch bereits nach wenigen Stichen wurde klar, dass dies keine Lösung sein konnte. Wir befanden uns nicht in einer Massenproduktion für Nadelstiche, sondern in einem dynamischen Heilungsprozess. Momente wie diese waren es, die den Heilerfolg des Tattoos ausmachten, denn durch sie wurde es zu einem roten Leitfaden, der uns stets an die Punkte heran führte, die gerade in diesem Moment Klärung oder Heilung brauchten. Und wie erwartet steckte auch hier weit mehr dahinter, als man im ersten Moment hätte vermuten können. Wenn Shania gerade nicht dabei war, uns zu besuchen, dann verbrachte sie den Großteil ihrer Zeit damit, in einem Callcenter zu arbeiten und Kunden in Bezug auf ihre Reiseversicherungen zu beraten. Es war keine Arbeit, die sie machte, weil sie darin einen Sinn oder eine Freude erkannte, sondern lediglich ein Job, den sie machen musste, um ausreichend Geld für ihre Wandlungsschritte und ihren Aufbruch als Teil unserer Herde zusammen zu bekommen. Daher empfand sie die Arbeit ein wenig wie eine Gefängniszelle. Acht Stunden täglich saß sie auf einem briefmarkengroßen Platz inmitten eines Großraumbüros und führte bis zu 150 Telefonate mit dem immer gleichen Inhalt. Und obwohl sie dabei gut verdiente, stets ihr bestes gab und mehr verkaufte als die meisten ihrer Kollegen, hatte sie doch immer wieder das Gefühl auf der Stelle zu treten. Sie war sparsamer und zielstrebiger als es sich vermutlich 98% der Menschen überhaupt nur vorstellen konnten, doch der Berg an zu erledigenden Aufgaben, der noch immer vor ihr lag, wirkte so groß und unüberwindbar, dass sie fürchtete, niemals irgendwo anzukommen. Und genau das gleiche Gefühl hatte sie nun auch mit dem Tätowieren. Täglich saß sie viele Stunden daran und arbeitete mit höchster Konzentration und doch schien es, als würde niemals ein fertiges Tattoo daraus werden. Wieder stellten wir fest, dass auch dies ein Thema war, das sowohl Shania als auch mich schon lange begleitete und an dem wir noch immer fest saßen. Es steckte hier eine tiefsitzende Angst und Frustration dahinter, die man nicht einfach ignorieren konnte und so unterbrachen wir das Ritual um Klärung in die Sache zu bringen. Was fehlt uns? Woran scheitern wir, wenn wir effektiv arbeiten und erschaffen wollen? Fortsetzung folgt...
 
Spruch des Tages: Überlasst das Backen lieber euren Kindern, das ist für alle besser!
Höhenmeter: 290 m
Tagesetappe: 28 km
Gesamtstrecke: 23.383,27 km
Wetter: überwiegend trocken und windig
Etappenziel: Kirche, Gartmore, Schottland

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Zuletzt aktualisiert am 2017-11-12 23:30:25


Tag 1274: Leben wie im 18. Jahrhundert

Die Wand zwischen den Welten wird dünner!

28.06.2017 Shanias dritter voller Tag bei uns war zum ersten mal nicht ausschließlich vom Regen geprägt. Dafür gab es einen Sturm, der sich gewaschen hatte. Langsam kam uns der Verdacht, dass es in diesem Land nur drei Arten von Wetter gibt: Regen, Sturm und beides zusammen. Unsere Wegstrecke betrug dieses Mal volle 25km, was für Shania, die sich ja noch nicht im Training befand, bei den vielen Hügeln, gerade so die Obergrenze des gut Machbaren darstellte. Langsam kristallisierte sich heraus, dass ihre neuen Schuhe nicht ganz so ideal waren, wie es erst den Anschein hatte. Sie waren passgenau gewählt worden, doch durch das viele Wandern in der Nässe waren ihre Füße nun etwas angeschwollen und so bildeten sich an Zehen und Fußballen die ersten Blasen. Unser Schlaf- und Arbeitsplatz wurde dieses Mal keine kalte Kirche, sondern das Haus einer Frau namens Fe. Fe, hieß eigentlich Fiona und war eine eher ungewöhnliche Frau in den Fünfzigern, die uns ohne einen Moment zu zögern tatsächlich ihr gesamtes Haus als Unterkunft anbot. „Ich selbst brauche es im Moment eh nicht“, erklärte sie, „weil ich im Gartenhaus lebe!“ Wie sie uns später noch etwas genauer erklärte, war sie gerade dabei, ein Projekt durchzuführen, das Heikos Steinzeitpilgertour nicht unähnlich war. Nur war ihr Projektthema nicht die Steinzeit, sondern die Hippie-Zeit in den 60gern. Sie verzichtete auf jede Technik, die zu diesem Zeitpunkt noch nicht entwickelt worden war, lebte größtenteils von ihrem Garten, passte ihre Kleidung, ihren Stil und ihre Lebensweise der Flower-Power-Bewegung an und hielt ihre Erfahrungen in einer Dokumentation fest. „Nur dieses widerliche Zeug werde ich nicht rauchen!“ sagte sie entschieden. Einige Jahre zuvor hatte sie bereits ein ähnliches Projekt gemacht, bei dem sie das Leben im 18. Jahrhundert, also vor beginn des Industriezeitalters nachempfunden hat. Ihre Erfahrungen dabei hat sie in einem Buch festgehalten, das sogar ins Deutsche übersetzt wurde. HIER BUCH EINFÜGEN Fe war die erste und einzige Person, die wir in den vierzehn Tagen antrafen, mit der wir offen über das Tattoo-Ritual sprechen konnten. Nachdem wir uns in unseren Zimmern eingerichtet hatten, begannen Shania und ich wieder mit dem Stechen, wobei wir dieses Mal sogar eine Heizung hatten, was zu meinem persönlichen Tageshighlight wurde. Am Abend aßen wir gemeinsam in Fes Gartenhäuschen. Ich muss dabei recht lustig ausgesehen haben, da ich mein T-Shirt nur so anziehen konnte, dass der Rücken weiterhin frei blieb. Tagebuch des Tattoo-Rituals: Tag 3 Heute bekamen wir zum ersten Mal Besuch aus der geistigen Welt. Leider gelang es uns nicht in einen Kontakt zu treten, Fragen zu stellen oder und mit ihm zu verbinden, aber wir spürten beide zweifelsfrei, dass er da war. Etwas an der Präsenz im Raum war plötzlich anders und Shania bekam sogar kurzzeitig eine Gänsehaut. Zwei Mal spürten wir diese Präsenz und beim zweiten Mal ging sogar die Tür ein Stück weit auf als sie herein kam, ganz so als wollte sie zeigen, dass sie durchaus in der Lage war, Einfluss auf die physische Wert zu nehmen.
 
Spruch des Tages: Die Wand zwischen den Welten wird dünner!
Höhenmeter: 110 m
Tagesetappe: 16 km
Gesamtstrecke: 23.385,27 km
Wetter: überwiegend trocken und windig
Etappenziel: Kirchenzentrum, Milngavie, Schottland

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Zuletzt aktualisiert am 2017-11-09 10:07:09


Tag 1273: Die Dynamik des Lebens

Das Leben hat seine eigene Dynamik

Fortsetzung von Tag 1272: Lektion 8: Die Dynamik des Lebens zulassen Nachdem dies geklärt war konnten wir uns nun wirklich an die zweite Runde in Sachen Tattoo machen, wobei wir auch hier gleich wieder vor einem neuen Problem standen. Aus einem mir bis heute nicht schlüssigen Grund wollte der Bär, den ich in der Nacht nachgezeichnet hatte nicht in das bereits vorhandene Tattoo passen. Wie man es auch drehte und wendete, er fügte sich nicht ins Gesamtbild. Jedenfalls nicht ohne weiteres, denn schließlich fand Heiko eine Möglichkeit, ihn so einzubetten, dass er trotz allem seinen Platz bekam. Wieder ging es anscheinend darum, den starren, vorgefertigten Plan, den man im Kopf hatte, loszulassen und das Leben mit all seiner Dynamik und seinen Eigenheiten zuzulassen. Erst jetzt wird mir bewusst, wie sehr auch dies ein zentrales Thema von mir ist. Ich ertappe mich immer wieder dabei, wie ich versuche, starrköpfig einen einmal eingeschlagenen Weg durchziehen zu wollen und krampfhaft an etwas festhalte, von dem ich weiß, dass es niemals funktionieren wird. Oft sind es nur winzige Änderungen, die benötigt werden, um innerhalb von Sekunden zum Erfolg zu kommen, doch aufgrund meiner Starrsinnigkeit und Engstirnigkeit kann ich sie nicht sehen und erst recht nicht annehmen. Gerade in den letzten Tagen beispielsweise ist Müdigkeit ein immenses Thema. Dadurch, dass wir aufgrund der Umstände meist erst sehr spät ankommen, kann ich meine Zwischenschlaffrequenzen nicht einhalten, wodurch mir beim Schreiben oft die Augen zufallen. Ich kämpfe dann wie ein Löwe gegen die Müdigkeit an, kippe Literweise Kaffee in mich hinein und bin oft sauer auf mich, wenn ich mich dennoch mit geschlossenen Augen über der Tastatur wiederfinde, während einer meiner Finger einen beliebigen Buchstaben bis in die Unendlichkeit auf den Word-Seiten entstehen lässt. Dabei hat die Müdigkeit jedoch nichts mit meinem körperlichen Zustand zu tun. Es ist eine mentale Einstellung, die dazu führt, dass ich automatisch Müde werde, sobald ich mich an den Computer setze. Wohlgemerkt setze, denn wenn ich im Stehen oder im Knien schreibe, bleibe ich ohne Probleme wach. Und genau das ist das Thema. Ich quäle mich im Sitzen, prügle und verurteile mich selbst für meine Müdigkeit, gegen die ich nicht ankommen kann und könnte das Problem durch eine simple Positionsänderung vollständig lösen. Verbinden mit dem eigenen Krafttier Den Rest des Tages und die erste Hälfte der Nacht verbrachten Shania und ich in einem kleinen Nebenraum der Kirche damit, die äußeren Linien meines Krafttieres auf meinem Rücken entstehen zu lassen. Wie bereits erwähnt, war dies um ein vielfaches schmerzhafter als die Linien, die am Vortag gezogen wurden. Es gelang mir jedoch nach einer Weile, mich zumindest du einem winzigen Anteil mit dem Bären zu verbinden und ihn als Krafttier auf meinem Rücken zu spüren. Gleichzeitig lernte ich noch einmal einiges über den mentalen Umgang mit Schmerz. Die Erkenntnisse zu diesem Thema habe ich euch aber noch einmal separat im Artikel „Mentale Schmerzüberwindung“ zusammengefasst. Fortsetzung folgt...
 
Spruch des Tages: Das Leben hat seine eigene Dynamik
Höhenmeter: 85 m
Tagesetappe: 23 km
Gesamtstrecke: 23.369,27 km
Wetter: überwiegend trocken und windig
Etappenziel: Kirchenzentrum, Kirkintilloch, Schottland

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Zuletzt aktualisiert am 2017-11-09 10:03:32


Tag 1272: Das Buddhistenkloster

Wenn das Leben dir eine Limonade schenkt, mach Zit

27.06.2017 Kurz nach Mitternacht beendeten wir das Tattoo-Ritual für diesen Tag. Heiko und Shania zogen sich ins innere der Kirche zurück und ich machte mich vor dem Einschlafen noch daran, den zentralen Bereich meines Tattoos auf ein neues Matritzenpapier durchzuzeichnen, damit wir es am nächsten Nachmittag erneut auf meinen Rücken übertragen konnten. Der nächste Morgen erwartete uns mit dem stärksten Regen seit Tagen, was einiges heißen will in diesem Land. Bis zur Nasenspitze in Regenkleidung gehüllt machten wir uns auf den Weg und kamen nach knapp zwei Kilometer an das Buddhisten-Kloster das uns bereits mehrfach angepriesen worden war. Trotz der Ungemütlichkeit nahmen wir uns die Zeit für eine Besichtigung. Wenn man glauben konnte, was uns erzählt wurde, dann war dieses Glaubenszentrum das älteste buddhistische Kloster in der westlichen Welt. Das bedeutete aber leider nicht, dass es hier auch eine echte, buddhistische Tradition gab. Wir können natürlich nichts darüber sagen, was hier für Kurse und Retreats veranstaltet werden, aber der erste Eindruck sprach nicht dafür, dass es sich um etwas handelte, das einem eine wirkliche, tiefe Verbindung mit dem Eins-Sein schenken konnte. Vom Eingangsportal über die großen, kitschigen Kunststoffstatuen bis hin zu den lieblos errichteten Komposthaufen neben dem Zen-Garten machte alles den Anschein einer bewusst aufgebauten Fassade zum Herbeilocken möglichst vieler Touristen. Trotzt des miesen Wetters trafen wir überall auf dem Gelände auf Arbeiter, die Unkraut jäteten, Pflastersteine verlegten oder andere Aufgaben erledigten. Es waren keine Angestellten, sondern Teilnehmer, die hier eine Art Karma-Arbeit verrichteten. Offenbar hatten sie ein recht schlechtes Karma, wenn man sie bei den Bedingungen vor die Tür jagte. Prinzipiell war es zweifelsfrei eine gute Sache, sich bei praktischen Arbeiten und gerade unter unangenehmen Bedingungen in spiritueller Praxis zu üben, doch es wirkte hier weit weniger wie eine Therapie als mehr wie gut verpackte Sklavenarbeit. In den Augen jedes Teilnehmers konnte man förmlich die Führungsetage des Klosters spiegeln sehen, die irgendwo in einem Liegestuhl saß, einen Cocktail schlürfte und sich von heißen Thailänderinnen massieren ließ. Hin und wieder sahen wir auch einen der Mönche, der von einem Gebäude zum nächsten eilte um schnell wieder ins Trockene zu kommen. Einklang, Gelassenheit und Verbundenheit konnte ich persönlich in ihrer Präsenz nicht spüren. Geschäftigkeit ja, aber Verbundenheit nicht. Zunächst konnte ich mir nicht einmal richtig erklären, was hier nicht passte. Wir waren uns lediglich alle drei einig darüber, dass man in ganz Schottland wahrscheinlich keinen Platz finden konnte, an dem man der Einswerdung mit sich und dem Universum so fern war wie hier, obwohl hier jeder danach strebte. Ich finde am deutlichsten wird es eigentlich bei dem Gang mit den Gebetsmühlen. Ihr eigentlicher Zweck ist es, sie mit einer bestimmten Frage aufzusuchen, sie zu drehen und dabei zu meditieren um ganz im Jetzt zu sein, so dass man mit der Bewegung verschmilzt und sich ans Allwissen anschließt. Die Gebetsmühlen hier wurden hingegen elektrisch angetrieben, so dass man selbst nichts mehr drehen konnte. Auch meditieren konnte man nicht mehr wirklich, denn die Motoren der Gebetsmühlen verursachten ein stetes Surrgeräusch, dass sie einem im Kopf festsetzte und das jede Harmonie zerstörte. Oberflächlich betrachtet war dies ein Ort der Meditation und der Stille, doch bei genauerer Betrachtung erreichte er genau das Gegenteil. Jetzt im Nachhinein betrachtet wird mir bewusst, dass auch dieses Kloster nicht ohne Grund genau an diesem Tag auf unserem Weg lag. Es war genau wie alles andere ein Spiegel, in dem wir uns selbst noch einmal deutlich erkennen konnten. Und dieser Spiegel zeigte, was passierte wenn die nötige Ernsthaftigkeit fehlte. Es war das Ergebnis eines gut gemeinten Prozesses, eines Versuchs um eine Verbindung herzustellen, der jedoch nicht ernst gemeint wurde und daher mehr zerstörte, als er bewirkte. Er zeigte uns also ganz genau, worauf es bei einem Ritual ankam und wie man es auf keinen Fall machen sollte. Nach dem Kloster lagen noch knapp 20km Wegstrecke im Dauerregen vor uns, an dessen Ziel wir nicht einmal sicher wussten, ob es überhaupt eine Übernachtungsmöglichkeit gab. Als wir ankamen fanden wir ein winziges Dorf mit nicht einmal zehn Häusern vor. Eines davon war jedoch glücklicherweise eine Kirche. Eiskalt und nass bis auf die Haut versuchten Heiko und Shania es sich darin so gemütlich wie möglich zu machen, während ich nach einem Nachbarn suchte, der uns erlaubte, sie auch in der Nacht zu nutzen. Dabei traf ich auf eine etwas sonderbare Frau, die mit die Nummer des Pfarrers und ein paar Pennis gab, um ihn von der Telefonzelle auf der anderen Straßenseite aus anzurufen. Selber telefonieren wollte sie nicht, da niemand hier in der Gegend erfahren sollte, dass sie ein Telefon besaß. „Braucht ihr auch etwas zu essen?“ fragte sie dann und sprach die Einladung aus, dass wir herkommen und sie für uns kochen könnte. Als ich jedoch darum bat uns stattdessen etwas zum Essen mitzugeben, da wir die Einladung aufgrund des engen Zeitplans nicht annehmen konnten, wollte sie plötzlich gar nicht mehr helfen und ich ging mit leeren Händen. Immerhin war die Nummer des Pfarrers hilfreich, denn er hatte nichts gegen Übernachtungsgäste in seiner Kirche. Tagebuch des Tattoo-Rituals: Tag 2 Um wieder warm zu werden machten wir uns nun zunächst eine Suppe und setzen uns an einen Tisch im hinteren Bereich der Kirche. Ich kann nicht sagen, was genau wir hier machten, aber als wir schließlich mit dem Tattoo begannen, war es bereits wieder spät am Nachmittag. Die Zeit war verflogen, ohne dass ich es mir erklären konnte und auch Shania stand davor wie der Ochs vorm Berg. Lektion 6: Fokus Heiko hingegen wusste genau was geschehen war. „Ihr bekommt nun einmal bewusst mit, was ein fehlender Fokus ausmacht!“ erklärte er. „Ihr habt keine Konzentration, keine Absicht auf dem, was ihr an einem Tag erreichen wollt. Wie klar habt ihr vor Augen, welche Teile des Tattoos heute fertig werden und wie viel Zeit ihr dafür verwenden werdet?“ Wir zuckten mit den Schultern, denn wir hatten keine Ahnung. Der Plan war natürlich, dass das Tattoo weiter gestochen werden sollte, aber wie das konkret aussehen sollte, darüber hatte sich keiner von uns Gedanken gemacht. Loslegen und soweit stechen wie man kommt. Das war alles. Dementsprechend hatten wir natürlich auch kein Gefühl dafür, wann der Prozess beginnen sollte und jede noch so kleine Ablenkung reichte aus, um uns irgendwo anders hin zu treiben. Wir waren wir ein Boot ohne Ruder und Segel, ein Spielball der Umstände auf einem Ozean voller Möglichkeiten. Der Fokus ist das Ruder und die Absicht das Segel. Setzt man beides bewusst ein, wird man automatisch genau dorthin getrieben, wohin man gelangen will. Selbs wenn de Wind von vorne kommt, wenn sich also scheinbar alles gegen einen Wendet, kann man durch die richtige Ausrichtung noch immer Kreuzen, sich also durch den Gegenwind in die gewünschte Richtung ziehen lassen. Davon aber waren wir leider noch weit entfernt, wenngleich sich das Tattoo in den kommenden Tagen als hervorragender Lehrmeister entpuppen sollte. Lektion 7: Die Eltern sind die Bösen, wir sind die Guten! Ich weiß nicht mehr genau was passiert ist, aber infolge irgendeines ungeschickten Verhaltens von Seiten Shanias, bei dem sie vollkommen unnötiger Weise irgendetwas zerstörte, kam es zu einem kurzen und heftigen Spannungsaufbau, bei dem unser Frust über die Widrigkeiten und sämtliche, noch nicht ausgesprochene Unstimmigkeiten der letzten Tage ans Licht kam. Was ihren Hang zum Zerstören von Dingen und Stimmungen, zum verplempern von Zeit, zum Erschaffen unnötiger Zusatzarbeit und zum Nerven ihrer Mitmenschen durch genau dieses Verhalten anbelangte, war mir Shania sehr ähnlich. Dies deutete darauf hin, dass wir beide noch ein großes, offenes Thema in diesem Bereich hatten, das wir weder erkennen noch auflösen konnten. Aus irgendeinem Grund manipulierten wir uns permanent selbst. Die Frage war nur, was wir damit bezweckten. Bislang hatte ich die Frage nie wirklich zugelassen, weil ich es selbst für Blödsinn hielt, was ich hier tat und daher nicht glauben konnte, dass es irgendeinen Sinn macht. Dies zeigte jedoch nur wieder meine Voreingenommenheit, mit der ich an Dinge heran ging. Alles macht irgendwo einen Sinn, denn sonst würde man es nicht tun. Unser Verhalten hatte einen Grund und ein klares Ziel, das wir damit auch erreichten. Wir wussten nur nicht dass es dieses Ziel gab und dass wir es erreichen wollten. Zunächst einmal war auffällig, dass wir für unser Verhalten auf den ersten Blick nichts konnten. Wir taten nie etwas mit Absicht und wir wollten nie jemanden bewusst schaden. Es geschah einfach, was ärgerlich war, wofür man uns aber nach gesellschaftlichen Maßstäben nicht wirklich verantwortlich machen oder böse sein konnte. Dennoch führte diese Art des Umgangs dazu, dass wir gerade die Menschen, die uns nahe standen von uns weg stießen. Wir machten es jedem Menschen so unangenehm wie nur möglich, bei uns zu bleiben, so als wollten wir ihn ganz bewusst vertreiben. Warum? Bei dieser Frage stand ich natürlich mal wieder auf de Schlauch, auch wenn die Antwort extrem einfach war: Es ging stets darum, der Gute zu sein und den anderen die Rolle der Bösen zuzuschieben. Dass die Situation mit meinen Eltern alles andere als Stimmig war, spürte ich ja nicht erst auf unserer Reise, sondern schon mein ganzes Leben lang. Irgendwo tief in meinem Herzen hatte ich schon immer gespürt, dass irgendwann eine Trennung anstand. Daher kam auch diese immense Angst davor, verstoßen und nicht mehr geliebt zu werden. Wenn es aber schon zu einer Trennung kommen musste, dann sollte sie wenigstens so verlaufen, dass ich selbst dabei nicht der Täter, also der Böse, sondern das unschuldige Opferlamm bin, das ohne Grund von seinen grausamen und herzlosen Eltern verstoßen wurde. Das ging am Besten, in dem man auf subtile Weise sabotierte und andere in den Wahnsinn trieb, ohne dass sie direkt erkennen konnten, das man es tat. Wenn ich noch einmal ehrlich zurück denke, dann verfolgte ich diese Strategie tatsächlich schon mein Leben lang. Auch was die Trennung von meinen Eltern anbelangte hatte ich es vor anderen und vor mir selbst stets so hingestellt, dass ich das Opfer und sie die Bösen waren. Das war natürlich Blödsinn. Die Trennung war aus einem Prozess heraus erfolgt und hatte genau so stattgefunden, wie sie hatte stattfinden sollen. Wir alle hatten uns einander gegenüber unmöglich verhalten, was ja auch nicht anders möglich war, wenn man seine Gefühle über Jahrzehnte aufstaut und dann auf einen Schlag hervor bringt. Vor allem aber war die ganze Situation ja nicht einmal eine echte Trennungssituation gewesen. Ich selbst hatte meinen eigenen Lebensfilm so geschrieben, wie er nun verlief. Ich selbst hatte es mir zur Aufgabe gemacht, mich von einem alten, illusionistischen Leben loszulösen und ein neues in Klarheit und Präsenz zu beginnen. Ich selbst hatte mich dafür entschieden, dieses spezifische Szenario zu durchleben, um die Liebe auszudehnen und um mich selbst als Teil Gottes zu erfahren. Und nun war ich Sauer auf meine Mutter, die ich mir selbst als Teil der Inszenierung erschaffen hatte, weil sie sich genau so verhalten hatte, wie ich es ins Drehbuch geschrieben habe. Das war doch einfach nicht logisch! Doch der Wunsch, als der Gute, also der tragische Held dieser Geschichte dazustehen, war so groß, dass ich noch immer mit allen Mitteln gegen mich selbst kämpfte, obwohl die Trennung ja längst abgeschlossen war. Diesen Zusammenhang erst einmal zu verstehen und zu begreifen, dass sehr wohl ein Ziel und ein Nutzen hinter meiner angeblichen Tollpatschigkeit lag, fühlte sich bereits sehr heilsam und befreiend an. Jetzt geht es nur noch darum, dieses Bewusstsein nicht wieder zu verlieren, sondern das alte Muster bewusst loszulassen. Bei Shania steckte das gleiche Prinzip hinter dem gleichen Verhaltensmuster, auch wenn die Details natürlich etwas anders aussahen. Fortsetzung folgt...
 
Spruch des Tages: Wenn das Leben dir eine Limonade schenkt, mach Zitronen daraus! Und das Leben so: „Waaas?“ (Phill-o-Sophie, die Weisheiten des Phill Dumphie aus „Modern Family“)
Höhenmeter: 180 m
Tagesetappe: 17 km
Gesamtstrecke: 23.346,27 km
Wetter: überwiegend trocken und windig
Etappenziel: Kirchensaal, Caldercruix, Schottland

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Zuletzt aktualisiert am 2017-11-09 10:02:49


Tag 1271: Zeit und Ernsthaftigkeit

Nur wenn ein Ritual ernst genommen wird, hat er au

Lektion 4: Zeit biegen Das zweite große Thema, das an diesem Tag auf den Tisch kam war das Verbiegen der Zeit. Darrel hatte vor einigen Jahren einmal etwas zu diesem Thema gesagt und ich hatte nie richtig verstanden, was damit gemeint war. Wie wir auch schon von Einstein wissen ist Zeit keine feste Größe sondern etwas relatives, was unter anderem von unserer Geschwindigkeit abhängt. Sie hängt aber auch sehr stark von unserer Einstellung ihr gegenüber ab, sowie von der Art und Weise, wie wir sie wahrnehmen. In den Verwirrungsfilmen meiner Kindheit hatte ich stets gelernt, dass ich langsam bin. Ich war immer der letzte beim Essen, hatte immer weniger Freizeit, weil ich mit meinen Hausaufgaben länger brauchte als alle anderen Kinder und bekam bis hin zur Uni regelmäßig Punktabzüge in meinen Prüfungen, weil ich aufgrund von Zeitmangel selten alle Fragen beantworten konnte. Da ich all diese Filme als real annahm und über mich glaubte, kam ich zu der Überzeugung, langsam zu sein und nie ausreichend Zeit zu haben. Diese Überzeugung habe ich noch immer. Später kamen dann weitere Glaubenssätze hinzu. Einer bestand darin, dass ich der Überzeugung war, die Welt retten zu müssen und es mir daher nicht leisten konnte, die ohnehin schon wenige Zeit mit irgendetwas zu verschwenden. Dadurch entstand in mir das permanente Gefühl von Zeitmangel, das niemals enden wollte und das mich seither begleitet. Natürlich ziehe ich mit dieser Überzeugung stets alles an, das benötigt wird um sie mir zu bestätigen. Im Außen kommen permanent Zeiträuber auf mich zu, die mich von dem Abhalten, was ich eigentlich erreichen will oder die dazu führen, dass ich permanent Dinge, die ich eigentlich schon erledigt hatte, noch einmal tun muss, da sie beim ersten Mal nicht funktionierten. Und im Innen verhalte ich mich natürlich ebenfalls stets so, dass der größtmögliche Zeitmangel entstehen kann, damit meine Erwartungshaltung auch ja nicht enttäuscht wird. Permanent das Gefühl zu haben, dass die Zeit nicht reicht, macht einen hektisch, schluderig, unkonzentriert und unaufmerksam, da man ja in Gedanken stets schon ein bis drei Schritte weiter ist. Doch dies ist noch nicht alles. Heute beim Tätowieren ist mir zum ersten Mal bewusst geworden, wie ich ganz aktiv die Zeit so verbiege, dass sie verfliegt ohne dass ich sie nutzen kann. Es ist ein tiefes Gedankenmuster oder eine Gedankenkette aus zwei Hauptteilen, die ich wie ein Mantra in unzähligen Situationen ständig wiederhole. Der erste Gedanke lautet: „Bald hast du es geschafft und dann wird es wieder besser!“ Immer wenn ich in schwierigen, unangenehmen oder schmerzvollen Situationen bin, kommt dieser Gedanke auf. Er ist verbunden mit dem Gefühl, nur noch ein bisschen durchhalten zu müssen, was nichts anderes ist als der aktive Wunsch, dass die Zeit so schnell wie möglich verfliegen soll. Sobald Shania den ersten Nadelstich ansetzte und ich das pieksen im Rücken spürte, kamen auch diese Gedanken in mir auf. „Das musst du jetzt ein paar Stunden durchhalten und dann kannst du dich in dein warmes Bett legen und entspannen!“ Mein Fokus lag also nicht auf der Fertigstellung des Tattoos, nicht auf der Wahrnehmung des Prozesses und nicht auf der Visualisierung des Kraftbildes, das hier gerade entstand, sondern lediglich auf dem Verfliegen der Zeit. Wie hätte Shania hier auch effektiv und entspannt stechen wollen, wenn ich ihr die Zeit quasi unter dem Hintern wegdrehte? Der zweite Gedanke war der Gegengedanke, den ich in angenehmen Situationen hatte: „Oh je, es gäbe noch so viel zu tun, das auf mich wartet! Wenn die Entspannungsphase rum ist, dann setze ich mich gleich ans Werk und arbeite so viel wie möglich davon ab!“ Wieder lag mein Fokus also nur auf dem Verfliegen der Zeit nicht aber auf ihrem Inhalt, also auf dem, was ich damit anstellte. In den nächsten Tagen achtete ich beim Tätowieren ganz gezielt darauf, wann ich diese Gedanken hatte und lenkte den Fokus dann bewusst wieder zurück auf den Moment und auf den Prozess des Rituals. Je nachdem wie gut es mir gelang kamen wir teilweise verhältnismäßig schnell voran, teilweise auch gar nicht. Theoretisch wäre es möglich gewesen, das ganze Tattoo in nur einem einzigen Tag zu stechen. Wir brauchten hingegen die vollen zwei Wochen, woran man meinen aktuellen Stand im Umgang mit Zeit relativ gut erkennen kann. Dennoch steigerten wir uns nach dem ersten Tag bedeutend und ich schaffte es während des Rituals meine Zeitverfügbarkeit von weit unter 0,1% auf über 2% zu steigern. Leider gelingt mir dies nun im Nachhinein beim Schreiben der Berichte und Artikel sowie beim Wandern bei weitem nicht mehr so gut wie in diesen 14 Tagen. Dies liegt wahrscheinlich daran, dass Shania durch ihre eigene Zeitwahrnehmung einen Großteil dazu beigetragen hat. Auch sie ist nicht gut in dem Bereich, aber wenn sie nur ein paar Prozent über Null liegt, zieht sie meinen Schnitt ja bereits deutlich nach oben. Außerdem war während des Rituals die Verbindung mit meinen Krafttieren und den helfenden Wesen der geistigen Welt bedeutend stärker als jetzt, da ich meinen Fokus wieder nur schwer halten kann. Müdigkeit und fehlende Struktur spielen natürlich wie immer auch wieder eine große Rolle. Das Ritual selbst hatte seine eigene Dynamik und gab eine sehr klare Struktur vor. Auch hier verplämperten wir viel Zeit damit, dass wir uns oft keinen Fokus setzten und keine klare Vorstellung davon hatten, was wir in welcher Zeit erreicht haben wollten. Doch es gab stets einen roten Faden an dem man sich orientieren konnte und diesen habe ich nun wieder etwas verloren. Fehlende Ernsthaftigkeit Das dritte Thema, das aufkam war die fehlende Ernsthaftigkeit, mit der wir an das Ritual herantraten. Heiko wies uns an diesem Tag mehrfach darauf hin, doch ich verstand zunächst noch nicht, was er damit meinte. In meinen Augen nahm ich das Ritual ernst und zunächst war ich wirklich der Meinung, an alle wichtign Bestandteile gedacht zu haben. Erst im Laufe der kommenden Tage wurde mir nach und nach bewusst, wie weit ich damit neben der Wahrheit lag. Tatsächlich gab es ganz wesentliche Ritualbestandteile über dessen Wichtigkeit ich mir vollkommen bewusst war, die mir jedoch in diesem Moment nicht in den Sinn kamen. Das Erschaffen eines heiligen und sicheren Schutzraumes zu Beginn des Rituals zum Beispiel, so dass man dabei nicht von Fremdenergien gestört oder manipuliert werden kann. Oder das energetische Reinigen als Ritualabschluss, wenn wir mit dem Teilprozess für einen Tag fertig waren. Als Heiko uns dies schließlich bewusst machte, kam eine tiefe Trauer in mir auf und ich schämte mich sogar gegenüber dem Ritual dafür, dass ich nicht einmal diese Grundlagen beachtet hatte. Der Hauptaspekt, in dem es mir an Ernsthaftigkeit dem Ritual gegenüber fehlte war jedoch der, dass ich zunächst nicht die Offenheit hatte um seine Lehren anzunehmen. Mein Ziel war es, ein Tattoo auf dem Rücken zu haben, das mich heilen und stärken sollt, nicht aber einen Wandlungs- und Heilungsprozess zu durchlaufen, so dass diese Heilung und Wandlung überhaupt entstehen konnte. Zum Glück störte sich das Universum nicht daran und schenkte Shania und mir die Lehren trotzdem. Lektion 5: Man kann nichts erzwingen Eine dieser Lehren bestand darin, dass sich meine Haut weigerte, das Ritual einfach nur hinter sich zu bringen, wenn ich nicht gewillt war, mich wirklich auf den Prozess einzulassen. Der Trick, den sie dabei anwendete war einfach und effektiv. Sie weigerte sich die Farbe anzunehmen, sobald ich mich nicht dafür öffnen konnte. Die Kraft, mit der meine inneren Widerstände und Ängste hier arbeiteten, waren enorm. Von 100% der Farbe, die Shania mit der Nadel unter meine Haut brachte, blieben gerade einmal 0,01% haften. Den Rest warf ich einfach wieder hinaus. Teilweise wirkte es sogar, als wäre ich der wahrscheinlich einzige Mensch der Welt, den man nicht tätowieren konnte, da einfach keine Farbe an ihm haften wollte. Woran dies lag verstand ich am ersten Tag noch nicht. Das einzige, was mir auffiel war, dass es umso schlimmer wurde, je mehr ich mich beim Stechen verkrampfte und je stärker ich die Stiche als schmerzhaft und leidvoll ansah. Damit verbunden ist noch eine weitere Erkenntnis des Tages. Je nachdem, wo Shania in meinen Rücken stach, spürte ich entweder ein leichtes Kratzen oder sogar nur einen seichten Druck, oder aber einen tiefen, brennenden oder stechenden Schmerz, den ich kaum aushalten konnte. Unterschiedliche Schmerzwahrnehmung Dabei war die Schmerzintensität zum einen mit den Reflexpunkten meines Körpers und zum anderen mit den Eröffnungsprozessen verbunden, die mit den unterschiedlichen Symbolen zusammen hingen. Der obere Bereich meiner Schultern machte mir nahezu nichts aus, während ich beim Stechen im Bereich meiner unteren Wirbelsäule, die mit der Existenzangst verbunden ist, laut hätte losheulen können. Am ersten Tag kamen wir noch nicht dazu, da der gesamte mittlere Bereich des Tattoos vollkommen verwischt war. Als wir aber am zweiten Tag mit dem Bären in der Mitte des Tattoos fortfuhren, hing die Schmerzempfindlichkeit auf meinem Rücken weniger davon ab wo Shania stach, sondern viel mehr davon was sie stach. Die Stirn des Bären merkte ich kaum, während die Augen, Ohren und der Mund sowie das dritte Auge der Intuition direkt über ihm kaum auszuhalten waren. Ich spürte also deutlich meine offenen Themen in Bezug auf meine Sinne und teilweise fühlte es sich so an, als würde Shania tatsächlich mitten durch die energetischen Blockaden stechen, um sie ein bisschen weiter zu öffnen.
 
Spruch des Tages: Nur wenn ein Ritual ernst genommen wird, hat er auch Kraft!
Höhenmeter: 80 m
Tagesetappe: 17 km
Gesamtstrecke: 23.329,27 km
Wetter: Regen, Wind oder beides, teilweise sogar etwas sonnig und warm
Etappenziel: Kirchensaal, Wishaw, Schottland

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Zuletzt aktualisiert am 2017-11-09 09:57:58


Tag 1270: Die ersten Lektionen

Alles ist richtig wie es ist

Lektion 2: Alles ist richtig wie es ist Die Unsymetrie war jedoch nicht die einzige Schwierigkeit, die beim Übertragen der Vorlage auf meine Haut entstanden war. So ein Rücken ist keine gerade, ebene Fläche, und meiner schon erst recht nicht. Der Versuch, hier ein gerades Stück Papier aufzubringen führte dazu, dass der Mittelteil, also der Bär als Krafttier im Zentrum so sehr verschmierte, dass er fast nicht zu erkennen war. Doch auch daran konnten wir zunächst nichts ändern. Shania begann ihre Arbeit daher mit den Bereichen des Tattooos, die man deutlich und klar sehen konnte. Zunächst waren die Umrandungen für die roten Flächen an der Reihe. Dann sollten die schwarzen Bereiche kommen. Doch kaum hatte sie die Farbe gewechselt, standen wir vor dem nächsten Problem. Die schwarze Farbe war so flüssig, dass sie ums Biegen und Brechen nicht an der Nadel haften, geschweige denn in meine Haut einfließen wollte. Ebenso gut hätten wir versuchen können, ein Tattoo mit reinem Wasser zu stechen. Mit anderen Worten: Die schwarze Farbe war vollkommen nutzlos, was ungünstig war, da schwarz eigentlich den Löwenanteil des Tattoos ausmachen sollte. Befanden wir uns also bereits wieder in einer Manipulationsschleife? Wurden wir, aufgrund unserer eigenen Unaufmerksamkeit von irgendetwas oder irgendjemandem manipuliert und sabotiert, so dass mein Tattoo seine Wirkung nicht entfalten konnte? Ja, definitiv! Aber nicht in Bezug auf die Farbe. Denn dass diese nicht funktionierte hatte ebenfalls wieder einen wichtigen Grund und war Teil des Prozesses. Die natürliche Freiheit wiedergewinnen Als mir bewusst wurde, dass das Schwarz keine Option war und dass die einzige Möglichkeit, das Tattoo dennoch zu stechen darin bestand, die schwarzen Bereiche blau zu machen, verstand ich plötzlich einige Entwicklungen der letzten Tage, die mich zuvor verwirrt hatten. Als wir die Farben ausgetestet haben, fiel das Ergebnis bei Rot und Blau sehr eindeutig aus, wobei uns der Blauton zunächst etwas erstaunte. Es war kein klares, strahlendes Blau, wie in unserer Vorlage, sondern ein gräulich gedecktes mit einem sehr eigenen, individuellen Ton. Schwarz hingegen blieb immer etwas schwammig und zunächst kamen wir dabei auf überhaupt kein Ergebnis. Aus irgendeinem Grund sollte diese Farbe dann letztlich auch von einem ganz anderen Hersteller sein, obwohl wir zuvor getestet hatten, welchem Farbenhersteller wir hierbei vertrauen sollten. Das Ergebnis am Ende lautete in etwa wie folgt: „Rot und Blau sind zu 100% die Farben, die es sein sollen. Schwarz hat deutlich weniger Kraft, darf aber ausgewählt werden. Damals dachte ich, dass es darum ging, eine schwarze Farbe für das Tattoo zu wählen. Wir haben aber nie getestet, ob schwarz überhaupt ein Bestandteil sein soll und so fiel das Ergebnis nicht auf die gewünschte Farbe, sondern auf eine Farbe, die wir gefahrlos nehmen konnten, da sie das Tattoo wegen der Flüssigkeit nicht zerstören konnte. Alles Schwarze sollte tatsächlich blau werden. Und auch das Blau war nicht grundlos gewählt worden. Es war, wie wir herausfanden genau der Farbton, den meine Augen eigentlich haben sollten, wenn sie sich nach meiner Geburt nicht verfärbt hätten. Um das zu verstehen muss man wissen, dass alle Babys mit blauen Augen zur Welt kommen. Die blaue Farbe ist dabei direkt mit dem inneren Freiheitsgefühl verbunden. Kinder, die sich dieses Gefühl erhalten können, behalten auch ihre blauen Augen. Spüren sie jedoch, dass sie unfrei und eingesperrt sind, weil sie wie beispielsweise in meinem Fall, das Gefühl haben, dem Wunschbild ihrer Mutter entsprechen zu müssen, so verfärben sich die Augen und werden je nach Grad der gefühlten Freiheitseinschränkung grau oder braun. Wichtig dabei ist, dass es um die innere Freiheit geht, die nicht von äußeren Umständen abhängig ist. Man kann durchaus in einem Gefängnis geboren werden ohne das Gefühl der Freiheit zu verlieren, weil man stets die Freiheit spürt, auf alles äußere mit dem eigenen freien Willen reagieren zu können. Und man kann wie in meinem Fall nach außen hin alle Freiheiten genießen, sich dabei aber trotzdem wie ein Gefangener im eigenen Geist fühlen. Die Natur reagiert bereits Das Blau auf meinem Rücken war nun also ein Stellvertreter für das fehlende Blau in meinen Augen und damit auch ein erster Schritt in Richtung Wiedererlangung der inneren Freiheit. Es war also wahrscheinlich auch kein Zufall, dass wir gerade jetzt, da mir dieser Zwiespalt zwischen dem inneren Gefangen-Sein und der offensichtlichen Freiheit im Außen bewusst wurde, durch ein Land wanderten, das genau dies widerspiegelte. Auf den ersten Blick war Großbritannien mit seinen weiten, hügeligen Wiesenflächen ein unheimlich freies und offenes Land. Schaute man jedoch genauer hin, stellte man fest, dass alles von kleinen Zäunen umgeben war, die einen an wenige, eingefahrene Wege fesselten, so dass man sich stets nur in den selben Bahnen bewegen konnte, während einem die eigentliche Freiheit, Offenheit und Weite des Landes verwehrt blieb. Nicht anders war auch das Gefühl in mir. Seit dreieinhalb Jahren lebte ich nun bereits komplett Frei und konnte tun und lassen was immer ich wollte. Und doch war ich in mir an meine alten Muster gefesselt, durch die ich die Freiheit immer nur aus der Ferne sehen konnte. Es war nun also an der Zeit, diese Fesseln zu lösen. Und genau aus diesem Grund war „Freiheit“ in meinem Tattoo auch eines der zentralsten Themen. Zum einen durch die Blaue Farbe, zum anderen durch die großen Adlerschwingen, die nun schon bald meine Schultern zieren würden. Die Adler waren auch das erste, auf das die Natur um uns herum reagierte. Genau in dem Moment, als Shania begann, die Schwingen und Köpfe der Adler zu stechen, fingen draußen vor dem Fenster die Vögel zu zwitschern und laut zu rufen. Sie endeten erst, als Shania zu einem anderen Bereich des Tattoos über ging. Manipulation der Zeit Die Manipulationen, die wir von außen zuließen oder in Form von Sabotage selbst erzeugten bezogen sich hingegen vor allem auf die Zeit. Shania kämpfte immer wieder mit einem Gefühl der Versagensangst, das aus den alten Filmen stammte, in denen sie stets vermittelt bekommen hatte, dass sie nicht gut genug war. Ihre Angst war es, dass sie Fehler machte, das Tattoo nicht richtig stach oder meinen Rücken damit aus versehen so verschandelte, dass ich später sauer auf sie sein würde. Es war eine unbewusste Angst, die Heiko erst durch ein paar markante Beispiele deutlich machen musste, damit wir sie erkennen konnten. Lektion 3: Grenzenloses Vertrauen „Du versuchst noch immer selbst zu bestimmen, was auf diesem Rücken entstehen soll. Du nimmst dich viel zu wichtig und glaubst dass du entscheidest, was hier passiert. Es ist ein Ritual und du bist nicht der Heiler, sondern nur die Ausführende Hand. Die Heilung fließt durch dich hindurch und sie fließt so wie sie benötigt wird. Du aber willst sie manipulieren und selbst bestimmen, was auf dem Rücken entstehen soll. Deshalb hast du auch Angst, dass es nicht gut werden könnte. Es ist dir nicht egal, was kommt, du glaubst es bewerten und verändern zu müssen.“ Zunächst protestierte Shania, da sie der Ansicht war, den Fluss zuzulassen und wirklich nur durch sich hindurch arbeiten zu lassen. Doch Heiko schaffte es, das Bild klarer zu machen: „Was wäre, wenn du ihm einen Schweinepimmel auf den Rücken tätowieren solltest? Du lässt dich einfach treiben, es kommt, was kommen soll und plötzlich hat er einen dicken Penis auf dem Rücken, von dem du nicht einmal genau weißt, wie er dahin gekommen ist. Wäre das für dich in Ordnung?“ Shania stockte und ich musste ebenfalls schlucken, denn sowohl für sie als auch für mich war das ganz und gar nicht in Ordnung. „Seht ihr!“ meinte Heiko nur knapp, „daran merkt ihr, dass ihr nicht offen seit. Wenn ihr euch ganz dem Prozess hingeben könntet, wäre es vollkommen egal was entsteht, da ihr wissen würdet, das immer alles richtig ist. Es würde kein Schweinepimmel entstehen, wenn dieser keine Bewandtnis hätte und wenn er doch entsteht, dann ist genau er das Symbol, das die größtmögliche Heilung bringt. Ihr glaubt aber, dass ihr besser wisst als das Universum, was in diesem Prozess das richtige ist. Also, es gibt ja nur DAS EINE und ihr seit das Universum selbst. Aber ihr glaubt, dass euer Ego entscheiden müsste, was dort entstehen soll und nicht der göttliche Teil in euch. Für euch ist das Tattoo noch immer ein modisches Accessoire, vor allem für dich Franz. Es geht euch darum, wie es aussieht, nicht was es für eine tiefe Bedeutung und Kraft hat.“ Damit traf er den Nagel auf den Kopf., wenngleich es noch eine ganze Weile dauerte, bis wir es annehmen konnten. Fortsetzung folgt...
 
Spruch des Tages: Alles ist richtig wie es ist
Höhenmeter: 130 m
Tagesetappe: 20 km
Gesamtstrecke: 23.318,27 km
Wetter: Regen, Wind oder beides, teilweise sogar etwas sonnig und warm
Etappenziel: Kirchensaal, Carluke, Schottland

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Zuletzt aktualisiert am 2017-11-09 09:57:17


Tag 1269: Das Tattoo-Ritual

Das Ritual hat begonnen!

26.06.2017 Eine lange Nacht wurde es nicht, am wenigsten für Heiko. Denn irgendetwas wütete in ihm und ließ ihn kaum einen Moment schlafen. Er hatte wilde, aufwühlende Träume und befand sich ständig zwischen Schwitz- und Schüttelfrostattacken. Da auch Shania und ich bereits recht früh wach waren, beschlossen wir schließlich bereits um 7:15 Aufzustehen und uns auf den Weg zu machen. Immerhin hatten wir heute ja noch einiges vor und da konnte es nicht schaden, ein bisschen früher anzukommen. Heute war der beginn eines Prozesses, der die nächsten Zwölf Tage andauern sollte. Zunächst dachte ich, das es einfach nur darum ging, mir ein paar Kraftsymbole auf den Rücken zu tätowieren, die mir dabei helfen sollten, zu mir zu stehen. Klar war es auch ein Ritual, doch was dies bedeutete, wurde mir erst im Laufe des Prozesses so richtig bewusst. Nach außen hin waren die nächsten Tage eher ereignislos und unspektakulär. Die meiste Zeit wanderten wir durch Regen, Wind und Wiesen und waren jedes Mal froh, wieder irgendwo innen anzukommen. Das Tattoo-Stechen selbst löste jedoch eine ganze Kette an Prozessen, Erkenntnissen und Themen aus, die alle irgendwo miteinander verbunden waren und die sowohl Shania als auch mich auf eine Weise weiter brachten, die wir uns nie hätten vorstellen können. Dabei spielte auch das Außen stets auf eine Weise mit, die uns sowohl unterstützte als auch forderte und sich im Nachhinein immer als optimal für unseren Lernprozess entpuppte. Darrel hatte damals stets gesagt, dass man ein Ritual daran erkennen kann, das die Umwelt auf einen reagiert. Daran gemessen kann man sagen, dass es sich wirklich um ein kraftvolles Ritual handelte, das fast ein bisschen den Anschein erweckte, als würde es alles andere um sich herum anordnen. Gerade heute am ersten Tag war es wichtig, so viel Zeit wie nur irgend möglich zu haben, da wir ja zunächst die Linien vom Papier auf meinen Rücken übertragen und mindestens einmal nachstechen mussten, damit am Ende nicht die Hälfte fehlt. Es kam also nicht ungelegen, dass wir bereits nach 12km an eine vereinsamte Kirche kamen, die nur noch für Weihnachtsgottesdienste verwendet wurde. Ein kurzer Anruf beim Pfarrer brachte grünes Licht: „In der Kirche könnt ihr bleiben so lange ihr wollt! Sie ist offen und wird ohnehin nicht mehr gebraucht!“ Wir konnten also gleich um kurz vor 12:00 Uhr mit den Tattoo-Vorbereitungen beginnen. Und wie wir es bestellt hatten, gab es in der Kirche einen kleinen versteckten Hinterraum, in dem wir uns ans Werk machen konnten, ohne Gefahr zu laufen, dabei von auftauchenden Kirchenbesuchern überrascht zu werden. Tagebuch des Tattoo-Rituals: Tag 1 Vorbereitung, Technik und Durchführung Zunächst ging es nun einmal daran, alles soweit vorzubereiten, dass wir das Tattoo überhaupt stechen konnten. Was dazu alles nötig ist, wie man es macht und was ein handgestochenes Tattoo genau ist, habe ich im Artikel „Selbsttätowieren per Hand“ noch einmal genauer beschrieben. Der Beginn Während sich Heiko und Shania um die praktischen Vorbereitungen kümmerten, setzte ich mich bereits in dem kleinen, versteckten Hinterräumchen auf einen Stuhl und versuchte mich mental auf das kommende Ritual einzustellen. Vor meinem geistigen Auge stellte ich mir das fertige Tattoo vor und lud dabei alle Krafttiere ein, die nun in den nächsten Tagen auf meinem Rücken erscheinen sollten. Naja, fast alle, denn über die Präsenz von einigen von ihnen war ich mir zu diesem Zeitpunkt nicht einmal bewusst. Ich lud den Adler als Boten der Freiheit ein, den Bären als mein persönliches Krafttier, den Wolf als Mentor, den Büffel als Boten der Gelassenheit und der Hingabe, sowie Mutter Erde und Vater Universum und alle Spirits und Geistwesen, die sonst noch helfen wollten. Dass auch der Rabe und der Cojote ein Teil des Tattoos werden würden, wurde mir erst später bewusst. Ebenso wie die Tatsache, dass de Büffel die Verbindung zu Mutter Erde verkörperte und als weiße Büffelfrau auch die Energielinie zu allen indianischen Ritualen und zu Heikos und Shanias Lebensaufgabe erstellte. Was immer dies auch bedeuten mag. Dann kamen die beiden anderen zu mir herein und wir begannen mit der Umsetzung des Rituals. Die erste große Herausforderung, der ich nun gegenüber stand war, dass ich mein T-Shirt ausziehen musste, obwohl es in dem Raum gerade einmal 14°C hatte. Von Kälte bin ich ja immer nicht so ein großer Fan, aber auch dies gehörte zu den Lernaufgaben während des Prozesses. Lektion 1: Es entsteht so, wie es entstehen will Shania desinfizierte meinen Rücken mit Alkohol und brachte die Übertragungscrem auf, während Heiko und ich die Tattoo-Vorlage zusammensetzten, die bislang noch aus vier Einzelteilen bestand. Gleich beim Auftragen der Vorlage auf meine Haut standen wir vor dem ersten größeren Problem und vor der ersten Erkenntnis über mich selbst. Mein Rücken und meine Schultern sind vollkommen unsymmetrisch. Der Abstand zwischen Wirbelsäule und rechter Schulter ist einen guten Zentimeter länger, als der zur linken Seite. Es war also vollkommen unmöglich, die Vorlage symmetrisch aufzubringen und obwohl die beiden genau ausmaßen, wie es optimal sein müsste, befand sich der Mittelpunkt des Tattoos am Ende nicht auf meiner Wirbelsäule sondern leicht rechts daneben. Noch war es nur aufgemalte Farbe, die man jederzeit hätte wegwischen können, doch wir hatten nur diese eine Vorlage. Eine Korrektur war nur möglich, wenn wir das Bild noch einmal vollkommen neu von Hand zeichneten. Die Frage war nun also: „Sollte das Tattoo trotzdem so gestochen werden, obwohl es nicht perfekt saß, oder sollte ich es noch einmal neu machen? Wir überprüften die Antworten mit dem Muskeltest doch ich wusste bereits zuvor, wie sie ausfallen sollte. Von toter Scheinharmonie zur Dynamik des Lebens Dies war der Moment, in dem ich zum ersten Mal verstand, was es bedeutete, dass man diesen Prozess fließen lassen muss, wenn er seine volle Wirkung entfalten soll. So wie es bei Shanias Tattoos darum geht, eine Harmonie zu erzeugen und eine besondere Ästhetik zu erzielen, die ihren Medizinkörper nach all den Negativ-Filmen wieder zum Vorschein kommen lässt, geht es bei mir gerade um das Durchbrechen der toten Harmonie, in der ich mich immer wieder verfange. Ich habe das Gefühl, dass mein Körper zu 100% unversehrt sein und bleiben muss, um meine Mutter nicht zu enttäuschen. Dabei geht es weniger um meine echte Mutter, als viel mehr um das Konzept von ihr, dass ich in Gedanken und Überzeugungen noch immer mit mir herum trage und von dem ich mich noch immer nicht lösen konnte. In dem Moment, in dem mir die beiden von dem Ergebnis auf meinem Rücken erzählten, fiel mir sofort eine Geschichte ein, die ich vor langer Zeit erzählt bekommen hatte. Sie handelte von einem Mann, der auf einem Marktplatz stand und dort allen sein makelloses, perfektes Herz zeigte, dass trotz der der bereits gelebten Lebensjahre noch immer aussah als wäre es gerade vom Band gelaufen. Die Menschen staunten und bewunderten ihn dafür, bis ein zweiter Mann in die Mitte des Kreises trat. Auch er öffnete seinen Brustkorb und zeigte den Menschen sein Herz. Es war unzählige Male zerstückelt und wieder zusammengesetzt worden, hatte Flicken, Narben und Verfärbungen, war an einigen Stellen unförmig und an anderen überaus kräftig und gesund. „Dies ist mein Herz!“ sagte er „es ist nicht schön und nicht perfekt und es trägt die Spuren meines Lebens. Doch es trägt sie, weil ich gelebt habe. Jede Narbe, jede Verformung und jeder Flicken erzählt eine Geschichte und keine einzige davon möchte ich verpasst oder nicht erlebt haben.“ Ich bin der erste Mann, dessen Ziel es war, sein Herz, seinen Körper und sein Leben ohne bei seinem Tod Gebrauchsspuren wieder an seinen Schöpfer zurückzugeben. Wie ein Buch, das man in Originalverpackung in eine Vitrine stellt, ohne es je zu lesen. Es mochte vielleicht ganz nett aussehen, war aber vollkommen nutzlos und konnte seine Bestimmung niemals erfüllen. Es war tot, da es nie zu leben begonnen hatte. Und diesen zustand der toten, leblosen Unversehrtheit wollte ich nun hinter mir lassen. Unabhängig von jeder Symbolik, die sich in meinem Tattoo verbirgt ist dies bereits die erste große Kraft, die es für meinen Heilungs- und Wandlungsprozess in sich trägt. Fortsetzung folgt...
 
Spruch des Tages: Das Ritual hat begonnen!
Höhenmeter: 190 m
Tagesetappe: 32 km
Gesamtstrecke: 23.298,27 km
Wetter: Regen, Wind oder beides
Etappenziel: Kirche, Hyndford Bridge, Schottland

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Zuletzt aktualisiert am 2017-11-09 09:56:35


Tag 1268: Schottlands zwei Gesichter

Ein neues Land ist immer auch eine neue Herausford

25.06.2017 Seit wir die Britischen Inseln betreten haben, hat man uns Schottland stets angepriesen, wie ein geheiligtes Land. Die Nachteile dort oben seien die vielen Mücken, die Bremsen und diese kleinen Griebelfliegen, die einen in den Wahnsinn treiben können. Aber davon einmal abgesehen, gab es nach dem, was wir gehört haben keinen schöneren Ort auf der Welt als Schottland. Die Menschen seien die freundlichsten und hilfsbereitesten, die man sich nur vorstellen kann, die Natur atemberaubend, vielseitig und ursprünglich, die Luft rein, das Wasser klar und man fände überall ruhige, idyllische Plätze zum Entspannen und genießen. Eigentlich war es ein Wunder nach diesen Beschreibungen, dass in England überhaupt noch jemand lebte und nicht schon längst nach Schottland umgezogen war. Ein komischer erster Eindruck Unser erster Eindruck wollte jedoch nicht ganz zu diesem Bild passen. Um überhaupt nach Schottland zu kommen, hatten wir zunächst einmal das grauenhafteste Gebiet durchqueren müssen, das wir in England überhaupt erlebt hatten. Und das wollte etwas heißen. Nun kurz hinter der Grenze wurde es tatsächlich wieder ruhig, entspannt und einsam. Die Autobahn in der Ferne hörte man nur noch als leises brummen und das was man sah, wirkte tatsächlich einsam und idyllisch. Allerdings unterschied es sich landschaftlich nicht wirklich von dem, was wir in England gesehen hatten. Auch hier gab es mit Hecken und Zäunen umringte Weiden, nur wenige Wege oder Straßen dazwischen und gelegentlich ein paar versammelte Bäume. Dafür aber eine Menge Wind und Sturm. Als wir das erste echte Dorf erreichten, war es mit der Idylle jedoch schnell vorbei. Es lag langgezogen an einer etwas größeren Straße und erinnerte uns vom Baustil weit mehr an die Dörfer in Kroatien oder Bosnien, als an die von Mitteleuropa. Zum Übernachten gab es hier einen kleinen Gemeindesaal sowie eine Kirche. In letzterer wurde gerade ein Dorffest veranstaltet, das in erster Linie auf Kuchen essen, Tee trinken und einer Dudelsackbläsergruppe bestand. Was Schottisches Kulturgut anbelangte wurden wir also gleich am ersten Tag reichlich bedient. Jetzt fehlt nur noch ein Turnier mit Highlandsports, dann müssten wir alles zusammen haben, für das das Land bekannt ist. Von Freundlichkeit zunächst keine Spur Was wir hingegen gar nicht finden konnten, waren freundliche Menschen. Sowohl beim Gemeindesaal als auch bei der Kirche begegnete man uns nicht nur ablehnend, sondern auch äußerst unfreundlich. Der Mann, dessen Frau für den Saal verantwortlich war, wollte mich zunächst nicht einmal zu ihr durchdringen lassen und versuchte dann immer wieder aus dem Hintergrund das Gespräch vorzeitig zu beenden und mir die Tür vor der Nase zuzumachen. Die Frau hingegen erfand eine fadenscheinige Ausrede nach der nächsten, warum es gerade heute nicht möglich war, hier zu übernachten. Am Abend gäbe es ein Bridge-Turnier, das sicher viele Stunden dauern würde. Selbst jetzt am Nachmittag war der Raum daher unnutzbar, da ja bereits alles für die Kartenspieler vorbereitet sei. Oh, nur mit dem Computer an einen der Spieltische setzen um ein bisschen zu arbeiten? „Nein das geht leider nicht, da alle Möbel drüben bei der Kirchenfeier sind und die Halle praktisch leergeräumt wurde!“ Als ich dann fragte, ob das Bridge-Turnier im Stehen abgehalten wurde, setzte sich der Mann durch, beendete das Gespräch abrupt und warf die Tür vor mir ins Schloss. Bei der Kirchenfeier wurde ich zunächst etwas freundlicher aufgenommen und bekam sogar einen Tee angeboten, während eine der Damen versuchte die Pfarrerin anzurufen. Da dies nicht erreichbar war, wurde eine der „Kirchenältesten“ zu rate gezogen, die uns dann sogar noch schneller abblitzen ließ, als die Leute von der Dorfhalle. Wir könnten es ja mal bei dem Campingplatz versuchen, der drei Meilen weiter direkt neben der Autobahn läge. Das war ihre einzige Idee zu dem Thema. Wie Tag und Nacht Wir mussten also weiter ziehen und dabei erneut die Autobahn überqueren, die das Tal auf einer breite von 5km mit einem unerträglichen Lärm flutete. Ich weiß nicht wie sie es schaffen, aber die Autobahnen sind hier locker um ein zehnfaches lauter, als alle Autobahnen, die wir bislang gesehen und gehört haben. Und das bei einem drittel des Verkehrs. Der nächste Ort war etwas kleiner und wirkte auf den ersten Blick wie eine Geisterstadt. Hier zeigten sich die Menschen jedoch in einem vollkommen anderen Licht. Die junge Frau, die den Schlüssel für die Dorfhalle hütete meinte auf meine Frage hin nur knapp: „Ich kann mir keinen Grund vorstellen, warum das nicht gehen sollte!“ Und schon hatte sie den Schlüssel in der Hand und schloss uns auf. Dann machte sie zwei Fotos von uns, die sie sofort bei Facebook einstellte, wobei sie ein paar Sätze hinzufügte, die in etwa lauteten wie: „Diese beiden Männer wandern um die Welt und wohnen heute in unserer Dorfhalle. Sie freuen sich über Essens und Geldspenden, wenn ihr also möchtet könnt ihr kurz vorbei schauen und ihnen etwas bringen.“ Und tatsächlich kamen am Nachmittag immer wieder Anwohner vorbei, die kurz klopften, uns einen Geldschein, eine Packung Kekse, eine Tüte mit Brot und Käse oder Obst und Gemüse vorbei brachten. Niemand hielt uns lange auf und keiner wollte ausschweifende Gespräche führen, wie es oft in England der Fall war. Sie wollten einfach nur kurz helfen. Plötzlich verstanden wir wieder, warum die Schotten so einen guten Ruf hatten. Vor knapp einem Monat hatten und die Anwohner in einem Englischen Dorf mit den gleichen Informationen die Polizei auf den Hals gehetzt. Das war durchaus ein kleiner Unterschied. Treffen mit Shania Der einzige Haken an der Situation war, dass wir den Ort, an dem wir uns nun befanden eigentlich erst am nächsten Tag erreichen wollten, da es ganz in der Nähe einen Bahnhof gab, an dem wir Shania abholen konnten. Nun brauchten wir einen neuen Plan und in Ermangelung sinnvoller Alternativen entschieden wir uns dafür, nach Lockerbie zu wandern. Der Ort hatte vor einigen Jahren eine traurige Berühmtheit erlangt, weil er Schauplatz eines dramatischen Flugzeugabsturzes geworden war. Leider war er aber auch unabhängig solch tragischer Ereignisse ein Ort des Grauens in dem man sich unmöglich für längere Zeit aufhalten konnte. Er bestand letztlich aus nichts weiter als einer geraden Hauptstraße, auf der sich alles aneinander kettete. Links dieser Straße verlief die Autobahn, rechts kamen die Schienen. Dazu lag der Ort in einem Tal, der wie ein Kessel wirkte um sämtliche Schallwellen noch einmal aufzunehmen, zu reflektieren und zu verstärken. Auch wenn die Einheimischen diese unwirtlichen Zustände hinnahmen, fühlten sie sich definitiv nicht wohl damit und so war der ganze Ort zu einer Art dreckigem Saustall geworden, in dem sich niemand mehr um irgendetwas kümmerte. Schöner hätte man einen Ort für ein lang ersehntes Wiedersehen kaum auswählen können. Die unmenschliche Lebenssituation in der Stadt spiegelte sich auch in der Grundstimmung der Einheimischen wieder und es entpuppte sich sehr schnell als unmöglich, hier in diesem Ort einen Schlafplatz aufzutreiben. Man muss allerdings dazusagen, dass wir ohnehin nicht sicher waren, ob wir hier überhaupt einen haben wollten. Das einzige Thema bestand nun darin, die Zeit bis zu Shanias Ankunft irgendwie so zu überbrücken, dass wir nicht vollständig durchdrehten. Die einzige Option die wir dafür sahen war es, den Ort zu verlassen und uns einen Platz außerhalb hinter einer Hügelkuppe zu suchen. Zu unserer Überraschung kamen wir dabei mitten durch einen Golfplatz, der so gelegt worden war, dass er den Autobahnschall, der aus dem Tal nach oben strömte, optimal auffing. Rund drei Stunden mussten wir nun abwarten, bis der Zug kam. Gut nur, dass wir uns am Vormittag für eine knappe Stunde in einem Sumpfgebiet verlaufen hatten. In dem Moment, wo wir zwischen Schafweiden, einem Fluss und Feuchtwiesen feststeckten, während die Pferdebremsen unser Blut aus uns heraus saugten, ärgerten wir uns über die Umstände. Jetzt kam uns diese Phase des Tages fast wie ein Wellnessurlaub vor. Mit Shania im Gepäck machten wir uns dann um 16 Uhr noch einmal für eine weitere 11km Etappe auf in die Berge, bis wir ein kleines Dorf erreichten, in dem wir nach einigem hin und her in der Kirche übernachten durften. Der erste Eindruck dabei war jedoch, dass Schottland ein weitaus härteres Pflaster werden würde als England. Kirchenverwalter gab es nicht mehr. An ihre Stelle war hier in Schottland ein Ältestenrat getreten, der seine Entscheidungen nur noch im Konsens treffen konnte. Ich hätte nicht gedacht, dass ich das mal sage, aber es ist um so viel angenehmer, wenn man einfach einen Menschen hat, der zuständig ist und Entscheidungen treffen kann, als wenn 10 Leute etwas gemeinsam entscheiden müssen, die alle irgendwelche Einwände und Bedenken haben. Sogar die alte Dame, die ich zu Hause antraf und die die Organisation für uns übernahm, war kurz vor dem Durchdrehen, als sie endlich alle wichtigen Ratskollegen informiert und ihnen eine Zustimmung abgerungen hatte. „Gerne machen sie es nicht!“ gestand sie mir später, „einige haben tatsächlich nur zugesagt, weil es schon so spät ist und sie es unmoralisch finden, euch hinaus in die Kälte zu schicken. Hätten wir früher gefragt, hätte die Antwort nein gelautet.“ Das machte ja schon einmal Hoffnung für die nächsten Tage! Dennoch waren wir Froh, dass alles geklappt hatte, das Shania nun bei uns war und dass wir am Ende doch noch einen Raum zum Übernachten hatten.
 
Spruch des Tages: Ein neues Land ist immer auch eine neue Herausforderung!
Höhenmeter: 90 m
Tagesetappe: 12 km
Gesamtstrecke: 23.266,27 km
Wetter: Regen, Wind oder beides
Etappenziel: Village Hall, Drumelzier, Schottland

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Zuletzt aktualisiert am 2017-11-09 09:55:46


Tag 1267: HAARP-Felder mitten in England?

Irgendetwas geht hier nicht mit rechten Dingen zu.

24.06.2017 Kurz nachdem wir gestern die Autobahn überquert hatten, kamen wir an einem Umspannwerk vorbei, von dem ein tiefes, dumpfes Dröhnen ausging, das sich deutlich unter dem Autobahnlärm abzeichnete. Für den nächsten halben Kilometer gingen wir nun an diesem Werk entlang und je weiter wir kamen, desto mehr zweifelten wir daran, dass es sich wirklich um ein Umspannwerk handelte. Zunächst einmal war da seine beachtliche Größe. Es war mit weitem Abstand das größte Umspannwerk, das wir je gesehen hatten und dies obwohl sich kein Kraftwerk in der Nähe befand. Verglichenmit dem Umspannwerk neben dem Atomkraftwerk in Frankreich, hätte diese Anlage hier auch auf ein Kraftwerk hindeuten müssen, das schier unvorstellbare Ausmaße haben musste. Das französische Kraftwerk hatte damals rund 20 Kühltürme gehabt und das passende Umspannwerk dazu war nicht einmal ein Zehntel von diesem hier gewesen. Insgesamt führten sieben Hochspannungsleitungen sternförmig von der Anlage weg, wobei wir uns nicht sicher waren, ob es sich dabei um Abnehmer- oder nicht doch eher um Versorgerleitungen handelte. Theoretich hätte es beides geben müssen, aber sicher waren wir uns nicht, dass dies wirklich der Fall war. Außerdem gab es auf der Anlage eine Vielzahl äußerst ungewöhnlicher Konstruktionen, die so ganz und gar nicht nach den üblichen Elementen eines Umspannwerkes aussehen wollten. Das ganze wirkte fast ein bisschen wie eine überdimensionierte Computerplatine. Kurzzeitig kam uns der Gedanke, dass es sich vielleicht um eine HAARP-Feld handeln könnte, also um eine jener Anlagen, die unter anderem zur Wettermanipulation verwendet werden. Sicher waren wir uns da natürlich nicht, aber verneinen konnten wir es auch nicht mit Bestimmtheit. Da das Brummen, das von den monströsen Metallkonstruktionen ausging noch unerträglicher war als der Autolärm, waren wir aber auch nicht motiviert, der Sache weiter auf den Grund zu gehen. So viel Strom und kein Kraftwerk Kurze Zeit später entdeckten wir dann noch weitere merkwürdige Gebilde, die auf den ersten Blick keinen echten Sinn ergeben wollten. Wir hatten gerade die Grenze nach Schottland überquert, als wir ein weiteres Umspannwerk erreichten, das zwar deutlich kleiner, vom Aufbau her jedoch sehr ähnlich konstruiert war. Wieder gingen sieben Starkstromleitungen davon weg und wieder war kein Kraftwerk in der Nähe. Dieses Mal jedoch, gab es etwas, das uns noch mehr ins Grübeln brachte als zuvor. Eine normale Stromleitung die einige Häuser in der Nähe versorgte führte direkt an dem Umspannwerk vorbei, ohne das es eine Verbindung gab. Wenn dies doch ein einfaches Werk zur Stromversorgung war, warum nutzte man es dann nicht zu diesem Zweck? In den kommenden Kilometern stießen wir noch auf zwei weitere Werke dieser Art. Allem Anschein nach, waren die kleinen annähernd kreis- oder sternförmig um das große herum angeordnet. Für einfache Stromumwandlungsanlagen durchaus eher ungewöhnlich. Die einzigen Stromquellen die wir in der gesamten Umgebung ausmachen konnten, waren einige vereinzelte Windräder. Doch die konnten kaum den Strom für diese Anlagen bieten, denn trotz des starken Windes drehten sie sich nur im Schneckentempo. Ich kann nicht sagen warum man dies macht, aber aus irgendeinem Grund werden sie permanent heruntergebremst. Teilweise hat man hier sogar das Gefühl, dass man Strom sparen könnte, wenn man sie einfach wieder abmontiert, weil man dann nicht mehr so viel Energie für die Bremsanlage aufwenden müsste. Ich meine, Bremsklötze, die ein Windrad aufhalten können sind sicher nicht klein und Brauchen in ihrer Herstellung sicher auch einiges.an Energie. Wettermanipulation am laufenden Band Mindestens ebenso auffällig wie diese Anlagen war die Intensität, mit der hier am Wetter herum manipuliert wurde. Klar, England ist berühmt für sein grauenhaftes Wetter und ein ständig wolkenverhangender Himmel ist hier auch auf natürliche Weise keine Seltenheit. Doch von dem was uns die Einheimischen über die Entwicklung der letzten Jahre und Jahrzehnte berichten und von dem was wir selbst beobachten konnten, drängt sich die Vermutung auf, dass hier in Sachen Schietwetter ordentlich nachgeholfen wird. Bei allen, die wir zum Thema Wetter befragt haben war es Konsens, dass vor allem die Sommer in den letzten 20 Jahren rapide nachgelassen haben. „Früher haben wir noch regelmäßig in Seen und Flüssen gebadet! Heute können sich die Kinder das nicht einmal mehr vorstellen!“ Auffällig war auch, dass das Wetter genau zum Ferienbeginn umschlug. Die Eltern zogen ihre Kinder ein wenig damit auf, dass diese die Entwicklung als so vollkommen ungerecht empfanden. Doch so ganz unrecht hatten sie damit wahrscheinlich nicht. Es war kein Zufall, dass es eine Woche zuvor noch 29°C hatte und genau am ersten Ferientag eine Tiefdruckphase begann, bei der man seine Winterkleidung rauskramen wollte. Es ist kein Witz, wir brauchen hier im Moment häufiger unsere Inlays, langen Unterhosen und Pullover beim Schlafen als in allen drei bisherigen Wintern zusammen. Das Wetter wehrt sich Wenn man sich die Zeit nimmt und das Wetter täglich mehrere Stunden beim Wandern beobachtet, fallen einige weitere Gesetzmäßigkeiten auf. So hat die Sonne bereits eine immense Kraft und man spürt förmlich ihr unbändiges Verlangen danach, endlich durchdringen und die Erde erhitzen zu können. Ich weiß, es klingt etwas komisch wenn man es so sagt, aber man fühlt, dass das Wetter selbst nicht so sein will, wie es ist. Es wehrt sich dagegen und dies mit aller macht. Dadurch entsteht unter anderem ein permanenter Sturm, der versucht, die künstlichen Wolken wieder hinaus zu schieben. Auch dieser ist nicht normal, denn er passt fast nie zu den Landmarken am Boden. Die Britischen Inseln sind windig, das liegt in ihrer Natur, keine Frage. Deshalb hat sich auch die gesamte Vegetation daran angepasst und die meisten Bäume haben auf einer Seite sehr kurze, und auf der anderen wesentlich längere Äste. Doch der Sturm, den wir im Moment spüren kommt fast immer aus der entgegengesetzten Richtung. Und er kommt nahezu immer von vorne, egal wohin wir auch gehen. Aber das ist noch einmal ein anderes Thema. Aluminium in der Luft Sobald einmal ein sonniger Tag mit blauem Himmel auftaucht, was wirklich selten der Fall ist, sieht man sofort die überdimensionierten Kondensstreifen der Flugzeuge, die eine Art Schachbrettmuster über den Himmel ziehen. Die beliebteste Methode der Wettermanipulation auf diese Weise ist das verteilen von Aluminium-Nanopartikeln in der Luft. Die Wasserpartikel in der Luft, die sich ohnehin bereits in der Atmosphäre befinden, setzen sich daran ab und wachsen so zu kleinen Tropfen heran, selbst wenn ihre Menge normalerweise nicht ausreichen würde um Wolken zu bilden. Diese Methode ist natürlich umso erfolgreicher, je mehr Luftfeuchtigkeit auf natürliche Weise vorhanden ist, daher ist Großbritannien auch so prädestiniert dafür. Sobald man diese „Chemtrails“ sieht, also die künstlich erzeugten Aluminium-Kondensstreifen, dauert es nur noch wenige Stunden, bis aus dem strahlend blauen Himmel eine komplett geschlossene Wolkendecke geworden ist. Die Metallpartikel-Dichte in diesen Wolken ist dabei so hoch, dass teilweise nicht einmal mehr ein GPS-Signal hindurch dringt. Heute, beispielsweise hat unser Navigationsgerät unsere Position nicht genauer bestimmen können, als dass wir uns irgendwo auf der Welt befinden und das obwohl wir durch keine Wälder gewandert sind. Normale Wolken dürften das Signal hingegen nicht auf diese Weise blockieren. Was genau ist eigentlich ein HAARP-Feld? Vereinfacht gesagt sind HAARB-Felder Generatoren zum Erzeugen von sehr starken und sehr tiefen Frequenzen. Je nachdem, wie man sie einsetzt und worauf man sie richtet, kann man damit zum Beispiel Erdbeben auslösen oder riesiger Hagelkörner erzeugen. Das mag sich im ersten Moment futuristisch anhören, ist aber einfachste Physik. Ein Erdbeben ähnelt in seiner Natur ein wenig einer Lawine. Es entsteht dort, wo sich eine Spannung zwischen den Erdplatten aufgebaut hat, die nur noch einen kleinen Impuls benötigt, um sich zu lösen, so dass sich eine Plattenverschiebung ergibt. Ein HAARP-Impuls kann dieses Zünglein an der Wage erzeugen, genau wie eine Lawine an der richtigen Stelle von einem hoppelnden Kaninchen ausgelöst werden kann. Nicht überall, wo Kaninchen herum hüpfen entstehen Lawinen, aber wenn eine Schneedecke an einem Hang instabil geworden ist, dann reicht ein leichtes Pfotenklopfen um alles abrutschen zu lassen. Richtet man die Strahlen hingegen in die Atmosphäre funktionieren sie ähnlich wie die Schallwellen einer Lautsprecherbox, die kleine Styroporkügelchen in die Luft springen lassen können. Man kann also mit Hilfe der Niederfrequenzwellen die Aluminium-Nanopartikel der Chemtrails weiter nach oben in die Atmosphäre schießen, so dass sich Eiskristalle darum bilden. Wiederholt man den Vorgang an der gleichen Stelle wieder und wieder, werden die Eisbälle, die dabei entstehen immer größer und irgendwann zu gefährlichen Wurfgeschossen, die vom Himmel fallen. Warum der ganze Aufwand? Bleibt nur noch ein bisschen die Frage, wofür das alles getätigt wird und ob es sich bei unseren Umspannwerken wirklich um HAARP-Felder oder doch um etwas ganz anderes handelt. Wie seht ihr die Sache? Habt ihr schon einmal etwas von HAARP-Feldern in England gehört? Sind euch ähnliche Phänomene aufgefallen? Wenn ihr etwas darüber wisst, freuen wir uns auf jeden Fall über eure Kommentare!
 
Spruch des Tages: Irgendetwas geht hier nicht mit rechten Dingen zu.
Höhenmeter: 120 m
Tagesetappe: 13 km
Gesamtstrecke: 23.254,27 km
Wetter: Dauerregen mit wenigen kleinen Pausen
Etappenziel: Kirche, Kirkton Manor, Schottland

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Zuletzt aktualisiert am 2017-11-09 09:55:02


Tag 1266: Wie wirkt sich Lärm auf die Gesundheit aus?

Permanenter Verkehrslärm ist doch nicht so entspan

Fortsetzung von Tag 1265: Quer durch den Höllenschlund Heute erfuhren wir dann aber noch früh genug, was uns hinter dem Ort erwartete. Unser Schlafplatz war definitiv nicht der Ruhigste, den wir je hatten, aber es war trotzdem erstaunlich, was die Fenster hier abhielten. Lediglich die Idee, die alten Lüftungsschächte offen zu lassen, so dass die Spatzen direkt über der Zwischendecke quasi im Raum ihre Nester bauen konnten, war nicht ganz so schlau gewesen. Man glaubt gar nicht wie laut so ein Vogeljunges sein kann, wenn es Hunger hat und in einer disharmonischen Umgebung aufwächst. Nun hatte uns der Gemeindesaal wieder ins Freie gespuckt und da der Wanderweg entlang des Flusses überflutet worden war, mussten wir mit der Hauptstraße vorlieb nehmen. Die Autos fuhren hier nur etwa alle 20 Sekunden, doch weil jedes von ihnen wie ein Panzer klang, war es noch weitaus unangenehmer, als jede Hauptstraße, die wir in Italien oder im Kosovo hatten nehmen müssen. Dieser direkte Lärm mischte sich mit dem permanent monotonen Dröhnen der Autobahn und zweier weiterer Bundesstraßen im Hintergrund. Für den Rest des Tages wechselten wir nun immer wieder zwischen diesen Verkehrsadern hin und her. Mal ging es entlang der Autobahn, dann wieder unter der Bundesstraße hindurch, dann an der Schnellstraße entlang. Und wenn es doch einmal ein bisschen mehr Abstand zwischen uns und den Autos gab, dann kam fast jedes Mal ein Flugzeug, das über unsere Köpfe hinweg flog. Beliebte Hölle Was uns jedoch am meisten fertig machte war die Tatsache, dass wir hier nun zum ersten Mal in England einer wirklich nennenswerten Menge an Radfahrern und Wanderern begegneten. Aus irgendeinem Grund gab es einen Fernwanderweg, der hier entlang führte und der sich einer unverständlichen Beliebtheit erfreute. Es waren nicht nur Menschen, die uns hier begegneten, sondern regelrechte Menschenmassen. Gruppen von 20 bis 30 Personen mit dem Wanderrucksack oder dem Rad, folgten im Abstand von nur wenigen Minuten auf einander. Dazwischen gab es auch immer wieder Einzelfahrer, die sich gelegentlich auch noch einsam und gelangweilt fühlten und uns daher unbedingt ansprechen wollten. Ein mittelmäßig sympathischer Mann mit einem Tourenfahrrad fuhr ein Stück neben uns her und versuchte dabei ein Gespräch mit uns zu führen. Er fragte uns aus, bis das Thema auf den Spendencharakter der Reise fiel. Dann musste er plötzlich sehr schnell weiter und bedauerte zu tiefst, dass er weder Geld noch Nahrung in seinen großen Fahrradtaschen bei sich trug. Dummerweise hatte er bei dieser Aktion nicht einkalkuliert, dass die Fahrradbrücke etwas weiter unten am Weg gesperrt war und er daher noch einmal zu uns zurück kehren und nach einem Alternativweg fragen musste. Nun war ihm die Begegnung mit uns irgendwie unangenehm. Freundlich Gaben Es gab aber auch eine angenehme Begegnung, mit der wir hier in der Gegend nicht gerechnet hatten. Kurz bevor wir die Autobahn überqueren konnten, mussten wir ein kleines Stück des Weges zurück gehen, weil wir beim Versuch, der Hauptstraße auszuweichen in eine Sackgasse geraten waren. Bis jetzt kann ich noch immer nicht glauben, dass an dieser Stelle wirklich Menschen leben konnten. Stellt euch einmal die A7 zur Hauptverkehrszeit vor, deren Straßenbelag mit einem Presslufthammer durchlöchert wurde, wie ein Schweizer Käse. Nun nehmt ihr noch die B8 mit dem gleichen Asphalt und legt sie parallel direkt daneben. Eine Schallschutzwand gibt es natürlich nicht. Und dann stellt euch vor, ihr würdet nun ein Haus direkt an den Rand dieser B8 bauen. Ungefähr so sah es hier aus. In einem dieser Häuser befand sich ein junger Mann, der seine Zeit mit der einzigen Tätigkeit verbrachte, die an diesem Ort einen Sinn machte: Abrocken und Headbangen zu überlauter Hardrock-Musik. Jener junge Mann kam uns wenig später mit seinem Auto entgegen, um uns eine Tüte mit Schokolade, Brot und Käse zu bringen. Er hatte trotz seines wackelnden Kopfes gesehen, dass wir an seinem Haus vorbei gegangen waren und dachte sich, dass wir uns bestimmt über ein wenig zusätzlichen Muskelkraftstoff freuen würden. Nur Bier hatte er nicht im Haus, bot uns aber an, uns noch welches zu besorgen, falls wir es wollten. „Ein netter Kerl!“ meinte Heiko, als der Mann wieder gefahren war, „und er hat keine schlechte Strategie, um mit der Hölle um sich herum klar zu kommen!“ „Was meinst du?“ fragte ich. „Naja, hast du nicht die Porno-Sammlung gesehen, die er auf der Rückbank liegen hatte? Eine stolze Auswahl und definitiv eine gute Lösung, wenn man sich hier von allem ablenken will, das einen nervt. Also so ziemlich von allem.“ Rückzugsort Kirche Der erste ruhige Ort, an den wir gelangten war das innere der Methodisten-Kirche von Longtown. Zwischen dem Ankunftszeitpunkt im Ort und dem Betreten des Platzes lagen insgesamt etwas mehr als zwei Stunden. Irgendwo ist es also kein Wunder, dass mir stets hinten und vorne die Zeit fehlt. Als wir für uns alleine waren brauchten wir noch knapp eine weitere Stunde, um wirklich runter zu kommen. In den Ohren dröhnte es wie nach einem Disko-Besuch und in uns war ein Stresslevel zu spüren, der definitiv nichts mit unseren Arbeitsplänen zu tun hatte. Langsam verstehe ich auch, warum hier nahezu jeder nervöse Ticks hat und permanent mit Augen, Mundwinkeln oder Fingern zuckt.
 
Spruch des Tages: Permanenter Verkehrslärm ist doch nicht so entspannend, wie man immer glaubt.
Höhenmeter: 40 m
Tagesetappe: 12 km
Gesamtstrecke: 23.241,27 km
Wetter: Daurregen
Etappenziel: Villagehall, Cardona, Schottland

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Zuletzt aktualisiert am 2017-11-09 09:50:09


Tag 1265: Erste Erfahrungen mit dem Poly-Schlafrhythmus

Aller Anfang ist schwer.

23.06.2017 Es ist nun gut eine Woche her, seit ich meinen Schlafrhythmus umgestellt habe und langsam scheint sich mein Körper an die neue Variante zu gewöhnen. Nicht, dass ich nicht immer noch müde wäre, aber mein Kaffeekonsum ist bereits wieder deutlich gesunken und mein genereller Müdikeitslevel liegt nun nicht mehr viel über dem von Heiko. Dieses Land und vor allem diese Gegend hier, machen einem die Erholung aber auch im allgemeinen so schwer, dass man kaum anders kann, als Müde zu sein. Dafür dass man hier nie wirklich ungestört ist und noch seltener seine Ruhe hat, schlafe ich nun aber bereits sehr schnell ein und nutze fast die ganzen 20 Minuten meiner Schlummerphasen wirklich fürs Schlafen. Nach den anfänglichen Zweifeln wirkt es nun also so, als könnte diese neue Technik langfristig doch einen Erfolg haben und ein Plus an Effektivität und Lebensqualität bringen. Realitätsverschiebung Heute Nacht allerdings geriet ich durch oder zumindest in Kombination mit der neuen Schlaftechnik in eine recht verwirrende Situation der Realitätsverschiebung. Ich hatte gerade meine Hauptschlafphase von drei Stunden, als mein Wecker klingelte und mir signalisierte, dass es Zeit zum aufstehen war. Ich konnte aber nicht und war so müde, dass mein Körper einfach nicht reagieren wollte. Also drückte ich auf die Schlummertaste und schlief weiter. Vollkommen erschrocken wachte ich irgendwann erneut auf, mit dem Gefühl, nun endlos verschlafen zu haben. Dennoch fühlte ich ich keinen Deut munterer und das verlassen meines Schlafgemachs wurde zur reinsten Tortour. Ich schleppte mich ins Bad wie ein nasser Sack, konnte kaum meine Augen offen halten und schlief sogar unterm Pinkeln fast wieder ein. Keine Ladung kaltes Wasser im Gesicht und eine zwanziger Serie Liegestützen zur Kreislaufwiederbelebung machten es auch nicht wirklich besser. Aber es half nichts. Die Umstellung konnte nur erfolgreich stattfinden, wenn man konsequent war. Und außerdem wartete ja noch einiges an Arbeit auf mich. Also Streichhölzer unter die Augenlider und rann an den Schreibtisch. Kaum hatte ich den Bildschirm aufgeklappt, fiel mein Blick auf die Uhr. „01:20 Uhr“ stand dort. Ich blinzelte zwei Mal, weil ich mir sicher war, mich einfach vergugkt zu haben, aber die Zahlen blieben. Das bedeutete, dass ich nicht verschlafen hatte, sondern gerade einmal gut 40 Minuten im Bett gewesen war. Alles andere, angefangen vom Klingeln des Weckers bis hin zum Drücken der Schlummertaste, dem Einschlafen und erneuten Aufwachen hatte ich also geträumt. Es war jedoch so real gewesen, dass ich mir selbst jetzt noch nicht sicher war, welche der beiden Realitätsvarianten die echte war und welche nicht. Letztlich entschied ich mich aber für die zweite und legte mich noch einmal zwei Stunden schlafen. Viel munterer war ich danach nicht, aber zumindest ein bisschen. Aus irgendeinem Grund ist diese 3-Stündige Hauptschlaf-Phase zurzeit diejenige, aus der ich am wenigsten Erholung schöpfen kann. Irgendwie scheint hier noch eine alte Verknüpfung mit der Aufsteh-Unlust aus Schulzeiten zu sein. Intensivere Träume Was man jedoch schon deutlich merkt ist, dass die Träume intensiver werden und dass ich mich nun besser an sie erinnere. Sie sind noch immer wirr und ich kann oft nur wenig damit anfangen, aber sie sind zumindest schonmal wieder in einem Bereich, in dem ich mich erinnern kann, überhaupt zu träumen. Neulich habe ich geträumt, dass wir aus irgendeinem Grund in irgendeiner riesigen englischen Villa zu Gast waren und dass ich mich dort auf die Suche nach der Besitzerin machte, um irgendetwas zu fragen. Dabei gelangte ich durch einen Gang zu einer Hintertür, die in einen Innenhof mit riesigem Pool führte. Und in diesem Pool schwamm ein Krokodil und kam geradewegs auf mich zu. Ich schloss die Tür, merkte dabei aber, dass sie nicht ganz zugehen wollte und dass sie noch immer keine Barriere für ein kräftiges Reptil darstellte. Also wollte ich weglaufen, doch wie so oft in Träumen wollte mir dies nicht gelingen. Ich war zu langsam und konnte nicht gegen den Zeitstrudel des Traumes anlaufen. Sofort kam der Gedanke in mir auf: „Ist ja logisch, wie willst du hier auch rennen, wenn das ein Traum ist?“ Ich merkte also für einen kurzen Moment, dass ich träumte und war dann kurzzeitig in der Lage, meine Traumrealität zu verändern und mich aus der Zeitlupenschlaufe zu lösen. Ich rannte nun in normaler Geschwindigkeit und wachte kurz darauf auf. Einige Nächte zuvor träumte ich einen sehr realistischen Traum über meinen aktuellen Zustand in der Wachwelt. Im Traum befand ich mich auf einer Weltreise mit Heiko und stellte mich in unterschiedlichen Situationen immer wieder an wie der letzte Trottel. Irgendwann wurde Heiko dabei so wütend, dass er mir eine verpasste. Dabei stellte ich fest, dass ich nahezu nichts fühlen konnte. Es war vollkommen gedämpft, wie durch einen dichten Nebel. Ungefähr das gleiche Gefühl hatte ich auch die Tage zuvor. Es gab also keinen allzu großen unterschied, zwischen dem Traum- und dem Wacherleben. Dröhnen in den Ohren Wahrscheinlich ist es wieder einmal kein Zufall, dass wir heute, zwei Tage vor Shanias Ankunft einen der grauenhaftesten Tage unserer ganzen Reise erlebten. Nicht grauenhaft in dem Sinne was uns widerfuhr, aber von der Umgebung her, die wir durchqueren mussten. Bereits gestern Nachmittag waren wir in einem Dorf angekommen, das direkt an einer Hauptstraße lag und in dem es keine einzige Sekunde jemals ruhig wurde. Das krasse hier in England dabei ist, dass es nicht einmal besonders viel Verkehr braucht, um einen solchen Höllenlärm zu erzeugen. Ihr kennt sicher den Asphalt, der in Deutschland als Untergrund für eine neue Straße verwendet wird, bevor dann die eigentliche Asphalt-Decke darauf kommt. Es ist ein steiniges, löchriges Gemisch, das aufgrund der rauen Oberfläche gut 10 bis 20 Mal so viel Lärm erzeugt, wie ein normaler Straßenbelag. Nicht ohne Grund gibt es bei den Baustellen, bei denen man als Autofahrer vorübergehend gezwungen ist, über diesen Asphalt zu fahren, eine strickte Geschwindigkeitsbegrenzung. Hier jedoch ist genau dieser Asphalt der Straßenbelag für die normalen Straßen, vor allem für die Hauptstraßen und Autobahnen. Während wir auf den Schlüssel für den Gemeindesaal warteten, in dem wir die Nacht verbringen durften, wurden wir von einer Frau eingeladen, in ihrem Garten einen Saft zu trinken. Gemeinsam mit ihrem Mann war sie Besitzerin einer Villa, in der man andernorts eine komplette Schule untergebracht hätte. Neben dem Einkaufs-Auto und dem Ich-fahre-zur-Arbeit-Auto stand in ihrem Hof ein nagelneuer Ferrari. Man konnte also schlussfolgern, dass sie nicht gerade arm waren. Und trotzdem lebten sie hier. Für uns waren bereits fünf Minuten auf der Terrasse so grenzwertig, dass wir ernsthaft überlegten trotz der Zusage weiterzugehen. Hätte die Karte nicht angezeigt, dass es in naher Zukunft hier keinen Deut besser werden würde, hätten wir dies wohl auch getan. Fortsetzung folgt...
 
Spruch des Tages: Aller Anfang ist schwer.
Höhenmeter: 150 m
Tagesetappe: 28 km
Gesamtstrecke: 23.229,27 km
Wetter: immer wieder Regen, ansonsten bewölkt
Etappenziel: Privates Wohnhaus, Traquair, Schottland

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Zuletzt aktualisiert am 2017-11-09 09:49:18


Tag 1264: Was blockiert meine Effektivität und kostet mir Zeit?

Nachspüren ob noch etwas fehlt

22.06.2017 Arbeitseffektivität ist kein Zufall! Habt ihr euch schon einmal gefragt, warum Menschen so unterschiedlich schnell bzw. effektiv sind? Manche setzten sich an eine Arbeit und erledigen sie innerhalb weniger Minuten, während andere Stunden um Stunden damit verbr ingen, ohne auch nur einen kleinen Fortschritt zu machen. Und dies obwohl sich beide in der Materie vielleicht sogar genau gleich gut auskennen. Wie kommt das? Ich muss ganz ehrlich zugeben, ich habe mir diese Frage bis heute nie wirklich gestellt. Ich dachte immer das sei so etwas wie Zufall. Jeder hat halt seine Geschwindigkeit und die ist eben, wie sie ist. Daran kann man nichts drehen, genau wie man ja auch Gras nicht zwingen kann, schneller oder langsamer zu wachsen. Tatsächlich aber ist dies natürlich Blödsinn. Menschen haben keine unterschiedliche Grundgeschwindigkeit, mit der sie sich abfinden müssen, sie haben viel mehr unterschiedliche Techniken, mit denen sie an eine Aufgabe herangehen. Diese Techniken entwickeln wir bereits von klein auf und haben sie so verinnerlicht, das wir uns ihrer nicht bewusst sind. In den meisten Fällen haben wir keine Ahnung, wie wir an eine Sache herangehen. Wir machen es einfach, wie wir es immer machen. Und genau das ist der Punkt. Einige von uns haben sich Methoden und Herangehensweisen antrainiert, die besonders effektiv und zeitsparend sind, während andere mit Mitteln arbeiten, die sie immer wieder auf der Stelle treten lässt. Wie ihr euch vielleicht denken könnt bin ich eher der Kandidat für die zweitere Variante, weshalb es dann auch nicht mehr verwunderlich ist, dass Heiko einen hoch philosophischen Text mit 25 Seiten schreibt während ich in der selben Zeit gerade einmal einen Tagesbericht mit 2 Seiten zustande bringe. Bislang wirkte es immer wie Zauberei auf mich, wenn Heiko seine Schöpfungen in dieser Geschwindigkeit erstellte, doch heute habe ich zum ersten Mal verstanden, dass keine Magie, sondern ein System dahinter steckt. Allerdings muss ich sagen, dass dies meinen Respekt eher noch erhöht, denn sich ein solches System anzutrainieren ist definitiv kein Kinderspiel. Zumindest nicht, wenn man es nicht bereits als Kind getan hat, wo einem solche Dinge ja bekanntlich leichter fallen. Auf jeden Fall sind mir heute einge Punkte aufgefallen, an denen meine Effektivität scheitert und durch die auch ich ein ordentliches Maß schneller werden könnte, wenn ich hier eine Umstellung schaffe.Gleichzeitig sind es aber auch Punkte, an denen viele Menschen scheitern, weshalb ich sie euch kurz beschreiben möchte, um euch ebenfalls einen Leitfaden für eine Effektivitätssteigrung an die Hand zu geben. Erstorientierung – Beobachten um sich einen Überblick zu verschaffen Mein häufigster Gedanke, wenn ich etwas erledigen will ist „Jetzt noch schnell...“, stets verbunden mit dem Gefühl, eigentlich keine Zeit zu haben. Dies führt dazu, dass ich mich blindlinks in Sachen stürze, ohne mir zuvor eine Strategie zu überlegen. Und genau dieses übereillte vorgehen kostet am meisten Kraft, Zeit und Energie, denn dadurch entstehen die größten Fehler. Es kommt nicht selten vor, dass man Arbeiten vollkommen umsonst oder gleich Doppelt erledigt, weil man vor beginn nicht geschaut hat, was genau überhaupt getan werden muss. Wo sind Schwierigkeiten, Hindernisse und Sackgassen? Was wird überhaupt benötigt? Gibt es etwas, auf das ich zurückgreifen kann? Wo liegt der Hauptfokus? Wo befinden sich Nebenziele? Was ist meine Absicht? Was trage ich mit dieser Arbeit zum Gemeinwohl bei? Themensammlung und Strukturierung Dies gilt natürlich vor allem für Texte oder andere kreative oder wissenschaftliche Arbeiten, sowie für jede Form von Wissensermittlung und -aufbereitung. Zunächst einmal gilt es hier, abzustecken worum es überhaupt geht. Wenn mein Thema zum Beispiel „Die Erlebnisse des heutigen Tages“ oder „Der Säure-Basen-Haushalt des Menschen“ ist, dann ist dies zunächst vage und bietet keinerlei Anhaltspunkt darüber, was und wie viel ich schreiben will. Also verzettel ich mich, komme vom hundertstel ins tausendstel und schreibe am Ende sieben Seiten ohne auch nur ins Thema eingestiegen zu sein. Oder um es in Heikos Worten auszudrücken: Ich schwalle. Damit das nicht passiert braucht es zunächst eine klaren Themensammlung und einen Systembaum, um die einzelnen Themen zu Gliedern und in einen übergeordneten Zusammenhang zu bringen. Nur so kann ein Text entstehen, der die Leser fesselt und gleichzeitig voranbringt. Dabei ist mit Systhembaum natürlich kein starres Konzept gemeint, das jede Dynamik tötet. Vielmehr orientiert sich der Text später wirklich am Aufbau eines Baumes, das heißt er hat einen durchgängigen Stamm, also ein zentrales Hauptthema, von dem aus immer wieder Unterthemen abzweigen, die sich jedoch stets in einer gesunden Nähe befinden, so dass sie nicht abbrechen. Das heißt, sie ufern nicht soweit aus, dass man vergisst worum es eigentlich ging. Das Thema wachsen lassen Der nächste Punkt, der ich oft vollkommen aus der Bahn wirft ist der, das ich stets das Gefühl habe, alles müsste von Anfang an klar sein. Wenn ich mich also mit einem Thema befasse, dann muss ich gleich zu beginn alles darüber wissen, damit ich es klar erklären kann. Ich gebe ihm also einen Raum für Entwicklung und nehme mir selbst gleichzeitig die Möglichkeit zu lernen. Wenn ich etws auf die Welt bringe, dann muss es gleich von beginn an ein erwachsenes, gebildetes und entwickeltes Wesen sein. Es darf kein hilfloses, zappelndes Baby sein, dass man erst füttern und an die Hand nehmen muss, bis es selbstständig essen und stehen kann. Aber Erkenntnisse funktionieren genau anders herum. Man hat eine vage Idee oder vielleicht nicht einmal das, sondern nur eine einzelne Bobachtung und lässt diese langsam zu etwas Großem heranwachsen. Eine Beobachtung führt zur nächsten, eine Erkenntnis leitet die folgenden ein. Es ist ein Prozess und er hat seine Berechtigung. Dadurch, dass ich aber das Gefühl habe, alles von Anfang an wissen zu müssen, kann ich ihn nicht zulassen und somit blockiere ich mich selbst. Bei Künstlern nennt man dieses Syndrom glaube ich Angst vor der weißen Leinwand. Je stärker das Gefühl in einem ist, gleich von Anfang an, alles richtig mache zu müssen, desto mehr ist man gehemmt überhaupt etwas zu tun. Und das kostet nicht nur Zeit und Kraft, es tötet auch jegliche Lebendigkeit im Werk. Nicht Ausschweifen, abdriften, langatmig werden Diesen Punkt hatte ich ja schon einige Male erwähnt, aber er bekommt noch einmal ein eigenes Kapitel, damit ich mich etwas umfassender damit beschäftigen kann... Ihr merkt worauf das hinaus läuft. Man braucht vor allem dann viele Worte, wenn einem ein Thema nicht klar ist und man nicht weiß wie man sich ausdrücken soll. Wann immer ihr also merkt, dass es euch schwer fällt, auf den Punkt zu kommen ist dies ein gutes und sicheres Zeiche ndafür, dass ihr an einem Punkt steht, an dem es noch offene Fragen gibt, die ihr euch vielleicht nicht einmal selbst eingestehen wollt. Abgesehen davon gilt für jeden guten Text die “Regel der drei K”: Kurz, Knapp, Knackig. Dazu ist es ebenfalls wichtig, sich einen Moment Zeit zu nehmen, um sich das Them noch einmal mit etwas Abstand zu betrachten und um genau zu selektieren, was wirklich benötigt wird und was reines Bla-Bla ist. Bilder und Gefühle statt Gedankenkonzepte Es ist immer einfacher und zugleich, verständlicher und angenehmer zu lesen, wenn man ein plastisches Bild anstatt eines theoretischen Gdankengebildes bekommt. Es macht einen Unterschied, ob man sagt: „Tiefe Ängste können zu körperlichen Veränderungen führen, die wir als Krankheit wahrnehmen“ oder „Stellt euch vor, ihr seit eine Maus, die sich einem Fuchs gegenüber wiederfindet und sofort alle Kräfte Mobilisieren muss, um schnell genug, davon zu rennen, damit sie nicht gefressen wird! Und nun stellt euch vor, was passiert, wenn der Fuchs nicht real existiert, sondern nur eine Angst in eurem Kopf ist, vor der ihr permanent fliehen wollt, vor der es aber kein entkommen gibt!“ Je plastischer, emotionsgeladener und lebendiger eine Erzählung ist, desto leichter fließt sie einem von der Hand, desto länger kann man konzentriert dabei bleiben und desto einfacher macht man es auch seinem Leser, bei der Stange zu bleiben und einen zu verstehen. Natürlich muss man auch hier aufpassen, dass man seinen Fokus hält und sich nicht in der Ausschmückung der Bilder verliert, so dass sie zum Selbstzweck werden. Randkommentare nutzen um offene Fragen offen zu halten Auch der fertige Text muss kein absolutes Endprodukt sein, sondern ist immer nur ein Festhalten des aktuellen Standes des Prozesses. Das heißt, dass es auch jetzt noch immer offene Fragen, Ungereimtheiten und Unklarheiten geben darf, die zu einem Späteren Zeitpunkt geklärt werden können. Gerade das macht die Dynamik und den Lernprozess aus. Offene Fragen arbeiten in uns und wirken wie Magnete auf ihre Antworten. Teilweise kann es sein, dass nur Minuten oder Stunden nachdem man einen Text eigentlich abgeschlossen hat, eine neue Erkenntnis auftaucht, die alles noch einmal umstößt oder die zu wichtigen Ergänzungen führt. Manchmal kommt dies auch Jahre später. Dies ist auch der Grund, warum es von vielen Büchern immer wieder überarbeitete Versionen gibt. Alles Geschriebene ist immer nur eine Momentaufnahme und niemals die volle Wahrheit. Wichtig ist nur, dass man sich die Fragen auch wirklich offen hält, dass man sie kennzeichnet und sichtbar macht, so dass sie nicht im Nebel des Textes verschwinden, wo sie dann ewig unbeantwortet bleiben müssen. Nur so ist man in der Lage, immer größere Zusammenhänge zu erkennen und einzelne Arbeiten in ein großes Gesamtbild einfließen zu lassen. Auf sich selbst achten: Was gibt mir Kraft? Was entspannt mich? Was fördert meine Kreativität? Ein wichtiger Faktor, der mich so langsam und ineffektiv werden lässt, ist meine permanente Müdigkeit und Energielosigkeit in Verbindung mit einem Gefühl von Dauerstress. Je weniger Energie man zur Verfügung hat und je schlechter man sich konzentrieren kann, desto langsamer uns ineffektiver wird man damit. Es ist wie bei einem Auto, das nur minderwertigen Kraftstoff bekommt, aus dem es kaum Energie gewinnen kann. Um dies zu verhindern muss man natürlich zunächst einmal erkennen, was für einen minderwertiger und was hochwertiger Kraftstoff ist. Wodurch gewinnt man Energie und was laugt einen aus? Was weckt wahre Begeisterung, so dass man vollkommen darin eintauchen und üer Stunden daran arbeiten kann, ohne auch nur zu merken, dass die Zeit vergeht? Jedes Gefühl von Zwang, Verpflichtung, Stress, Zeitmangel und Hektik, führt dazu, dass man keine Energie mehr aus der Arbeit schöpfen kann. Dadurch wird sie nun zu etwas ermüdenden, das Kraft zehrt und Anstrengung bdeutet. Daher ist es wichtig, diese Faktoren auszuschalten und genau das zu tun, worauf man vom Herzen aus Lust hat. Dies können sogar die gleichen Dinge sein wie zuvor, nur dass sich die Einstellung dau ändert, weil man erkennt, dass man es aus freien Stücken und nicht für jemand andere tut. Umgang mit Ängsten und Blockaden Mindestens genauso stark halte ich mich selbst daduch auf, dass ich meine eigenen Arbeiten innerlich durch die Perspektive anderer Bewerten lasse. Es ist immer wieder, als hätte ich die Stimme meiner Mutter oder alter Freunde im Kopf, die sagt: “Das kannst du so nischt schreiben! Mit dem Thema solltest du dich am besten gaz nicht mehr befassen.” Diese Stimme kommt meist genau in den Momenten, wenn ich eigentlich inspiriert bin und schon weiß, was ich schreiben möchte, um einen Sachverhalt klar und verständlich darzustellen. Doch die Gedankenblockaden und den Wunsch nach Enerkennung (den absolut paradoxen unsch nach Anerkennung von Personen, zu denen ich keinerlei kontakt mehr habe) blockieren und hemmen mich, so dass ich nicht frei schreiben kann. Um sich durch diese oder andere Angstgeschichte nicht einschränken und hemmen zu lassen, ist es wichtig, sie zunächst einmal zu erkennen. Wenn einem das gelungen ist, ist es eine bewusste Entscheidung, sich nicht länger davon beeinflussen zu lasseb. Alles was es dafür braucht ist dann ein bisschen Mut. Nachspüren ob noch etwas fehlt
 
So wie es am Anfang wichtig ist, sich einen Moment Zeit zu nehmen und sich zu sortieren um nachzuspüren, was wie erschaffen werden soll, ist es auch wichtig, sich am Ende noch einmal Zeit zu nehmen, um nachzuspüren, ob noch etwas fehlt, oder ob alles so passt, wie es gerade erschaffen wurde.
Höhenmeter: 80 m
Tagesetappe: 25 km
Gesamtstrecke: 23.173,27 km
Wetter: Dauerregen und Kälte
Etappenziel: Kirche, Ettrick, Schottland

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Zuletzt aktualisiert am 2017-11-09 09:46:42


Tag 1263: Die Magie kehrt zurück

Da ist sie wieder, die Magie!

21.06.2017 Langsam kehrt die Magie, die uns am Anfang in England so begeistert hat wieder hierher zurück. Das Land wird zunehmend weiter und freier, die Wiesen und Wälder nehmen gegenüber dem besiedelten Gebiet deutlich zu und gelegentlich gibt es nun sogar wieder Bereiche, die nicht vollkommen eingezäunt sind. Wir befinden uns nun an der Westseite der Nord-Pennines, einer Art Hügel-Gebirge, das einen Großteil der Insel auf dieser Höhe einnimmt. Bis Schottland sind es nun nur noch knapp 100km und je mehr wir uns der Grenze nähern, desto mehr scheinen auch die Menschen wieder entspannter und offener zu werden. Die weiten, hügeligen Ebenen sind nun immer stärker von kleinen, glasklaren Bachläufen durchzogen, an deren Ufern sich magische, alte, knorrige Bäume versammeln. Ob man das Wasser trinken kann, sind wir uns noch unsicher, da die Bauern hier noch immer gerne und viel mit Jauche und Spritzmitteln um sich werfen. In drei Tagen wird Shania erneut zu uns stoßen und uns dann wieder für rund 2 Wochen begleiten. Es wird wieder eine ereignisreiche Zeit werden, in der unter anderem Mein Rücken-Tattoo ansteht, das von Shania gestochen werden soll. Wie wir das hier mit unserer aktuellen Übernachtungssituation machen wollen ist uns allerdings noch immer ein Rätsel. Wenn es rein um einen Schlafplatz geht, sind die Kirchen hier eine super Lösung, aber sie bieten natürlich keinerlei privatsphäre. Jede Sekunde kann jemand hereinstürmen und das teilweise noch um 23:00Uhr nachts. Es wird also etwas komisch aussehen, dann einen halb nackten Mönch dort sitzen zu sehen, der gerade von Hand ein indianisches Tattoo auf den Rücken gestochen bekommt. Selbst in Ruhe waschen oder Pinkeln ist hier ja bereits kaum möglich, wie soll dann erst das klappen? Das einzige, was ich mir da momentan vorstellen kann sind die kleinen Nebenräumchen, die es hin und wieder gibt und in die man sich zurückziehen kann, wenn Heiko im Notfall hereinplatzende Besucher im vorderen Bereich aufhält. Entspannt klingt das aber auch noch nicht. Am besten wären natürlich Klöster, Gemeindesäle oder Pensionen, in denen man seinen eigenen Raum für sich hat und weiß, dass man nicht gestört werden kann. Auffällig ist gerade auch wieder, wie sehr wir vor Shanias Ankunft erneut beeinflusst werden. Der Gegenspieler läuft wieder einmal auf Hochtouren und führt uns nun schon einmal alle Ängste vor Augen, die irgendwo in uns schlummern. Jetzt wo es akut wird, bekommen wir beispielsweise kaum noch ausreichend Nahrung, obwohl die Menschen an sich nett und hilfsbereit sind. Sie glauben nur, dass zwei hungrige Wanderer mit je einer halben Kartoffel und einem schlabbrigen Toast durchkommen. Man versteht jedenfalls langsam, warum alle Welt über das englische Essen lästert. Es ist tatsächlich das schlechteste und ungesündeste, das wir auf der ganzen Reise bekommen haben. Und wie gesagt, nicht weil die Menschen hier nichts geben wollen, sondern weil dies hier der Standard ist. Zumindest im Moment. Bis vor ein paar Tagen war es nicht einmal nötig, überhaupt irgendwo zu fragen, weil wir vollkommen versorgt wurden, sobald jemand erfuhr, dass wir da waren. Das Essen war da zwar ebenfalls überwiegend ungesund und nur selten wirklich schmackhaft, aber es war immerhin ausreichend um satt zu werden. Jetzt wo unser Besuch quasi vor der Tür steht, schwellen alle Themen, die jeder von uns hat noch einmal zur Höchstform auf. Bei mir ist es das verrinnen der Zeit und bei Heiko der permanente Lärm, der sich um ihn herum zu versammeln schien. Gestern und vorgestern hatten wir Schlafplätze, die komplett außerhalb des Dorfes am Waldrand lagen und trotzdem gab es keinen Moment Ruhe. Ob es nun Fluglärm war, Lüftungsanlagen von benachbarten Farmen, Rasenmäher, die mitten durch die Kirche gezogen wurden um dann das Friedhofsgrün zu mähen, Tontaubenschützen, die so wild in der Gegend herum ballern, dass hin und wieder die Schrotkugeln auf die Dächer der Wohnhäuser prasseln oder Rennwagen, die bis um 21:00 Uhr irgendwo ein Rennen fahren, obwohl es hier nicht einmal eine Rennstrecke gibt. All dies zeigt noch einmal, dass wieder ein wichtiger Schritt ansteht. Bleibt nur zu hoffen, dass dieser geballte Gegenwind etwas nachlässt, wenn Shania kommt.
 
Spruch des Tages: Da ist sie wieder, die Magie!
Höhenmeter: 370 m
Tagesetappe: 38 km
Gesamtstrecke: 23.147,27 km
Wetter: Sturm und Sonnenschein
Etappenziel: Kirche, Boreland, Schotland

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Zuletzt aktualisiert am 2017-11-09 09:45:46


Tag 1262: Selbstkontrolle lernen

Irgendjemand kontrolliert uns ohnehin, da ist es d

Heute habe ich einen weiteren wichtigen Punkt kennengelernt, der mich davon abhält, zu lernen, zu wachsen, zu erschaffen und hilfreich zu sein. eigentlich also ein Punkt, der mich von allem abhält: Meine fehlende Selbstkontrolle. Externe und interne Kontrolle Was ich nun an mir selbst beobachten konnte war, dass es zwei Arten von Kontrollmechanismen gibt. Die eine ist eine interne, und die andere eine externe. Die Interne besteht darin, dass man selbst bestimmte Ziele im Leben sowie einen gewissen anspruch an sich hat, nachdem man selbst seine Handlungen einschätzt. In der Natur ist das ganz einfach: Stell dich nicht dumm beim Jagen an, dann musst du auch nicht hungern. Wenn du zu blöd bist, gibts halt nichts zu futtern. Ziel: Satt werden. Anspruch: gute, nahrhafte Beute mit wenig Energieaufwand finden. Kontrolle: Satt oder nicht satt. Bei uns Menschen ist es natürlich etwas komplexer. Externe Kontrolle bedeutet, dass jemand anderes unsere Ziele vorgibt, einen bestimmten Anspruch an uns hat und uns danach beurteilt. In den meisten Fällen haben wir eine Mischung aus beidem, doch es kommt auch vor (wie bei mir) dass man nahezu keine innere Kontrolle hat und rein nach der äußeren lebt. Bei mir war es so, dass ich stets gemacht habe, was meine Mutter von mir wollte. Der zentrale Glaubenssatz dahinter war und ist: Ich darf keinerlei äußere Entscheidungen treffen sondern nur in mir selbst, weil jede Fehlentscheidung bedeutet, dass ich nicht mehr geliebt werde. Meine Strategie war und ist also: Reagiere automatisiert auf jeden Befehl von außen, nimm selbst am besten nichts wahr, was dich irritieren oder davon wegbringen könnte und funktioniere wie ein Robotter. Da dies aber keine Lösung war und innere Entscheidungen möglich sind, entschied ich mich dazu, alles im Außen zu blockieren und meine Mutter zu sabotieren wo es nur ging. Die Idee: Eines Tages wird sie mich verstoßen und dann bin ich endlich frei. Sobald ich also mal nicht kontrolliert wurde, rebellierte ich gegen alles und machte am besten gar nichts mehr. Genau das ist nun mein Problem: Jetzt bin ich frei und laufe wie ein gestörter Hund im Kreis meinem eigenen Schwanz hinterher, weil ich permanent auf eine Kontrolle von außen warte, die es nicht mehr gibt. Wenn ich also irgendwie wieder in eine Produktivität kommen und aufhören will, mir selbst und allen anderen um mich herum permanent zu schaden, dann muss ich nun lernen, mich selbst zu kontrollieren. Die Frage ist nur: Wie stelle ich das an? Aufmerksam werden und wahrnehmen, was da ist Das erste Problem ist, dass ich mir ja nicht einmal bewusst darüber bin, was ich mache oder nicht. Ich schaue mich selbst nicht einmal an und ich schaue mich auch nicht um. Ich habe so eine Angst davor, zu erkennen, dass ich vielleicht einen Fehler machen könnte (Fehler = nicht mehr geliebt werden), dass ich bewusst alles um mich herum ausblende. Darum vielleicht auch die Kurzsichtigkeit. Wenn ich aber nicht weiß, was ich mache, kann ich auch nichts lernen. Ich sehe ja nicht, was funktioniert und was nicht und somit erkenne ich auch keine Fehler. Stattdessen aber gebe ich mir selbst das diffuse Gefühl, alles falsch zu machen. Fehler sind kein Weltuntergang Der zweite Schritt besteht darin, mir selbst einzugestehen, dass ich dumm, unproduktiv und voller Fehler bin. Ob ich sie nun sehen will oder nicht, sie sind da. Und trotzdem bin ich noch hier. Dummheit und Nichtwissen bedeutet ja nur, dass hier ein Vakuum ist, das Wissen anziehen kann. Es ist wie ein leeres Gefäß, das bereit ist, gefüllt zu werden. Ich aber halte ständig meine Hand drauf und tue so, als wäre es schon voll. Das ist eher wenig hilfreich. Keine Fehler machen zu wollen führt dazu, dass ich gar nichts mache und das wiederum führt zu nichts. Einen Fehler zu machen und zu erkennen bedeutet auch, daraus lernen zu können. Das aber bedeutet, man muss bereit sein die Konsequenzen zu tragen und davor hab ich dann schon wieder Angst. Dies ist wohl der erste große Punkt, den es zu knacken gilt: Warum ist diese Angst da? Was braucht sie um gehen zu können? Absicht setzen Das ist wohl der Punkt in dem ich am schlechtesten bin. Ich bekomme eine Aufgabe und renne los, ohne mir Gedanken zu machen, was ich eigentlich will. Worauf will ich hinaus? Was möchte ich erreichen? Die Fragen stelle ich mir nie! Ich tue einfach, weil ich glaube dass es jetzt dran ist, das zu tun was ich tue. Und wenn irgendetwas anderes dazwischen kommt, das wichtiger erscheint, werfe ich das alte weg. Ein typisches Verhalten für Kleinkinder, fällt mir gerade auf. Visualisieren Um einen wirklich klaren Fokus zu bekommen und um etwas lebendig werden zu lassen braucht man ein geistiges Bild davon, das man dann beschreiben kann. Ohne dieses Blid bleibt alles Weitere ein totes, leeres Konstrukt. Doch genaus das fehlt mir. Ich habe meist ein abstruses Gedankenkonstrukt im Kopf oder ich hangle mich an den Gedanken anderer entlang. Doch ein eigenes lebendiges Bild in mir habe ich selten. Es fehlt das Gefühl. Ich nehme mir nicht die Zeit, mich in das Thema einzufühlen, mich in andere Perspektiven zu versetzen, mich zu fragen, was gerade gebraucht wird. Wenn ich einen Impuls oder eine Aufgabe bekomme, dann handle ich sofort, ohne mir die Zeit zu nehmen, um mich einen Moment zurück zu lehnen und erst einmal alles in Ruhe zu betrachten. Dadurch fehlt mir der Überblick, so dass ich keine Zusammenhänge erkennen kann. Und es fehlt die Lebendigkeit, die Klarheit, der logische Aufbau. Heute zum beispiel beim Auftreiben eines Schlafplatzes. Der Startschuss fiel, also bin ich sofort los gelaufen um die Beute im Sinne der Elaubnis für die Nutzung der Kirche zu schlagen. Hätte ich mir einen Moment Zeit genommen, um alles auf mich wirken zu lassen, hätte ich bemerkt, dass die Telefonnummern der Kirchenverwalter auf einem Infobrett am Eingangstor standen. Und ich hätte mich daran erinnert, dass wir die Pastorin kurz zuvor im Auto an uns vorbeifahren gesehen hatten, was hieß, dass sie definitiv nicht zuhause war. Ich hätte außerdem ihre Nummer und die Nummer der Sekretärin auf einem weiteren Bord entdeckt. So aber rannte ich erst 200m in die Eine Richtung um nach Adressen zu fragen, dann 500 in die andere zum Haus der Pastorin, wo mir bewusst wurde, dass sie ja nicht da sein konnte. Dann wieder zurück zum Haus eines Verwalters und erst dann wählte ich die Nummern, um festzustellen, dass niemand da war. Erst nach weiterer Überlegungs- und Wartezeit kam ich auf die Idee, die Sekretärin anzurufen, die mir berichtete, dass heute Nachmittag Messe in dieser Kirche ist, was bedeutete, dass wir hier ohnehin nicht bleiben wollten. Durch das Übereillte brauchte ich also gut eineinhalb Stunden für etwas, das ich auch in 3 Minuten hätte herausfinden können. Hätte ich mich hingegen zurückgelegt und mir kurz einige Fragen gestellt, die vor meinem geistigen Auge lebendig werden durften, hätte ich alle Informationen sofort zusammen gehabt. Das Projekt entstehen lassen Ich habe meist das Gefühl, dass ich von Anfang an zu 100% wissen mus, wohin mich etwas führen soll. Hier ist wieder die Angst vor den Fehlern aktiv. Wenn ich mich verlaufe, mag man mich nicht mehr und ich muss sterben. Also brauche ich von Anfang an ein 100%iges, hieb und stichfestes Konzept, das ich ja aber nicht haben kann, da ich mir weder die Zeit zum Beobachten noch zum Visualisieren nehme. Der Erfolg ist, dass ich erst einmal einen Blackout bekomme, gar nicht weiß, wie ich etwas angehen soll und dann aus einem Zeitmangelgefühl heraus einfach irgendetwas mache. Aber ein Projekt darf sich entwickeln. Und das geht am besten, wenn man sich einen Moment zeit nimmt, um zu sammeln, wo man gerade steht. Was weiß ich bereits? Wo finde ich Informationen? Was ist wirklich wichtig? Was kann ich beobachten? Welche Rückschlüsse kann ich Ziehen? Was wird benötigt? Es ist wie bei der Spurensuche: Am Anfang steht man ahnungslos im Wald und hat keine Ahnung welche Tiere einen umgeben und wohin sie wollten. Dann sieht man ein Zeichen, und hangelt sich von dort zum nächsten, bis man schließlich beim Bau des Tieres ist oder sogar direkt vor ihm steht. Regelmäßige Selbstkontrolle Wenn es dann an den eigentlichen Arbeitsprozess geht, braucht es natürlich eine regelmäßige Kontrolle, um herauszufinden, wo man gerade steht, ob man sich verlaufen oder verfranzt hat oder ob man planmäßig aufs Zielgebiet zusteuert. Diese Kontrollen müssen so stattfinden, dass sie einem auf der einen Seite nicht zu viel Zeit kosten und einene aus dem Fluss bringen, man auf der anderen Seite aber auch nicht zu weit abkommt ohne es zu merken. Wie groß die Abstände sind kann sich dabei von Aufgabe zu Aufgabe sehr stark unterscheiden. Bei Alltagsaufgaben sind es bei mir z.B. 60 Sekunden, bei Artikeln eine Stunde und bei Tagesberichten einmal Wöchentlich. Klare, unmittelbare und spürbare Konsequenzen Meine größte Schwäche. Kontrollieren bringt natürlich nur dann etwas, wenn man daraus auch eine Konsequenz zieht. Bislang habe ich es so gehalten, dass zwar überprüft habe, wie weit ich mit einer Aufgabe in einer bestimmten Zeit bin, mit dieser Information aber nichts angefangen habe. “Oh, ich habe doppelt so lange für den Tagesbericht gebraucht, wie ich mir vorgenommen habe.” Das war meine ganze Reaktion. Wo soll also in mir die Absicht aufkommen, hier etwas zu verändern? Die Konsequenz kommt dann aber natürlich kurze Zeit später, wenn mir die Zeit davon läuft und ich merke, dass ich einfach nicht hinter her komme. Es muss also eine konkrete, sofortige Strafe geben, für jede Nichteinhaltung und natürlich auch eine Belohnung, wenn man sein Ziel erreicht hat. Irgendetwas auf das man sich freuen kann und das enen motiviert. Erfolge Feiern Und schließlich müssen Erfolge natürlich gefeiert werden, denn sonst weiß man ja gar nicht, warum man überhaupt irgendetwas macht. Doch hierfür nehme ich mir auch schon wieder nicht die Zeit. Eine Aufgabe erledigt zu haben bedeutet nur, dass 10 weitere in der Schlange stehen und erledigt werden wollen. Das ist natürlich deprimierend und führt definitiv nicht dazu, dass man Zielstrebig und Effektiv wird. Damit etwas entstehen kann, muss man es auch genießen, wenn es fertig ist und man muss wissen, dass man es genießen wird, sobald es fertig ist. Nur dann kann auch eine Begeisterung für die Arbeit selbst aufkommen. Wichtig dabei ist natürlich die Frage, was überhaupt Begeisterung in einem auslöst. Gerade ist mir das ebenfalls nicht klar und will beantwortet werden. Was ist wirklich mein Ding? Was gibt mir Kraft? Was beflügelt mich?
 
Spruch des Tages: Irgendjemand kontrolliert uns ohnehin, da ist es doch am besten, wenn wir es selber tun.
Höhenmeter: 60 m
Tagesetappe: 27 km
Gesamtstrecke: 23.109,27 km
Wetter: bewölkt
Etappenziel: Village-Hall, Brydekirk, Schottland

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Zuletzt aktualisiert am 2017-11-09 09:44:45


Tag 1261: Ein neues Paket aus der Heimat

Pakettage sind schon immer besondere Tage.

19.06.2017 Heute bekamen wir wieder einmal ein Paket aus der Heimat. Es wartete in Appleby auf uns, einer kleinen Stadt, die vor allem aufgrund der Zigeunerfestivals berühmt geworden ist, die hier Jährlich stattfinden. Von überall auf der Welt reisen dann Nomaden mit ihren Pferdewagen an um ein Wochenende lang in der Stadt zu feiern und Märkte zu veranstalten. Wie das genau aussieht kann ich euch leider nicht verraten, denn das Festival fand genau eine Woche vor unserer Ankunft statt und wir bekamen nichts mehr davon mit. Ohne Zigeuner war Appleby eine normale englische Stadt, wie jede andere auch, angefangen bei der zentralen Hauptstraße an der alle Läden lagen bis hin zu den kleinen Wohnsiedlungen, mit immer gleichen Häusern. Die Paketentgegenname verlief reibungslos und da wir nicht vor hatten, hier in der Stadt zu bleiben suchten wir uns einen bekannten und gewohnten Platz für unsere Umräumaktion: Den Friedhof. Schon seltsam, was man nach einiger Zeit alles als normal ansieht. Es dauerte nicht lange und der Inhalt des Paketes und unserer Wagen lag munter und bund zwischen den Grabsteinen verstreut. Heikos Eltern hatten uns wieder einmal mit einigen Nahrungsvorräten versorgt, aufgrund der hohen Gefahr des Verderbens dieses Mal jedoch ohne die beliebten bayrischen Gerichte. Dafür gab es Chips, Nüsschen und ein kleines Tonfässchen mit Griebenschmalz, das unsere englischen Brotvorräte unverhältnismäßig stark aufwertete. Außer dem Essen waren natürlich auch wieder einige Ausrüstungsgegenstände dabei, für die wir uns noch einmal ganz herzlich bei unseren Sponsoren bedanken möchten. Zunächst haben wir nun neue Schuhe von Merrell, die sich gleich von Beginn an als sehr Bequem herausgestellt haben. Passend dazu gab es natürlich auch wieder die bewährten VIVASport Einlagen von pedag, auf die wir unter keinen Umständen mehr verzichten wollen, egal, was für Schuhe wir auch bekommen. Und auch die Falke-Socken dürfen natürlich nicht fehlen. Von unten nach oben wurden wird dann praktisch einmal komplett neu eingekleidet. Für Heiko gab es eine neue lange Hose, eine kurze Hose, neue T-Shirts, ein neues Hemd und eine neue Weste von Astri. Für mich gab es eine neue Robe, dieses Mal im typischen Franziskanerbraun. Aber auch unsere Wagen wurden neu eingekleidet, denn von Ortlieb bekamen wir wieder neue Taschen und Packsäcke, die unser Material nun wieder sicher und wasserdicht einhüllen. Ausgerüstet mit dem neuen Equipment wurde es nun Zeit, die Winterkleidung wieder auf die Heimreise zu schicken. Es wurde kein großes Paket und es wog keine 4kg, und doch mussten wir umgerechnet über 40€ dafür bezahlen. Ihr könnt euch sicher vorstellen, wie sehr uns das schockiert hat, als wir den Preis hörten. Hätte Heiko nicht noch drei Mal nachgehagt, wären es sogar weit über 50€ gewesen. Das ist mehr als wir in Italien für unsere großen Pakete bezahlt haben und die waren sogar versichert. Was ist an diesen Paketen eigentlich immer so teuer? Raus aus dem Ort mussten wir zunächst der Hauptstraße folgen und kamen dann durch zwei kleine Ortschaften, um unser Lager schließlich wie immer in einer Kirche aufzubauen.
 
Spruch des Tages: Pakettage sind schon immer besondere Tage.
Höhenmeter: 120 m
Tagesetappe: 18 km
Gesamtstrecke: 23.038,27 km
Wetter: bewölkt und schwül-warm
Etappenziel: Gemeindesaal, Crosby on Eden, England

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Zuletzt aktualisiert am 2017-11-09 09:44:44


Tag 1260: Golf-Weltrekord

Hört niemals auf, eure Träume in die Tat umzusetze

18.06.2017 Vor rund drei Jahren haben wir in Frankreich an der Mittelmeerküste einen jungen Mann namend Ron aus Kapstadt kennen gelernt, der gerade dabei war eine mehrjährige Fahrradtour zu machen. Er hatte sich selbst den ironischen Namen „Fat Kid on a Bike“ (Dickes Kind auf nem Rad) gegeben und war auch sonst ein lustiger und fröhlicher Zeitgenosse. Als wir ihn damals trafen hatte er gerade Afrika hinter sich gelassen und war nun auf dem Weg kreuz und Quer durch Europa. Sein Kommentar dazu: „Nach über einem Jahr Radtour in ganz Afrika musste ich mir in Europa zum ersten Mal ein Schloss besorgen! Mann habt ihr das hier gefährlich!“ Das längste Loch Vor einem Jahr nun hat er seine Reise beendet und seitdem haben wir nichts mehr von ihm gehört. Bis wir heute eine Mail von ihm bekamen, in dem er uns sein neues Projekt vorstellte. Ein Projekt, das auf seine abstruse Art so cool ist, dass wir es euch auf jeden Fall teilen wollen. Es trägt den titel „The longest Hole“ und hat nicht das geringste mit Sex zu tun, auch wenn man das vielleicht erst einmal meinen könnte. Gemeinsam mit einem alten Kumpel macht er sich auf eine Reise einmal quer durch die Mongolei. Das coole dabei ist jedoch, dass es sich bei dieser Reise nicht um eine Wanderung, sondern um eine ungewöhnlich lange Partie Cross-Golf handelt. Sie starten am Fuße eines Gebirges und legen dann knapp 2000km zurück, um die längste Golf-Partie zu spielen, die je in einem Stück gespielt wurde. Dabei halten sie sich exakt an die üblichen Golfregeln: Abgeschlagen wird beim ersten Mal von einem Tee und dann wird immer von exakt dem Punkt aus weiter gespielt, wo der Ball liegen geblieben ist. Wo immer das auch sein mag. Der Ball selbst ist dabei mit einem GPS-Tracker ausgestattet. Zum einen, damit ihn die beiden Spieler im Notfall wieder finden können und zum anderen, damit alle Fans live im Internet nachverfolgen können, wo sich der Ball gerade befindet. Am Ende wollen die beiden dann den einzigen Golfplatz der Mongolei erreichen und den Ball hier ganz ordentlich vom Grün aus ins Loch patten. Golf around the World Wir haben uns gleich einmal ein paar Gedanken dazu gemacht, wie eine solche Aktion hier bei uns in England wohl aussehen würde und kamen sofort zu dem Schluss, dass es definitiv unmöglich wäre. Es sei denn natürlich, man schlägt jeden Ball nur etwa 10 Meter weit, aber das ist ja nicht Sinn der Sache. Ron und sein Kumpel haben sich (wie beim Golfen üblich) eine festgelegte Anzahl an Schlägen gegeben, die man für dieses Loch brauchen darf vorgegeben. Die Mongolei scheint einem Golfplatz insgesamt etwas näher zu kommen als England, da es dort viele weite Steppen und Ebenen gibt, auf denen man wahrscheinlich recht gut spielen kann. Aber nichts desto trotz ist es eine gigantische Herausforderung, die sich die beiden dort gestellt haben. Denn ihr Weg aufs Grün führt sie zunächst über ein Gebirge, in dem sie winterlichen Minusgraden trotzen müssen und wenig später durch einen Teil der Wüste Gobi. Ron, der selbst – wenn wir es richtig verstanden haben – keinerlei Golferfahrung besitzt und sich auch nie hätte träumen lassen, einmal einen Golf-Weltrekord, übernimmt bei der ganzen Aktion dabei die Aufgabe des Caddies, während sein Kumpel für das Golfen verantwortlich ist. Ihr Material transportieren sie dabei ähnlich wie wir auf einem Wagen und damit es thematisch passt ist es in ihrem Fall natürlich ein Golfwägelchen. Selbst ein Teil der Legende werden Abgesehen von der unorthodoxen Golf-Partie selbst haben die beiden auch noch einige andere coole Ideen, mit denen sie ihr Projekt abrunden. Eine davon ist, dass man als Fan oder Leser Golfbälle kaufen kann, die die beiden dann mit auf ihre Reise nehmen. Eine solche Golf-Partie wird natürlich nie nur mit einem Ball gespielt, sondern immer mit mehreren. Jeder der gekauften Bälle bekommt dann eine eigene Nummer und einen eigenen GPS-Sender, so dass jeder Spender sofort per SMS oder Mail informiert wird, wenn sein Ball gerade im Rennen ist. Obwohl die beiden vollkommen alleine durch die endlose Weite der Mongolei wandern, hat man so die Möglichkeit zumindest in gewisser Weise trotzdem mit dabei zu sein. Golfen für einen guten Zweck Abgesehen von dem Spaßfaktor für die beiden Abenteurer und der Tatsache, dass sie sich damit zu Legenden in der Golfgeschichte machen, dient ihre Aktion auch einem guten Zweck. Denn mit den Erlösen aus Spenden und Ballverkäufen, werden verschiedene soziale Projekte unterstützt, darunter eine Organisation, die verschiedene Sportarten nutzt, um traumatisierten oder anderweitig leidenden Kindern wieder zurück ins Leben zu verhelfen. Alle Infos über den Golf-Weltrekord Wenn ihr mehr über das Projekt und seinen Verlauf erfahren wollt, findet ihr alle Informationen auf der Webseite www.the-longest-hole.com. Hier gibt es auch die Liveberichte, den aktuellen Stand (oder besser die aktuelle Lage) des Balls und ein Video zum Golf-Weltrekord.
 
Spruch des Tages: Hört niemals auf, eure Träume in die Tat umzusetzen, egal wie verrückt sie auch erscheinen mögen.
Höhenmeter: 60 m
Tagesetappe: 22 km
Gesamtstrecke: 23.082,27 km
Wetter: bewölkt später regen
Etappenziel: Methodisten-Kirche, Longtown, England

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Zuletzt aktualisiert am 2017-11-09 09:42:59


Tag 1257: Schweigeretreat

Nicht zu reden kann auch schon eine lebensveränder

15.06.2017 Langsam lassen wir die dicht besiedelte Gegend des englischen Ruhrgebiets wieder hinter uns. Gestern mussten wir uns noch mit einigen Autobahnen und Schnellstraßen herumschlagen, aber heute wanderten wir bereits ausschließlich durch eine weite, einsame Hügellandschaft. Der Pfarrer, der uns gestern in seiner Kirche beherbergt hatte, berichtete uns zum Abschied noch von einer eigenen Erfahrung die er bei einem Schweigeretreat in einem Franziskanerkloster gemacht hatte. Schweigeretreat im Franziskanerkloster Während des Wochenendes, das er in diesem Kloster verbrachte, gab es pro Tag lediglich eine Stunde, an der gesprochen werden durfte. Den Rest der Zeit verbrachten Mönche wie Gäste in stillem Gebet und Meditation. Dabei ging es vor allem darum, sich zu fokussieren und die eigene Aufmerksamkeit zu stärken. Auch die Stunde Redezeit war ein Teil dieser Übung, denn sie führte dazu, dass man sich sehr klar darüber werden musste, was es wert war, ausgesprochen zu werden und was nicht. Jeden Tag bekamen die Teilnehmer von einem der Mönche ein Bild von Jesus gezeigt, dass sie schweigend betrachten und auf sich wirken lassen sollten. Fokus und Aufmerksamkeit Am Ende des Schweigeretreats zeigte er ihnen das Bild noch einmal und fragte, ob ihnen daran etwas besonderes auffiele. „Wo erkennt ihr in diesem Bild die Symbole der Dreifaltigkeit?“ fragte der Mönch und erntete dafür erneutes Schweigen. Erst als er „Bauch“ sagte erkannten die anderen, dass sich die Symbole klar und deutlich in den Bauchmuskeln von Jesus abzeichneten. Doch obwohl alle Teilnehmer die Symboliken kannten und mit dem christlichen Glauben eng vertraut waren, hatten sie diesen Teil des Bildes drei Tage lang nicht bemerkt. Ähnlich verhielt es sich mit einem Seltsam geformten Stock, der immer neben dem Stuhl des Mönches gestanden hatte. Jeden Tag hatten sie ihn angesehen und sich über seine ungewöhnliche Form gefreut, ohne sich dabei jedoch etwas zu denken. Als der Mönch den Stab nun aufhob und vor das Kreuz an der Wand hielt, bemerkten sie, dass der Stock in seiner natürlichen Form in der Gestalt eines Mannes gewachsen war. Vor dem Kreuz gab er nun eine perfekt geformte Jesusfigur ab. Es ist schon erstaunlich, was uns alles nicht auffällt, obwohl wir es genau beobachten. Eine lebensverändernde Erfahrung Für den Pfarrer waren diese drei Tage in Stille eine der wichtigsten Erfahrungen seines Lebens. Als er zurück nach hause kam, sah ihm seine Frau bereits an, dass er sich verändert hatte. „Es hat dir gut gefallen, oder?“ fragte sie und bekam eine begeisterte Zustimmung als Antwort. „Du hättest eigentlich nicht zurück gewollt, oder?“ fragte sie weiter und wurde ebenfalls wieder bestätigt. Auch jetzt, einige Jahre später, als uns der Mann von dieser Erfahrung erzählte spürte man noch deutlich, dass er sich dorthin zurück sehnte. Es reichte wirklich eine kurze Erfahrung von drei Tagen Stille, um so viel in einem Menschen anzustoßen, dass er danach am liebsten sein ganzes Leben umkrempeln und sogar seine Familie verlassen würde. Konkurenz unter Pfarrern Um uns den Tag etwas zu erleichtern versprach der Pfarrer, bei seiner Kollegin in unserem Zielort anzurufen und ihr von uns zu erzählen. Als wir einige Stunden später in der Kirche eintrafen, stießen wir auf zwei Einheimische, die gerade dabei waren, sauber zu machen. Sie versuchten die Pfarrerin anzurufen, konnten aber zunächst niemanden erreichen. Also gaben sie dem Kirchenverwalter und dem Schlüsselmeister Bescheid und sprachen der Pfarrerin auf Band. Bis um 18:30 Uhr blieb die gute Dame unerreichbar. Dann stürmte sie wutentbrannt in die Kirche und funkelte uns mit zornigen Augen an, als hätten wir ihren Hund getötet und an ihrem Gartenzaun aufgehängt. „Was ist hier los und was macht ihr in meiner Kirche!?“ schnauzte sie los, ohne sich vorzustellen. Sie habe eine dreiste Nachricht von einem Kollegen bekommen, dass hier zwei Obdachlose in ihren heiligen Hallen schlafen würden, ohne dass man sie um Erlaubnis gefragt hatte. Es kostete uns einige Mühe, ruhig zu bleiben und ihr nicht offen unsere Meinung über diese Art des Empfanges zu sagen. Es war schon eine sehr unverschämte Art, sich als Pfarrer den ganzen tag verleumden zu lassen, nicht ans Telefon zu gehen, nicht zurück zu rufen und weder auf Mails noch auf SMS oder Mailboxnachrichten zu reagieren und dann am Abend mit Beschimpfungen um sich zu werfen, obwohl man nicht einmal weiß, um was es geht. Doch es hätte natürlich nicht geholfen, wenn wir mit dem gleichen Zorn reagiert hätten. So ruhig wie möglich begannen wir noch einmal ganz von vorne und erklärten ihr wer wir waren und wie unser Tag verlaufen war. Mit der Zeit beruhigte sie sich etwas und es wurde klar, dass ihre Wut nicht das geringste mit uns zu tun hatte. Es ging nicht darum, dass sie etwas dagegen hatte, dass wir hier übernachteten. Es ging darum, dass sie sich in der Gemeinde nicht anerkannt fühlte. Der Pfarrer von gestern war früher für diese Gemeinde zuständig gewesen und war hier noch immer sehr bekannt und beliebt. Dass er sich für uns eingesetzt hatte bedeutete, dass jeder im Kirchenvorstand auf ihn hören würde, egal wie die Pfarrerin dazu stand. Und das war es, was sie störte, die Tatsache, dass nicht sie es gewesen war, die zugesagt hatte, sondern ihr Konkurrent aus dem Nachbarort und das auch noch über ihren Kopf hinweg.
 
Spruch des Tages: Nicht zu reden kann auch schon eine lebensverändernde Erfahrung sein
Höhenmeter: 160 m
Tagesetappe: 18 km
Gesamtstrecke: 22.991,27 km
Wetter: Sonnenschein
Etappenziel: Kirche, Milburn, England

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Zuletzt aktualisiert am 2017-10-19 14:03:50


Tag 1256: Fastfood – Die traditionelle Küche Britanniens

Mit realen Erfahrungen lernt man mehr

14.06.20117 Während meines Studiums vor rund 10 Jahren wurde uns im Rahmen einer Vorlesung die Frage gestellt, ob die Essenskultur in Europa eines Tages vollkommen durch Fastfood zerstört und abgelöst wird. Damals konnte ich es mir nicht so richtig vorstellen, aber wenn man sich nun die Esskultur hier in England anschaut, dann muss man tatsächlich sagen, dass wir nicht mehr weit davon entfernt sind. Es gibt hier fast nichts mehr, das nicht „Instand“, „Fast“ oder „Microwave“-Tauglich ist. Heute morgen hatten wir sogar ein Instand Müsli. Es unterscheidet sich natürlich nicht großartig von einem normalen Müsli, da es ja eh schon Instand-Nahrung ist, aber man hat es trotzdem geschafft, auch hier noch einen Schritt weiter zu gehen. Der Inhalt bestand aus gewöhnlichen Haferflocken, die jedoch nicht einfach in ihrer Pappschachtel liegen durften, sondern noch einmal extra in kleine, handliche Tüten verpackt waren. Ein ziemlich geschicktes Konzept, denn dadurch konnte man sich als Hersteller bei gleicher Verpackungsgröße rund zwei Drittel des Inhalts sparen. Auf jeder Verpackung stand dann eine kleine Anleitung, wie man mit dem Beutelinhalt in wenigen Sekunden das „perfekte Porrage“ machen konnte: „Einfach den Beutelinhalt in eine Tasse gießen, dann den Beutel als Messbecher für die Milch verwenden, indem man ihn bis zur gestrichelten Markierung füllt. Am Ende alles für zwei Minuten in die Mikrowelle und schon ist es fertig, das reiche, gesunde Frühstück mit der Extraportion Power für den Tag“ Mikrowelle als Herdersatz Wie sehr Mikrowellen in den Alltag der Menschen Einzug gehalten haben hätte ich nie für Möglich gehalten. Von früher kenne ich Mikrowellen eigentlich nur, um bereits gekochte Nahrung kurz aufzuwärmen und selbst das ist bei uns verpönt, weil es sämtliche Energiereserven aus den Lebensmitteln entfernt. Wenn man Pflanzen ausschließlich mit Wasser gießt, das man zuvor in der Mikrowelle erwärmt hat und dann wieder abkühlen lässt, gehen diese an Energiemangel ein. Und wir glauben nun, dass die Mikrowelle eine der besten Errungenschaften für unsere Küche ist? Ich hätte nicht gedacht dass wir in Deutschland in dieser Hinsicht so weit vorne liegen. Klar wird die Mikrowelle auch bei uns immer häufiger verwendet, aber es ist trotzdem nicht üblich, sein ganzes Essen darin zuzubereiten. Hier hat der Strahlungskocher fast den Herd ersetzt. Bei etwa 90% der privaten Essenseinladungen, die wir hier angenommen haben, bekamen wir Speisen, die in der Mikrowelle zubereitet waren. Nahezu jedes Essen, das wir in Restaurants bekamen, wurde mit Fertigsaucen zubereitet, und das obwohl es teilweise wirklich noble und teure Lokalitäten waren. Noch auffälliger ist es jedoch bei den Nebenzutaten für Zwischendurch. Dass es in diesem Land kein Brot sondern nur schlabbrigen Tüten-Toast gibt ist ja bekannt. Nicht erwartet hätte ich jedoch, dass es zwar in jedem Haushalt einen Toaster gibt, dass dieser aber nahezu keine Verwendung findet. Selbst wenn man den Toast eingefroren hat, lässt man ihn in der Regel langsam auftauen und isst ihn dann wieder in gewohnter Waschlappen-Konsistenz. Unsterbliche Lebensmittel Was man den Engländern aber lassen muss ist, dass sie es verstehen, Lebensmittel unendlich haltbar zu machen. Vor zwei Tagen haben wir in einer Kirche eine Dose Fertigmilchreis gefunden, die jemand vor gut zwei Jahren für bedürftige Familien gespendet hatte. Wie allgemein üblich bei derartigen Nahrungsspenden landete auch diese natürlich nie auf dem Teller einer hungrigen Person, sondern blieb dort, wo sie hingelegt wurde. Wir nahmen sie vorsichtshalber einmal als Notreserve mit, was sich heute bezahlt machte, da wir ansonsten nahezu nichts auftreiben konnten. Erst jetzt fiel uns auf, dass das Haltbarkeitsdatum 02/2016 anzeigte. Trotzdem öffneten wir die Dose und probierten ein paar Löffel. Lecker war es natürlich nicht, aber das war auch schon bei der Herstellung nicht anders. Ansonsten aber schmeckte er noch immer ganz normal und zeigte keine Anzeichen seines Alters. Ähnliche Beobachtungen haben wir schon mehrfach mit Brötchen, Kuchen und anderen Tüten-Lebensmitteln gemacht, die sich als nicht allzu lecker erwiesen. Heiko hatte sie stets in unserer Essenstüte verstaut, für den Fall dass wir einmal eine Nahrungsknappheit hatten. Dann haben wir sie über Tage, teilweise sogar Wochen hinweg vergessen und irgendwann wieder gefunden. Als natürliche Lebensmittel hätten sie nun grün und blau vor Schimmel sein müssen, doch nichts dergleichen war der Fall. Sie waren nicht einmal trocken geworden sondern sahen noch immer genauso frisch aus wie am ersten Tag. Ich habe keine Ahnung was für Konservierungsmittel sie in diese Industrienahrung hineinstopfen, aber sie sorgt auf jeden Fall dafür, dass sie unsterblich wird. Ich würde mich sogar wetten trauen, dass die meisten dieser Lebensmittel nach drei oder vier Jahren noch immer genauso aussehen wie heute und dass man keinen Unterschied herausschmecken könnte. Langsam versteht man auch wieder, warum die Friedhofsgärtner so ein Problem mit unseren Leichen haben, die auch nach 30 oder 40 Jahren nicht verwesen wollen, weil jeder Wurm und selbst jeder Schimmelpilz einen großen Bogen um uns macht. Zucker als Hauptzutat Mindestens genauso abstrakt ist jedoch der Umgang mit Zucker in diesem Land. Wir dachten ja bereits, dass die Franzosen schlimm sind, was das anbelangt, aber verglichen mit den Menschen hier waren sie wirklich harmlos. Dabei geht es gar nicht mal so sehr um die Süßigkeiten, die man an allen Ecken und Enden nachgeworfen bekommt, sondern viel mehr um den Zucker, der sich in den ganz gewöhnlichen Lebensmitteln befindet. Frisches Gemüse bekommt man leider meist nur in geringen Mengen, weshalb wir oft Dosenfutter hinzu nehmen müssen. Besonders beliebt sind dabei die berühmten „Baked Beans“ die sich laut Verpackungsaufdruck in einer „delikaten und reichen Tomatensauce“ befinden. Wenn man nicht aufpasst und die Sauce beim Kochen unten etwas ansetzt, dann brennt sie nicht einfach fest, sie karamellisiert. Nach einigen Minuten lässt sich dann wirklich mit dem Löffel eine zähe, klebrige Masse vom Topfboden abkratzen, die aus fast reinem, geschmolzenen Zucker besteht. Ist das nicht vollkommen absurd? Marketing ist alles Am meisten aber fasziniert mich, wie die Lebensmittel hier für die Kunden präsentiert werden. Bei uns stehen ja auch oft kleine Werbesprüche auf de Verpackung, die das Lebensmittel besonders anpreisen sollen. Hier aber sind es jedes Mal wahre Liebesgedichte an das enthaltene Produkt. Eine Butter ist hier nicht einfach eine Butter, sondern ein „reiches und traumhaftes Geschmackserlebnis mit sanft cremiger Konsistens“. Chips sind nicht einfach Chips, sondern „unvergleichlich, chrunchig, knackige Knabbersnacks mit dem reichen Geschmack handerlesener Kartoffeln“. Am liebsten ist ihnen dabei die Beschreibung „Rich“ also „Reich“, da sie gut klingt und so schön nichtssagend ist. Je poetischer eine Beschreibung dabei klinkt, desto weiter ist der Inhalt in der Regel davon entfernt, wirklich Nahrung zu sein. Aber in einem Land, in dem niemand auch nur eine Tomate selbst anbaut, funktioniert diese Strategie ganz hervorragend. Ohne Konsequenz bleibt es jedoch nicht, denn im internationalen Vergleich muss man sagen dass die Engländer im Schnitt tatsächlich das ungesündeste Volk sind, das wir bislang kennengelernt haben.
 
Spruch des Tages: Mit realen Erfahrungen lernt man mehr
Höhenmeter: 320 m
Tagesetappe: 12 km
Gesamtstrecke: 22.973,27 km
Wetter: bewölkt und windig
Etappenziel: Kirche, Drybeck CA16 6TF, England

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Zuletzt aktualisiert am 2017-10-19 14:02:36


Tag 1253: Lernen aus den Filmen

Mit realen Erfahrungen lernt man mehr

Wir sind gestern noch auf ein anderes Thema gestoßen, das uns beschäftigt hat. Heiko kam darauf, weil er beim Wandern einen Brachvogel entdeckte, der sofort eine ganze Palette an Erinnerungen in ihm wach rief. Viele Jahre zuvor hatte er auf Island einige Tage damit verbracht, diesen Vogel zu verfolgen, ihn zu studieren und ihn vor die Linse seiner Kamera zu bekommen. Er hatte Stunden im Gebüsch gelegen oder auf Felsen gekauert, nur das Vertrauen des Vogels gewinnen zu können, damit er immer dichter an ihn heran durfte. Der Vogel, den wir heute sahen, verhielt sich vollkommen anders und er gehörte sogar einer anderen Unterart an. Dennoch erkannte Heiko ihn innerhalb von Sekundenbruchteilen. Er hatte die selben typischen Verhaltensgrundmuster wie sein Freund von damals und Heiko konnte förmlich fühlen, dass die beiden entfernte Verwandte waren. Diese Begegnung mit dem Brachvogel war damals ein Realerlebnis gewesen, also eine Situation, die Heiko wirklich mit vollem Bewusstsein erlebt und nicht nur in einem Verwirrungsflm gezeigt bekommen hatte. Jetzt, wo er sich an diese Situation von damals erinnerte, spürte er deutlich, wie unterschiedlich eine Realerinnerung und eine Filmerinnerung anfühlten. So ein intensives Gespür für etwas, konnte man mit einem Film niemals erhalten. Das brachte uns auf die Frage, wann und in wie fern man durch die Filme etwas lernen kann und wann nicht. Das Ergebnis war folgendes: Alles technisch mechanische, das man auch rein aufgrund eines theoretischen Wissens lernen kann, kann man auch mit Hilfe eines Filmes lernen. Der Film ist dabei ein bisschen wie ein You-Tube-Tutorial, bei dem man die nötigen Informationen gezeigt bekommt und das Gesehene dann aufgrund seiner Beobachtungen nachahmen kann. Heiko hatte einige solcher Situationen im handwerklichen Bereich, beispielsweise beim Bau eines Flippers oder ähnliches. Sobald es aber darum geht, ein Gefühl für etwas zu entwickeln, ist man mit den Trauminformationen aufgeschmissen. Sofort fiel Heiko eine Situation aus seinen Anfängen als Wildnisexperte ein. In den Filmen über sein Party-Leben hatte er einige Male als DJ gearbeitet und dabei „gelernt“ ein Mischpult zu benutzen. Wenn man davon ausgeht, dass diese Erfahrungen echt waren, hätte er sich mit Mischpulten eigentlich perfekt auskennen müssen. Einige Zeit später bereitete er dann einen Diavortrag über Island vor und wollte dort etwas Musik einblenden, die er mit dem Mischpult zusammenstellte. Es war eine sphärische, meditative Musik ohne komplexe Rhythmen und hätte daher bedeutend leichter sein müssen als alles was er zuvor gemacht hat. Trotzdem wollte es ums verrecken nicht klappen. Er stellte an dem Gerät herum, was das Zeug hielt, doch es wollte sich einfach nicht gut anhören. Damals verstand er die Welt nicht mehr und er konnte nicht glauben, warum er sich so plump dabei anstellte, obwohl es zuvor doch so einwandfrei funktioniert hatte. Jetzt wurde ihm klar, worin das Problem bestanden hatte. Er kannte durch die Filme zwar den technischen Ablauf, hatte aber nie ein Gefühl für das gerät entwickeln können, weil es ja real das erste Mal war, dass er davor stand. Das gleiche Problem ergibt sich auch in vielen anderen Bereichen. Bei Osteopathie zum Beispiel, wo man sich ja ebenfalls in den Patienten einfühlen muss. Ohne eine reale Erfahrung ist dies unmöglich. Genau wie die tiefe Verbindung mit dem Brachvogel. Um ihn wirklich kennen und verstehen zu lernen, muss man seine innere Medizin erkennen und das geht nur, wenn man den Kontakt wirklich erfährt. Andernfalls kann man lediglich ein theoretisches Wissen anhäufen, das einem aber keine echte Verbindung zu dem Tier ermöglicht. Ähnlich ist es auch in der Sexualität. Wenn man sie nur in den Filmen wahrgenommen hat, kann man nicht mehr tun, als sie rein von der technischen, mechanischen Seite her zu studieren. Man kann sich den groben Handlungsablauf merken und man kann erkennen, welche Bewegung mit hoher Wahrscheinlichkeit zu welchem Resultat führt. Doch es bleibt mechanisch. Mann kann kein Gefühl für den anderen entwickeln, nicht auf Feinheiten und Nuancen eingehen, nicht erkennen, welche Mikrogeste einem zeigt, das man weitergehen oder sich lieber zurücknehmen soll. Sex mit einem Filmpartner ist also nicht großartig anders, als sich einen Porno anzuschauen. Man bekommt Informationen, vielleicht sogar Inspirationen, lernt jedoch nicht, wie man sich wirklich miteinander verbindet, wie man eins wird und wie man gemeinsam in der Extase miteinander verschmilzt.
 
Spruch des Tages: Mit realen Erfahrungen lernt man mehr
Höhenmeter: 670 m
Tagesetappe: 34 km
Gesamtstrecke: 22.961,27 km
Wetter: bewölkt, windig, kalt, wenig sonne
Etappenziel: Kirchensaal, Little Musgrave CA17 4PQ, England

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Zuletzt aktualisiert am 2017-10-19 14:01:29


Tag 1253: Spirituelle Verbindung

Auch Distanz ist nur eine Illusion

12.-13.06.2017 Wir hatten gestern und heute passend zu einem aktuellen Wandlungsschritt von Shania einige magische Ereignisse, die noch einmal zeigen, wie eng wir inzwischen miteinander verwoben sind. Zunächst haben wir in einer alten Kirche aus dem 9. Jahrhundert übernachtet, die ein leichtes Maß an Berühmtheit hier in der Gegend genießt, weil man vor ein paar Dutzend Jahren alte Wickingersteine darin gefunden hat. Es sind Schmucksteine für Gräber und ähnliches, die für sich genommen nicht so sonderlich interessant wirken. Spannend daran war nur, dass sie übersät waren mit keltischen Symbolen, was ja auch irgendwie logisch ist, denn was für Symbole hätten die Kelten damals sonst verwenden sollen? Tatsächlich aber haben wir einige Symbole wiederfinden können, die auch in das Krafttattoo von Shania integriert werden sollen. Nachrichten aus dem Nichts Wir haben fast den ganzen Nachmittag in der Kirche verbracht, Heiko in der Sakristei und ich in einer kleinen Separaten Spielecke mit Wasserkochern. Die dicken Kirchenmauern haben hier sogar das Handy-Signal abgeschirmt, so dass wir uns nahezu in einer strahlungsfreien Umgebung befanden. So lange ich an meinem Text geschrieben habe, lag unser Handy vor mir auf dem Tisch und gab keinen Mucks von sich. Dann kam Heiko für eine kurze Picknickpause vorbei und nahm – mehr aus Zeitvertreib, denn aus einem speziellen Grund – das Handy vom Tisch. Genau in diesem Moment ploppten zwei Nachrichten von Shania herein. Wir erschraken fast ein bisschen beim Klingeln, weil wir sicher waren, dass dies hier auf keinen Fall sein konnte. Weder mein Computer noch das Handy hatten zuvor Empfang gehabt. Nun aber war unser Spartphone eindeutig mit einem stabilen w-LAN verbunden, rief ihre Nachrichten ab und gab Heiko die Gelegenheit darauf zu antworten. Ich checkte meinen Computer, aber der sagte noch immer, dass keinerlei Verbindung zur Auswahl stand. Kaum hatte Heiko die Nachricht an Shania abgesendet, trennte sich die Verbindung wieder und wurde von diesem Moment an nicht mehr angezeigt. Wir konnten nur noch erkennen, dass es kein öffentliches Netz war, sondern eines, für das man normalerweise ein Passwort brauchte. Später stellten wir dann fest, dass es nicht einmal vor der Kirche einen w-LAN-Empfang gab, da die umliegenden Häuser zu viel Abstand hatten. Es hätte diese Verbindung also nicht geben dürfen und ganz offensichtlich gab es sie auch nicht. Sie war nur für einige Sekunden entstanden, um den kurzen Austausch zwischen Shania und Heiko zu ermöglichen. Heute bekamen wir dann durch eine kleine, achtbeinige Botschafterin eine Erklärung dazu geliefert. Seit wir in der Früh aufgewacht sind, hatten wir ununterbrochen Begegnungen mit Spinnen. Sie krabbelten auf dem Schlafsack, wanderten über meine Robe, wehten uns an langen Fäden beim Gehen entgegen und krabbelten sogar über unseren Käse beim Mittagessen. Zwischenzeitig hatte man sogar das Gefühl, winzige Zaunpfählchen erkennen zu können, mit denen sie wild in der Luft herum winkten. Also schlug Heiko schließlich die Botschaft der kleinen Krabbelwesen nach. Und wer hätte es gedacht: Sie lautete „Spirituelle Verbindung!“ Die spirituelle Botschaft der Spinne Wenn dir eine Spinne auf außergewöhnliche Weise begegnet, macht sie dich auf eine tiefe, spirituelle Verbindung mit einem anderen Wesen aufmerksam. Zwischen euch befindet sich ein unsichtbares, energetisches Band, ähnlich dem Faden eines Spinnennetzes, das es euch erlaubt, zu fühlen, zu wissen oder zu erkennen, was der andere gerade denkt, fühlt oder erlebt. Diese Verbindung kann sich auf vielfältige Weise äußern. Viellicht seht ihr Bilder vor eurem geistigen Auge, die euch Sequenzen aus dem Leben des anderen zeigen. Vielleicht bekommt ihr plötzlich ein Gefühl, dass nicht euer eigenes, sondern das des anderen ist. Vielleicht entstehen aber auch außerhalb von euch Verbindungen und Kanäle, die es eigentlich nicht geben dürfte und die ihr euch logisch nicht erklären könnt. Das sagt dann wohl so ziemlich alles, oder? Danke an die Spinne für die einleuchtende Erklärung.
 
Spruch des Tages: Auch Distanz ist nur eine Illusion
Höhenmeter: 230 m
Tagesetappe: 11 km
Gesamtstrecke: 22.927,27 km
Wetter: Wolken, leichte Sonne, starker Sturm
Etappenziel: Kirche, Langthwaite, England

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Zuletzt aktualisiert am 2017-10-19 14:00:38


Tag 1252: Wie kann man Bulimie ganzheitlich heilen?

Erst wenn du den Ist-Zustand in Liebe annehmen kan

Fortsetzung von „Welche Essstörungen gibt es?“ Wenn Bulimie in einer Therapie behandelt wird, geht es dabei leider in der Regel nur um eine Unterdrückung dessen, dass man sie auslebt. In der Regel wird dabei jedoch nicht auf die Ursache geschaut, so dass diese aufgelöst und der Patient vollkommen von seiner Essstörung befreit werden kann. In den meisten Fällen ist das Ergebnis daher nur eine Verlagerung der Esssucht auf einen anderen Bereich. Eine der häufigsten Formen ist die sogenannte Sportbulimie. Was ist Sportbulimie? „Normalerweise ist Sport auf jeden Fall etwas positives“, erklärte Heiko, „aber in diesem Fall geht es wie beim Essen nicht darum, seinem Körper etwas gutes zu tun, sondern sich von seinen Gefühlen abzulenken. Auch hier kommt es auf das Maß an. Es gibt einen Punkt, bis zu dem der Körper Muskelgewebe aufbaut und bis zu dem er durch Sport gestärkt wird. Überschreitet man diese Grenze jedoch permanent, schadet man seinem Körper damit wiederum, genau wie mit dem übermäßigen Essen. Außerdem hat man bei der Sportbulimie nicht das Gefühl, dass man Bock hat, Sport zu machen. Man ist nicht mit Liebe, Hingabe und Freude dabei, sondern mit einem Gefühl von Zwanghaftigkeit und Verbissenheit. Man hat das Gefühl so viel Sport machen zu müssen, weil man sonst dick wird oder seine Form verliert.“ „Du meinst“, fragte ich, „Man hat oft Phasen, in denen man das Gefühl hat joggen zu müssen, ob ich nun will oder nicht.“ „Genau!“ meinte Heiko, „das liegt daran, dass das Kernproblem nicht behoben wurde. Die Betroffenen schaffen es durch die Therapie mit dem Kotzen aufzuhören, aber die Fresssucht ist dadurch nicht verschwunden. Du hast sie mal mehr und mal weniger unter Kontrolle, aber im Grunde ist es nichts anderes als das, was jeder Heroinabhängige auch hat. Du kennst es ja selbst aus anderen Bereichen, was es mit dir macht, wenn du mal für eine kurze Zeit auf Entzug gesetzt wirst, oder wie du durchdrehst, wenn der Stoff vor deiner Nase liegt, du ihn aber nicht anrühren darfst. Magersucht – Das andere Extrem der Fresssucht Das andere Extrem ist die Magersucht, die paradoxer Weise eigentlich auch eine Form der Fresssucht ist. Sie tritt dann auf, wenn man verstanden hat, dass man mit Essen nicht umgehen kann und dass man keinen positiven, heilsamen Bezug dazu hat. Doch anstatt sich der Sucht hinzugeben und alles in sich hineinzufressen legt man sich selbst an die kurze Leine und kasteit sich soweit, dass man nichts oder fast nichts mehr isst. Dabei ist das Selbstbild meist so verschoben, dass man ständig das Gefühl hat, auch wegen der kleinsten Kleinigkeit schon zuzunehmen und immer glaubt zu dick zu sein. Der ungesunde Mittelweg der Selbstkasteiung Der dritte Punkt, an den viele betroffene gelangen ist liegt jedoch irgendwo dazwischen. Du hast vom Kopf her verstanden, dass du esssüchtig bist, es aber mit dem Herzen noch nicht begriffen. Deswegen kommt das Gefühl auf von ‚Ich darf nicht aber ich möchte doch so gerne!’ Du hältst dich zwar im Zaum, aber du tust es nicht aus Überzeugung und auch nicht mit Freude, sondern aus einem Pflichtgefühl heraus. Du hältst dich zurück, weil du weißt, dass du kontrolliert wirst und weil du dich für deine Esssucht schämst. Sobald du aber alleine bist, brichst du wieder aus und haust rein wie ein Scheunendrescher. Erst dann kommt die Einsicht zurück und du machst dich selbst dafür fertig, dass du es nicht durchgehalten hast. Aber es geht nicht ums Durchhalten. Solange du das Gefühl hast, es ist ein Durchhalten, ist es für dich ein Kampf. Es ist eine Kasteiung, eine Askese. Du musst dich selbst dazu zwingen und bist nicht mit Freude dabei, sondern mit einem Gefühl des Verzichtes. Das produziert aber jede Menge Säure in dir und ist somit noch ungesünder, als wenn du die Nahrung einfach essen würdest. In dieser Phase ist es also egal, wie du mit Nahrung umgehst, du schädigst dich dabei immer. Ob du dich beherrscht und verzichtest oder ob du dich überfrisst.“ „Na super!“ sagte ich, „Und was kann man dann dagegen tun?“ Essstörungen auflösen: Ein Wechsel der Perspektive „Du musst das ganze Thema nicht nur verstehen, sondern wirklich von innen heraus begreifen. Du musst spüren, dass du dir selbst eine Freude machst, wenn du gesund lebst. Die Frage, die du dir immer stellen musst, lautet: trägt das gerade dazu bei, dass ich mir selbst das Paradies erschaffe? Dazu musst du natürlich mehr über die Lebensmittel wissen. Solange dir ein Zuckerstück aufgrund deiner Sucht und deinem Verständnis davon lieber ist, als ein frischer Pfirsich, kannst du nicht dagegen angehen. Du musst begreifen, was der Zucker mit dir macht. Dass bereits eine Dosis von einem Teelöffel am Tag reicht, um chronische Entzündungen zu verursachen, dass er dich jedes Mal in einen Todesangstkonflikt stürzt, dass er deine Muskeln verklebt und du deshalb den Berg hinaufkeuchst und so weiter. Es muss sich irgendwann besser anfühlen das Zeug nicht zu essen, als es zu essen. Wenn du jemandem dabei zuschauen kannst, wie er eine Tafel Schokolade isst und dich der Anblick vollkommen kalt lässt oder du vielleicht sogar ein leichtes Ekelgefühl bekommst, weil du sagst: ‚Wie kann man seinem Körper nur so etwas antun?‘ dann bist du soweit, dass du deine Zuckersucht los bist.“ „Ok, das verstehe ich!“ sagte ich, „Das ist wie mit dem Rauchen! Da hören die Leute ja auch immer wieder auf und fangen wieder an. Diejenigen, die aber wirklich aufhören, haben oft das Gefühl, dass sie es einfach eklig finden. Wenn sie dann einen Menschen sehen und riechen, der sich eine Kippe ansteckt, dann kommt nicht mehr der Impuls, auch eine rauchen zu wollen, sondern nur noch, dass es ekelhaft ist und man am liebsten den Raum verlassen möchte.“ Auch auf das außen kommt es an: Das Problem mit der Familienystematik „Und mit der Esssucht ist es nicht viel anders“, fuhr Heiko fort. „Du musst lernen, deinen Körper wirklich wahrzunehmen und auf seine Signale zu hören. Es muss sich gut anfühlen, zu sagen ‚so viel Essen tut mir gut, mehr brauche ich nicht, deswegen höre ich genau jetzt auf!‘“ Nach einer kurzen Pause fügte er hinzu: „Allerdings gibt es da noch ein weiteres Problem, und das hat wiederum mit der Einstellung gegenüber der eigenen Familie, den Eltern und den Mitmenschen zu tun.“ „Was meinst du?“ fragte ich. „Nimm ganz einfach dein eigenes Beispiel!“ begann Heiko, „Du hast gelernt, dass du dann am meisten Aufmerksamkeit und Liebe bekommst, wenn du nicht aus dem Rahmen fällst. Dieses Prinzip gibt es in fast allen Familien. Wo die Werte hier gesetzt werden ist unterschiedlich, aber trotzdem gibt es fast in jeder Familie eine Normvorstellung an die sich ihre Mitglieder zu halten haben. Oft bedeutet das, dass man das (zum Teil durchaus berechtigte) Gefühl hat, nur dann gemocht zu werden, wenn du weder zu dick, noch zu dünn bist. Solange einem die eigene Essstörung nicht bewusst ist und man kein Gefühl dazu hat, wie viel man isst, fällt dieser Aspekt kaum ins Gewicht. Du geschaut nur, dass du nicht zu dick wirst und arbeitest dafür dann mit Sport und Fitnessübungen dagegen oder nutzt andere Methoden, um im Rahmen zu bleiben. Sobald du aber weißt, was in dir los ist, bekommst du Angst, dass du ein Wal wirst und dadurch sämtliche Liebe und Anerkennung verlierst. Andere hingegen haben vielleicht gelernt, dass Frauen oder Männer, die außergewöhnlich attraktiv sind, nur noch als Lustobjekte oder reine Körper angesehen werden und damit auch nicht mehr geliebt werden. Essen hat in der einen Familie vielleicht einen besonders hohen Stellenwert und jemand der sehr schlank ist, gilt als abgemagert. Wie will man dabei keine Essstörung erhalten? Vor allem viele Frauen wissen von sich selbst, dass sie abwertend auf andere Frauen schauen, die eine schlankere und schönere Figur haben als sie selbst. Diese Ablehnung wollen sie sich dann auf keinen Fall einbrocken. Dies führt dazu, dass man immer versucht, in einem Mittelfeld zu bleiben und sich aus Angst vor Ablehnung nicht erlaubt schlanker zu werden, auch wenn an es sich eigentlich wünscht. Unbewusst hast du diesen Rahmen in dir, in dem du dich bewegen darfst, um noch gemocht zu werden. Doch der hat leider nichts mit Gesundheit zu tun. Es geht nicht darum, die schlanke, gazellenhafte, artgerechte Figur anzunehmen, die eigentlich zum Menschsein dazugehört, sondern in einem als annehmbar anerkannten Mittelfeld des Figurenspektrums der deformierten Gesellschaftsmenschen zu bleiben.“ Ich schwieg eine Weile. „Ich glaube, ich verstehe, was du meinst!“ sagte ich dann und fügte nach einer weiteren kurzen Pause hinzu: „Aber wie kommt man da nun raus?“ „Im Grunde, geht es wieder um den gleichen Schritt, über den wir schon oft gesprochen haben“, antwortete Heiko, „Du musst lernen, für dich selbst zu leben und nicht mehr für andere. Du musst zu dir stehen und dich selbst für das lieben, was du bist, anstatt dich zu verbiegen und zu schauspielern um so zu sein, wie andere dich sehen wollen, damit du so viel Liebe wie möglich von ihnen bekommst. Wenn du den Ist-Zustand selbst in Liebe annehmen kannst, dann kannst du auch zulassen, dass er sich wandelt.
 
Spruch des Tages: Erst wenn du den Ist-Zustand in Liebe annehmen kannst, kann auch eine Wandlung eintreten.
Höhenmeter: 640 m
Tagesetappe: 21 km
Gesamtstrecke: 22.900,27 km
Wetter: bewölkt, leichter Wind
Etappenziel: Kirche, Grinton, England

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Zuletzt aktualisiert am 2017-10-19 13:59:11


Tag 1251: Welche Essstörungen gibt es?

Essen kann so viel mehr sein, als nur Nahrung.

10.06.2017 Auch heute wurde es weder flacher noch trockener. Die ersten zwei oder drei Kilometer ging es zwar bergab, dann aber kam die nächste Steigung. Bevor wir uns ihr stellten beschlossen wir jedoch, noch einmal eine kleine Frühstückspause unter einer Bushaltestelle einzulegen. Da wir wussten, dass ein anstrengender Anstieg auf uns wartete, war es diesmal besonders wichtig, maßvoll zu essen, also genau darauf zu achten, sich nicht zu überfuttern, um anschließend noch richtig laufen zu können. Doch besonders nach den letzten Tagen fiel uns diese Aufgabe schwer. Unwillkürlich mussten wir an die Zeit mit Paulina zurückdenken, in der das Thema Essstörung immer wieder auftauchte. Wir hatten uns seither nicht mehr damit beschäftigt, weil andere Themen präsenter waren, doch es ließ sich nicht leugnen, dass es auch für uns und vor allem für mich ein durchaus präsentes Thema war. Paulina hatte damals immer wieder einen Kampf mit sich selbst ausfechten müssen, um nicht über jedes Maß hinaus alles in sich hinein zu schlichten. Sie verstand zwar, dass sie sich zügeln musste und sie tat es auch, aber sie musste sich wirklich dazu zwingen. Bei ihr hatten wir damals erkannt, dass dieses Thema weit größer war, als wir zuvor geglaubt hatten und auch wir selbst waren noch lange nicht damit durch. Die verschiedenen Arten von Essstörung „Ich glaube“, hatte Heiko damals gesagt, „es ist erst einmal wichtig zu verstehen, dass es verschiedene Gesichter von Esssucht oder Essstörung gibt. Du hast selbst schon einige unterschiedliche davon kennengelernt und wir haben ja auch schon über einige gesprochen. Die erste Form ist, dass Essen ein Glücksbote ist, also eine Ersatzbefriedigung für den Fall, dass es einem einmal nicht gut geht. Normalerweise ist essen ein Energiebringer. Man spürt, dass man Hunger hat und isst etwas, solange, bis das Hungergefühl verschwunden ist und man sich genährt und kraftvoll fühlt. Das ist die gesunde Stufe. Jetzt ist es allerdings so, dass wir viele Sucht- und Genussstoffe in unserem Essen haben und dass wir nicht in erster Linie aus Hunger sondern aus Appetit essen. Dadurch lassen wir uns gerne verleiten, noch etwas mehr zu essen, als eigentlich gut für uns wäre. Nach zwei Broten waren wir alle drei Satt. Das dritte haben wir nur noch aus Appetit gegessen. Jetzt kommt aber noch eine weitere Stufe hinzu und ab hier beginnt die eigentliche Esssucht. So lange du isst, spürst du deine Gefühle nicht mehr und fühlst dich deshalb wohl. Du isst also nicht nur aus Hunger und auch nicht nur aus Appetit, sondern als Ausgleich für eine harte oder unangenehme Zeit. Du belohnst dich mit dem Essen dafür, dass du etwas durchgestanden hast, oder weil du etwas gut gemacht hast. Essen ist also eine Ersatzbefriedigung, die den fehlenden inneren Frieden in deinem Leben ausgleicht. Oder ausgleichen soll, denn so richtig funktioniert das ja nicht.“ „Du meinst,“ warf ich ein, „das Gefühl der Befriedigung bleibt nur so lange, wie ich esse und hört direkt danach wieder auf, so dass ich das eigentlich immer etwas zwischen den Zähnen brauche, damit es funktioniert?“ Die zwei Arten von Gleichberechtigung „So ungefähr, ja“, meinte Heiko und fuhr fort: „Manchmal kommt aber noch ein weiterer Punkt hinzu, und davon bist du auch nicht allzu weit entfernt. Du hast dieses Gefühl, dass du absolut gleich sein musst. Also genauso wie beispielsweise ich. Nicht gleichwertig, sondern wirklich gleich. Das bedeutet, dass du es dir von deinem inneren Gefühl her erst dann erlaubst, mit dem essen aufzuhören, wenn deine Mitmenschen aufhören, weil du sonst Angst hast, nicht genug zu bekommen. Aber du musst natürlich bedenken, dass bei weitem nicht alle gleich sind. Einige sind deutlich größer als andere, haben mehr Körpermasse und brauchen daher auch mehr Nahrung. Gleichwertig sein bedeutet, jeder bekommt das, was er benötigt, weil alle gleich viel Wert sind. Jeder leistet ja auch seinen Beitrag nach dem, was er eben kann und tun möchte und alles ist gleich viel Wert. Aber eben nicht gleich. Wenn ein Bär und eine Küchenfliege von einem Honigglas essen, dann teilen sie es sich ja auch so auf, das jeder davon satt wird. Das bedeutet aber nicht, dass die Fliege genauso viel bekommt wie der Bär. Oder ein anderes Beispiel: Wenn wir jetzt draußen Leben würden und ich würde den ganzen Tag jagen während ihr beispielsweise Wildkräuter sammelt und zubereitet, dann bräuchte ich am Abend mehr Nahrung, weil ich am Tag mehr verbraucht habe. Das bedeutet aber nicht, dass meine Arbeit mehr wert war oder dass es euch nicht vergönnt ist, euch satt zu essen.“ „Ok, das verstehe ich!“ sagte ich. Essen aus Mitleid mit der Nahrung „Aber das ist immer noch nicht alles!“ fuhr Heiko fort. Ein weiterer Punkt ist das Thema mit dem Loslassen. So lange du zuhause warst, konntest du darauf achten, dass du immer nur so viel einkaufst, wie du auch essen wolltest. Hier haben wir jeden Tag mehr als genug. In dir ist aber das Programm, dass du Essen nicht wegwerfen kannst, weil du das Gefühl hast, dass es zu wenig von allem gibt und dann sofort die Angst auftaucht, dass du verhungern könntest. Außerdem tut es dir leid um das Essen. Immerhin hast du es ja gekocht und somit hast du viel Arbeit hinein investiert. So etwas kann man ja nicht wegwerfen. Also ist immer irgendwo der Drang da, dass alles aufgegessen werden muss, was wir haben, auch wenn du dich selbst damit schädigst. Du kannst einfach nicht loslassen, du kannst nichts weggeben.“ „Das stimmt!“ sagte ich, „das fällt mir wirklich schwer!“ „Ich denke,“ fuhr Heiko fort, „Das ist eine Sache, die du hier wirklich gut lernen kannst. In der Gesellschaft landet das Essen dann im Müll und das ist wirklich schade. Aber auch dabei musst du bedenken, das ohnehin mehr als 70% der Nahrung weggeworfen wird. Das kleine bisschen, das du dazu beiträgst macht da auch nicht mehr viel aus und es ist es definitiv nicht wert, sich dafür Krank zu machen. Hier ist es ja sogar noch leichter, denn das Essen was wir nicht verbrauchen landet ja nicht einmal im Müll. Es geht wieder zurück in die Natur, wo sich sofort die Fliegen und die Ameisen darüber freuen. Teilweise wahrscheinlich auch Mäuse und andere Tiere. Es wird ja gegessen. Dazu braucht es uns nicht.“ Das Gefühl für das richtige Maß finden „Kommen wir also zum nächsten Punkt!“ fuhr Heiko fort. „Es gibt noch einen Punkt?“ fragte ich entgeistert. „Noch einige!“ meinte Heiko knapp und begann zu erklären: „Dieser hier ist vielleicht einer der wichtigsten. Du hast das Problem, dass du kein Maß finden kannst. Du spürst nicht, wann du satt bist und wann nicht. Du bist also maßlos. Das ist der Punkt, an dem du jetzt auch gerade stehst. „Mh,“ machte ich und meinte dann: „Stimmt, ich könnte jetzt bestimmt noch drei Brote futtern. Wahrscheinlich sogar alle. Ich habe einfach nicht das Gefühl, dass ich satt bin.“ „Genau darum geht es“, bestätigte Heiko, „Hier kommt es vor allem auf die Selbstachtung und die Selbstwahrnehmung an, also auf das Maß in dem du auf dich selbst achtest. Wie sehr nimmst du wahr, was gut für dich ist und was nicht? Wie sehr hörst du auf deine Gefühle und deine innere Stimme? Wie sehr sorgst du für dich selbst? Und dazu gehört eben auch die Frage, wie sehr du wahrnimmst, bis zu welchem Maß dir etwas gut tut und ab wann es anfängt dir zu schaden.“ „Ok“, sagte ich, „das habe ich verstanden!“ Ess- und Brech-Sucht Heiko fuhr fort: „Jetzt gibt es eine weitere Variante von Esssucht, die wir zum Glück nicht haben, aber die ich noch von vielen Patienten von früher her kenne. Hier ist es so, dass du selber merkst, dass dieses Überfressen deinem Körper nicht gut tut. Du fühlst dich schlecht, weil du zu viel gegessen hast und willst die überflüssige Nahrung wieder loswerden. Dein Körper sagt dann quasi zum Essen: ‚Geh dahin wo du herkommst!’ und du kotzt alles wieder aus. Das ganze nennt man dann Bulimie. Dass das krankhaft ist, ist sogar auch in unserer Gesellschaft so gut wie jedem klar und deshalb gibt es dazu auch eine Menge an Therapien. Nur haben diese in der Regel leider einen Haken. Sie behandeln zwar die Bulimie, aber nicht die Ursache. Das führt im besten Fall dazu, dass man das Kotzen aufgibt, aber deswegen ist man seine Fresssucht noch nicht los. Oft wird das Kotzen dann durch Sport ersetzt und man bekommt eine sogenannte Sportbulimie.“ „Aber Sport machen ist doch etwas gutes!“ wandte ich ein. Mehr zum Thema Essstörung und wie man sie auflöst findet ihr im Artikel von Tag 1252.
 
Spruch des Tages: Essen kann so viel mehr sein, als nur Nahrung.
Höhenmeter:120 m
Tagesetappe: 15 km
Gesamtstrecke: 22.889,27 km
Wetter: bewölkt, leichter Wind
Etappenziel: Kirche, East Coweton, England

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Zuletzt aktualisiert am 2017-10-19 13:58:31


Tag 1250: Aus Fehlern lernen

Aus Fehlern wird man nur schlau, wenn man sie sich

Eigentlich waren es die Symbole für archäologische Sehenswürdigkeiten und und Ausgrabungsstätten auf unserer Karte, die uns in dieses Gebiet lockten, doch letztlich waren sie nicht das interessante, das es hier zu sehen gab. Mitten auf dem Weg lag eine große Parkanlage mit lauter alten Stelen, Türmen, Säulen und Ruinen darin, die gerade auf eines der größten Events vorbereitet wurde, das es hier zu sehen gab. Es war rein Reitturnier der Highsociety und dementsprechend nobel wurde es auch aufgebaut. Überall auf den Wiesen standen nun Hindernisse, die mal mehr mal weniger halsbrecherisch wirkten, dabei aber immer top-durchdesignt und boten einiges fürs Auge. Einige Reiterinnen trabten an uns vorbei und schauten interessiert in unsere Richtung. Ehe sie uns zu nahe kamen, drehten sie jedoch unvermittelt ab und ritten in eine andere Richtung weiter. Erst als genug Abstand herrschte, blickten sie wieder zurück. Man merkte ihnen deutlich an, dass sie zwar aus reichem Hause stammten, sich darin aber eingesperrt fühlten wie in einem Käfig. Jetzt, da sie zu Zweit mit ihren Pferden unterwegs waren, hätten sie ja eigentlich zumindest für einen winzigen Moment ausbrechen und ihrem eigenen Interesse nachgehen können, doch das taten sie nicht, da ihnen ihre Eltern gefühlstechnisch so tief in Nacken saßen, dass sie nicht einmal mehr den Kopf drehen konnten. Das zweite, das uns hier an diesem Ort interessierte, waren die Pferdewagen, die eine interessante Mischung aus Pferdetransporter und Wohnmobil waren. Sie hatten bereits eine Größe, die wir uns als unterste Benchmark für unser späteres Begleitfahrzeug vorstellen konnten, wenngleich sie für drei Personen noch immer etwas zu klein waren. Aber sie halfen ordentlich dabei, in dieser Richtung ein deutlicheres Gefühl und mehr Klarheit zu bekommen. Übernachten konnten wir heute in einer einsamen, verlassenen Kirche am Dorfrand, wo wir weitgehend ungestört blieben. Dabei nutzten wir die Gelegenheit, noch einmal Shanias und meine Seelenverstöße und Sanktionen auszutesten. Shania lag bei einem mittleren, ich bei 250.000 überwiegend starken. Zunächst war mir nicht ganz klar, wie diese zustande gekommen waren, doch bei der darauf folgenden Sanktion wurde es relativ klar und deutlich. Ich weiß nicht warum und oft auch nicht wie ich es mache, aber ich kämpfe stets zu rund 80-90% gegen mich selbst und bin permanent damit beschäftigt, mir mein leben so schwer wie möglich zu gestalten. Meine Aufgabe bestand darin, die Kontaktjonglagekugel für 30 Sekunden auf meinem dritten Auge zu balancieren. An sich keine große Sache und mit ein bisschen Konzentration, Körpergefühl und Balance wäre es in einer halben Minute erledigt gewesen. In meinem Fall jedoch zeigte es mir deutlich die Faktoren, die mich gerade vom Vorankommen abhalten. Da war zunächst der sofortige Frust, nachdem es zwei Mal hintereinander nicht hatte klappen wollen. Zwei Versuche gab ich mir, dann spürte ich, wie in mir Wut und Verzweiflung aufkamen. Die gleichen Gefühle, die auch immer da sind, wenn ich glaube, mich niemals wandeln zu können, weil ich wieder und wieder die gleichen Fehler mache. Ich schaue nicht nach, welche Fehler es sind, so dass ich sie ausbessern kann, sondern schäme mich nur dafür, überhaupt etwas falsch zu machen und will sofort frustriert aufgeben. Da ich diese Wut aber nicht rauslassen kann, sondern in mir herum trage, sinkt zugleich meine Konzentration rapide ab und ich verzettel mich immer weiter. Der Grund, warum ich dabei immer auf der Stelle trete und nichts lernen kann, ist meine Angst vor dem Versagen und davor, Fehler zu machen. Deswegen gehe ich immer den gleichen Weg, den ich bereits kenne. Ich weiß, dass er weder effektiv noch praktisch ist, aber die Angst bei einem neuen Weg zu scheitern ist so groß, dass ich ihn dennoch gehe. Auf dem alten Weg dauert es vielleicht 40 Stunden um etwas zu erreichen, das ich mit einem neuen weg in 30 Sekunden erreichen könnte. Doch dazu müsste ich das Risiko eingehen, einen Fehler zu machen, weil der neue Weg noch ungewohnt ist. Und hier steht mir meine Angst im Weg. Wieder geht es also zunächst einmal darum, mir einzugestehen, dass ich dumm bin, definitiv Fehler machen werde und in jedem Fall lernen muss. Sobald ich auch nur einen Fehler mache, habe ich das Gefühl, nichts mehr wert zu sein. Dies macht es mir natürlich extrem schwierig, mit verschiedenen Ansätzen herumzuexperimentieren und herauszufinden, was klappt uns war nicht. Die Angst vor den Fehlern nimmt mir jede Freude daran und lässt mich sofort weinerlich, zickig und verzweifelt werden, sobald irgendwo auch nur eine kleinen Herausforderung auftaucht, die ich nicht sofort lösen kann. Man lernt jedoch durch das Try-and-Error-Prinzip und dieses nehme ich mir vollkommen weg, weil ich keine Fehler machen will und mich wenn ich sie doch mache, so dafür schöme, dass ich sie nicht betrachten will. Wenn etwas nicht auf Anhieb klappt, schließe ich den Weg aus und will einen anderen finden. Ich glaube lernen zu wollen, will aber in Wirklichkeit könne,n ohne je gelernt zu haben. Auch dieses Muster basiert wieder auf einem Film, der mir in der Schulzeit gezeigt wurde. Alle anderen mussten lernen, während ich die Dinge, die verlangt wurden, einfach konnte. Das, was ich jedoch nicht konnte, wie Rechschreibung und Zeitmanagement, würde ich eh nicht lernen, weshalb ich hier stets nach Lösungen suche, mit denen ich mich einfach durchschmugeln konnte. Auch heute ist dieses Muster noch fet in meinem Unterbewusstsein verankert und steht mir noch immer genauo im Wege wie zuvor. Hier gilt es nun, irgendwie die Kuh vom Eis zu bringen und neue Wege auszuprobieren, um dieses Problem zu lösen.
 
Spruch des Tages: Aus Fehlern wird man nur schlau, wenn man sie sich eingestehen kann und wenn man sie als positiven Teil des Lebens betrachtet.
Höhenmeter: 280 m
Tagesetappe: 15 km
Gesamtstrecke: 22.874,27 km
Wetter: überwiegend sonnig
Etappenziel: Kirche, Northhallerton, England

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Zuletzt aktualisiert am 2017-10-19 13:57:42


Tag 1249: Wanderwege in England

Manche Wege sind dafür gebaut, begangen zu werden.

08.06.2017 In den letzten dreieinhalb Jahren sind wir bei unseren Wanderungen auf viele Hindernisse gestoßen, die uns Teilweise an den Rand unserer Kräfte brachten. In Spanien gab es auf dem Jakobsweg immer wieder Passagen, die mit einem Pilgerwagen nahezu unüberwindbar schienen. In Bulgarien mussten wir durch hüfttiefe Schlammfurchen waten. In Portugal mussten wir auf einer dornenüberfluteten Strecke von 9km rund 20 Mal unsere Reifen flicken. In Bosnien gerieten wir in Gegenden, in denen die Straßen plötzlich endeten und wir unsere Wagen teilweise über ganze Tage hinweg nur durchs Unterholz schleifen und über Felsbrocken werfen mussten. Doch all dies stet in keinem Verhältnis zu dem, was einem die Wanderwege in England bieten. Bewusst gebaute Barrieren Im großen und ganzen sind die Wege hier nicht anspruchsvoller als in anderen Ländern und doch gibt es einen gewaltigen Unterschied, der einem das Wandern durchaus hin und wieder vermiesen kann. Im Balkan, in Spanien, Portugal und Bulgarien, waren die Wege unwegsam, weil es sich um raue Gegenden handelte und weil es einfach keine Infrastruktur gab, die einem das Wandern erleichtert hätte. Man musste sich durchschlagen, da niemand etwas erschaffen hatte. Hier aber war es genau andersherum. Man hatte das Land wie bei einem Spinnennetz mit unzähligen Wegen durchzogen, doch man hatte diese stets bewusst so gebaut, dass man es jedem Wanderer, Radfahrer und Reiter so schwer wie möglich machte. Die Hauptprämisse beim Bau der Wanderwege in England war es nie, jemandem etwas zu erleichtern, sondern bewusst Steine in den Weg zu legen, die möglichst viele von der Nutzung abhielten. Teilweise war das sogar ganz wörtlich gemeint, denn es lagen hier oft Steine mitten im Weg. Teilweise betrieb man aber auch einen deutlich höheren Aufwand, um den gleichen Zweck zu erfüllen. Der Trans Paninne Trail zum Beispiel ist in dieser Gegend hier ein gut ausgebauter Fahrradweg, der den alten Zuglinien folgt. Wann immer man jedoch eine Straße kreuzt muss man entweder über zwei dicke Holzbohlen steigen, sich durch ein enges Labyrint aus Stahlstangen manövrieren oder sich durch zwei schräge Bügel quetschen, die aus dem Boden ragen. Alles nur um zu verhindern, dass der weg von Motorradfahrern und Autos verwendet wird. Dass man damit aber auch Kinderwägen, Rollstuhlfahrer, Liegeräder, Fahrräder mit Hänger und alte Leute mit Gehhilfen ausschließt, scheint hier niemanden zu stören. Abgesehen davon, dass man es den übrigen Nutzern natürlich ebenfalls so unangenehm wie möglich macht, da nun jeder Radfahrer alle paarhundert Meter absteigen, sich durch die Hindernisse quetschen und dann wieder aufsatteln muss. Rennradfahrer nutzen die Radwege daher grundsätzlich nicht, sondern fahren ausschließlich auf den Hauptstraßen. Ob das der Sinn der Sache war? Unbegehbare Fußwege Noch schlimmer ist es auf den sogenannten „Footpathes“, also den öffentlichen Fußwegen. Diese sind meist mit einem Doppeltor verschlossen, das ähnlich wie eine Luftschläuse funktioniert. Wenn man das Tor öffnet, verschließt man damit automatisch den weiteren Durchgang. Man kann sich also nur in eine kleine Ecke quetschen, das Tor wieder zurück klappen und dann weiter gehen. Bereits für Wanderer mit einem Reiserucksack ist das allerdings unmöglich. Wieder werden hier also 90% alle potentiellen Nutzer ausgeschlossen. Und weil das noch nicht reicht, werden diese Fußgängerschläusen in der Regel mit Zaunübertritten kombiniert. Man geht also ein paar Meter in den Weg hinein und steht dann vor einem Zaun, vor dem zwei wackelige Trittbretter angebracht sind, die einem helfen sollen, über den Zaun zu klettern. Spätestens hier zwingt man nun also auch die meisten Rentner dazu, umzukehren und sich auf den eigenen Garten zu konzentrieren. Aber auch das ist noch nicht Hindernis genug. In etwa 60 bis 80% der Fälle bedeuten die Wanderwege in England, dass es nicht mehr gibt, als ein solches Eingangshinderniss und ein Schild mit der Aufschrift „Öffentlicher Wanderweg“. Danach kommt dann einfach nichts weiter als eine Wiese, ein Brennnesselfeld, eine Jauchegrube oder ein undurchdringliches Gebüsch. Hin und wieder kann man irgendwo noch erahnen, wo einmal ein Weg gewesen sein soll, doch selbst dabei braucht man oft eher eine gute Phantasie als einen guten Orientierungssinn. Das alte Wegerecht Der Grund für diesen sonderbaren Zustand in dem sich die Wanderwege in England befinden, liegt soweit wir es erkennen konnten im alten Wegerecht. Früher, lange bevor es Autos und ein Straßennetz gab, gab es hier offizielle Wege, die tatsächlich von allen genutzt werden durften. Wo ein solches Wegerecht existiert, darf es nicht verweigert werden, auch dann nicht, wenn sich das Land heute in Privatbesitz befindet. Ungünstiger Weise befindet sich rund 90% des Landes heute in Privatbesitz, was bedeutet, dass man bereits auf ein Privatgrundstück pinkelt, wenn man sich auf der öffentlichen Straße dazu nur ein bisschen zur Seite dreht. Die vielen Wanderwege die es hier gibt sind also kein Service, den die Menschen anbieten wollen, sondern eine Verpflichtung, die sie eingehen müssen. Es wird jedoch nicht vorgegeben, dass man es Wanderern angenehm machen muss, den Weg auch wirklich zu nutzen. Und wie die unzähligen Schilder mit „Keep Out!“ - „Bleib Weg hier!“ oder „Betreten Verboten!“ vermuten lassen, mögen die Menschen hier einfach niemanden, der auch nur in die Nähe ihres Privatgrundstücks kommen könnte. Je mehr man also dafür sorgt, dass der eigene Wanderweg abschreckend und unpassierbar erscheint, desto weniger braucht man sich zu sorgen, dass sich vielleicht doch einmal ein Fremder hier her verirren könnte. Ein Hof, den wir vor zwei Tagen passierten brachte diese allgemeine Abneigung gegenüber allem und jedem sehr treffend auf den Punkt. Wir wanderten auf einer öffentlichen Straße, die mitten durch den Hof führte. Und um die Menschen auch wirklich auf der Straße zu halten waren hier beidseitig im Abstand von etwa 6 Metern Schilder aufgestellt, mit der Aufschrift: „Privatgrund! Dieser Bereich wird Videoüberwacht. Wer das Land ohne Erlaubnis betritt wird strafrechtlich verfolgt!“ Zu diesem Zeitpunkt hätten wir noch nicht gedacht, dass dies die freundliche Art war, um mit den Wanderern umzugehen. Reichere Zeitgenossen, die etwas mehr Grundkapital zur Verfügung hatten und damit in der Lage waren, das alte Wegerecht außer Kraft zu setzten, bedienten sich ganz anderer Mittel. Hier wurde der Weg plötzlich versperrt und mit noch aggressiveren Drohschildern ausgestattet. Um weiter zu kommen war dann ein schlammiger Trampelpfad um das Grundstück herum verlegt worden, den man fürsorglicher Weise auch noch mit fauligen Zuckerrüben bestreut hatte. So konnten die Wanderer ihren Besuch auch mit allen Sinnen genießen. Bleibt in eurem Käfig! Aber nicht nur die Privatpersonen sorgen dafür, dass die Wanderwege in England so schwer nutzbar sind, auch die öffentlichen Wege werden verbarrikadiert, wo es nur geht. Heute wollten wir einer Hauptstraße ausweichen und sind dafür einem öffentlichen Weg gefolgt, der an einem See entlang führte. In Deutschland wäre dies ein Spazierweg gewesen, den die Anwohner mit ihren Hunden gehen oder an dem man im Sternenlicht mit seiner Freundin entlang schlendert. Hier aber war es eher ein Klettersteig, den man selbst ohne Pilgerwagen kaum begehen konnte. Er war schmal, rutschig und schlammig, führte mehrere Treppen hinauf und gleich darauf wieder hinunter und wurde zudem durch zwei normale Tore und zwei von den bereits erwähnten Luftschleusentoren blockiert. Um ihn am Ende wieder verlassen zu können, mussten wir unsere Pilgerwagen über einen Stacheldraht und durch ein Brennnesselfeld wuchten. Während wir noch unsere brennenden Beine rieben fiel uns der Satz eines Engländers wieder ein, den wir vor kurzem Gehört hatten: „In diesem Land ist es schwer, sich frei zu fühlen, wenn alles mit Zäunen umgeben ist!“ Wie Recht dieser Mann damit hatte. Und langsam kam uns der Verdacht, dass dies auch genau so gewünscht war. Alles hier, angefangen bei der Beschilderung, über die Zäune und Mauern, den Bau der Straßen und Städte bis hin zu der Art, mit der hier die Wege eingerichtet wurden, zielte darauf ab, Menschen festzuhalten. Man verbot ihnen nicht, raus zu gehen und die Luft der Freiheit zu schnuppern. Man verdarb ihnen nur die Lust daran und sorgte durch die Scheinangebote dafür, dass sie lieber zuhause blieben.
 
Spruch des Tages: Manche Wege sind dafür gebaut, begangen zu werden. Andere, um die Menschen vom Gehen abzuhalten.
Höhenmeter: 290 m
Tagesetappe: 16 km
Gesamtstrecke: 22.859,27 km
Wetter: überwiegend sonnig
Etappenziel: ausgemusterte Kirche, Cowthorpe, England

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Zuletzt aktualisiert am 2017-09-26 11:01:25


Tag 1248: Wo ist der Wohlfühlfaktor?

If its yellow, let it fellow, if its brown, flush

07.06.2017 Mehr als je zuvor haben wir gerade das Gefühl, in einer Parallelwelt zu leben, bzw. in einer Matrix aus Illusionen und Filmen, die speziell geschrieben wurde um uns auf unsere Lebensthemen ausmerksam zu machen und um uns von unserem eigentlichen Weg abzubringen. Oder zumindest, um diesen Weg möglichst herausfordernd zu gestalten. Nach Muskeltestungen ist auch tatsächlich gerade mal ein Milliardstel dessen, was wir erleben wirklich real und der Rest nichts weiter als ein Filmgeschehen. Anders lassen sich viele Sachen auch kaum noch erklären, denn selbst wenn man davon ausgeht, dass die Menschheit die selbstzerstörerischste Spezies auf unserem Planeten ist, kann man oft trotzdem noch nicht glauben, dass wir uns freiwillig solche Lebensustände erschaffen. England ist landschaftlich eines der schönsten Länder Europas und doch kann man davon kaum noch etwas wahrnehmen.Wohin man auch geht, es gibt keinen Ort der Stille und des Friedens. Es herrscht ein permanenter Krieg hier, dem man einfach nicht entkommen kann. Gerade sitzen wir in der Kirche in einem winzigen Dörfchen mit vielleicht 60 oder 70 Einwohnern, an einer kleinen Nebenstraße entlang eines Flusses. Und trotzdem hatten wir seit unserer Ankunft hier noch keine einzige Sekunde Ruhe. Im Abstand von etwa zehn Minuten kreisen Militärflugzeuge über unsere Köpfe hinweg, die keinen weiteren Sinn haben, als Touristen ein Flugerlebnis zu bescheren. Wie kann es sein, dass man in dieser Region nicht einmal niesen darf, ohne sich zuvor eine schriftliche Genehmigung einzuholen, dass auf der anderen Seite aber niemand etwas dagegen hat, permanentem unnötigen Fluglärm ausgesetzt zu sein? Möglichst laute Bauplätze Gestern war es sogar noch unverständlicher, denn da übernachteten wir in einem ebenso kleinen Dorf, das 24 Stunden lang, sieben Tage die Woche von Autobahnlärm beschallt wurde. Ein Mann erzählte uns, dass es hier (ähnlich wie auch in der Ukraine) ein Phänomen gibt, das die Menschen gerne entlang der Hauptstraßen bauen. Es wurde sogar zu einem Problem für die Straßenplanung, da die Dörfer plötzlich nur noch lange Schläuche waren, von denen aus man keine Abzweigungen mehr bauen konnte, da alles mit Grundstücken und Häusern belagert wurde. Also begann man Umgehungsstraßen zu bauen, doch nach kurzer Zeit waren auch diese wieder vollkommen zugebaut. Was aber veranlasste einen Menschen dazu, sein Haus direkt an eine Hauptverkehrsader zu bauen? Der Grundstückspreis sicher nicht, denn der war auch hier extrem teuer. Es waren zumeist auch keine billigen Bettenburgen oder Sozialwohnungen von denen man sagen könnte, die Bewohner hätten halt einfach keine Wahl gehabt. Es waren Villen mit aufwändigen Gärten, Swimmingpools und 5.000-Euro-Grills auf der Terrasse. England, das wurde uns nun noch einmal bewusst, war ein Land, in dem man lernen konnte, wie sehr man sich mit extrem viel Geld größtmögliche Armut erschaffen konnte. Heute kamen wir an einem Nobelhotel mit integriertem Golfplatz vorbei, in dem eine einzige Nacht sicher mehrere Tausend Euro kostete. Man stieg hier nun also als Mitglied der Elite für ein Wochenende in Ruhe und Entspannung ab, schlenderte über den Golfplatz und ließ es sich gut gehen. Doch anstatt der erwarteten Ruhe fand man hier einen sonderbaren und lauten Motorenlärm wieder, der ein wenig an ein Quad erinnerte. Zunächst dachten wir, dass die Hotelbetreiber beschlossen hatten, das Wohlbefinden ihrer Gäste hinten an zu stellen und einfach mal den Rasen zu mähen, obwohl der Platz fast ausgebucht war. Doch dann sahen wir, dass es ein Gast mit einem Golfcaddy war. Normalerweise sollten diese Geräte kleine Elektrofahrzeuge sein, die kein einziges Geräusch machten, doch hier war man offenbar auf motorisierte umgestiegen, gegen die ein Defender fast unscheinbar klang. Was macht man jetzt als Multimillionär, der 10.000€ für ein Golfwochenende auf den Tresen legt um dem Alltagsstress zu entfliehen und dann fährt die ganze Zeit so ein Depp mit einem Motor-Caddy vor einem herum und nervt einen in den Tod? Kommt man da nicht schon wieder auf den Gedanken, dass die Erde besser dran wäre, wenn man diese Menschen einfach ausrottet oder zumindest versklavt? Wohlfühlen ist out Auffällig war auch, dass wir nirgendwo in Europa bislang so wenig Infrastruktur zum Wohlfühlen, Entspannen und Genießen gesehen haben wie hier. Vor jedem Haus parken zwei oder drei dicke Autos, aber jeder ernährt sich von pappigem Weißbrot, Mikrowellenfraß und Fastfood. Wie kann so etwas kommen? Ich meine, wenn es wirklich so etwas wie einen freien Willen gibt, wie kann es dann sein, dass sich irgendjemand für einen matschigen, geschmacksneutralen Toast entscheidet, wenn er genauso gut ein frisches, duftendes und leckeres Brot haben kann? Wenn doch angeblich der Markt durch unser Kaufverhalten bestimmt wird, wieso kann es dann überhaupt so etwas in einem Supermarkt geben? Geschmacksache ist es sicher nicht, denn dann müsste es ja auch in anderen Ländern eine größere Zahl an Menschen geben, die auf so ein Weißbrot steht. Aber in Deutschland wird es nahezu niemanden geben, der sich (wenn man ihm die Wahl lässt) für einen gummiartigen Tüten-Fertig-Toast entscheidet, wenn auch frisch gebackenes Körnerbrot im Regal liegt. Zumindest nicht, wenn beides gleich teuer wäre. In Frankreich hingegen würde jeder zum Baguette greifen. Und hier greift man selbst wenn man alles drei zur Auswahl hat zum Toast. Wie geht so etwas? Eine ungesunde Lebensweise sorgt nicht für Gesundheit England ist aber auch das Land, an dem man am Besten erkennen kann, dass diese Art der Lebensweise nicht funktioniert. Wir haben nirgendwo auf unserer Reise mehr Menschen gesehen, die gesundheitlich derart schlecht beieinander waren, wie hier. Es gibt fast niemanden, der nicht an Übergewicht, Kreislaufschwäche oder anderen Beeinträchtigungen leidet, die man auf eine ungesunde Lebensweise zurückführen kann. Etwa jeder zweite Rentner, mit dem wir es zu tun hatten trägt ein Hörgerät und auch Diabetes, Herzprobleme, Verdauungsstörungen, Haarausfall, Wassereinlagerungen und Durchblutungsstörungen liegen an der Tagesordnung. Vor drei Tagen beispielsweise waren wir zu Gast bei einem Rentnerehepaar, das uns ihr Wohnzimmer zur Verfügung stellte, bis es eine Entscheidung über die Kirche gab. Sie lebten direkt neben der Hauptstraße und bei jeden vorbeifahrenden Auto hatte man Angst überfahren zu werden. Die Frau saß im Rollstuhl und hatte so viel Wasser in den Beinen, dass man fürchtete, ihre Waden würden zerplatzen. Der Mann hingegen war so schwerhörig, dass er einen nur noch wahrnehmen konnte, wenn man ihn anschrie. Am Telefon hörte er überhaupt nichts mehr und dies war auch der Grund, warum wir bei ihnen zuhause waren. Der Pfarrer war zunächst nicht erreicht worden und sollte später zurückrufen. Dann jedoch würde die Frau nicht mehr da sein und somit brauchte er uns, um das Telefon zu beantworten. Die Sache war nur, dass er nicht nur taub sondern auch äußerst stur war und als der Pfarrer schließlich wirklich anrief, weigerte sich der Mann mir den Hörer zu geben, obwohl es seine Idee gewesen war. Für einen Moment sah es so aus, als müssten wir jetzt am späten Abend doch noch einmal weiter ziehen, denn hier auf dem Boden zu schlafen, wie es uns der Mann anbot, war bei dem Verkehr und der winzigen Wohnung keine echte Option. Dann jedoch stellte sich heraus, dass unser Gastgeber der einzige war, der die ganze Sache kompliziert gemacht hatte. Der Pfarrer hatte nichts dagegen, dass wir die Kirche als Schlafplatz nutzten und auch sonst waren alle einverstanden. Nur wusste jeder, dass der taube, alte Mann seine eigenen Prinzipien hatte und dass ohne sein OK in diesem Dorf überhaupt nichts ging. Obwohl er nur der Schlüsselmeister war und selbst glaubte, keine Entscheidungsgewalt zu haben. Obwohl er es von Anfang bis Ende gut mit uns meinte, waren wir froh, sein Haus wieder verlassen zu können. Es war wirklich ein Ort, der einen Krank machte und man verstand sofort, warum der Mann sämtliche Geräusche aus seinem Leben verbannt hatte und warum die Frau einen so großen Geborgenheitskonflikt hatte. Kann das überhaupt real sein? Das Haus des Mannes war einer von vielen Orten, an die wir gelangten, die allesamt so unwirklich waren, dass einem sofort der Verdacht kam, es handele sich um Kulissen, die extra für uns erschaffen wurden, anstatt um echte Plätze. Angefangen bei Notlichtern, die die Säle auch in der Nacht taghell erleuchten, über Treeworker, die genau zehn Minuten nach unserer Ankunft damit begannen, direkt vor unserer Tür drei große Bäume mit Fräse, Kettensäge und Laubbläser zu malträtieren und Wohnungen, bei denen man glaubte, man säße direkt auf der Straße, bis hin zu unserem Düsenjet-Desaster von heute Nachmittag. Es ist, als wäre unser gesamtes Umfeld nur darauf ausgelegt, uns aus der Konzentration zu bringen, uns wütend zu machen und uns zu zwingen, echte Gelassenheit zu lernen. Die Lektion, von der ich vor zwei Tagen berichtet habe und bei der es darum geht, zu unterscheiden, was aus mir selbst heraus kommt und was übergestülpt wird, um sich dann einen eigenen Schutzraum zu erschaffen, wird mir nun mit allen Mitteln vorgehalten. Gleichzeitig spüre ich aber auch immer mehr, dass das außen mein Inneres lediglich spiegelt. Gerade wirkt die Welt um uns herum, wie einer dieser Badezimmerspiegel, die alles größer und deutlicher machen. Denn einer der Gründe, warum mich die Kleinkarriertheit, Engstirnigkeit und Umstandskramerei der Engländer so sehr stört und aufregt ist der, dass es genau meine Themen sind. Themen, die ich schon mein Leben lang habe, die mir nun aber zum ersten Mal wirklich bewusst werden. Die ich zum ersten Mal richtig, klar und deutlich sehen kann und die mich auch bei mir selbst gerade immer wieder zum Verzeifeln bringen. Der taube Mann beispielsweise hatte die Strategie, alles zu ignorieren, was ihm schadete und trotzdem unbeirrt weiter zu machen, bis seine Sinne den Geist aufgaben. Die gleiche Strategie nutze ich auch. Die Frau hingegen trug den gleichen Geborgenheitskonflikt in sich, den ich auch spüre und ihre zum Zerbersten angeschwollenen Beine waren eine Extremvariante von dem, was auch mit meinen Beinen passierte. Den Menschen hier fiel es schwer, auf etwas neues einzugehen und sie handeln immer nach den gleichen alten, eingefahrenen Mustern. Alles ist irgendwie in Käfige und Zäune eingesperrt und obwohl man sich in schönster Umgebung befindet, den größtmöglichen Reichtum hat und zufriedener sein könnte, als je zuvor, kann man sich hier so etwas wie Freiheit kaum vorstellen. Stattdessen herrscht Angst, ohne einen speziellen Grund und diese Angst vor allem und jedem führt dazu, dass man lauter Dinge tut, die Gefährlich sind und die einem immer mehr Freiheit rauben. Auf der einen Seite trifft man Menschen, die einem die eiskalte Schulter zeigen und die nichts als Verachtung für uns übrig haben. Und auf der anderen Seite wird man dann wieder verhätschelt und hofiert, so dass man sich zwar für einen Moment wohl fühlt, Dabei aber so viel Zeit verliert, ohne wirklich etwas gewonnen zu haben, dass man sich am Ende darüber sogar noch mehr ärgert. Nicht anders gehe ich auch mit mir selbst um. Dort beginnen, von gerade steht Es gibt noch zig weitere Parallelen und am Ende kann man zusammenfassend sagen, ich bin genau wie Endland. Alles, was ich hier erlebe ist tatsächlich ein exaktes Spiegelbild von meinem Inneren. Als wir vor einigen Monaten in Neumarkt das Ritual mit Julie und ihrem Freund gemacht haben, hatte ich die Geistwesen darum gebeten, mir zu helfen, klarer zu sehen und mir zu helfen meinen Weg zu mir selbst zu finden. Ich hatte damals geglaubt, dass es darum ging, aufmerksamer zu werden und meine Sinne zu öffnen, so dass ich mehr um mich herum wahrnehmen kann. Doch darum war es nie gegangen. Im Gegenteil hatte ich in der letzten Zeit stets das Gefühl, dass meine Sinne immer schwächer werden. Ich übersehe immer mehr, rieche nur noch wenig, schmecke gerade genug um Lebensmittel zu unterscheiden, aber nicht so viel, dass ich wirklich erkennen könnte was gut ist und was nicht und mein Gehör ist auch nicht gerade feinjustiert. Was mir dabei jedoch nicht aufgefallen ist, ist dass meine Wahrnehmung sehr wohl deutlich stärker geworden ist. Nur eben nicht im außen, sondern im Innen. Ich nehme nun klar und deutlich wahr, dass ich nichts wahrnehme, ich erkenne, dass ich permanent Zeit verschludere, ich fühle die Wut und den Ärger in mir, die Frustration, die Verzweiflung, das Gefühl auf der Stelle zu treten. Ich nehme nun auch alles wahr, was ich nicht kann und komme immer mehr zu einem Gesamtbild meines aktuellen Ist-Zustandes. Heiko hatte mich gewarnt. Wenn ich diesen Weg gehe, und meine Wahrnehmung öffne, werde ich viel Hässlichkeit und Schmerz wahrnehmen, also lauter Dinge sehen, die ich lieber nicht sehen würde. Und genau so ist es, nur eben vor allem in mir und nicht im Außen. Klar wusste ich irgendwie, dass dies das selbe ist, aber trotzdem hatte ich vollkommen andere Erwartungen. Und ich hatte vor allem nicht geglaubt, dass es hier so viel zu erkennen gibt, das mir nicht gefallen würde. Solange ich mich zurückerinnern kann, hatte ich immer dieses unterschwellige Gefühl, mich selbst nicht zu mögen. Jetzt verstehe ich langsam woher dieses Gefühl kommt und ich erkenne, dass es durchaus auch seine Berechtigung hat. Ich kann mich zumindest in diesem Punkt schon langsam sehr gut verstehen. Jetzt geht es darum, mir selbst einzugestehen, dass ich all dies bin und anzuerkennen, dass es OK ist, an diesem Punkt zu stehen, an dem ich gerade stehe. Ich habe stets geglaubt ein Profi-Fußballer zu sein und war dann frustriert, warum es mir einfach nicht gelingen wollte, ein Tor zu schießen. Was immer ich auch anstellte, es wollte mir nicht gelingen, besser zu werden. Die Wahrheit aber ist, dass ich nicht einmal in der Lage bin, einen Ball mit dem Fuß zu treffen, selbst wenn niemand da ist, der versucht, ihn mir abzunehmen. Dies ist der Punkt an dem ich mit dem Lernen beginnen muss.
 
Spruch des Tages: If its yellow, let it fellow, if its brown, flush it down!
Höhenmeter: 250 m
Tagesetappe: 20 km
Gesamtstrecke: 22.843,27 km
Wetter: überwiegend sonnig
Etappenziel: Gästezimmer im Pfarrhaus, Collingham, England

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Zuletzt aktualisiert am 2017-09-26 11:00:27


Tag 1247: Zerstörerische Jugend

06.06.2017 Stellt euch einmal vor, ihr wachst in einem kleinen Reihenhaus, mitten in einer kleinen Stadt auf. Links von eurem Haus gibt es zehn weitere Häuser, die komplett identisch aussehen und rechts davon auch. Nach vorne und hinten gibt es je fünf weitere Hausreihen, die ebenfalls identisch sind. Direkt vor eurem winzigen Garten verläuft eine Hauptstraße und wenn ihr auf dieser entlang schlendert, ist es egal, in welche Richtung ihr geht, ihr gelangt immer wieder in Wohnviertel, die genauso aussehen wir euer eigenes. Das Haus in dem ihr wohnt und dass ihr euch mit eurer Familie teilt ist klein. Euer Zimmer hat gerade einmal neun Quadratmeter und es sieht aus wie jedes andere Zimmer von jedem anderen Kind in eurer Stadt. Die Wände sind so dünn, dass ihr alles hören könnt, was drei Häuser weiter gesprochen wird und durch die Fenster strömt in jeder Minute eures Lebens das Rauschen der vorbeifahrenden Autos herein. Tatsächlich habt ihr keine Ahnung, wohin die Straße vor eurer Tür führen würdet, denn zu Fuß habt ihr sie noch nahezu nie betreten. Wann immer ihr das Haus verlasst, steigt ihr in das Auto auf eurem Grundstück und lasst euch von euren Eltern bis ans ziel fahren. Auf der gesamten Strecke, egal wohin ihr auch immer fahrt gibt es keinen Ort, der nicht von Zäunen, Hecken oder Mauern umgeben ist. Kindheit in Gefangenschaft Mit drei Jahren kommt ihr in den Kindergarten, der ebenso groß ist wie euer Haus. Der Außenbereich ist asphaltiert und wird durch einen hohen Stahlzaun vom Rest der Stadt abgetrennt. Während draußen die Autos vorüber rauschen seit ihr nun auf engstem Raum mit zwei Kindergärtnerinnen und 30 anderen Kindern eingepfercht, die alle nach Aufmerksamkeit, Liebe und Anerkennung schreien. Kurze Zeit später werdet ihr eingeschult. Dafür bekommt ihr nun eine Schuluniform, die noch einmal betont, dass ihr keinerlei Individualität oder Persönlichkeit besitzt. Ihr seit alle gleich, genau wie der Rest eurer Mitschüler. Morgens bringen euch eure Eltern in die Schule, wo ihr den Tag in einem eckigen Klassenzimmer verbringt, das aussieht wie alle anderen Klassenzimmer. Mittags bekommt ihr in der Mensa ein genormtes Mittagessen, das sich ebenfalls durch nichts von allen anderen unterscheidet. Am späten Nachmittag geht es dann wieder nach hause, zurück in die Gefängniszelle, die ihr euer Kinderzimmer nennt. Wo auch immer hier hinkommt, findet ihr Schilder, auf denen in großen, deutlichen Buchstaben zu lesen ist, was ihr alles nicht dürft. Ballspielen verboten! Betreten verboten! Draußen bleiben – Privatgrundstück! Feuer machen verboten! Pferde streicheln verboten! Und so weiter. In der Schule kommen dann noch die Gebote hinzu, die euren Alltag bis ins letzte Detail durchstrukturieren sollen: „Licht ausschalten!“ klebt auf dem Schalter neben der Tür. In der Toilette hängen Schilder über dem Waschbecken und der Klospülung die jeweils auf die korrekte Bedienung hinweisen: „Zum Spülen bitte Taster drücken!“ „Achtung: Heißes Wasser!“ „Bitte Hände waschen!“ Bei all dem, seit ihr stets dazu angehalten, höflich und freundlich zu sein, egal wie es euch geht und was ihr für Gefühle in eurem inneren verbergt. Kein Gefühl für eigene und fremde Bedürfnisse Fühlt euch noch einmal richtig in so ein Leben hinein und fragt euch, was es mit euch macht! Muss es nicht zwangsläufig dazu führen, dass ihr irgendwann durchdreht? Den englischen Kindern, die wir gestern Nachmittag trafen, ging es genau so. Sie wuchsen in eben jenen Häusern in genau so einer Ortschaft unter genau diesen Bedingungen auf und ihre einzige Freiheit bestand darin, dass sie einen zehnminütigen Heimweg auf einer Fahrradstraße zu Fuß zurücklegen durften. Unter normalen Umständen auch nichts, was einen mehr große vom Hocker haut, denn auch der Fahrradweg ist natürlich von allen Seiten eingezäunt und führt nur durch kleine Tore in die kleinen, identischen Vorgärten führt. Dieses Mal jedoch war es anders, denn jetzt saß Heiko auf diesem Weg und wurde sofort als Touristenattraktion erkannt. Ohne zu zögern begannen sie, ihn zu umlagern, riefen auf ihn ein, wollten ihn mit High-Five abklattschen, ihn mit Fragen bombardieren und ihn zu irgendeiner Reaktion provozieren. Andere waren nicht ganz so zurückhaltend und begannem mit Steinen nach ihm zu werfen. Es waren rund vierzig oder fünfzig Kinder und Jugendliche und keiner von ihnen wollte sich die Attraktivität Heiko entgehen lassen. Dieser versuchte natürlich seinen Freiraum zu schützen und begann erst höflich, dann wütend die Kinder auf Abstand zu halten. Doch sie ließen sich nicht zurückdrängen. Sie waren es gewohnt, dass sie machen konnten, was immer sie wollten. Sie kannten Grenzen und Einschränkungen zu genüge, aber nur aufgrund der Zäune und Mauern. Auf sozialer Ebene war ihnen so etwas wie eine persönliche Grenze fremd. Wie hätte es auch anders sein sollen, denn man hatte ja nirgendwo eine Möglichkeit auszuweichen. Wie also wollte hier jemand lernen, seine eigenen Grenzen und die anderer zu wahren? In der Überzeugung, nichts unrechtes getan zu haben, riefen die Kinder nun sofort die Polizei, mit der Begründung, dass sich hier ein Fremder herumtrieb der vermutlich gefährlich und gewalttätig war. Immerhin hatte er bereits einige Male laut geschrienen, nur weil man seinen Pilgerwagen angefasst und ihm einen Stein auf den Fuß geworfen hatte. Die Kinder sind immer die Guten Tatsächlich kamen kurz darauf zwei Polizisten, die der Meinung waren, die Kinder vor Heiko schützen zu müssen. Diese Idee redete er ihnen jedoch schnell wieder aus. „Es kann ja nicht sein, dass man hier als gewöhnlicher Wanderer und Fußgänger in einem öffentlichen Park an einem Fahrradweg eine Rast macht, und sofort belagert und mit Steinen angegriffen wird! Und dann soll ich am Ende noch der Böse sein? Was ist denn das bitte für ein verkapptes System, das ihr hier habt?“ fragte er den Polizisten, der daraufhin einsah, dass es wirklich keinen Sinn machte, wenn man es von dieser Warte aus betrachtete. Er lenkte daher ein und gestattete es Heiko, sich auch weiterhin in diesem Park aufzuhalten. Den Kindern Einhalt zu gebieten könne er hingegen nicht. Es ist ein öffentlicher, frei zugänglicher Park und wenn die Kinder hier abhängen wollten, dann durften sie das tun, auch wenn sich andere dadurch belästigt fühlten. Kurz darauf kam ein Schülerlotse, der die Kinder gut kannte und wusste, wie diese drauf waren. „Fühlen Sie sich durch die Kinder belästigt?“ fragte er Heiko. „Das ist ein bisschen untertrieben, aber ja!“ antwortete dieser. Der Lotse wandte sich an die Gruppe und sagte in etwa: „Kinder! Das ist nicht lieb, was ihr da macht! Lasst bitte den fremden Mann in Ruhe, der möchte nicht gestört werden!“ Über jede Grenze Anschließend ging es wieder und überließ Heiko und die Kinder sich selbst. Letztere warteten nicht einmal, bis er ganz verschwunden war, bevor sie wieder unbeirrt mit ihrer Belagerung fortfuhren. Das was hier geschah war längst kein Kinderstreich mehr. Es war reinstes Mobbing in seiner härtesten Form. In der ganzen Gruppe gab es keinen einzigen, der nicht mit einstieg und ebenfalls versuchte, auf Heiko herumzuhacken. In diesem Fall war ihr Opfer jemand, der damit umgehen konnte, der wusste, dass es nichts mit ihm persönlich zu tun hatte, der seine Grenzen verteidigen konnte und der, wenn er gewollt hätte, seine Grenze überdeutlich hätte klar machen können. Doch was geschah, wenn sie das selbe mit unliebsamen Mitschülern in der Schule machten? Mit dem gleichen Verhalten, das sie hier an den Tag legten, konnten sie ohne Probleme einen Menschen von Grund auf zerstören. Und es stand außer Frage, dass dies keine Ausnahmefälle sondern eher die Regel waren. Langsam kamen uns die Fälle von den Amokläufern, die immer wieder durch die Presse gingen gar nicht mehr so verrückt vor. Im Gegenteil. Es schien fast ein Wunder zu sein, dass unter diesen Umständen nicht noch mehr Menschen durchdrehten und wild entschlossen alles um sich herum umbrachten. Es gab keine Möglichkeit, diesen Kindern Einhalt zu gebieten. Sie gingen immer weiter und weiter und würden auch dann nicht halt machen, wenn sie einen in den Selbstmord trieben. Das einzige, was noch helfen konnte war, sie am eigenen Leib spüren zu lassen, was sie mit anderen Lebewesen machten. Sie brauchten ein paar ordentliche Schläge aufs Maul um aufzuwachen und zu merken, dass es so nicht gehen konnte. Natürlich war ein Maschinengewehr nicht das geeignete Werkzeug, um hier erzieherisch einzugreifen, aber man konnte durchaus nachvollziehen, warum es jemand tat. Noch dazu, wo wir eine derart abstrakte Rechtslage haben. Es gibt kein Gesetz, dass es verbietet, einen anderen Menschen bis in den Selbstmord zu treiben, doch es ist verboten, sich gegen ein solches Vorgehen zu wehren. Man erntet was man sät Gleichzeitig war natürlich auch die Zerstörungswut der anderen Kinder verständlich. Wer sein ganzes Leben lang nur in Käfige gesperrt wurde, der musste ein immenses Bedürfnis entwickeln, irgendwie auszubrechen und zu rebellieren. Zum ersten Mal verstanden wir nun auch, wie es Menschen geben konnte, die in den obersten Machtpositionen eiskalt über das Leben von Millionen Menschen entschieden, die ganze Nationen manipulieren, unser Essen vergiften und ganze Staaten in den Ruin treiben konnten. Man wurde nicht einfach ein skrupelloser Diktator, man musste dazu erzogen werden. Und nirgendwo gab es eine bessere Erziehung in diese Richtung als hier in diesem Land, mit seinen Gesellschaftskäfigen, seiner Mehrklassengesellschaft und seinen Eliteschulen. Die Dinge in die Hand nehmen Die Frau, die uns am Abend half, einen Schlafplatz zu bekommen, sah die Dinge ebenfalls aus einer etwas anderen Perspektive als die meisten ihrer Mitbürger. Sie war eine pensionierte Ingenieurin und sie war der einzige Grund, warum die hiesige Kirche über einen angegliederten Seminarraum mit Küche und Bad verfügte. Genau wie bei der Kirche vor einigen Tagen gab es auch hier jede Menge konservative Stimmen in der Gemeinde, die darauf pochten, dass nichts jemals verändert werden durfte. Die Verantwortlichen im anderen Ort, hatten sich davon beeindrucken lassen, diese Dame hier nicht. „Ihr könnt das alles gerne so machen, wie ihr wollt, aber dann müsst ihr es ohne mich machen!“ war stets ihre Antwort gewesen. Und da jeder wusste, dass die Kirchengemeinde hier nur dank ihres Engagements überhaupt noch am Leben war, zog man die Einwände immer schnell wieder zurück. Bei ihren Erzählungen wurde dabei zum ersten Mal so richtig deutlich, wie Engstirnig das beharren auf dem Alten hier Teilweise war. Allein wenn es um so einfach Dinge wie Toiletten ging. 70% der Kirchenbesucher waren Rentner, von denen ein Großteil bereits einige gesundheitliche Probleme hatte. Besonders Blasenschwäche war ein Problem, unter dem viele Kirchgänger zu leiden hatten. Eineinhalb Stunden außer Haus zu sein um eine Messe zu besuchen, wenn es in der Kirche kein Klo gab, war für sie also vollkommen unmöglich. Das bedeutete im Umkehrschluss, dass alle Kirchen, die keine Toilette zur Verfügung stellten, ganz bewusst rund ein Drittel ihrer treuesten und verbundensten Gemeindemitglieder aus. Und das obwohl man auf der anderen Seite um jeden einzelnen kämpfte, damit sich eine Messe überhaupt noch lohnte. Wo wir gerade schon beim Thema Toiletten waren, gingen wir noch auf eine andere Frage tiefer ein, die uns schon seit Wochen brennend interessierte: „Konnte es wirklich sein, dass es in ganz England keine funktionierende Klospülung gab?“ Eine Kultur der Verschwendung Die alte Dame bestätigte uns, dass zumindest die Tendenz hier Normalität war. Bereits bei uns geht ein Großteil des täglichen Wasserverbrauchs für die Klospülung drauf, doch hier war der Wahnsinn noch bedeutend ausgeprägter. Ein einziger Spülvorgang verbraucht hier im Schnitt etwa 25l Wasser, führt jedoch in den meisten Fällen nicht dazu, dass die Hinterlassenschaft auch wirklich beseitigt wurde. Für den Stuhlgang zwei oder drei Mal hintereinander spülen zu müssen ist also normal. In England gibt es daher den Toiletten-Leitsatz: „If its yellow, let it fellow, if its brown, flush it down!“ was so viel bedeutet wie: „Wenns gelb ist, lass es schwimmen, wenns braun ist spül es weg!“ Um den Wasserverbrauch einzudämmen nimmt man es trotz der meist peniblen Reinlichkeit in den Häusern also durchaus in Kauf, dass es im Bad nach Urin stinkt, nur weil es hier keine sparsamen Spülsysteme gibt.
 
Spruch des Tages: If its yellow, let it fellow, if its brown, flush it down!
Höhenmeter: 150 m
Tagesetappe: 17 km
Gesamtstrecke: 22.823,27 km
Wetter: Bewölkt und windig aber trocken
Etappenziel: Kirche, Darfield, England

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Zuletzt aktualisiert am 2017-09-26 10:59:21


Tag 1246: Immer knapp daneben

Alles kommt stets genau so, wie es kommen muss!

05.06.2017 Kennt ihr das Gefühl, dass an manchen Tagen einfach nicht so laufen will, wie es laufen sollte? Heute war so ein Tag. Aber das Gefühl dabei war nicht, dass nichts klappen wollte oder dass irgendwie der Wurm drin war, sondern viel mehr, dass ich einfach mit einer 100%gen Zielsicherheit immer die falsche Entscheidung traf. Ich weiß nicht, ob ihr die Serie „How I met your Mother“ kennt, aber darin gibt es in der letzten Staffel eine Folge in der Ted (der Erzähler der Geschichte) auf einer Hochzeit den Geist eines alten Adeligen sieht, der ihm immer wieder erscheint um seine Handlungen zu kommentieren. Während der Vorbereitungen, der Hochzeit selbst und der Feier am Abend, gerät Ted immer wieder in Situationen in denen er sich entscheiden muss und jedes Mal erscheint ihm der Geist und sagt mit vor Weisheit vibrierender Stimme „Eure Wahl war.. Beschissen!“ Genau so ging es mir heute auch. Bereits beim Aufstehen prasselten die Regentropfen vom Himmel und es wurde der wohl ungemütlichste Tag aller Zeiten. Wir folgten dem Trans-Pennine-Trail nach Norden, doch bald schon trennten sich die Wegweiser von dem vorgeschlagenen Weg auf meiner Karte. Ich musste also wählen ob ich dem einen oder dem anderen folgen wollte und schaffte es dabei, jedes Mal den Weg zu wählen, der länger und weniger schön war. Nach dem dritten Mal spürte ich bereits, dass es für heute eine Art Gesetz war. Oder besser: Ich glaubte das dies so war. Hier liegt wahrscheinlich auch der Schlüssel begraben, der mich aus meiner momentanen Situation befreien könnte, wenn ich ihn richtig nutzen würde. Im Moment fühle ich mich gestresster als je zuvor in meinem Leben. Ich habe das Gefühl, dass alles auf einmal auf mich einprasselt und ich es nicht schaffe, irgendetwas abzuarbeiten. Gerade bin ich noch damit beschäftigt, die Lücken der letzten tage zu stopfen und schon wird ein neues Thema akut und brisant, von dem ich dachte, ich hätte noch ewig Zeit dafür. Ich fühle mich ein bisschen, als säße ich in einer Schuldenfalle, nur das die Währung in meinem Fall Zeit und nicht Geld ist. Das Thema dabei ist, dass ich mich immer mehr in einem Teufelskreis verstricke. Ich liege in meinem Zeitplan hinten und fühle mich gestresst, um wieder aufzuholen. Dadurch werde ich unkonzentriert und brauche noch länger als normal. Gleichzeitig kommen neue Aufgaben hinzu, die die alten verdrängen, ohne dass diese abgeschlossen werden. Also steigt der Stress, weil immer mehr das Gefühl in mir wächst, einen unbewältigbaren Berg an Aufgaben mit mir herum zu schleppen. Ich fühle mich also permanent als würde ich durch das Leben geschubst und bei all dem Taumeln schaffe ich es nicht mehr, mich auf irgendetwas zu konzentrieren. Klar, das Thema habe ich schon immer, aber jetzt, wo gleichzeitig meine eigene Wandlung mit Tattoo und verschiedenen Lektionen dran ist, wo wir die Erlebnisseite erstellen, die Lebensabenteurer-Seite auf Vordermann bringen wollen, unsere Bücher vermarkten möchten und dabei noch eine schöne Wanderung durch Britannien erleben wollen, wird es so akut und präsent wie nie zuvor. Nun wird zum ersten Mal klar, dass ich nie eine Strategie hatte, um damit umzugehen. Ich hatte eine Flickschusterei, mit der ich ein bisschen was ausgleichen konnte, so dass es nicht mehr auffiel. Aber nie ein echtes Konzept. Und das fehlt mir nun. Je mehr Stress dadurch in mir entsteht, desto unkreativer werde ich und desto mehr stolpere ich einfach blind drauflos, weil es mir permanent im Kopf hämmert: „Keine Zeit! Keine Zeit! Keine Zeit!“ Ein bisschen wie beim Kaninchen von Alice im Wunderland. Der Schlüssel liegt nun vor allem darin, zur Ruhe zu kommen und mir einen sicheren, heiligen Raum ohne Stress aufzubauen. Denn zunächst einmal gilt es zu erkennen, dass der Stress ja nicht von mir kommt, sondern mir wie eine Art Kuppel übergestülpt wird. Genau wie das Thema mit den falschen Entscheidungen. Es gibt keine falschen Entscheidungen, weil man immer automatisch das wählt, was in diesem Moment das beste für einen ist. Nichts von dem, was an diesem Tag heute geschah, war real. Es waren in gewisser weise Filme der Verwirrung. Ich entschied mich für einen Weg, der sich dann als suboptimal herausstellte und weil dies zwei Mal hintereinander passierte, hatte ich das Gefühl verflucht zu sein. Bis zu diesem Moment war es etwas Externes, das mir hingehalten und angeboten wurde. Ich hätte es ablehnen und ausschlagen können, doch ich griff danach und machte es zu meiner Wahrheit. Ich glaubte, dass ich schuld an allem sein würde, das von nun an passiert und dass von nun an alles schiefgehen würde, das ich anfasste. Wie also hätte es anders kommen sollen? Doch das gleiche Konzept steckt auch hinter meinem Stress und meiner Überforderung. Ich bin überzeugt davon, niemals genug Zeit zu haben und niemals zurecht kommen zu können. Es ist nur ein Gedanke, der mir durch die Verwirrungsfilme angeboten wird und den ich einfach ablehnen könnte. Doch ich glaube ihn und mache ihn zu meiner Wahrheit. Ich erkenne nicht einmal, dass es hier einen Unterschied zwischen meiner eigenen Lebensebene und den Fremdenergien gibt. Wenn ich so darüber nachdenke ist dies ein Problem, das ich im allgemeinen habe. Ich komme in einen Raum mit schlechter Stimmung und glaube automatisch, dass dies auch meine schlechte Stimmung sein muss. Wenn es mir scheiße geht und ich frustriert und verzweifelt bin, dann ist Heiko zwar stets für mich da, leidet selbst aber nie mit. Er kann lachen, sich entspannen und voller Appetit eine Chipspackung verdrücken ohne dass es ihn irgendwie belastet. Wenn Heiko einen miesen Tag hat, habe ich automatisch das Gefühl, dass es mir auch schlecht gehen müsste. Warum? Weil ich nicht unterscheide zwischen dem, was von mir kommt und dem was von außen kommt. Hier denke ich liegt schon einmal der erste Punkt. Der Zweite ist, dass ich selbst wenn ich spüre dass ich beeinflusst werde, dem Druck nicht ausweiche. Ich spüre, dass ich geschubst werde wie ein Wasserball und trotzdem laufe ich immer weiter geradeaus, ähnlich wie es Rehe oder Kaninchen tun, die von Autos verfolgt werden. Ein einziger Schritt zur Seite würde helfen, aber ich komme nicht auf die Idee, ihn zu gehen. So auch heute. Zu erkennen, dass meine Entscheidungen beeinflusst und durch Filme ins Negative oder Unangenehme gezogen werden führte nicht dazu, dass ich nach einem Ausweg suchte, sondern nur, dass ich mich machtlos und hilflos fühlte und immer mehr verzweifelte. Es regnete noch immer in Strömen und durch meine letzte Wegverirrung hatte sich die Distanz zu unserem Ziel von 7 auf 12 Kilometer erhöht. Also suchte ich nach Zwischenlösungen und schlug vor, rechts abzubiegen und in einem anderen Ort zu fragen. Schon in diesem Moment hatte ich das Gefühl, dass es nicht klappen würde, aber ich wollte es trotzdem versuchen. Wenn ich doch wusste, dass ich heute immer falsch lag, hätte ich ja auch austesten oder Heiko um seine Meinung fragen können. Doch ich tat nichts davon. Wir wanderten den Kilometer in den Ort hinein, gelangten an eine grauenhafte Hauptstraße und stießen auf einen ebenso grauenhaften, dicken Pfarrer, der nichts anderes im Sinn hatte, als uns an die nächsten Orte weiter zu leiten, um keinen Finger krümmen zu müssen. Seine Begründung: Er führe morgen in Urlaub und hätte daher keine Zeit. Das gleiche passierte uns noch zwei weitere Male, bis ich einsah, dass wir am Ende doch in genau der Kirche landen würden, in der wir von Anfang an landen wollten. Das ganze ist nun drei Tage her und langsam wird mir klar, dass der Tag tatsächlich weitaus wichtiger war, als ich es zunächst vermutet hätte. An jenem Abend war ich einfach nur genervt und frustriert. Ich hasste die Menschheit im allgemeinen und die Menschen die uns begegneten (mich eingeschlossen) im Besonderen, und ich konnte nicht verstehen, wieso ein Tag so nervig und unangenehm verlaufen musste. Es war ja nichts großartig schreckliches passiert, aber alles was passiert war, war nervenaufreibend gewesen. Doch genau darum ging es. Zu erkennen, dass das Außen und all diese „nervigen“ Dinge nichts mit mir zu tun hatten, so lange ich sie nicht dazu einlud. Ich nahm sie als wahr an und ärgerte mich darüber, so dass ich ihnen Macht über mich gab. Ebenso hätte ich auch erkennen können, dass es Filme und Illusionen sind, auf die ich nicht eingehen brauche. Dies ist nun anscheinend meine erste Lektion die ich jetzt im Moment zu lernen habe: Mir meinen eigenen Wohlfühlraum zu erschaffen. Einen Platz, an dem es mir immer gut geht, egal, was die Welt um mich herum auch gerade macht. Einen Ort, an dem ich in Ruhe sein, mich entspannen, konzentrieren und mit Freude erschaffen kann. Einen Ort, mit durchlässigen Mauern, die alles abhalten, was mich schubsen, stressen oder negativ beeinflussen will, und die alles angenehme, positive, lichtvolle trotzdem zu mir durchlassen. Es ist das alte Thema, das mir schwer fällt, obwohl es eigentlich das leichteste und schönste der Welt sein sollte: Gut für mich sorgen! Selbst mein bester Freund anstatt mein größter Feind zu werden.
 
Spruch des Tages: Alles kommt stets genau so, wie es kommen muss!
Höhenmeter: 190 m
Tagesetappe: 16 km
Gesamtstrecke: 22.806,27 km
Wetter: Bewölkt, regnerisch
Etappenziel: Kirche, Silkstone, England

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Zuletzt aktualisiert am 2017-09-26 10:58:27


Tag 1245: Übertriebene und fehlende Ordnung

Die Regeln müssen stets dem Leben dienen, nicht da

03.06.2017 - 04.06.2017 So ein bisschen seltsam ist die Mentalität der Menschen hier schon. Auf der einen Seite sind sie die wahrscheinlich striktesten und korrektesten Menschen die es auf der Welt gibt. Jeder Grashalm wird mit der Nagelschere gestutzt, damit er perfekt ins Gesamtbild passt. Alles hat hier seinen Platz und seine Ordnung. Und vor allem: Alles ist Reglementiert. Wohin man auch blickt, man sieht ein Schild mit mindestens einem Verbot darauf. Zelten verboten! Grillen verboten! Fahrradfahren verboten! Angeln verboten! Und weil das alleine noch nicht reicht kommt gleich nebenan ein weiteres Schild mit der Aussage: Mit illegal geangelten Fischen wegrennen verboten! Hunde verboten! Ballspielen verboten! Durchgang verboten! Hinweisschilder lesen verboten! Parken verboten! Und dann wieder gleich nebenan: „Wir bitten Sie höflichst, hier nicht zu parken!“ Heute wanderten wir mehrere Kilometer an einem Kanal entlang, der so eutrophiert und verschlammt war, das nicht einmal ein Frosch freiwillig hinein gesprungen wäre. Trotzdem hingen alle dreißig Meter Tafeln mit „Schwimmen verboten!“ und zusätzlich: „Baden verboten!“ Ganz im Ernst: Jemand der sich von diesem Brackwasser nicht vom Baden abhalten ließ, der ließ sich sicher auch nicht durch ein Schild aufhalten. Hin und wieder entstehen dann gerade wegen des Versuchs immer ganz genau zu sein recht lustige Uneindeutigkeiten. An einem See zum Beispiel stand geschrieben: „Lebensgefahr! Schwimmen Verboten! Achtung tiefes Wasser!“ Ist ja logisch, dass ich in Lebensgefahr gerate, wenn ich in tiefem Wasser nicht schwimmen darf, oder? Auf der anderen Seite sind die Menschen dann aber auch wieder die größten Messis und Chaoten, die wir je getroffen haben. Die Familie, die neben der Kirche von vor zwei Tagen lebte beispielsweise hatte ihr Haus in zwei vollkommen getrennte Bereiche eingeteilt. Der erste war ein Museum, das so edel und nobel eingerichtet war, dass man es jedem präsentieren, niemals aber darin leben konnte. Zum wohnen gab es deshalb den zweiten Bereich, der nicht einmal einen Fußboden hatte und der von oben bis unten voll mit Kinderspielzeug belagert war. Irgendwo war es ja auch kein Wunder, denn im Grunde hatten die Menschen hier das gleiche Problem, mit dem ich auch ständig kämpfte. Der Versuch, ein Ordnungssystem zu erschaffen führte dazu, dass man pedantisch wurde und es so sehr übertrieb, dass man innerhalb dieses Systems nicht mehr leben konnte. Um aber Ordnung in sein Leben zu bringen fehlt nun die Zeit, die man für das Aufrechterhalten der pedantischen Ordnung benötigt. Heute morgen aber entdeckten wir den Gipfel dieser Ambivalenz. Eine junge Mutter war mit ihrem kleinen Sohn auf den Friedhof gegangen um sich dort um ein Grab zu kümmern. Damit sich der kleine nicht langweilte, hatte er ein Kindermotorrad mitgenommen. Keinen Roller und kein Fahrrad, sondern ein Motorrad mit Knattermotor extra für Kinder. Und mit diesem Motorrad heizte er als Miniatur-Cross-Country-Fahrer zwischen den Gräbern herum und teilweise sogar über sie hinweg. Wie konnte das sein? Auf der einen Seite war es verboten, mit seinem Auto vor einem privaten Hoftor auch nur zu wenden und auf der anderen Seite hatte niemand etwas dagegen, das Kinder einen Friedhof als Offroad-Parcours für sein Motorrad missbrauchte. Auf der anderen Seite konnte man es natürlich schon auch wieder verstehen. Denn gerade diese strickte, allgegenwärtige Einkästelung in Regeln und Verbote führten dazu, dass man ständig das Bedürfnis hatte, irgendwie auszubrechen. Es war daher auch kein Wunder, dass es hier so viel Kleinkriminalität mit Zerstörungswut und Diebstählen von nutzlosem Zeug gab. Irgendwie wollte man gegen dieses scheinheilige System rebellieren. Und wenn es nur war, dass man einen schäbigen Tannenzapfen an einem Faden vor seinem ansonsten blankgeleckten Haus aufhing. Sogar den Tieren ging es hier genauso. Heute haben wir ein Picknick an einer Pferdeweide gemacht und hatten dabei Gesellschaft von zwei kleinen und einem großen Pferd, die so gelangweilt waren, dass selbst sie nichts als Schabernack im Kopf hatten. Vor allem der Große hatte eine leichte Tendenz zur Sachbeschädigung und verbrachte einen Großteil seiner Zeit damit, den Weidezaun mit den Hufen niederzutreten. Der Bauer hatte ihn bereits an mehreren Stellen mit Saustricken wieder nach oben gebunden. Die Hufe des Pferdes waren an mehreren Stellen bereits ganz ausgefranzt und eingekerbt durch die permanenten Spiele mit dem Draht, aber es ließ sich davon nicht abhalten. Jedes Mal, wenn es Erfolg hatte, kam es ein klein bisschen weiter nach außen und konnte eine Blume oder einen Grashalm fressen, an den es zuvor nicht gelangt war. Die Wiese innerhalb des Zauns war noch relativ voll, aber außen davor wuchs so gut wie nichts mehr. Er war also einfach ein Freiheitskämpfer. So schön sein Gefängnis auch sein mochte, es blieb ein Gefängnis und er wollte sich daraus befreien um endlich seinen eigenen Weg gehen zu können. Wer könnte es ihm verübeln? (Außer dem Bauern natürlich)
 
Spruch des Tages: Die Regeln müssen stets dem Leben dienen, nicht das Leben den Regeln
Höhenmeter: 250 m
Tagesetappe: 22 km
Gesamtstrecke: 22.790,27 km
Wetter: Sonne und Wind, warm und trocken
Etappenziel: Minikirche, Carlecotes, England
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Zuletzt aktualisiert am 2017-09-26 10:57:24


Tag 1244: Auf dem Trans Panine Way durch Stadt und Wildnis

Wenn Sie glauben, dass Abenteuer gefährlich sind,

31.05.2017-02.06.2017 Über die folgenden drei Tage gibt es wenig zu berichten. Irgendwie mussten wir das zentrale Städtewirrwarr von England durchqueren und das auf möglichst angenehme Weise. Wenn man bedenkt, wie unwirtlich diese Gegend zum Teil ist, gelang uns das gar nicht mal so schlecht. Vorgestern wurden wir für die Bemühungen am Abend sogar mit einer heißen Badewanne entlohnt und durften in einem Hotel übernachten. Die Badewanne war natürlich der Knaller, aber davon abgesehen war uns unsere Kirche am folgeabend dann doch lieber. Sie lang einfach nicht mitten an der Hauptstraße, sondern an einem Berghang mitten in einem nahezu unbewohnten Tal. Hierher waren wir über den sogenannten Trans-Penine-Way gelangt, einen Fernwanderweg, der Zentralengland mit Schottland verbindet. An einigen Passagen war er unsere absolute Rettung da man auf ihm der Zivilisation hervorragend ausweichen kann. Leider ist er nur zu kleinen Teilen wirklich ausgebaut und besteht zum großteil aus Pfaden die dann auch noch mit lauter Zaunübertritten versperrt sind. Doch für einige Kilometer konnten wir ihm auf einr alten verlassenen Bahnschiene mtten durch die Berge wandern und bekamen dabei nicht einmal die nahegelegenen Straßen besonders mit. Ebenso abruppt wie er begonnen hatte endete dieser Weg leider auch wieder, denn die alten Bahngleise hatten hir einst durch einen Tunnel geführt, der für Radfahrer und Fugänger leider nicht zugänglich gemacht wurde. Stattdessen musste man nun auf steilen, holprigen Trampelpfadn oben über den Berggipfel ausweichen. Im gegenüberliegenden Tal kamen wir dann an ein altes Adelshaus zu dessen Grund auch die kleine Kapelle, in der wir nächtigen durften. Von hier aus mussten wir am nächsten Tag einige Hürden überwinden, Schafsweiden durchqueren und Zäune übersteigen, um wieder auf den Trans Panine Way zu gelangen, der uns wieder zurück in die Zivilisation führte. So schön der Weg vielerorts auch war, so gab es doch eine Sache, die uns durchgängig etwas störte. Es war das Gefühl, permanent eingesperrt zu sein. Denn anders als die Fernwanderwege, auf denen wir sonst reisten, war dieser fast durchgängig von Zäunen umgeben, die verhinderten, dass man auch nur einen Meter vom Weg abgehen konnte.
 
Spruch des Tages: Wenn Sie glauben, dass Abenteuer gefährlich sind, probieren Sie es mit Routine – die ist tödlich (Paolo Cuelho)
Höhenmeter: 140 m
Tagesetappe: 22 km
Gesamtstrecke: 22.768,27 km
Wetter: Sonne und Wind
Etappenziel: Hikers and Bikers Bed and Breakfast, Hadfield, England

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Zuletzt aktualisiert am 2017-09-26 10:56:27


Tag 1243: Das Ruhrgebiet von England

Es ist schwer, sich in einem Land frei zu fühlen,

Tag 1243: Das Ruhrgebiet von England 30.05.2017 Nach den einsamen Bauern- und Schäferdörfern von Wales kommen wir nun in das zentrale Industriegebiet von England. Dass dies nicht der schönste Teil des Landes werden würde, war bereits anhand der Karte abzusehen, und unsere Befürchtungen wurden nicht enttäuscht. Die gesamte Gegend um Manchaster und Liverpool herum war früher einmal ein bedeutsames Kohleabbaugebiet, in dem es nun ähnlich wie in unserem ruhrgebiet nichts mehr zu holen gab. Dennoch waren die Städte und Dörfer noch immer auf die Bedürfnisse großer Arbeiterkollonien ausgelegt, was nicht besonders hilfreich war, wenn man hier wandern wollte.Wohin wir auch kamen, um uns herum herrschte ein stetiges Verkehrs- und Industriechaos und eine Stadt schien hässlicher und lebensfeindlicher als die nächste zu sein. Der geamte Verkehr wurde noch immer mitten durch die Ortskerne geleitet und der Asphalt schien sogar noch einmal schlechter geworden zu sein. Nach einiger Zeit erreichten wir jedoch einen Radweg, auf dem wir uns wie über einen geheimen Schleichpfad mitten durch das Chaos bewegen konnten, ohne selbst wirklich Teil davon zu werden. Es war ein wahrer Segen, der nur leider die dumme Angewohnheit hatte, uns am Ende wieder irgendwo rauszuwerfen. Schon standen wir wieder mitten auf einer Kreuzung in einem kleinen Dorf, das von der Verkehrsflut buchstäblich zugrunde gerichtet wurde. Ohne die Straße wäre es eigentlich recht schön gewesen, aber so waren wir nur froh, uns in die Kirche zurükziehen zu können, in der wir heute einen Schlafplatz gefunden hatten. Bei unserer Ankunft wurde gerade eine Beerdigung abgehalten und wir kamen gerade noch rechtzeitig, um etwas vom Leichenschmaus abzubekommen, der irritierender Weise aus einem XXL-Tablett mit Fertig-Sandwiches bestand. Kein Witz, man holt sich hier sogar für eine Beerdigung einfach ein vorgefertigtes Blech mit belegtem Toastbrot aus dem Supermarkt und verteilt dies unter den Gästen.
 
Spruch des Tages: .Die moderne Industriegesellschaft ist ein selbstmörderischer Prozeß. Ich würde sagen, es ist eine fanatische Religion. Eine messianische Bewegung, die ausgeht von dem sinnlosen Glauben, die Erde sei nicht perfekt, wir müßten sie verbessern. Und der Schlüssel zum Heil sei die Technik. José Lutzenberger
Höhenmeter: 50 m
Tagesetappe: 22 km
Gesamtstrecke: 22.746,27 km
Wetter: bewölkt
Etappenziel: Hotelzimmer, in der Nähe von Lower Peover, England
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Zuletzt aktualisiert am 2017-09-26 10:55:34


Tag 1242: Spießer der Extraklasse

Nur weil „Hotel“ dran steht, muss es noch keine Ve

29.05.2017 „Es tut mir sehr leid, aber ich glaube ich habe einen Fehler gemacht!“ raunte mir die Pfarrerin zu, kurz bevor sie mit der Messe begann. „Ich dachte, es ist vielleicht eine gute Idee, die Kirchenverwalter über eure Anwesenheit zu informieren, aber nun machen sie alles nur unnötig kompliziert!“ Unser ursprünglicher Plan war es gewesen, den Nachmittag und die Nacht in der Kirche zu verbringen und die Zeit von 18:30 bis um 19:45, in der der Abendgottesdienst stattfand, zu nutzen, um im Pfarrhaus zu duschen. Doch es kam anders. Die Kirchenverwalter waren der Überzeugung, dass es nicht rechtens war, dass man ihre Kirche einfach zum Schlafen nutzte. Wegschicken konnten sie uns nun aber auch nicht mehr, da die Pastorin ja bereits zugesagt hatte. Also liefen sie wie aufgescheuchte Hühner umher, um uns eine Alternative zu suchen, doch bislang waren ihre Vorschläge noch nicht allzu brauchbar gewesen. Später erzählte uns der ältere der beiden Herren, warum sie so ein Problem mit unserer Anwesenheit als Schlafgäste hatten. Dieses Dorf, oder besser die gesamte Gegend befand sich gerade in einer äußerst abstrakten Lage. Auf der einen Seite gab es hier noch immer die alten Adelsfamilien, die ihre Traditionen hochhalten und die alten Werte wahren wollten. Auf der anderen Seite gab es die jungen, neureichen oder überhaupt nicht reichen, bei denen man es versäumt hatte, ihnen überhaupt noch irgendwelche Werte zu vermitteln. Es gab keine Institutionen mehr, die dazu in der Lage gewesen wären und weder der Ethik- noch der Religionsunterricht wurden hier ernst genommen. Es entstand also eine orientierungslose, ziellose Partygesellschaft, der nichts mehr heilig war und von der man fürchtete, dass sie alles zugrunde richten würde. Dies wiederum veranlasste die alten, reichen, Traditionswahrer dazu, so kleinkariert auf allem alten zu beharren, das dadurch ebenfalls alle Werte verloren gingen. Die Pastorin versuchte seit ihrem Amtsbeginn, den Gottesdienst etwas anders zu gestalten, um ihn wieder lebendiger zu machen und so wieder ein größeres Publikum anzuziehen. Doch wenn sie auch nur einen Satz anders formulierte, als man es ihr vorgab, stieg ihr die Gemeinde bereits auf den Kopf. Den Kirchenverwalter hingegen hatte es Jahre gekostet, nur eine kleine Gummirampe in den Eingang zu legen, die es Rollstuhlfahrern ermöglichte, ins Innere er Kirche zu gelangen. Noch heute waren viele Gemeindemitglieder dagegen wollten sie am liebsten wieder entfernen lassen. Der Grund dafür war, dass die Rampe nun die schöne Türschwelle verdecke, die die Kirchenbesucher seit so vielen Jahren inspiriert habe. Noch schlimmer ist es mit dem kleinen Toilettenhäuschen, das nicht einmal an die Kirche angebaut werden sollte, sondern abseits am Ende des Kirchengeländes steht. Sieben Jahre lang dauerte der Prozess, um es genehmigen zu lassen und noch immer waren die Leute unzufrieden damit. Kurz vor Ende der Messe kam der Verwalter mit guten Nachrichten zu uns zurück. Man hatte eine kleine Kneipe irgendwo in der Nähe gefunden, die Gästezimmer vermietete und in der wir nun untergebracht wurden. Wie sich herausstellte war das „irgendwo in der Nähe“ eine wirklich ekelhafte Kleinstadt, die weit schäbiger und unangenehmer war, als jede Stadt, die wir im Balkan durchquert hatten Selbst Sarajevo war ein angenehmer und entspannter Ort gewesen, wenn man ihn mit diesem hier verglich. Hier herrschte zum ersten Mal wirklich Krieg. Kein offensichtlicher natürlich, aber ein unterschwellig brodelnder. Ich kann es kaum beschreiben, weil es ein zusammenschluss aus so vielen einzelnen Eindrücken war. Hinterhöfe voller Müll, Pisse und zertretenen Scheiben, Jugendliche mit 12 Jahren, die besoffen und grölend durch die Straßen rannten, dazu der Verkehrs- und Fluglärm. Selbst in unserer Bar wurden wir bereits von einem Besoffenen angelallt, noch ehe wir auch nur unseren Zimmerschlüssel hatten. Unser Zimmer selbst hatte den wahrscheinlich niedrigsten Standard auf der Reise und war bei weitem schäbiger, als die Hotels in der Ukraine oder in Bulgarien. Direkt vor unserem Fenster brummte eine Klimaanlage und der Verkehr hallte von unseren Wänden zurück. Man muss allerdings positiv vermerken, dass wir eine Badewanne hatten, und nachdem wir sie einmal von Käfern, Hundertfüßlern und Spinnen befreit hatten, konnten wir darin sogar ein entspanntes, heißes Bad nehmen. Zum Essen gab es dann wieder einmal Fastfood und (man hätte es zuvor sagen können) bekamen wir dies von einem Türken und einem Chinesen geschenkt. Alle anderen waren so unfreundlich und griesgrämig, dass man nicht einmal fragen mochte. Am meisten wurmte uns dabei, dass wir am Nachmittag von einem sehr freundlichen Minimarktbetreiber mehr frisches Gemüse bekommen hatten, als wir tragen konnten. Doch dies lag nun gemeinsam mit unserem Kocher in der Kirche. Am nächsten Morgen wurden wir vom zweiten Kirchenverwalter wieder abgeholt und zur Kirche zurück gebracht. Sofort waren wir wieder in einer anderen Welt. Eine Welt, die aus gestriegelten Rasenflächen, Cricketfeldern, Polo-Plätzen und Villen bestand, deren Gärten die Kleinstadt vom Vorabend an Größe teilweise übertrafen. 20km weiter war es noch immer genauso spießig wie zuvor. Obwohl der Verwalter vom Vortag hier in der Kirche anrief und obwohl es hier neben der Kirche selbst noch reichlich weitere Gebäude gab, wollte man uns keinen Platz anbieten. Nicht einmal die Methodisten, mit denen wir bislang immer gute Erfahrungen gemacht hatten, hatten einen Platz für uns übrig. Begründung in beiden Fällen: Man wisse nicht, ob die Versicherung einverstanden wäre. Ein dritter Pfarrer hingegen hatte sich darauf spezialisiert, sich wie eine Maus in einem Loch zu verkriechen und sich vor jeder Form der Verantwortung zu drücken. Er würde uns ja helfen wollen, aber seine Frau fühle sich nicht wohl damit, Fremde in ihrem Haus zu haben und den Kirchenverwalter wolle er lieber nicht fragen, da er neu sei und nicht wisse, wie dieser zu ihm stand. Nicht einmal fragen! Wie wollte so jemand seiner Gemeinde glaubwürdig vermitteln, dass man durch Gott geleitet wird und ihm vertrauen soll, wenn er selbst so viel Angst vor seiner Frau und seinen Mitarbeitern hatte, dass er sich nicht einmal Pieps zu machen traute? Letztlich war es dann eine alte Dame von der Ortsgemeinde, die uns den Gemeindesaal zur Verfügung stellte. Sie selbst, wie auch der Mann, der uns den Kontakt vermittelt hatte, war zu tiefst beschämt und entsetzt über die Reaktion ihrer Kirchen. So etwas dürfe nicht vorkommen! Da waren sie sich einig und es war klar, dass sie die Sache nicht auf sich beruhen lassen würden.
 
Spruch des Tages: Nur weil „Hotel“ dran steht, muss es noch keine Verbesserung sein.
Höhenmeter: 50 m
Tagesetappe: 22 km
Gesamtstrecke: 22.746,27 km
Wetter: bewölkt
Etappenziel: Hotelzimmer, in der Nähe von Lower Peover, England

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Zuletzt aktualisiert am 2017-09-26 10:52:50


Tag 1241: Motorrennstrecken live erleben

Lügen glaubt nur, wer sie glauben will

Tag 1241: Motorrennstrecken live erleben 27.-28.05.2017 Die Engländer lieben Autos. Das kann man ganz klar so festhalten, ohne ein schlechtes Gewissen zu bekommen. Ich weiß, über uns Deutsche sagt man das zwar auch, aber wir sind nicht einmal ein Zehntel so vernarrt, wie unsere Nachbarn auf den Britischen Inseln. Ich selbst muss ja zugeben, dass ich mich mit Autos so gut wie überhaupt nicht auskenne und erst seit wir uns an die Erlebnisseite gemacht haben, habe ich mich zum ersten Mal intensiver mit diesem Thema beschäftigt. Schnelle, laute und coole Kutschen zu fahren ist eben einer der häufigsten Männerträume unserer Zeit und dementsprechend gibt es auch viele Erlebnisangebote in diesem Bereich. Die meisten Luxusschlitten, mit denen man dabei Wochenendtrips, Rennfahrten oder Rundtouren buchen hatte ich davor zumeist noch nie gesehen und bis zu unserer Ankunft in England kannte ich sie nur von Bildern. Jetzt änderte sich dies jedoch schlagartig, denn hier gehören sie einfach zum alltäglichen Straßenverkehr. Aston Martin, Dodge, Lotus, Mercedes SLK, Ferrari, Porsche, Rolls Royce, Lamborghini und dergleichen mehr fahren hier an einem vorbei wir bei uns VWs und Renaults. Bislang haben wir uns immer gefragt, was die Menschen damit anfingen, wenn sie die Fahrleistung hier doch niemals nutzen konnten. Die Geschwindigkeitsbegrenzungen selbst auf den Autobahnen waren streng und die Straßen selbst oft in so schlechtem Zustand, dass man selbst bei normaler Geschwindigkeit schon Angst bekam. Dies war vielleicht auch einer der Gründe, warum jeder Haushalt zusätzlich noch einen Geländewagen mit Allradantrieb ihr Eigen nannte. Motorpower live erleben Heute jedoch kamen wir an einer der berühmtesten Motorrennstrecken in England vorbei, die uns einige Antworten auf die hier noch offenen Fragen gab. Es war kein Formel-1-Parcours sondern eine Touring-Strecke, wo man mit „normalen“, getuneten Autos und Motorrädern fahren konnte. Die kleinen Flitzer waren bunt und wild und jagten einander über die Asphaltpiste. Es waren keine Rennfahrer, die darin saßen, sondern Menschen, die sich hiermit einen Traum erfüllten und einmal so richtig Gas geben durften. Dafür gab es dann auch reichlich Sicherheitsvorkehrungen und jede Menge Sanitäter, falls einer eine Kurve doch einmal nicht so packen sollte, wie er es plante. Wir machten Halt in einer kleinen Ortschaft, die einen knappen Kilometer von der Rennstrecke entfernt lag. Gerade so weit also, dass man von hier aus nichts mehr sehen, aber noch alles hören konnte. Zum Übernachten bekamen wir einen Platz in der Kirche, die von ihrem Kirchenverwalter gerade frisch umgebaut und um ein Büro, eine Küche und eine Toilette erweitert wurde. Der Verwalter war ein pensionierter Ingenieur, der gemeinsam mit seiner Frau hier hergezogen war, um seine Rente in einem kleinen, verschlafenen Dorf zu verbringen. Dass die Rennstrecke bis hier herübertönte, wenn der Wind richtig ging und dass hier fast jedes Wochenende Rennen gefahren wurden, hatten sie damals nicht gewusst und als sie es bemerkten, war es längst zu spät. „Wir haben uns damit arrangiert!“ meinte er, wollte das Thema dann aber lieber nicht weiter vertiefen. Privat gesponserte Kirchen Dafür erfuhren wir noch einmal ein spannendes Detail über die englische Kirche. Zuvor hatten wir uns gefragt, wie es kam, dass winziger Dörfer riesige Kirchen haben konnten und größere Orte überhaupt keine. Wieso waren sie an einigen Orten so überaus prunkvoll und an anderen so unauffällig und schlicht. Der Grund lag in dem gleichen System begraben, das auch heute noch überall spürbar ist. Die Kirche lebt hier rein aufgrund des Adels. Der Mann beschrieb es folgendermaßen: „Dieser Ort hier hatte Glück, denn hier lebte seinerzeit eine reiche Familie, die diese Kirche erbauen ließ. Sie war zwar nicht so reich, wie die Familie aus dem Ort, wo ihr letzte Nacht geschlafen habt, aber sie war reich genug, dass es für eine schöne Kirche gereicht hat.“ Ob es Kirchen gab oder nicht und wie diese beschaffen waren lag also nicht am Dorf oder an der Ortschaft selbst, sondern lediglich am Geldbeutel der ortsansässigen Adelsfamilien. Und heute bestimmt genau der gleiche Faktor darüber, ob Kirchen in einem Ort erhalten bleiben oder nicht. Wir bewegen uns nun immer weiter auf Manchester zu und müssen hier sowohl ein Gebirge als auch eine dicht besiedelte Zone voller Städte durchqueren. Heute gelang uns das recht gut, weil es einen Fahrradweg gab, der entlang einer alten Bahntrasse durch die Orte führte und an den wir uns halten konnten. Unwirkliche Begegnungen Auf diesem Weg begegneten uns zum ersten Mal seit Wochen wieder andere Wanderer, Spaziergänger, Radfahrer und Urlauber antrafen. Dabei kam uns auch eine junge Frau entgegen, die so eigentlich wieder einmal nicht hätte existieren dürfen. Sie hatte ein recht hübsches (aber nicht ganz authentisches) sympathisches Gesicht, eine große, silikonverstärkte Oberweite mit zwei Brustwarzenpiercings, die sich unter ihrem hautengen, bauchfreien Oberteil abzeichneten und eine schlanke, sportliche Figur. Ihre Haare, waren zu einem Zopf zusammen gebunden, der ihr bis zum Hintern reichte und in der Hand trug sie eine Wasserflasche, die sie ein bisschen hielt wie eine olympische Fackel. Einen BH trug sie nicht, was in ihrem Fall zum Joggen ebenso unpraktisch war, wie die Flasche in der Hand. Kein real existierender Mensch käme jemals auf die Idee, auf so eine Weise joggen zu gehen. Spannend war aber vor allem, das Heiko nicht einmal eine Minute zuvor, über das Thema Ablenkung durch sexuelle Reize und sexuellen Hunger gesprochen hatte. Wir Menschen wissen im Normalfall genau, was uns gut tut und was nicht, und wir erkennen auch relativ zielsicher jede Form der Lüge oder der Scheinwahrheit, wenn sie uns vorgespielt wird. Wenn wir einen Menschen kennenlernen wissen wir also fast immer sofort, ob es ein Mensch ist, mit dem wir eine funktionierende, heilsame und produktive Beziehung eingehen können oder nicht. Warum wir uns austricksen lassen Wir wissen, ob es ein Mensch ist, mit dem wir nur ärger haben werden, der uns betrügen wird, und einschränkt, verbiegt oder anderweitig schadet. Wenn wir also offen und ehrlich zu uns selbst sind, kann es uns nicht passieren, dass wir uns überhaupt auf eine solche Beziehung einlassen. Es sei denn, wir haben einen Hunger oder gar eine Gier in uns. Dann passiert das gleiche, das auch passiert, wenn man hungrig im Supermarkt einkauft. Man weiß, das Werbebotschaften grundsätzlich Lügen und leere Versprechen sind, doch wenn man hungrig ist, ignoriert man dieses wissen und lässt sich dennoch auf die Lüge ein. Man übersieht die Anzeichen oder ignoriert sie bewusst. Man will belogen werden, wenn die Lüge einem verspricht, dass sie den Hunger stillt. Und genau in dem Moment taucht ein solches Ablenkungs-Angebot auf. Eine Frau, die in etwa den momentanen Stand von Shania hat, dabei jedoch eine dezente, innere Blässe und Farblosigkeit ausstrahlt, die darauf hinweist, dass es mit ihr niemals funktionieren würde. Es ist ein Signal, das man sofort wahrnehmen kann und dass einem unmissverständlich klar macht: Dies wäre nichts als eine Ablenkung und es würde kein Wachstum, keine Entwicklung und kein gemeinsamer Weg möglich sein. Man weiß es und doch springt der Körper darauf an und sagt: „Will ich haben!“ Wäre der Hunger größer und die Aufmerksamkeit geringer, wäre man darauf hinein gefallen, hätte versucht einen Kontakt aufzubauen und wäre früher oder später um eine bittere Enttäuschung reicher geworden. Die junge Frau war aber auch noch einmal ein Hinweis für dich, denn was ebenfalls an ihr auffällig war, dass auch sie Ihre Augen mit permanent Make-Up konturiert hatte. Es waren gute Ansätze dabei, aber sie waren nicht konsequent umgesetzt worden und deshalb wirkte es unstimmig und unsicher. Sie wirkte fast, als wäre sie bewusst als Ablenkung hier platziert worden, um uns als Herde auseinander zu bringen. Frei nach dem Motto: „Wenn ich diesem Heiko eine andere Frau schicke, die ein bisschen besser ist als Heidi, dann nimmt er vielleicht die und Heidi ist außer Gefahr!“ Offenbar ist hier noch immer der Puppenspieler am Werk, der immer noch permanent von zwei Seiten spielt und Shania von uns und uns von Shania wegbringen will. Hier ist also vor allem jetzt im Moment äußerste, und wirklich äußerste Aufmerksamkeit gefragt!
 
Spruch des Tages: Lügen glaubt nur, wer sie glauben will
Höhenmeter: 70 m
Tagesetappe: 14 km
Gesamtstrecke: 22.724,27 km
Wetter: heiß, schwül und sonnig
Etappenziel: Kirche, CW6 9BW Little Budworth, England

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Zuletzt aktualisiert am 2017-09-26 10:51:05


Tag 1240: Einfach Ich-Sein, ohne jede Erklärung

Ich bin, der ich bin und muss nichts erklären!

26.05.2017 Heute hatten wir seit längerem einmal wieder einen intensiven Kontakt zu Shania, die grade in Deutschland dabei ist, die Vorbereitungen zu treffen, um ganz in ihr Sein zu gelangen. Eines der Themen dabei war die äußerliche, körperliche Wandlung, um ihren Medizinkörper annehmen zu können. Das klingt erst einmal ein bisschen verwirrend, ist aber eigentlich ganz einfach. Stellt euch vor, ihr tragt in eurer Seele die Lebensaufgabe Türsteher zu werden und wollt dieser Aufgabe auch nachgehen. Ihr wollt euch nicht einfach nur an irgendeine Tür stellen, ihr wollt diese Aufgabe gut machen und darin vollkommen aufgehen. Wenn es wirklich eure Lebensaufgabe ist, dann ist für euch wahrscheinlich auch ein Körper vorgesehen, der dieser Aufgabe entsprechend gebaut ist. Ihr braucht ein grundsolides Auftreten und einen sportlichen, durchtrainierten Körper, der jedem im Umkreis auf den ersten Blick sagt: Oha, an dem komme ich niemals vorbei, wenn er mich nicht lässt!“ Jetzt kann es sogar sein, dass ihr genau einen solchen Körper haben solltet, ihn jedoch aufgrund von Ängsten oder anderen Ursachen nicht ausprägen konntet. Ihr seit klein, bucklig und könnt kaum eure eignen Hände nach oben halten, geschweige denn so etwas wie eine Hantel. Wie wollt ihr so eurer Berufung nachgehen? Richtig, es funktioniert nicht. Wenn ihr euren Weg gehen wollt, dann müsst ihr zunächst den dazu passenden Körper annehmen. Und genau an diesem Punkt stand nun auch Shania. Und einer der Unterpunkte, der zu diesem Annehmen des Medizinkörpers gehörte, war ein etwas katzenartiges Auftreten, das gleichzeitig Anmut und Eleganz aber auch Stärke und Unberechenbarkeit ausstrahlte. Unter anderem sollte dies mit Hilfe von Permanent Make-Ip an den Augen ausgedrückt werden. Bei Heiko führte der Gedanke an das Katzenhafte Aussehen zu einem seltsamen, unbehaglichen und Gefühl, das er erst nicht so recht erklären konnte. Es war kein: Das gefällt mir nicht, oder das kann ich mir nicht vorstellen. Sondern viel mehr ein Gefühl von „Darf man das so haben?“ Ist es in Ordnung, so aufzutreten, bzw. eine Freundin zu haben, die so auftritt. Hier sind wir auch noch einmal auf einen ganz zentralen Kernschlüssel gestoßen. Es geht natürlich wieder um die Frage, wie sehr kann ich zu mir stehen. Auf der einen Seite sind wir darin ja schon recht gut geworden. Es macht uns nichts mehr aus, extravagant zu sein und aus allen erdenklichen Mustern zu fallen und doch gibt es hier noch eine Grenze, die es noch immer schwierig macht, die 100% zu erreichen. Es ist die Grenze zwischen dem „Ich bin so weil ich so bin“, und dem „Ich bin der ich bin!“ Das erste funktioniert schon gut. Wir wissen, was zu uns gehört und warum das so ist. Also können wir es den Menschen in unserer Umgebung erklären, so dass auch sie es verstehen und annehmen können. Das bedeutet, dass wir in einer passenden Umgebung zu 100% zu uns stehen können. Man kann es recht gut am Beispiel vom jugendlichen Heiko erkennen. In seiner Party-Phase liebte er es, mit aufblasbaren Jacken, neongetönten Haaren, Nietengürteln und ähnlich ausgefallener Kleidung auf Tour zu gehen und zu feiern (Jedenfalls theoretisch, denn praktisch bestand diese Zeit ja quasi nur auf Filmen) Seine Eltern waren jetzt vielleicht nicht hoch erfreut darüber, aber sie akzeptierten es, so lange es eine bestimmte Grenze nicht überschritt. Die Grenze bestand nicht darin, wie krass und abgedreht er sich gab, sondern WO er sich dabei aufhielt. Solange alles innerhalb der Raver-Szene blieb, war es kein Problem. Hier war das abgedrehte eine gewisse Normalität. Jeder der hier ein Teil davon war, verstand es und sah die Dinge ähnlich. Niemand nahm daran Anstoß oder verurteilte einen, weil man war, was man war. Niemand stellte Fragen dazu, da die hier gängige Norm alle Fragen bereits geklärt hatte. Wer als Raver etwas auf sich hält, der zeigt sich auch so. Das gleiche Auftreten auf der Arbeit wäre aber ganz und gar nicht in Ordnung gewesen. Hier hätten die Menschen ja weiß Gott was gedacht! Man hätte ihn als Geschäftspartner nicht mehr akzeptiert, zumindest nicht so ohne weiteres. Das, worauf es beim Auftreten also ankommt, ist die Möglichkeit, sich an die gegebene Situation anzupassen. Dort vor man akzeptiert wird, kann man sich zeigen, dort wo jemand Anstoß nehmen würde, versteckt man sich. In beiden Fällen muss man nichts erklären, weil das Auftreten keine Fragezeichen in den Gesichtern entstehen lässt. Doch genau das ist der Punkt. Das 100%ge zu sich stehen bedeutet, dies auch dort zu tun, wo es eben nicht normal ist. Wo es keine Anerkennung findet und wo es eben Fragezeichen in den Gesichtern entstehen lässt. Der Switch ist, diese Fragezeichen stehen zu lassen und sich damit vollkommen wohl zu fühlen, dass man andere komplett verwirrt, abstößt oder irritiert. Als du angefangen hast mit deinem Wandlungsprozess, hattest du ja ganz stark das Bedürfnis, es allen, vor allem aber deinen Eltern erklären zu wollen, weil das Gefühl da war, nur ganz du selbst sein zu dürfen, wenn die anderen es verstehen können. Genau darum, dieses Gefühl und die damit verbundene Angst abzulegen, geht es. Dein Dodem ist eine Mischlings-Raumkatze aus Puma und Gepard, also trittst du als Katzenwesen auf. Dies jedem zu erklären ist vollkommen unmöglich, also können die Menschen es entweder gut oder schlecht finden, sich daran freuen oder erzürnen, es verstehen oder ungläubig den Kopf schütteln. Es ändert nichts. Es ist das gleiche Grundbewusstsein mit denen viele Behinderte zurecht kommen müssen, wenn sie vollkommen anders aussehen, als die Norm. Auch sie können sich nicht jedem erklären, warum sie sind, wie sie sind. Sie sind es einfach. Wenn man als blaues Kamel mit Giraffenhals und Schlappohren mitten durch eine Stadt geht, dann werden die Menschen guckten. Und doch kann man sich nicht jedem erklären. Man kann nur sein, wer man ist. Und darum geht es ja auch beim Erwachen: „Werde der, der du bist“ Ich bin der ich bin. Es gibt kein Warum, Wieso und Weshalb. Nur ein reines Sein. Es gibt wenige Menschen, die dies tatsächlich beherrschen, aber hin und wieder trifft man sie. Menschen, die aus jeder Norm fallen, de vollkommen anders sind als alle anderen und bei denen man trotzdem sofort das Gefühl hat: „Klar, das ist er/sie! Da gibt es keine Frage! Anders könnte er nicht sein!“ Dies ist die Ausstrahlung des 100%igen zu sich Stehens, ohne etwas erklären zu müssen. Recht cool oder?
 
Spruch des Tages: Ich bin, der ich bin und muss nichts erklären!
Höhenmeter: 90 m
Tagesetappe: 24 km
Gesamtstrecke: 22.710,27 km
Wetter: heiß, schwül und sonnig
Etappenziel: Methodisten-Kapelle, CW6 Bunbury, England
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Zuletzt aktualisiert am 2017-09-26 10:50:59


Tag 1239: Konstruktiv Feiern

Wer das Leben nicht feiern kann, kann auch nichts

Fortsetzung von Tag 123 Im Kopf gingen wir noch einmal unsere früheren Erfahrungen mit dem Feiern durch, bzw. die Situationen, an die wir uns in dieser Hinsicht zu erinnern glaubten. Wann schadet und das Feiern Feiern bedeutete stets, faul und unproduktiv zu sein, und das gleich in mehrfacher Hinsicht. Die Zeit, die man fürs feiern nutzte, war verschwendet. Sie brachte einem nichts, oft nicht einmal Spaß, führte aber dazu, dass man sich selbst damit zerstörte. Nach einer Feier fühlt man sich ausgelaugt, müde und kaputt und meist braucht man einen ganzen Tag um wieder auf die Beine zu kommen. Man hat einen Tinnitus wegen der lauten Musik, holt sich einen Schnupfen, weil man in der Kälte auf den Zug warten musste. Man ist verspannt, verkrampft, verkatert. Feiern bedeutet Geldverschwendung. Es ist immer ein Minusgeschäft. Nur wenn man sich zuvor mit der Arbeit kaputt gemacht hat, um ausreichend Geld zu bekommen, kann man sich das Feiern überhaupt leisten. Feiern hat immer etwas mit Verbiegen zu tun, damit nicht der sein zu können, der man eigentlich ist. Man muss sich aufbretseln und etwas darstellen, das man nicht ist. Man muss sich verbiegen, um dazuzugehören. Und doch fühlt man sich dabei nie richtig wohl, weil man immer von Leuten umgeben ist, die man im Zwielicht der Abendbeleuchtung für schöner, besser und attraktiver hält. Auf der Party fällt mir erst auf, wie schlecht mein eigener Partner im Vergleich zu anderen gekleidet ist und wie viel schöner, lockerer, attraktiver, cooler und sympathischer diese anderen sind. Gleichzeitig merke ich natürlich auch, dass mein Partner das selbe denkt und dass auch ich mit der Konkurrenz nicht mithalten kann. Partys und Feiern waren also stets Orte, an denen wir Nutten, Versager, Aussätzige waren. Man ist umgeben von Leuten und dennoch allein. Man sieht vielleicht aus wie alle anderen und gehört dennoch nicht dazu. Feiern ist bei uns immer eine oberflächliche Angelegenheit. Es gibt keine Tiefe. Jeder wird automatisch auf das Äußere reduziert. Es bleibt nur der erste Eindruck. Was in einem Menschen steckt, ist hier nicht von belang. Ebenso wenig, wie die wahren Gefühle, die er gerade in sich trägt. Denn der Clou ist: Feiern wird bei uns als persé positiv angesehen. Feiern ist etwas, das Spaß macht, also hat auch jeder Spaß zu haben, der sich gerade am Feiern ist. Dies bedeutet jedoch nichts anderes, als jede Konsequenz und Zielgerichtetheit abgelegt wird. Normalerweise weiß man, was einem gefällt und was nicht, was einem gut tun und was nicht, was einem Energie gibt und was nicht. Beim Feiern macht man diese Entscheidung nicht. Hier hört man auf, streng zu sein und sich zu fragen, was einem wirklich gefällt. Man feiert einfach mit, lässt sich mitreißen, auch wenn man weiß, dass man es bereuen wird. Zerstörerisches Feiern Feiern hat bei uns grundsätzlich etwas zerstörerisches. Eine gute Feier braucht Alkohol, was an sich schon zerstörerisch ist, um damit die eigenen Hemmschwellen außer Kraft zu setzen und über jede persönliche Grenze zu gehen. Feiern bedeutet Vandalismus, Agressivität, Schlägereien, Vergewaltigung, Unfälle, Zerstörung, Diebstähle. Feiern bedeutet also nicht, das zu ehren, was man aufgebaut hat, sondern es zu zerstören. Keine Phasen des Lebens sind so gefährlich wie Partys, wo einem jederzeit jemand eine Droge ins Getränk mischen, oder wo man durch reinen Zufall in eine Schlägerei geraten kann. Heiko erlebte seine erste Messerstecherei auf einer Party mit 13. Da man selbst weiß, wie gefährlich und zerstörerisch eine Party sein kann, versetzt einen jede Party in den eigenen vier Wänden (oder denen der Eltern) in erhöhte Alarmbereitschaft. Feiern zu organisieren ist also immer anstrengend. Man muss immer aufmerksam sein, muss alles und jeden kontrollieren und darf sich selbst niemals fallen lassen. Was ist, wenn die Polizei käme? Wenn jemand aufs Sofa kotzt oder die Blumenvase zerstört? Was ist, wenn alles aus dem Ruder läuft? Ohne Stress, Angst und Aufregung geht es also nie, wie will ich mich da entspannen? Wie will ich genießen und wirklich feiern? Feiern bedeutet auch, sein Geld zu verschwenden. Es ist immer teuer, immer überteuert. Es gibt stets einen, der alle anderen abzockt. 100€ Eintritt, nur um in den Club zu dürften. 9€ für 0,2l Wasser. Selbst wenn man viel Geld hat, fühlt man sich hier Arm und muss stets schauen, dass man sein Geld beisammen hält. Und selbst wenn man genug hat, bleibt doch stets das Gefühl, es hier vollkommen unnötig auszugeben. Doch das Geld macht hier noch mehr. Es schafft eine Party-Klassen-Gesellschaft, die bewusst ungerecht ist und Neid und Missgunst erzeugt. Man wird aufgrund der Kleidung und des Geldbeutels aussortiert und somit automatisch dazu angehalten, zu protzen, zu prollen und den Anschein zu erwecken als wäre man nicht der, der man ist. Und gerade dadurch sind Partys und Feiern wie ein Schwamm für unangenehme, dümmliche Zeitgenossen. Nirgendwo sonst findet man so viele Menschen, mit denen man nichts zu tun haben will auf einem Haufen. Wenn man einen Partner hat, bedeutet feiern immer auch reines Fremdgehen. Nicht unbedingt physisch, aber gedanklich fast in jedem Fall. Oft führen Feiern deshalb zu Streit und nicht selten sind sie ein Trennungsgrund. Feiern bedeutet aber oft auch Probleme mit den Eltern zu bekommen. Wenn man feiert, verärgert man damit automatisch jeden im Umkreis, und riskiert damit, dass einen niemand mehr gern hat. Gleichzieitg sind die Feiern oft auch frustrierend, vor allem wenn man sich davon Partnerschaften oder sexuelle Kontakte erhofft. Meist klappt hier überhaupt nichts und wenn, dann sind es in der Regel Menschen, die man nicht einmal mag und die man im ungünstigsten Fall nicht mehr los wird. Die Liste mit Gründen, warum einfach kein Positives Gefühl zum Feiern aufkommen will, wollte einfach kein Ende nehmen: Unser gesellschaftliches Bild einer Feier Peinlichkeiten, Übertreten von jeder Form der persönlichen Grenze, sowohl der eigenen, als auch der von anderen. Warum? Man trifft sich ja eh nicht wieder! Auf einer Feier kann man niemanden mit Tiefe kennen lernen, da es ja keine Tiefe in diesem Bereich gibt. Feiern ist vielleicht manchmal wild und ausgelassen, niemals aber gemütlich, wohlig und angenehm. Vielleicht ist dies einer der Gründe, warum fast alle Paare und auch die meisten Single irgendwann einmal aufhören, feiern zu wollen und stattdessen lieber einen Videoabend auf der heimischen Couch veranstalten. Aber auch dies ist nicht positiv belegt, da es stets einen Beigeschmack von Langweiligkeit, Spießigkeit und Trägheit vermittelt. In diesem Stadium versuchen wir nicht einmal mehr Spaß zu haben. Fassen wir also noch einmal zusammen: Feiern wird bei uns grundsätzlich mit Alkohol gleichgesetzt, was eigentlich schon genug sagen sollte. Feiern sollte der Teil unseres Lebens sein, an dem wir am meisten genießen, also auch am meisten spüren und wahrnehmen können. Stattdessen aber benebeln wir unseren Geist und die Sinne, weil wir ganz bewusst nicht mitbekommen wollen, was wir uns hier antun. Das, was wir unter feiern verstehen ist ein Akt der Selbstzerstörung, um uns von dem abzulenken, mit dem wir uns im Alltag kaputt machen. Anstatt uns also nach getaner Arbeit durch das Feiern zu regenerieren, nutzen wir es, um uns ganz bewusst von der Regeneration abzuhalten. Ist es da ein Wunder, dass wir keinen positiven Bezug dazu haben? Wenn wir unter all diesen Aspekten noch einmal ehrlich zurück auf unsere Feier- und Partyzeit blickten, dann lagen wir locker bei 90% der Feiern, die keinen Spaß gemacht haben. Partys und Wochenendveranstaltungen sind dabei natürlich relativ klare und deutliche Beispiele, aber das Prinzip ist auch bei den meisten Urlauben und selbst bei unserem normalen Feierabend identisch. Auch hier brauchen wir unser Feierabendbier um unsere Sinne einzutrüben und auch hier wollen wir nicht die Früchte unserer Arbeit feiern, sondern und einfach nur zerstreuen und ablenken, so dass wir niemals einen Schritt nach vorne tun müssen. Selbst das einfache Hören von Musik geht in genau diese Richtung. Sie ist heute nicht mehr darauf ausgelegt, unseren inneren Tackt zu unterstütßen, sondern dient ebenfalls der Zerstreuung und der Dishamonisierung Wie wir bereits vermutet hatten, kam bei den Muskeltests heraus, dass alles, aber auch wirklich alles, was wir bis Dato mit Feiern, Party, Musik etc. in Verbindung gebracht haben nicht real war. Diese Art des Feierns hat nichts mit echtem Feiern zu tun. Es diente nur als Film dazu, die Lust und den Willen fürs Feiern zu zerstören. Dazu gehört nicht nur das Feiern im Klassischen Sinne, sondern auch Heilen, denn dies ist ebenfalls eine Form des Früchte-Erntens. Auch Geld im Allgemeinen, ruhige und schöne Schlafplätze, ein eigenes Campermobil, glückliche Beziehung, und vieles mehr sind damit verbunden. Diese Verknüpfung führte bei allem, zu einem unterschwellig negativen Gefühl. Man weiß, dass Heilung gut, wichtig und sinnvoll ist, aber weil man immer dieses Gefühl damit in Verbindung bringt, will man es plötzlich nicht mehr. Der Gedanke an Heilung löst nun nicht mehr Freude und Leichtigkeit in einem aus, sondern Schwere, Anstrengung und Unbehagen. Unsere Aufgabe für jetzt besteht also darin, diese Assoziation zu erkennen und uns bewusst zu machen, dass sie nur aufgrund von Filmen in uns erzeugt wurde, aber nicht real ist. Wenn es uns gelingt, wieder mit Freude feiern und ernten zu können, kann auch der Erfolg eintreten. Bis zu dem Zeitpunkt, an dem Shania unserer Herde komplett beitritt, ist es meine Aufgabe, der Wächter über das Ernten und Feiern zu werden. Zum einen nach innen für uns, so dass es nicht zu kurz kommt und wir stets darauf achten, dass wir uns auch hierfür genug Zeit nehmen. Zum anderen nach außen, als Pfleger und Erntehelfer für unsere Projekte. Hier gilt es, präsent zu bleiben und stets zu kontrollieren, was gerade schon fließt und was noch Starthilfe braucht. Wo muss nachgehakt werden? Wo brauchen die Menschen, die mit uns zusammenarbeiten technische, seelische oder moralische Unterstützung. Was brauchen die Bücher und Projekte, um wachsen und sich verbreiten zu können. Hier ist meine Lernaufgabe nun, darin eine Freude zu sehen und keine Verpflichtung, ebenso wie man sich über ein Kind freut, das man beim Aufwachsen begleiten darf.
 
Spruch des Tages: Wer das Leben nicht feiern kann, kann auch nichts erschaffen!
Höhenmeter: 180 m
Tagesetappe: 16 km
Gesamtstrecke: 22.686,27 km
Wetter: heiß, schwül und sonnig
Etappenziel: Methodisten-Kapelle, SY14 7JH Tallarn Green, Wales

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Zuletzt aktualisiert am 2017-09-12 09:06:38


Tag 1238: Ein Projekt erfolgreich werden lassen

Es ist schwer, sich in einem Land frei zu fühlen,

25.05.2017 Wir hätten nicht geglaubt, dass es auch hier so sein würde, aber genau wie in den letzten Jahren ist es nun wieder so, als hätte jemand einen Schalter umgelegt, um den Sommer einzuschalten. Vorgestern war e noch grau, trübe und kalt und nun ist es so heiß und schwül, dass man es kaum aushält. Es ist natürlich bei weitem nicht so heiß, wie in Rumänien, aber dafür ist es hier feuchtwarm, was deutlich anstrengender ist, als die trockene Hitze. Zum übernachten bekamen wir heute einen Platz in einer Methodisten-Kirche, wo wir inzwischen nahezu jedes Gemeindemitglied kennengelernt haben. Als wir schließlich Zeit für uns hatten, gingen wir heute noch einmal ein Thema durch, das uns schon seit längerem beschäftigte: Warum geraten Dinge, die einmal ins Laufen gebracht wurden, so schnell wieder ins Stocken? Dieses Thema begleitete uns nun schon seit langem auf mehreren Ebenen. Früher hatten wir dieses Thema mit unseren Wildniskursen und jetzt gerade ist es bei den Büchern präsent. Sie sind fertig gestellt, erfüllen unsere Ansprüche, werden von den Käufern gerne gelesen, sind hilfreich und interessant und wir bekommen fast nur positives Feedback. Und dennoch geht der Verkauf zurück und läuft immer schleppender. Das gleiche Thema haben wir auch in vielen anderen Bereichen. Es scheint ein bisschen wie ein Fluch zu sein, der verhindert, dass wir ein Projekt wirklich abschließen und uns dann einem neuen zuwenden können, weil wir uns immer und immer wieder um das alte kümmern müssen. Woran konnte das liegen? Was verhinderte, dass der Erfolg floss, so dass wir automatisch die Ressourcen bekamen, die wir brauchten, um unsere Projekte erweitern zu können und um unsere Reise auch problemlos auf anderen Kontinenten fortsetzen können? Waren hier immer noch Ängste, Schuldgefühle, Minderwertigkeitskomplexe oder ähnliches im Spiel? Hatten wir noch immer einen so negativen Bezug zu Geld, dass es einfach nicht zu uns kommen wollte? Aber warum klappte es dann in anderen Bereichen so locker? Warum flossen beispielsweise Spenden von den Menschen zu uns, die wir auf der Straße trafen? Nein, irgendwo musste etwas anderes dahinter stecken. Der Abschluss ist erst der Anfang Die Idee kam uns aufgrund eines Gefühls, dass ich bereits vor einigen Tagen in mir hatte. Es ging nicht um unsere Angst oder unsere Einstellung in Bezug auf Geld, sondern um unsere Einstellung zu den Projekten selbst. Hier hatten wir einen Denkfehler, durch den wir komplett falsch an die Sache herangingen. Unsere Idee lautete stets: Wir wollen Projekte abschließen. Das bedeutet im Klartext: Wir wollen eine Kiste zumachen, sie absenden und danach nie wieder etwas mit ihr zu tun haben, weil sie ja fertig ist. Aber ist dies wirklich die Art, wie man mit einem geistigen Baby umgeht? Zum ersten Mal wurde uns heute bewusst, dass ein Erschaffungsprozess nichts damit zu tun hatten, Dinge oder Projekte zu beenden, sondern sie zu beginnen. Es ging darum, etwas ins Leben zu führen. Einen Erschaffungsprozess abzuschließen ist kein Kopfschuss, den man einem Projekt verpasst, es ist eine Geburt! Als wir das Buch „Die natürliche Heilkraft der Bäume“ fertig gestellt haben, haben wir damit kein Projekt beendet, wie wir es selbst glaubten. Wir haben einem neuen Wesen das Leben geschenkt, das sich von nun an entwickeln darf um größer und stärker zu werden. Die Geburt eines Babys ist ja schließlich auch nicht der Abschluss einer Schwangerschaft, sondern der Beginn der Elternschaft. Niemand würde hier sagen: „Super, jetzt ist dieses Ding endlich raus aus meinem Bauch, jetzt will ich nie wieder etwas damit zu tun haben!“ Aber genau dies war unsere Einstellung unseren Projekten gegenüber. Kein Wunder also, dass es nicht so fruchten konnte, wie wir es uns gewünscht hätten. Unser Gefühl dabei war stehts: „Na super, jetzt haben wir dieses Ding schon geboren, jetzt kann es nicht einmal eigenständig laufen und sprechen! Was ist denn das für ein Scheiß! Obwohl wir jetzt schon die ganze Schwangerschaft über Energie hinein investiert haben, kommt es nun trotzdem noch nicht alleine zurecht!“ Und genau darum geht es. Das Projekt, das wir erfolgreich ins Leben gerufen haben, ist nun bereit um groß und stark zu werden. Doch dafür braucht es Pflege! Es braucht jemanden, der sich darum kümmert, der ihm zeigt, wie es seinen Weg gehen kann und worin seine Stärken liegen. Es braucht jemanden, der ihm all das beibringt, das es von sich aus als kleines, neues Projekt-Baby noch nicht kann. Vor allem aber braucht es Liebe! Es braucht also jemanden, der sich gerne darum kümmert, dem es Freude macht, Zeit mit ihm zu verbringen und es aufzupäppeln und groß zu ziehen. Es braucht jemanden, der für es da ist. Was aber machen wir? Negativer Bezug zur Erziehung Wir hoffen, nichts mehr mit ihm zu tun haben zu müssen, weil wir uns bereits wieder um die nächste Geburt kümmern. Und wir sind jedes Mal genervt, wenn es doch unsere Aufmerksamkeit fordert. Wie also soll hier ein positiver Bezug entstehen? Wie soll hier etwas ins Fließen kommen? Zunächst einmal fiel uns auf, dass wir zum Thema Pflegen, Kindererziehung und Großziehen alle ein negativ vorbelastetes Bild hatten, das wir durch die Arbeit bekommen haben. Heiko und ich waren beide für mehrere Jahre in der Kindererziehung tätig, hatten Seminare, Wildniskurse, Teamtrainings und dergleichen mehr geleitet und hatten bis heute einen faden Beigeschmack im Mund, wenn wir daran zurück dachten. Mit Kindern zu arbeiten bedeutete stets Anstrengung, Lärm, Hektik und Stress. Es bedeutete, wenig oder kaum Zeit für die eigenen Bedürfnisse zu haben, die eigenen Gefühle und Grenzen ignorieren zu müssen und dabei trotzdem zu erleben, dass der positive Einfluss, den man auf die jungen Leute hatte, verschwindend gering war. Das Kerngefühl, dass aus jener Zeit in uns hängen geblieben war lautete: „Kindererziehung raubt einem Energie und bringt am Ende doch nichts!“ Genau so sahen wir nun auch die Projektpflege an. Ein weiterer Blick in die Vergangenheit zeigte, dass sich dies nicht nur auf die Pädagogik, sondern auf all unsere Jobs bezog. Arbeit ist anstrengend und nervig, aber wenn man anschließend die Ernte einfahren will, wird dies gleich noch schlimmer! Wenig hilfreiche Grundannahmen Spannend ist auch, dass wir in diesem Bereich zwei vollkommen andere Grundannahmen in uns tragen. Wenn es ums Erschaffen geht lautet die Überzeugung: „Was du nicht selbst machst ist nicht gemacht!“ Niemand anderes könnte die Dinge so tun, wie wir sie tun, also muss alles von uns selbst erledigt werden. Geht es hingegen um die Ernte, haben wir das Gefühl, dass sich nun andere darum kümmern müssen. Wir mussten das Buch schreiben, aber der Verlag muss nun dafür sorgen, dass es auch jemand kauft. Und genau hier liegt einer der größten Denkfehler: Alles ist eins, es gibt also nur uns. Das heißt, niemand anderes kann überhaupt die Ernte übernehmen. Zu glauben, dass es nicht unsere Aufgabe ist, bedeutet zu glauben, dass es überhaupt nicht geschehen kann. Hiermit blockieren wir uns also gleich schon einmal von Grund auf. Denn der Punkt ist, dass es ja keinen Unterschied, zwischen dem Innen und dem Außen, dem Erschaffen und dem Ernten gibt. In dem Moment, wenn wir nicht glauben, dass andere Menschen es schaffen können, ein Projekt abzuschließen, glauben wir nicht daran, dass wir ein Projekt abschließen werden. Und dadurch, dass wir glauben, andere wären für die Ernte zuständig, geben wir die Verantwortung ab und sorgen so dafür, dass gar nicht geerntet wird. Bei Paulina hatten wir oft die Angst, dass sie nicht ins Erschaffen kommen würde. Tatsächlich richtete sich die Angst aber nicht gegen sie, sondern gegen uns selbst. Nach und nach gelang es uns nun, die einzelnen Schichten der Angst freizulegen, die hier verborgen lag. Aus irgendeinem Grund glaubten wir, dass es weitaus besser war, einen neuen Baum zu pflanzen, als einen alten abzuernten. Denn genau das war es, was wir taten. Wir versuchten ständig neue Bäume zu pflanzen und hatten Ideen und Visionen über unendlich viele Bäume die wir noch pflanzen wollten, wenn wir diese hier einmal fertig hatten. Doch wir waren nicht bereit, einen davon zu ernten. Warum? Ihn zu pflegen, zurück zu schneiden, zu gießen, zu düngen und sogar ihm Geschichten vorzulesen um sein Wohlbefinden zu erhöhen, war für uns in Ordnung. Nur das Ernten nicht. Sobald es daran ging, kam sofort das Gefühl auf, dafür keine Zeit zu haben. Pflanzen und Pflegen ist wichtiger als Ernten! Und da wir so viel zu Pflanzen und zu Pflegen haben, ist das Ernten einfach nicht drin. Das ist zu viel. Das schaffen wir nicht auch noch. Darum sollte sich nun mal jemand anderes kümmern! Den Erfolg richtig feiern Plötzlich fiel uns ein weiterer Zusammenhang auf, den wir bislang nicht erkannt hatten. Ernten bedeutet Feiern. Das Ernten ist die Freude darüber, das genießen zu können, was man in die Welt gebracht hat. Es ist eine Zelebration des Lebens. Am Ende eines Erschaffungsprozesses ist das Feiern der Teil, an dem man neue Energie gewinnt und zurückblickt auf das, was erreicht wurde. Nur wenn man angemessen Feiert, kann auch ein Wachsen stattfinden, da dies der Teil ist, an dem einem noch einmal bewusst wird, was einen vorangebracht hat uns was nicht. Feiern und Erschaffen sind untrennbar miteinander verbunden. Nicht umsonst ist auch in der Bibel fest verankert, dass Gott am Ende des Schöpfungsprozesses der Erde seine Schöpfung gefeiert hat. Dies ist auch die Urbedeutung von Feiern, wie sie in allen Kulturen verankert ist. Eine Feier ist eine Danksagung, also eine Wertschätzung dessen, was erschaffen wurde. Nicht zu feiern ist, wie ein Tier zu erjagen, es dann aber nicht zu essen, wie eine Hütte zu bauen und sie dann nicht zu bewohnen. Doch genau das ist es was wir machen. Wir wollen etwas abhaken und von unserer Agenda schaffen, nehmen uns dann aber nicht die Zeit, es zu feiern, zu ehren und zu genießen. Die Frage ist nur: Warum zur Hölle machen wir das? Die Antwort ist einfach: Weil wir Feiern von Grund auf mit etwas Negativem assoziieren. Seit Beginn dieser Lebensgeschichte haben wir Filme vorgespielt bekommen, die das Feiern als etwas Abstoßendes, Grauenhaftes darstellten, das man auf jeden Fall vermeiden sollte. Feiern weckt daher sofort die Assoziationen mit den Schauspiel-Ichs, die wir zwar nie waren, die aber irgendwo noch immer als Gedankengang in uns fest stecken und uns in Punkten wie diesem beeinflussen. Zunächst fiel es uns nicht auf, weil wir das Feiern bewusst gar nicht als so negativ empfunden haben. Irgendwo hat es ja auch Spaß gemacht und man denkt ja gerne daran zurück. Oder etwa nicht? Wenn wir ehrlich sind, waren die meisten Erfahrungen doch nicht so schön, wie wir im ersten Moment dachten. Und tatsächlich gab es ja irgendwann einmal einen Punkt in unserem Leben, in dem wir damit einfach aufgehört haben, zu feiern, Party zu machen, wegzugehen und um die Häuser zu ziehen. Wenn es doch so toll war, warum haben wir das dann gemacht? Wenn man genauer hinschaut dann erblickt man unter der fröhlichen, geselligen und lustigen Oberfläche des Gesellschaftsfeierns nahezu nichts mehr, das einem den spaß daran nicht für immer nimmt. Negative Assoziationen mit Feiern Feiern bedeutet für uns zunächst einmal Ablenkung. Es ist nicht das genussvolle Finale eines schöpferischen Prozesses, der uns von der ersten bis zur letzten Sekunde Kraft gibt, uns Inspiriert, uns heilt und energetisiert. Es ist der Ausgleich, oder besser gesagt die Flucht vor einem unbefriedigenden, zerstörerischen, auslaugenden und energieraubenden Alltag. Die Arbeit macht uns fertig, deswegen brauchen wir danach erst einmal etwas, das uns den nötigen Abstand gibt und dass uns den Arbeitsstress vergessen lässt. Es ist nicht das Finale des Erschaffens, sondern ein Gegenpol dazu. Es ist eine Art Rettungsinsel: „Ich muss nur noch bis Freitag Nachmittag durchhalten, dann kann ich endlich wieder feiern und den ganzen Scheiß hier vergessen!“ Das bedeutet aber auch, dass uns feiern grundsätzlich von unserem Weg abbringt. Es nimmt den Fokus von dem wo wir eigentlich hinwollen und bringt uns Zerstreuung. Es geht nicht darum, zu genießen, die Sinne zu öffnen und zu spüren, was der Erfolg unseres Erschaffens ist, es geht darum, zu übertönen, zu vergessen und nicht wahrzunehmen, dass wir uns gar nicht auf dem Weg befinden. Es geht darum, die Gefühle, die da sind und die uns zur wahren Freude führen wollen, zu betäuben und auszuschalten. Das Feiern ist eigentlich ein regenerativer Prozess. Wenn eine Löwin eine Gazelle gejagt hat, dann war die Jagd selbst ein Prozess, der viel Energie verbraucht hat. Er war nicht schädlich, sondern wichtig für die Löwin, um in Form bleiben zu können, aber er verlangt dem Körper einiges an Kraft ab. Das Feiern im Anschluss besteht daher für Sie aus dem Festmal des frischen Fleisches und aus einem ausgedehnten Mittagsschlaf im Schatten, wodurch sie ihre Energiereserven wieder füllen kann. Bei uns ist Feiern aber immer ebenfalls ein kräftezehrendes Ereignis. Wir begeben uns an Orte, an denen es laut, bunt und grell ist und sorgen dafür, dass unser Adrenalinspiegel oben bleibt. Zur Ruhe zu kommen hat für uns niemals etwas mit Feiern zu tun. Jedenfalls nicht im positiven Sinne. Fortsetzung folgt...
 
Spruch des Tages: Es ist schwer, sich in einem Land frei zu fühlen, in dem man permanent von Zäunen umgeben ist! (Spruch eines Barmanns)
Höhenmeter: 290 m
Tagesetappe: 29 km
Gesamtstrecke: 22.670,27 km
Wetter: heiß, schwül und sonnig
Etappenziel: Klarissen-Kloster, SY12 0PA Ellesmere, England

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Zuletzt aktualisiert am 2017-09-12 09:05:44


Tag 1237: Eingesperrt wie Tiere im Zoo

Es ist schwer, sich in einem Land frei zu fühlen,

24.05.2017 „Es ist schwer, sich in einem Land wie diesem frei zu fühlen!“ hatte vor zwei Tagen der Barmann gesagt, der uns auf eines unserer besten Frühstücks unserer Reise eingeladen hat. „Wohin man auch sieht, gibt es gier Grenzen und Zäune. Alles ist parzelliert und eingesperrt. Alles geordnet und bestimmt.“ Ein Land mit mehr Zäunen als Bäumen Der Mann hatte Recht! Genau dies war uns auch schon seit einigen Tagen im Kopf herumgegangen. Als wir England erreichten, hatten wir zunächst das Gefühl, in einem wilden, unberührten und sehr naturbelassenen Land zu sein. Überall gab es alte, knorrige Bäume, saftig grüne Wiesen und weite Waldflächen. Doch je länger wir uns nun bereits hier aufhalten, desto mehr wird klar, dass der Schein dahinter trügt. Es gibt in ganz England und Wales offenbar keinen Quadratzentimeter, der nicht irgendjemandem gehört und der nicht von einer Hecke oder einem Zaun umgeben ist. Das, was auf den ersten Blick wie eine weite, freie Wildnis aussieht, ist in Wirklichkeit eine Aneinanderreihung von privaten Kleingärten, die sich alle gegeneinander abgrenzen. Das Land ist also im wahrsten Sinne des Wortes kleinkariert, da man es tatsächlich in lauter kleine Karos eingeteilt hat. Gestern haben wir sogar einen Mann gesehen, der auf seinem Feld (nicht in seinem Garten) fein säuberlich mit einem Spatelmesser alle Disteln ausgegraben hat. Ihr könnt euch sicher vorstellen, wie dann die Gärten aussehen! Spannend ist dabei, dass mit dieser Lösung eigentlich niemand zufrieden ist, da sich jeder eingesperrt und unfrei damit fühlt. Nur die kleinen Tiere sind frei Die einzigen, die hier wirklich noch frei leben können, sind jene Tiere, die entweder fliegen können, oder die zu klein sind, um sich von Zäunen aufhalten zu lassen. Und diese Wesen zu beobachten ist mit das schönste, was man hier tun kann. Vor allem die Milane bei ihren Flugkunststücken zu verfolgen, wie sie mühelos über den Himmel gleiten und mit dem Wind spielen, wie Künstler mit ihren Farben. Und die Eichhörnchen. Über diese kleinen quirligen Wesen freut man sich immer wieder. Es ist einfach faszinierend zu sehen, dass wir im Normalfall nicht einmal eine Idee davon haben, wie ausgefeilt die Charakterzüge unserer vierbeinigen Zeitgenossen sind. Wir glauben immer, dass Tiere einfach instinktgesteuerte Kreaturen ohne Gefühle, Persönlichkeit und Individualität sind. Aber falscher könnte man gar nicht liegen. In den letzten Wochen haben wir bei Schafen, Eichhörnchen, Kaninchen, Rabenkrähen und Milanen mehr unterschiedliche Charaktere angetroffen, als bei Menschen. Und heute war ein ganz besonderes Exemplar dabei. Ein kleines, graues Eichhörnchen hatte es sich auf einem Zaun bequem gemacht um die ersten echten Sonnentage zu genießen. Dabei hatte es sich allen Ernstes, mit dem Bauch auch die Zaunplanke gelegt und ließ Arme und Beine auf beiden Seiten nach unten baumeln. Den Kopf hatte es etwas seitlich gelegt und der Schwanz ruhte auf der Zaunplanke. Leider sprang er sofort auf, als er unsere Anwesenheit bemerkte, so dass wir kein Foto machen konnten. Die Angst vor Fremden ist permanent spürbar Nach dem Bombenattantat im 100km entfernten Manchester waren die Menschen hier noch etwas verschlossener, als sie es ohnehin schon waren. Wir hatten Wales nun wieder verlassen und waren aus den Bergen zurück in die Flachebene gelangt. Sofort änderte sich wieder alles. Die Freundlichkeit sank ins Bodenlose, die sagenumwobene Spießigkeit wurde präsentiert wie nie zuvor und alles wurde plötzlich ein Problem. Um in einer kalten, verfallenen Steinkirche schlafen zu dürfen müsste hier erst einmal ein kompletter Rat des Kirchenvorstandes einberufen werden. Und selbst dann würde am Ende wohl ein „Nein“ herauskommen. Mit der Begründung: „Das haben wir doch noch nie gemacht?“ Letztlich kamen wir dann für heute in einem Nonnenkloster unter, in dem es keine einzige englische Nonne gab. Vier Damen kamen von den Philippinen, zwei stammten aus Irland. Wenn man freundliche Menschen von so weit weg einführen muss, damit man sie hier finden kann, sollten wir schnellstens aus dieser Region verschwinden. Doch uns war ja auch klar gewesen, dass wir hier der größten Herausforderung gegenüber stehen würden. Vor uns lag das dichtbesiedelste Gebiet Großbritanniens außerhalb von London. Und wir mussten irgendwie hindurch.
 
Spruch des Tages: Es ist schwer, sich in einem Land frei zu fühlen, in dem man permanent von Zäunen umgeben ist! (Spruch eines Barmanns)
Höhenmeter: 540 m
Tagesetappe: 14 km
Gesamtstrecke: 22.641,27 km
Wetter: warm und sonnig
Etappenziel: Gemeinderaum der Kirche, SY10 9DJ Trefonen, England

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Zuletzt aktualisiert am 2017-09-12 09:04:59


Tag 1236: Welche großen Konzerne gehören zusammen?

Unser Wirschaftssystem ist eine ganz eigene Welt

22.-23.05.2017 Heute haben wir uns seit langem mal wieder Zeit genommen um mit alten und neuen Sponsoren in Kontakt zu treten. Der Sommer hier in Großbritannien ist zwar nicht der wärmste, aber dennoch steht ein Materialtausch von Winter- auf Sommerausrüstung bevor und da wird es nun wieder Zeit, sich Gedanken zu machen, was wir alles bei uns haben wollen. Die Firmenstrukturen sind verwirrender als man glaubt Für mich sind diese Sponsorentelefonate immer aus zwei Gründen spannend und interessant. Zum einen natürlich, weil sie mit etwas Glück bedeuten, dass wir lauter neue, tolle Dinge bekommen, was immer ein bisschen ein Gefühl von Weihnachten vermittelt. Zum anderen aber auch, weil man auf diese Weise vieles über den Aufbau unseres Wirtschaftssystems erfahren kann, von dem man sonst nie etwas erfährt. Welche Firmen gehören wie zusammen? Wer ist noch unabhängig? Wer wurde von wem gekauft? Wohinter verbirgt sich in Wahrheit nur eine Marke, die einer ganz anderen Firma gehört? Welche Unternehmen haben auch heute noch etwas für Menschlichkeit über und welche sind wirklich rein auf ihren Profit aus, ohne jede Rücksicht auf Verluste? Wo gibt es ein Interesse an Produktfeedback um Waren wirklich zu verbessern und weiterzuentwickeln und wo wird im Gegenteil gezielt darauf geachtet, dass die künstliche Obsoleszenz auch früh genug greift? Hin und wieder stößt man dabei auf recht skurrile Firmenstrukturen. Vor ein paar Jahren beispielsweise haben wir (erfolgreich) versucht, VARTA als Sponsor zu gewinnen, um auf unserer Reise ausreichend Batterien für alle technischen Geräte zu haben. Als ich dort anrief erfuhr ich jedoch, dass ich bei einer Firma gelandet war, die ausschließlich Großbatterien für die Industrie herstellt und nicht das geringste mit den kleinen Akkus und Batterien zu tun hat, die man im Supermarkt kaufen kann. Die Firma, die ich suchte trug zwar den gleichen Namen, hatte unternehmenspolitisch aber nichts mit dem Industriezweig zu tun. Logo, Corporate-Design, Slogans, alles ist identisch und doch sind es zwei vollkommen getrennte Firmen. Die einzige Unterscheidung, an der man erkennen kann, dass man die Firma für die kleinen Haushaltsbaterien erwischt hat besteht in dem kleinen Schriftzug „Consumer“ der hinten an das VARTA-Logo angehängt wurde. In der Informationswirtschaft stecken alle unter einer Decke Einen Tag später stieß ich auf ein noch verwirrenderes System. Wir wollten die Bertelsmanngroup als Sponsor gewinnen, um so einiges an Büchern in eBook-Form auf unserer Reise dabei zu haben. Außerdem brauchten wir Sony als Sponsor für eine kleine Handkamera. Als ich jedoch unter der Telefonnummer anrief, die ich bei Sony unter Kontakt fand, hatte ich die gleiche Dame am Apparat, wie zuvor bei Bertelsmann. Der Grund: Es ist (bzw. war zu diesem Zeitpunkt) das gleiche Unternehmen. Allerdings, konnte man mir hier nicht weiterhelfen, da lediglich der Betriebszweig „Sony Music“ teil der Bertelsmann-Group ist. Der Bereich für Kameras und andere elektronische Geräte hingegen ist wiederum eine vollkommen eigene Firma die auch wieder nichts mit dem Rest zu tun hat. Identisch sind auch hier nur das Logo, der Schriftzug und das generelle Firmendesign. Noch mehr irritiert war ich jedoch, als ich einen Blick auf die Adresse des Firmensitzes von Bertelsmann warf. Denn dieser befindet sich in Berlin, in der Axel-Springer-Straße, genau neben Deutschlands größtem Medienhaus. Ob das wohl ein Zufall ist? Was verstehen Unternehmen unter dem Begriff „soziale Verantwortung“? Interessant ist aber auch die Art und Weise, wie die Firmen mit Kunden und mit dem Thema „soziale Verantwortung“ umgehen. Hier gibt es durchaus sehr unterschiedliche Vorstellungen. Bis er vom internationalen Telefon-Riesen „telefonica“ aufgekauft wurde, war der Mobilfunkanbieter blau.de beispielsweise eines der kundenfreundlichsten Unternehmen, das man sich in diesem Bereich vorstellen kann. Man bekam extrem günstige Tarife und konnte diese im ganzen, europäischen Ausland nutzen, ohne zusätzlich etwas zahlen zu müssen. Wenn es einmal ein Problem gab, wurde man freundlich und kompetent beraten. Heute gibt es auf der aktualisierten Internetseite nicht einmal mehr eine Telefonnummer, unter der man eine Kontaktperson erreichen kann. Dieses Konzept verbreitet sich in den letzten Jahren immer weiter. Internetseiten auf denen man eine Kontaktnummer bekommt, wenn man auf „Kontakt“ klickt werden immer seltener. Teilweise gibt es sogar nicht einmal mehr ein Kontaktformular zum Ausfüllen, sondern nur noch standartisierte Antworten auf die häufigsten Fragen. In Sachen sozialer Verantwortung ist es hingegen eine beliebte Strategie, eine eigene „Hilfsorganisation“ zu gründen und diese dann zu unterstützen. Ob diese firmeneigenen Stiftungen dabei irgendjemandem helfen ist häufig fraglich, aber sie stellen eine gute Begründung dar, warum man sämtliche Anfragen von außen mit gutem Gewissen ablehnen kann. Das Konzept ist genial: Man erweckt nach außen hin den Anschein, als wäre man einer von den guten, da man sich ja um irgendein soziales Thema kümmert. Sämtliche Spenden, die man in dieses Projekt ableitet, sind steuerlich absetzbar, obwohl sie das eigene Unternehmen nie wirklich verlassen und man ist nun zusätzlich befreit davon, irgendetwas im Außen unterstützen zu müssen, da man seiner moralischen Pflicht ja bereits nachkommt. Unfairer Umgang mit potentiellen Partnern Heute hatte ich ebenfalls noch einmal ein sehr aufschlussreiches Gespräch in Sachen Umgang mit Sponsoring-Anfragen. Der potentielle Partner, den ich gewinnen wollte war der Festplattenhersteller Intenso, da uns langsam aber sicher der Speicherplatz ausgeht. Bereits letzten Freitag hatte ich dafür den Namen der für die Marketingabteilung verantwortlichen Dame bekommen und war gebeten worden, diese nun am Montag noch einmal anzurufen. Als ich nun mit der Zentrale verbunden war, teilte man mir jedoch mit, dass man mich zu besagter Dame leider nicht durchstellen könne, da ein Erstkontakt in Sachen Sponsoring grundsätzlich per Mail erfolgen müsse. Man freue sich natürlich über unser Interesse an der Firma und sei sehr zuversichtlich, dass sich hier bestimmt etwas machen ließe, aber ohne eine e-Mail-Anfrage vorweg, dürfte man mich nicht verbinden. Normalerweise wäre ich mit dieser Aussage vielleicht zufrieden gewesen und hätte mich damit abspeisen lassen, doch bei der geringen Internetdichte, die wir im Moment haben, sah ich keine Chance, wie diese zeitnah klappen sollte. Also erklärte ich der Dame unsere Situation und bat sie, für mich eine Ausnahme zu machen. Schließlich ließ sie sich überreden, der Marketingcheffin unser Projekt vorzustellen und sie zu bitten, direkt telefonischen Kontakt mit mir aufzunehmen. Nach zweieinhalb Minuten Warteschleifenmusik hatte ich die gleiche Dame wie zuvor am Apparat, die mir erneut eine schlechte Nachricht überbrachte: „Es tut mir leid, aber wir unterstützen generell keine irgendwie gearteten Sponsoring-Anfragen, da wir mit diesen einfach zu sehr überhäuft werden!“ Schlug das nicht dem Fass den Boden aus? Jeder, der mit einer Sponsoring-Anfrage bei Intenso anruft, wird freundlich gebeten, eine e-Mail mit einem genau ausgearbeiteten Konzept einzureichen, die dann nicht einmal gelesen, sondern gleich automatisch mit einer Absage beantwortet wird. Was immer auch in dieser Mail stehen wird und wie viel Zeit sich der Betreffende dafür auch genommen hat, spielt keinerlei Rolle. Die Absage steht von vornherein fest und es lässt sich nichts daran rütteln. Ist das nicht eine Frechheit? Ich meine, wenn man doch niemanden unterstützen will, wäre es dann nicht fair, dies gleich von vornherein zu sagen, anstatt eine Hoffnung aufzubauen, die dafür sorgt, dass andere Stunden ihres Lebens opfern, ohne auch nur eine Chance auf Erfolg zu haben? Zuverlässige Anbieter von Speichermedien Für uns war nach dieser Aktion jedenfalls klar, das Intenso von der List mit sympathischen Unternehmen gestrichen wurde und das wir uns zukünftig andere Anbieter für Festplatten suchen würden, sofern wir diese nicht gepsonsort bekamen. Zum Glück haben wir gleich ein paar Hersteller von sehr guten, zuverlässigen und robusten Festplatten gefunden, die als sinnvolle Alternative in Frage kommen.
 
Spruch des Tages: Unser Wirschaftssystem ist eine ganz eigene Welt
Höhenmeter: 430 m
Tagesetappe: 13 km
Gesamtstrecke: 22.627,27 km
Wetter: bewölkt im Wechsel mit Sonne
Etappenziel: Kirche mit lauter Uhr, llanfechain, Wales

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Zuletzt aktualisiert am 2017-09-12 09:03:37


Tag 1235: Gülle zerstört den Asphalt

Es gibt nichts, das es nicht gibt

21.05.2017 Tierdung ist heute so toxisch, dass er Aspahlt auflöst Vor drei Jahren haben wir in Frankreich eine erstaunliche Entdeckung gemacht. Überall dort, wo Kuhdung auf der Straße lag, hatten sich Risse im Asphalt gebildet und teilweise waren sogar ganze Asphaltplacken aus der Straße herausgebrochen. Damals hatten wir vermutet, dass dies eine Reaktion auf die immense Hitze auf der Asphaltoberfläche war. Wenn die Sonne mit all ihrer Macht darauf hernieder prügelte dann wurde der Asphalt an den Stellen, an denen er nicht mit Kuhmist bedeckt war vielleicht weicher und produzierte so eine Spannung. Heute jedoch sahen wir hier in Wales genau das gleiche Phänomen und das sogar noch um einiges intensiver, obwohl Hitze hier garantiert keine Rolle spielen konnte. Es war also wirklich der Kuhdung selbst, der den Asphalt zerstörte. Wo immer der Jauche-Tank des Bauerns einige Schlucke seiner stinkenden Fracht auf der Straße verloren hatte, platzte der Asphalt heraus, wellte sich nach oben und hinterließ schließlich eine Vertiefung. Derartige Vertiefungen hatten wir schon oft auf den Straßen gesehen, nur hätten wir bislang niemals gedacht, dass sie durch Tiermist verursacht wurden. Wie aggressiv musste also der Kuhdung sein, wenn er ganze Straßen auflösen konnte? Was bekamen diese Tiere zu fressen? Und woher stammte dieser Dung? Die einheimischen Kühe hier grasten auf den Weiden und hinterließen auch ihren Kot genau dort. Er konnte also nicht in die Tanks gefüllt werden. Langsam begannen wir zu verstehen, warum Tierdung vielerorts als Giftmüll oder Sondermüll behandelt wird. Zu viel Smalltalk, zu wenig Zeit Unser Zielort trug den Namen Pontrobert und er erwies sich nicht gerade als der produktivste Arbeitsplatz aller Zeiten. Immer wieder bekamen wir Besuch aus dem Ort oder von den zuständigen Pastoren, Kirchenverwaltern und allen anderen, die irgendwie mit der Kirche verbunden waren. Einige dieser Besuche waren kurz, angenehm und hilfreich, andere hingegen kosteten vor allem Zeit und hinterließen das Gefühl, im Endeffekt nichts aus der Begegnung gewonnen zu haben. Das beste Beispiel für die zweite Kategorie war ein Pfarrer aus Pakistan, der hier in der Gemeinde als Zweitpfarrer aushalf. Tatsächlich enthielt das Gespräch durchaus einige interessante Punkte, jedoch zumeist an den Stellen, an denen unser Besucher eigentlich nichts erzählen wollte. Wie finanziert sich die englische Kirche? Zum einen erfuhren wir dabei, dass die Kirche hier tatsächlich fast ausschließlich davon lebt, dass es viele reiche Menschen gibt, die aus unterschiedlichsten Gründen ein schlechtes Gewissen haben und dieses durch die Unterstützung der Kirche reinkaufen wollen. Seit dem Ablasssystem aus Martin Lutters Zeiten hat sich hier also wenig verändert. Die Kirche, in der wir gerade saßen, wurde tatsächlich zu 95% von nur vier gütigen Spendern aus dem Ort finanziert. Zur sonntaglichen Messe kamen hingegen nur zwei. Der Pfad Gottes ist unergründlich Spannend war aber vor allem die Geschichte des Mannes selbst, die er zwar nicht offen erzählte, aber von der er immer wieder genug preis gab, um sie verstehen zu können. Er hatte als katholischer Franziskanermönch in Pakistan begonnen und war gerade dabei, seine Pfarrersausbildung zu machen. Bevor er diese jedoch beenden konnte, brach es alles aufgrund von Unstimmigkeiten mit seinem Ausbilder ab und verließ sein Land in Richtung Europa. Hier hatte er dann jedoch das Problem, dass er nicht als katholischer Pfarrer arbeiten durfte, da er ja kein katholischer Pfarrer war, sondern lediglich einmal einer werden wollte. Also sah er sich nach Alternativen um und stellte fest, dass die anglikanische Kirche aufgrund ihres akuten Mangels an Geistlichen kein Problem damit hatte, einen halbfertigen Pfarrer zu beschäftigen. Dies war der Grund, weshalb er in die Chirch-of-England eintrat. Mit diesem Schritt hatte er nun nicht nur einen Job, er war nun auch nicht mehr verpflichtet, im Zölibat zu leben. Also sprach nun nichts mehr gegen eine Heirat und die Anwesenheit einer Frau. Leider klappte es mit den englischen Frauen nicht besonders und so schrieb es einen Brief an seine Mutter, mit der Bitte, ihm eine pakistanische Frau zu schicken, die er heiraten konnte. Was für uns so abstrakt klingt, dass man den Brief als Mutter wahrscheinlich gleich zerrissen hätte, war in Pakistan eine ganz normale und vollkommen akzeptierte Bitte, der die Mutter sofort nachging. Er bekam die Frau wie bestellt und lebt noch immer mit ihr zusammen.
 
Spruch des Tages: Es gibt nichts, das es nicht gibt.
Höhenmeter: 460 m
Tagesetappe: 19 km
Gesamtstrecke: 22.627,27 km
Wetter: bewölkt
Etappenziel: Kirche, Pontrobert, Wales

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Zuletzt aktualisiert am 2017-09-12 09:02:39


Tag 1234: Wandern für Fortgeschrittene

Darf's noch ein bisschen hügeliger sein?

20.05.2017 Großbritannien ist definitiv mit Abstand das anstrengendste Land, das wir je bereist haben. Eine Etappe mit 12km macht uns hier genauso fertig wie andernorts eine mit 30. Und sie kostet hier auch in etwa genauso viel Zeit. Die Landschaft ist zweifellos schön und sehenswert, vor allem die knorrigen, alten Bäume, unter denen die Schafe am Gras knabbern, auf denen die Eichhörnchen herumtollen und über denen die Milane ihre Kreise ziehen. Das Problem ist nur, dass sich die Briten in Sachen Straßenbau nicht die geringste Mühe gegeben haben. Es wurde auf keine Landmarke und keine geografische Eigenschaft geachtet, sondern einfach wild drauflos gebaut. Montenegro war bei weitem bergiger und hügeliger als diese Gegend hier und dennoch nicht einmal im Ansatz so anstrengend. Warum? Wenn es irgendwo einen Fluss gab, dann hat man die Straßen parallel entlang gelegt, so dass man weitgehend eben durch die Berge wandern konnte. Hier verlaufen die Straßen nahezu nie parallel zu irgendeinem Fluss oder einem natürlichen Talverlauf und wenn sie et tun, dann schaffen sie es trotzdem dabei wie eine Wellenlinie auf und ab zu hüpfen. Im Balkan gab es Tage, an denen wir Berge oder Klippen erklimmen mussten, die mehrere hundert Höhenmeter hoch waren. Hier starten wir meist auf 100 Metern über dem Meeresspiegel, kommen auf der selben Höhe an und haben uns dazwischen nicht mehr als 50 Meter von dieser Marke entfernt. Dennoch haben wir insgesamt vier-, fünf- oder sechshundert Höhenmeter gemacht, weil es auf der ganzen Strecke kein einziges, ebenes Stück gibt. Das allein wäre aber noch in Ordnung, wenn die Straßen dabei nicht auch noch so steil verlaufen würden. Teilweise hat man das Gefühl, man stürzt sich wirklich im freien Fall ins Tal hinunter. Durch die Bremsen an unseren Wägen, die uns ein bisschen nach hinten halten, fühlt es sich hin und wieder wie House-Running an. Houserunnning ist eine Extremsportart, bei der man ein Seil umgebunden bekommt und dann von einem Hochhaus oder einem hohen Turm abgeseilt wird, währen man mit dem Gesicht nach unten an der Fassade entlang läuft. Die Aufstiege als Gegenstück dazu fühlen sich dann ein bisschen wie Freeclimbing an, nur dass man einen 60kg schweren Wagen mit nach oben schleift. Unser Ziel fanden wir heute in einer winzigen Ortschaft mit einer alten, steinernen Kirche. Aus irgendeinem Grund waren die meisten Menschen in diesem Ort sogar noch ängstlicher und verschlossener als wir es von den letzten Wochen gewohnt waren. Eine ältere Dame traute sich nicht einmal, mir die Adresse der Kirchenverwalterin zu geben, weil sie fürchtete, diese könne sauer werden, wenn man ihre Adresse einfach so an einen Fremden verriet. Die einzigen, die wirklich entspannt waren, war ein Messi-Pärchen, die in einer winzigen Hütte lebten, in der man kaum ein Bein auf den Boden bekam. In ihrem Garten häuften sich Wraks und Einzelteile von Autos, Kleinbussen und allerlei Gerümpel. Und doch waren sie die einzigen, die sich hier wirklich wohl fühlten. „Es ist ein bisschen wie der Garten Eden,“ meinte der Mann, als wir gemeinsam über das endlos weite Tal blickten, „Nur mit mehr Regen!“ Spannend dabei war, dass der Mann hier tatsächlich der einzige war, der es wirklich genoss hier zu leben und der seinen Garten nicht nur aus Prestige-Gründen hatte.
 
Spruch des Tages: Darf's noch ein bisschen hügeliger sein?
Höhenmeter: 390 m
Tagesetappe: 11 km
Gesamtstrecke: 22.608,27 km
Wetter: bewölkt und regnerisch
Etappenziel: Kirche, SY21 0AG Llanllugan, Wales

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Zuletzt aktualisiert am 2017-09-12 09:00:15


Tag 1233: So leicht gerät man unter Terrorverdacht

Man kann nie vorsichtig genug sein!

19.05.2017 Kein Gepäck in der Öffentlichkeit stehen lassen Heute wurden wir wieder einmal unter Terrorverdacht gestellt. Wir kamen auf unserer Wanderung durch eine Kleinstadt, die nicht besonders schön war, dafür aber einiges an Läden und Sehenswürdigkeiten bot. Um uns etwas umzuschauen stellten wir die Wagen in einem Park ab, doch noch ehe wir dessen Ausgang erreicht hatten, wurden wir von einem Security-Man aufgehalten. „Stopp! Sie können Ihr Gepäck hier nicht stehen lassen!“ rief er hinter uns her. „Wie bitte?“ fragte Heiko erstaunt über die plötzliche Ruhestörung. „Ihr Gepäck! Es könnte eine Bombe enthalten und darf daher nicht unbeaufsichtigt im Park stehen gelassen werden!“ erklärte er. Dann führte er aus, dass es vor einigen Tagen eine Terror-Warnung gab, durch die alle zur extremen Wachsamkeit aufgefordert wurden. Es sei aber keine Schutzmaßnahme aufgrund der vergangenen Anschläge, sondern eine Warnung in Bezug auf etwas neues. „Und Sie denken, dass sich ein Terrorist ausgerechnet dieses Kaff hier aussuchen würde?“ fragte Heiko ungläubig, „Ich meine die Stadt ist doch grauenhaft! Wie will man hier noch etwas kaputt machen. Der ganze Bereich hier besteht aus Betonbunkern und Wohnklötzen in denen niemand leben will. Die einzigen, die ein Interesse daran haben, hier alles in die Luft zu sprengen, sind diejenigen, die darin wohnen!“ Der Sicherheitsbeamte unterdrückte ein Lächeln und entgegnete: „Naja, wir haben ja auch Stadtteile mit einer gehobeneren Schicht!“ Später stellten wir fest, dass er damit Recht hatte, wobei sich „gehoben“ in diesem Fall hauptsächlich auf die Höhe, des Stadtteils bezog und nicht auf die Menge an Geld auf den Konten der Bewohner. Bomben sind OK, solange man bei ihnen ist „Können wir die Wagen dann dort drüben abstellen?“ fragten wir und deuteten auf eine Grünfläche, die nicht mehr in den Zuständigkeitsbereich des Beamten fiel. „Mh“, entgegnete er, „von meiner Seite ist das in Ordnung, aber dort ist das Museum und die haben ebenfalls Sicherheitspersonal, das möglicherweise etwas dagegen hat!“ „Na Super! Dann stehen wir in drei Minuten wieder vor dem gleichen Punkt!“ kommentierte Heiko. „Sie können Ihre Wagen hier schon abstellen!“ lenkte der Mann nun ein, „sie dürfen nur nicht unbeaufsichtigt sein. Wenn also immer einer hier bleibt ist es kein Problem!“ „Wirklich?“ fragte Heiko noch erstaunter als zuvor, „Na das ist mal konsequent. Euch ist schon klar, dass ihr auf diese Weise versucht, Selbstmordattentate zu verhindern. Also selbst wenn ich nun wirklich so ein Attentäter wäre, dann wäre es doch kein Problem für mich, den Wagen einfach zu sprengen, wenn ich daneben sitze. Das einzige Problem wäre natürlich, dass ich damit niemandem schaden würde, außer mir selbst, diesen Bäumen und der Bank hier. Falls es Ihnen noch nicht aufgefallen ist: Ihr Park wird aus irgendeinem Grund von nahezu jedem gemieden. Es ist außer Ihen und uns niemand hier, was möglicher Weise an Ihrem Umgang mit Gästen liegt. Ich würde also im schlimmsten Fall diese Bänke zerstören und ein paar Eichhörnchen obdachlos machen. Und ja, die Bank ist unbequem, aber auch wieder nicht so grauenhaft, dass sich deshalb der Aufwand lohnen würde.“ Regel Nummer 1: Immer die Identität verraten Als wir den Park mit unseren Wägen verließen, fiel uns noch eine Unsinnigkeit an dieser Argumentationskette auf. Würde ein Terrorist wirklich seine Internetseite in riesiger Schrift auf den Wagen schreiben, wenn er ein Attentat plant. So nach dem Motto: „www.attentat24.org – Ihr zuverlässiges Bomben-Portal!“ Wir waren schon ein sehr komisches Volk! Wenn suspektes Gepäck unbeaufsichtigt zurückgelassen werden soll, dann dort wo es sich lohnt. Nach einer ordentlichen und vor allem fettigen Portion Fish and Chips verließen wir die Stadt wieder. Wir hatten die Wagen in der Zwischenzeit mitten vor dem Haupteingang der Kirche im Zentrum geparkt, von minütlich rund 40 Fußgänger und 50 Autos vorbei kamen, darunter auch vier mal Beamte von der Polizei. An dieser Stelle hatte jedoch niemand ein Problem mit unseren Wagen und einer eventuell davon ausgehenden Terrorgefahr. Im weiteren Verlauf kamen wir durch zwei kleine Orte und an einem Kongresszentrum der Walser Universität vorbei. Alle drei boten uns jedoch keinen Schlafplatz. Die beiden Orte aus dem irritierenden Grund, dass die Kirchen hier an Privatpersonen verkauft und zu gewöhnlichen Wohnhäusern umgebaut wurden. Das Hektar große, millionenschwere Zentrum der Universität weil es von einem spießigen, kleinkarierten Bürokraten verwaltet wurde. Übernachten durften wir schließlich in einer Kapelle etwas abseits des Weges, die einer Methodistischen Gemeinde gehörte. Bis um 21:00 Uhr sprachen wir mit den verschiedensten Personen, die alle nichts gegen unsere Anwesenheit hatten, aber sich auch nicht trauten, uns ohne Erlaubnis von noch höherer Stelle ein sicheres OK zu geben. Letztlich war es dann jedoch die Putzfrau, die die Verantwortung übernahm, uns den Platz zusicherte und sogar noch etwas zum Essen vorbei brachte.
 
Spruch des Tages: Man kann nie vorsichtig genug sein!
Höhenmeter: 430 m
Tagesetappe: 25 km
Gesamtstrecke: 22.597,27 km
Wetter: sonnig
Etappenziel: Methodistische Kapelle, SY16 3EH Tregynon, Wales

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Zuletzt aktualisiert am 2017-09-12 08:59:32


Tag 1232: Der Bär als Krafttier

Oh Grandfather bear why won´t you come here....

Fortsetzung von Tag 1231: Der Geist kontrolliert den Körper Bei mir war es eine Aufgabe, die mir noch einmal weitere wichtige Erkenntnisse eingebracht hat. Ich sollte 7 Minuten lang in der mittleren Liegestützposition ausharren, also mit den Armen im 90° Winkel. An einem Stück habe ich das natürlich nicht geschafft, sondern nur scheibchenweise in kleinen Abschnitten von 3-30 Sekunden. Dabei wurden aber die Themen Zeit, Präsenz, Konzentration und Fokus noch einmal sehr deutlich. Ihr könnt euch sicher vorstellen, dass es Heiko einen Heiden-Spaß gemacht hat, mir zuzusehen und meine Glanzleistung mit lauter lustigen Sprüchen zu kommentieren. „Oh, ich hätte nicht gedacht, dass du schon zusammenbrichst noch bevor du überhaupt in die Liegestützposition gehst. Dachte immer, dass man einen Muskel auch benutzen muss, damit er angestrengt wird.“ Irgendwann lag ich dann wie Tod auf unserem Kirchenboden, spürte meine Arme nicht mehr und hatte keine Idee, wie ich jemals wieder aufstehen sollte. Und ja, es muss echt lustig ausgesehen haben. Ich glaube, mir hätte es auch Spaß gemacht, mir dabei zuzusehen und mich dabei zu verarschen. Spannend war aber, dass diese kleinen Kommentare vollkommen ausgereicht haben, um mich komplett aus der Konzentration zu bringen. Einige Male konnte ich meine Kraft zentralisieren und meinen Fokus so legen, dass ich es länger ausgehalten habe, als zuvor. Dann ein Satz oder auch nur ein Wort: „90°!“ oder „Rücken grade!“ oder „Jetzt hast du´s fast geschafft! Nur noch sechseinhalb Minuten!“ Und Zack! Keine Kraft, sofortiger Zusammenbruch. Jede noch so kleine Ablenkung reicht aus, um mich aus dem Konzept zu bringen. (Wie jetzt zum Beispiel gerade ein juckendes Ohr, dem ich mich mitten im Satz widmen musste, so dass ich erst einmal vergaß, was ich eigentlich schreiben wollte.) Ich denke, das ist schon mal ein Bestandteil der Handbremse. Der Fokus entscheidet Der zweite war, dass ich zwar durchaus einen Fokus setzen kann, diesen aber nie besonders geschickt setze. Direkt auf den Schmerz zum Beispiel. Wenn meine Arme vor Anstrengung zu brennen anfangen, dann konzentriere ich mich genau auf dieses Brennen und mache es dadurch immer stärker und stärker. Als Heiko mir die Aufgabe gab, mich stattdessen zwar auf meine Finger am Boden zu konzentrieren, den Fokus dabei aber auf alle Muskeln in meinem Körper zu legen, die ihre geballte Kraft nutzen, um mich oben zu halten, wurde es bedeutend leichter. Es tat weniger weh und ich hatte mehr Kraft und hielt länger durch. Hier ist auch ein wichtiger Punkt: Sobald irgendwo ein Schmerz, ein Leid oder ein Problem ist, konzentriere ich mich darauf und verstärke es dadurch, anstatt mich beispielsweise auf meine Kraft zu konzentrieren, oder auf die Lösung oder die Punkte, in denen ich keinen Schmerz spüre. Somit kämpfe ich also immer gegen mich selbst an und verringere meine eigene Kraft auf ein Minimum. Zwischen einem Augenblick und der Ewigkeit Der dritte Punkt war mein Bezug zur Zeit. Wenn Heiko sagte: „Den letzten Teil musst du nun ohne Absetzen schaffen, sonst fangen wir von diesem Zeitpunkt noch einmal von vorne an!“ ohne mir aber eine Zeit zu geben, wie lange ich durchhalten musste, gab ich jedes Mal ein paar Sekunden vor dem Ziel auf. Einmal sogar eine einzige Sekunde. Wenn ich jedoch wusste, wie lange es klappen musste, dann erreichte ich da gesteckte Ziel immer mit letzter Kraft. Dies brachte uns darauf, dass es in meiner Vorstellung kein Zeitgefühl in diesem Sinne gibt. Zeit ist für mich eine vollkommen unbekannte Größe, die ich in nur zwei unterschiedliche Werte einteile: Kurz und Ewig. Die Frage im Zusammenhang mit Zeit lautet also immer: Ist es so kurz, dass ich es aushalten und hoffen kann, dass der nächste Moment besser wird, oder dauert es ewig, so dass ich mich entweder daran gewöhnen oder mir einen Ausweg suchen muss. Dazwischen gibt es nichts. Er gibt kein herantasten und keine Zeitabschnitte, Sondern nur ein „Alles oder nichts.“ Genauso versuche ich auch zu lernen oder mich zu entwickeln. Entweder es klappt gar nichts, oder es muss 100% sein. Kleine, bewusste Schritte erkenne ich nicht und kann sie daher auch nicht gehen. Da ich mir die 100% in der Regel aber nicht zutraue, bleibe ich die meiste Zeit da stehen wo ich bin und ärgere mich dann. Das zweite spannende war, dass Zeit für mich ein Gegenspieler ist, zu dem ich einen sehr negativen Bezug habe. Zeit ist immer entweder das, was mir durch die Finger rinnt, ohne dass ich es nutzen kann, oder das was nicht rum gehen will und mich im Leiden festhält. Die Gefühle sind also entweder: „Scheiße, scheiße, ich bin zu langsam!“ oder „Oh Gott, wie lange noch! Nur schnell vorbei gehen, denn dann wird alles besser!“ Sehr sinnvoll, oder? Hier merke ich, dass das gerade noch der schwerste Punkt für mich ist. Es geht darum, die Zeit als Werkzeug zu nutzen, sie als Geschenk, als Freund und als Unterstützung anzusehen. Ich muss irgendwie ein Gefühl für sie bekommen, um mit ihr tanzen zu können. Um sie überhaupt kennenzulernen und um zu spüren, wie ich mich in ihr bewege. Lernen, mich über die den Moment, aber auch über den Fluss der Zeit zu freuen. Ich will sie am liebsten immer festhalten oder anhalten, weil mir alles zu schnell geht. Und dann wieder an schubsen und beschleunigen, wenn sie meiner Meinung nach zu langsam ist. Ich kann sie nicht fließen lassen und mich ihrer Strömung hingeben, wie ein Schwimmer in einem Fluss. Dies zu lernen ist wohl eine meiner aktuellen Aufgaben. Spannend dabei ist, dass ich bislang immer Angst hatte, wenn es um Entwicklungsschritte ging, weil ich nie wusste, was da auf mich zu kommt. Gerade ist zum ersten Mal ein Gefühl von Freude dabei, wo ich Lust bekomme, hier wirklich mehr über mich und über die Zeit herauszufinden. Weitere Austestungen Im Anschluss haben wir dann noch einige weitere Dinge ausgetestet. Die erste Frage lautete: Soll mein Branding noch einmal nach geschnitten werden, an den Stellen, an denen die Narben kaum oder gar nicht sichtbar sind? Es ist nun zu großen Teilen verheilt und das ohne Komplikationen oder komische Wulstnarben. Das meiste sieht sehr gut aus, aber an einigen Stellen ist es so gut verheilt, dass man fast gar nichts mehr sieht. Damit es seine Kraft entwickeln kann, sollte es daher noch einmal an einigen Stellen etwas überarbeitet werden. Allerdings sollen wir hier noch abwarten, was uns Quentin noch an Informationan dazu schickt. Wenn es soweit ist, soll bei Heiko gleich in einem Abwasch auch die nächste Hautwucherung entfernt werden. Krafttier Bär Der zweite Punkt bezog sich vor allem auf Shania. Sie hatte ja vor einigen Tagen eine Krafttierreise gemacht, die uns aus irgendeinem Grund ebenfalls sehr stark beeinflusst hatte. Durch ihre letzte Mail verstanden wir nun auch warum. Sie hatte in ihrer Vision nicht nur ihr eigenes, sondern auch das Krafttier von Heiko und mir gesehen. Ihres war der Rabe und Heikos war, wie wir ja bereits wussten, der Wolf. Ich jedoch hatte bislang nie eine Ahnung, welches mein eigenes Krafttier ist. Als Shania jedoch von dem Bären erzählte, auf dem sie durch die Welt reiten durfte und der wie ein beschützender Freund und Bruder für sie war, spürte ich sofort, dass dieser Bär zu mir gehörte. Zum ersten Mal stand kein Fragezeichen mehr hinter dem Tier. Mir war klar, dass ist es. Noch nicht mein Dodem, also noch nicht das Tier, mit dem ich im Geiste verbunden bin und das sich meiner angenommen hat, um mich zum Erwachen zu führen. Aber mein Krafttier, also das was als Unterstützer, Berater, Freund und Kraftgeber an meiner Seite steht. Das zu hören fühlte sich wirklich gut an! Auf dieser Ebene bin ich nun also auch einen riesigen Schritt weiter und wer weiß, wann ich da von selbst drauf gekommen wäre. Spannend, dass der Bär bei meinem Tattoo das zentrale Tier genau auf meinen Beziehungswirbeln sein wird. (Ok, das wäre auch ein Hinweis gewesen, aber daran habe ich nicht gedacht!) Hier haben wir übrigens ausgetestet, dass Shania bei ihrem nächsten Besuch die Linien mit der Hand tätowieren soll und das ich zuvor selbst im Photoshop die Vorlage erstellen soll. Gleichzeitig kamen wir jedoch darauf, dass Shanias Dodem eine Katze, bzw. ein Raubkatzenwesen ist. Bei unseren Austestungen kam heraus, dass es sich aber nicht um eine „herkömmliche“ Raubkatze handelt, sondern um das Kind eines weiblichen Geparden und eines männlichen Pumas. Seit langem war klar, dass sie als einen ihrer Wandlungsschritte auch ihre Augen mit permanent Make-Up unterstreichen sollte. Nun verstanden wir warum und wie genau dies sein sollte. Das Make-Up soll ihnen insgesamt ein katzenhaftes, also geparden-puma-mischlingshaftes Aussehen verleihen.
 
Spruch des Tages: Oh Grandfather bear why won´t you come here....
Höhenmeter: 490 m
Tagesetappe: 27 km
Gesamtstrecke: 22.572,27 km
Wetter: sonnig
Etappenziel: Kapelle, kleines Dorf vor S Y16 4JN Mochdre, Wales

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Zuletzt aktualisiert am 2017-09-12 08:58:34


Tag 1231: Mit angezogener Handbremse

Ohne Bremse geht es schneller

18.05.2017 Wir haben heute mit Hilfe des Muskeltests mal wieder unsere Herzensverstöße und Sanktionen, sowie ein paar weitere Dinge ausgetestet, die sich als sehr aufschlussreich herausstellten. Die gute Nachricht dabei ist, dass Shania seit dem letzten Mal nur 6 Verstöße hatte, die zu 60% auch noch kleine Verstöße waren. 30% waren große Vergehen und 10% mittlere. Bei mir selbst sieht es leider etwas anders aus. Ich hatte 10,4 Millionen Verstöße seit dem letzten Mal und davon 92% große Vergehen, 4% mittlere und 4% kleine. Als ich das Ergebnis hörte kam sofort eine tiefe Traurigkeit in mir auf uns ich war den Tränen nahe. Ich konnte nicht genau sagen warum ich traurig wurde, aber es war da, gemeinsam mit einem Gefühl von Verzweiflung, oder nein, eigentlich eher Enttäuschung. Man könnte es wohl auch einfach als „weinerlich“ bezeichnen. Es fehlt an Aufmerksamkeit Meine erste Frage dazu war, was überhaupt ein großes Vergehen ist, denn im Grunde hatte ich keine Ahnung, was damit gemeint war. Im Nachhinein muss ich aber sagen, dass es durchaus auf der Hand lag: 40% machte meine Langsamkeit aus, also der Umstand, dass ich für alles rund die 12fache Zeit brauche, wie alle anderen. 20% kam durch mein „Nervig sein“ also durch die Kombination aus Langsamkeit, Unaufmerksamkeit, Unkonzentriertheit und geistige Abwesenheit, durch die ich permanent im Weg stehe, Sachen vergesse, verliere oder in der Gegend verteile und so weiter. Die letzten 40% machen meine Unstrukturiert aus, also das Fehlen eines Basiskonzeptes, an dem ich mich entlanghangeln kann um zielgerichtet und systematisch zu arbeiten und zu leben. Es sind also genau die Punkte, mit denen ich tagtäglich kämpfe. Und im Moment wirklich kämpfe. Ich weiß, dass es eigentlich ein Tanzen mit den Themen sein sollte, aber das klappt gerade noch nicht so richtig. Im Gegenteil, je mehr ich darüber erfuhr, desto weinerlicher wurde ich und desto unzufriedener war ich mit mir selbst. Heiko brachte mich darauf, zu fragen, woher diese Traurigkeit und Unzufriedenheit kommt. Vor allem: warum kam sie nun in diesem Moment, wo wir darüber sprachen, obwohl mich die drei Themen ja die ganze Zeit beschäftigten? Kreislauf der Unproduktivität Ich war hier wieder bei dem Todesangstkonflikt, den ich selbst mit meiner eigenen Unproduktivität verbinde Ich habe das Gefühl, dass ich kein Teil der Gruppe sein darf, wenn ich nicht produktiv und wertvoll bin und als dies fühle ich mich eben gerade nicht. Ich merke nur, dass ich so gerne hilfreich und produktiv sein möchte, aber wie eine innere Wand in mir habe, die ich nicht durchdringen kann und die mich davon abhält. Ich fühle mich wie blockiert, so als würde ich die ganze Zeit versuchen mit angezogener Handbremse zu fahren. Tatsächlich liege ich im Moment bei einer Produktionsfähigkeit als Sklave von gerade einmal 7%. Ich bekomme also genauste Aufträge, Coachings, Zeitvorgaben und so weiter und schaffe trotzdem nur 7%! Und das stellt mich natürlich vor zwei Probleme. Zum ersten glaube ich nicht, dass ich auf diese Weise Teil der Gruppe sein kann und dass ich es daher verdient hätte, verstoßen zu werden. Ich selbst hasse es, wenn jemand so Unproduktiv ist und würde ihn nicht in meiner Gruppe haben wollen. Ich kann diese Unstrukturiertheit in mir nicht akzeptieren und glaube deswegen auch, dass es kein anderer kann. Gleichzeitig glaube ich aber auch nicht, dass ich ohne die Gruppe alleine überleben kann und zwar aus genau den gleichen Gründen. Wenn ich dazu im Stande wäre, dann gäbe es ja auch keinen Grund mehr, mich zu verstoßen. Es ist also eine Zwickmühle, die mir immer wieder das Signal gibt: „So wie du bist, bist du falsch und wirst sterben!“ Dass diese Gedanken nicht allzu hilfreich sind, weiß ich auch. Es ist nicht neu, du hast es nur neu erkannt! Heiko hat mir jedoch eine Sache bewusst gemacht, die mir überhaupt nicht klar war und die mir die gesamte Situation ungemein erleichtert. Ich bin ja nicht erst seit neustem so verpeilt und unproduktiv. Um es mit Heikos Worten zu sagen: „Du warst ja schon so scheiße, als ich dich kennengelernt habe, also ist es für mich nichts neues! Ich wusste ja, was ich da kaufe, wenn ich mit dir zusammen lebe. Das einzige, was dich gerade fertig macht ist, dass du es nicht wusstest, aber jetzt langsam mitbekommst. Das fühlt sich natürlich erst einmal komisch an, aber es ist ja wichtig, dass du es fühlst, damit sich etwas wandeln kann.“ Damit habe ich mich zum ersten mal richtig erleichtert gefühlt. Es stimmte ja. Die angezogene Handbremse in meinem Leben ist da schon immer und ich habe es nie geschafft, mehr als 7% von dem zu leisten, das ich leisten könnte. Allen anderen war dies auch klar, nur ich hab es bislang nie gemerkt. Die größte Schwäche und die größte Aufgabe Als Heiko und ich Freunde und Partner wurden, hat er genau gewusst, dass er sich einen Trabbi kauft, in dem ein Entwicklungspotential steckt, so dass er einmal eine ordentliche Zugmaschine werden kann. Ich hingegen dachte, ich sei ein Ferrari und wollte natürlich auch immer so auftreten. Jetzt wo ich merke, dass ich keine bin, kommt die Angst in mir auf, dass er vielleicht keinen Trabbi haben will, da ich in mir ja auch lieber einen Ferrari hätte und somit kommt die Angst, nicht gut genug zu sein. Klar dürfen es deutlich mehr als 7% werden, aber das ist nun einmal meine Ausgangslage und erst wenn ich die annehme, kann sich auch etwas wandeln. In unserem Gespräch wurde mir auch bewusst, dass meine innere Handbremse meine Aufgabe ist, mit der ich umgehen lernen muss. Bislang war meine Strategie, sie entweder zu ignorieren und zu leugnen, oder mich dafür zu verurteilen, was beides nicht so hilfreich war. Sie ist mein Schlüssel zum Erwachen und zum Eintauchen in die anderen Dimensionen und Welten. Ähnlich wie bei Heiko der Tinnitus. Es ist eine Aufgabe, die uns über lange Zeit begleitet und uns immer wieder vor neue Herausforderungen stellt. Meine Idee bislang war immer, dass ich einfach aufhören sollte, einen Tinnitus in Form der Handbremse zu haben. Das klappt natürlich nicht. Erkennen wo man steht Gerade wird mir auch noch etwas anderes bewusst. Wir haben uns ja oft und immer wieder die Frage gestellt: „Wer bin ich wirklich?“ Ich habe sie immer so verstanden, dass es darum geht, zu erkennen, was das göttliche Sein ist. Also zu erkennen, dass man eben nicht der Mensch ist, der man zu sein glaubt, sondern ein Teil von Gott, der sich hier in diesem Lebenstraum selbst erlebt. Aber das ist nur ein kleiner Teil und dazu noch so ziemlich der letzte. Viel mehr geht es darum, zu erkennen, welche Rolle man in diesem Lebenstraum hier spielt. Also die Frage: „Wer bin ich gerade?“ Wo stehe ich? Welche Aufgaben, Hindernisse, Schwächen und so weiter habe ich durch die Filme mitbekommen, von denen aus ich meinen Weg zum Gottbewusstsein gehen soll. Mitten im Wald zu stehen und zu wissen, dass man irgendwo auf die strahlende Sommerwiese der Glückseligkeit gelangen soll ist zwar gut und wichtig. Aber es hilft einem nicht solange man nicht weiß, wo man sich gerade befindet. Mein Ziel war es immer nur, irgendwie dorthin zu kommen, aber wenn ich mich in meiner Umgebung umgesehen habe, kam nur das Gefühl auf: „Scheiße, hier bist du falsch!“ und nie „Aha, hier bist du also! Ist ja interessant, das heißt, du musst also in diese Richtung weiter, wenn du ans Ziel willst!“ Dazu war es natürlich ebenfalls nicht hilfreich zu glauben, ich müsste das Bild eines Ferraris aufrecht erhalten, damit niemand merkt, wie unproduktiv ich bin, um nicht verstoßen zu werden. Anstatt mich in meinem Wald umzusehen und zu erkennen, was mich fest hält und wo ich mir vielleicht Brotkrumen gelegt habe, die mich hinaus führen, habe ich Girlanden aufgehängt und die Bäume angemalt, damit es hübscher aussieht und ich sagen konnte: „Schaut mal, so schlimm ist es hier doch gar nicht, ihr müsst mich also nicht verstoßen!“ Es fühlt sich gerade sehr gut an, das alles einmal bewusst zu merken und zu fühlen. Im Anschluss haben wir dann natürlich auch die Sanktionen ausgetestet. Fortsetzung folgt...
 
Spruch des Tages: Ohne Bremse geht es schneller
Höhenmeter: 290 m
Tagesetappe: 20 km
Gesamtstrecke: 22.545,27 km
Wetter: Regen, Kälte
Etappenziel: Kirche, Abbeycwmhir, Wales

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Zuletzt aktualisiert am 2017-08-21 07:59:44


Tag 1230: Zu Gast bei den Quäkern

What do priests do, when they run out of holy wate

16.-17.05.2017 Die letzten beiden Tage erfuhren wir noch einmal einige interessante Dinge über die Kirche in England. Gestern waren wir zum Mittagessen zu Gast bei einem pensionierten Pfarrer, der die letzten 80 Jahre der Kirchengeschichte selbst miterlebt hatte. Vom Grundsystem her war die Kirche hier der französischen sehr ähnlich. Es gab keine Kirchenstreuer und auch keine Verbindung zwischen Staat und Kirche, wie es bei uns der Fall ist. Anders als in Frankreich wurde die Kirche hier aber nicht enteignet, so dass sie ihre Gebäude noch immer selbst besitzt und verwaltet. Der größte Vorteil, den sie hier hat ist der, dass es zum einen in jedem Ort noch immer einen Kirchenverwalter gibt, also immer jemanden, der sich um die Gebäude kümmert und dafür sorgt, das alles erhalten bleibt. Reiche Spender halten die Kirche am Leben Der zweite, wahrscheinlich noch größere Vorteil ist, dass es bis heute einige sehr wohlhabende und einflussreiche Vertreter der Oberschicht gibt, die auch in der Kirche aktiv sind. Kirche und Adel sind hier bis heute eng verwoben und viele Bischöfe sind gleichzeitig auch Mitglieder in von wichtigen Adelshäusern. Die Spendenmoral der Menschen insgesamt ist stark zurückgegangen und fast jedes Dorf rudert für den Erhalt seiner Kirchen was das Zeug hält, aber es gibt eben immer wieder auch Menschen mit viel Geld und Einfluss, die einen Teil ihres Vermögens für den Erhalt der Kirche spenden. Ohne dies gäbe es wohl auch hier an vielen Orten nur noch Ruinen, wie es in Frankreich der Fall war. Dies erklärt dann aber natürlich auch wieder, warum die Pfarrer in einigen Orten so verschlossen gegenüber Pilgern und Reisenden waren, wie es in unserem Reichenort von vor zwei Wochen der Fall war. Es ging nicht darum, dass er Angst hatte, wir könnten etwas stehlen, sondern dass er fürchtete, die reichen Geldgeber seiner Gemeinde könnten sich darüber pikieren und ihm vielleicht den Hahn abdrehen. Im Laufe der Zeit hatte sich eh schon viel gewandelt und wenig davon zum Guten. Die Kirche in der wir vorgestern übernachteten, war etwas über 600 Jahre alt und vor knapp 200 Jahren hatte man noch einmal einen Teil angebaut, weil das ursprüngliche Gebäude zu klein geworden war. Als der Kirchenverwalter jung war, waren regelmäßig rund 50 Besucher zur Sonntagsmesse gekommen. Heute waren es noch 5 und die Messe fand nur noch einmal im Monat statt. Die Zeiten ändern sich Als uns der Pfarrer unseren Schlafplatz zeigte, kamen wir an einer beeindruckenden Villa vorbei, die einst das Pfarrhaus gewesen war. „Auch hier seht ihr, wie sich die Dinge ändern!“ meinte er mit leicht bitterem Unterton: „Früher war das der Sitz des Pfarrers für unsere kleine Gemeinde. Heute hat der amtierende Pfarrer ein kleines Häuschen am Ortsrand und ist für 7 Gemeinden zuständig.“ Auch hier gab es also die gleiche Tendenz, dass ein Pfarrer immer mehr Gemeinden übernehmen musste, Der Rentner machte sich nichts vor. „Wir steuern hier auf das gleiche System zu wie in Frankreich und das mit ziemlich großen Schritten!“ Zum Übernachten wurden wir dann in einen Gruppenraum der Quäker eingeladen, der knapp vier Kilometer außerhalb der Ortschaft auf einem Berg lag. Den Begriff Quäker hatte ich schon einige Male gehört, wenngleich ich ihn erst einmal nicht wirklich zuordnen konnte. Soweit wir es verstanden ist es ein christlicher Orden oder eine christliche Gemeinschaft, die ein bisschen wie die Mormonen vor allem die Friedfertigkeit als zentralen Wert für sich verankert haben. Einige recht einflussreiche Persönlichkeiten in Großbritannien waren Quäker und dies war wahrscheinlich auch der Grund, warum sie in einigen Zeiten verfolgt und ermordet wurden. Wie gesagt, über Hintergründe und Geschichte erfuhren wir nicht viel, aber wir bekamen ein bisschen was von den Traditionen und Ritualen mit. Die Traditionen der Quäker Eine Quäker-Messe läuft komplett anders ab, als die einer herkömmlichen, christlichen Gemeinde. Es gibt keinen Pfarrer der für die anderen predigt und man sitzt auch nicht auf einen Altar hin ausgerichtet. Die Zeremonie erinnert eher an einen Redekreis wie er bei den Naturvölkern zelebriert wird. Alle sitzen im Kreis und zunächst einmal horcht jeder in sich hinein, während nach außen hin alles still bleibt. Wenn jemand eine Eingebung bekommt, beginnt er zu sprechen und startet vielleicht mit einem Gebet, einer Danksagung oder irgendetwas anderem, was gerade in ihm präsent ist. Es kann aber auch sein, dass niemand eine Eingebung bekommt und man die komplette Zeremonie über einfach schweigend zusammen sitzt. Wenn das der Fall ist, ist es ebenfalls in Ordnung. Ich muss sagen, dass mir diese Form bei weitem besser gefällt, als die herkömmlichen Messen. Spannend wird es aber vor allem bei Hochzeiten, wie uns unser Pfarrer erzählte. Denn diese finden im gleichen Stil statt. Die gesamte Hochzeitsgesellschaft sitzt schweigend im Kreis, bis sich jemand berufen fühlt, mit der Zeremonie zu beginnen. Meistens ist es der Bräutigam, der das Wort an seine Braut richtet. Es kann aber auch anders herum sein. Wenn einer der beiden gesprochen hat, entsteht meist wieder eine Stille, bis der andere den Impuls spürt, auf das gesagte zu reagieren. Das schöne dabei ist, dass jeder der beiden bei dieser Trauung tief in sich hinein spürt und wartet bis er die Liebe und die Verbindung zum anderen wirklich intensiv spürt. Dann teilt er dieses Gefühl und gibt dem anderen die Gelegenheit das selbe zu tun. Es ist also kein Ja-Wort auf Kommando, sondern der Ausdruck eines realen Gefühls der Verbundenheit. Es kann natürlich auch passieren, dass dieses Gefühl gar nicht aufkommt. Was dann passiert vermochte auch der Pfarrer nicht mit Gewissheit sagen. Das kleine Versammlungshaus wurde von einer älteren Frau betreut, die im Haus nebenan lebte und ebenfalls teil der Quäker-Gemeinde war. Sie erklärte uns, dass der Orden inzwischen kein christlicher Orden mehr war. Er hatte zwar einmal als solcher begonnen, hatte sich nun aber von einer direkten religiösen Ausrichtung losgelöst, wodurch es auch buddhistische, muslimische, hinduistische, jüdische und atheistische Mitglieder gab. Schlafen in der Kirche Heute erreichten wir dann einen weiteren Ort mit einer langen religiösen Tradition. Viele Jahre zuvor hatte es hier ein einflussreiches Kloster gegeben, von dem nun aber nur noch einige alte Mauern zu sehen waren, die hauptsächlich von den Schafen als Windschutz genutzt wurden. Der Kirchenverwalter war bereits von unserem pensionierten Pfarrer über unsere Ankunft informiert worden und erwartete uns bereits. „Wir haben einen schönen, kleinen Nebenraum mit einem Holzfußboden, wo es nicht so kalt sein dürfte!“ meinte er mit einem großartigen Welser Akzent, der einen sofort an Seebären und Piraten erinnerte. Die Sache mit dem Holzfußboden stimmte, aber warm wurde es leider trotzdem nicht, denn der „Nebenraum“ hatte zwar eine Tür aber keine Wand, die ihn vom Rest der Kirche abtrennte. Früher einmal hatte es in dieser Kirche ein ausgeklügeltes Heizungssystem gegeben. Auf der Kirchenrückseite hatte sich dafür ein kleiner Anbau befunden, in dem ein großes Feuer geschürt wurde, dessen Wärme man dann durch Rohre direkt unter die Kirchenbänke leiten konnte. Im Rahmen der Modernisierung hatte man dieses System jedoch demontiert und durch Infrarotlampen an der Decke ersetzt. Die waren leichter zu bedienen und funktionierten durch einen einfachen Knopfdruck. Dafür wärmten sie aber auch so gut wie gar nicht mehr. Durch den Verwalter erfuhren wir noch etwas mehr über das System, mit dem die Kirchen hier am Laufen gehalten werden. Es gibt eine Art Jahresplan, nachdem sich alle Gemeindemitglieder verpflichten, die Kirche selbst instand zu halten. Jeder muss zwei Mal im Jahr rasen mähen, jeder muss mithelfen, wenn etwas gestrichen, verfugt oder sonst wie erneuert werden muss, jeder hat ab und an einmal Putzdienst und so weiter. Dennoch müssen sie natürlich alles daran setzen, so viel Spenden wie möglich zu sammeln. Die Kathedrale in der wir vor einer guten Woche die Verabschiedung des Bischofs mit erlebt hatten, hatte dazu mit einem großen Werbeschild auf sich aufmerksam gemacht: „Diese Kathedrale braucht 5 Pfund in jeder Minute, nur um nicht zu verfallen. Bitte helfen Sie uns eine Minute weiter!“ Es ist schon enorm, wie viel solche Gebäude verschlucken, oder?
 
Spruch des Tages: What do priests do, when they run out of holy water? They take the normal one and boile the hell out of it, so what´s left then must be holy! (Spruch eines Rentners vor der Kirche. Funktioniert leider nur auf Englisch. Sinngemäß bedeutet es soviel wie: „Was macht ein Pfarrer, wenn er kein Weihwasser mehr hat? Er nimmt normales Wasser und „kocht die Hölle raus“ [englische Redewendung, meint soviel wie „kocht es was das Zeug hält“] Was dann übrig bleibt muss ja heilig sein, oder?)
Höhenmeter: 360 m
Tagesetappe: 20 km
Gesamtstrecke: 22.530,27 km
Wetter: bewölkt, teilweise etwas Sonne, sonst ungemütlich und kalt
Etappenziel: Gemeindesaal der Quäker, 4km außerhalb von Penybont LD1 5US, Wales

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Zuletzt aktualisiert am 2017-08-21 07:58:33


Tag 1229:

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Zuletzt aktualisiert am 2017-08-21 07:58:34


Tag 1228: Der erste Tag in Wales

Finde das Schlupfloch und geh den Weg, der dich oh

14.05.2017 Rückschritt durch Technik Ist euch schon einmal aufgefallen, wie viele praktische Erfindungen wir im Laufe unserer Geschichte gemacht haben, die nicht richtig funktionieren und daher vollkommen unpraktikabel sind? Klo-Spülungen zum Beispiel. Im Rahmen der Planung für unseres Begleitfahrzeugs für Amerika haben wir uns vor kurzem einmal verschiedene Toilettensysteme angeschaut, und festgestellt, das es ganz hervorragende Trockensysteme gibt, die weitaus besser, hygienischer und geruchsärmer sind als unser herkömmlichen Wassertoiletten. Vor allem hier in England ist es beeindruckend, wie schlecht das Spülsystem funktioniert. Gestern in der Kirche hatten wir wieder einen riesigen Spülkasten mit der Power eines pustenden Marienkäfers. Pro Spülgang flossen locker 20 bis 25 Liter den Abfluss hinunter und um seine Hinterlassenschaften damit beseitigen zu können, brauchte man pro Toilettengang im Schnitt drei Spülungen. Damit es nicht stinkt hat man in der Toilette wie so oft einen Entlüfter eingebaut, der mit der Lautstärke eines vorbeifahrenden Autos zu brummen beginnt, sobald man den Lichtschalter betätigt. Der Erfolg war, dass wir stets nur mit Taschenlampe aufs Klo gingen. Der Strom- und Wasserzähler quietschte alle paar Minuten wie ein Meerschweinchen, dem man auf den Fuß getreten war und selbst die Wasserheizung startete heute morgen nicht ohne ein konstantes Pfeifen. Hier in der Kirche gab es sie nicht, aber viele Male zuvor hatten wir Räume mit Leuchtstoffröhren als Lampen bekommen, die ebenfalls ein statisches Surren von sich gaben, das man nicht abschalten konnte. Früher einmal hatte es in diese Kirche ein unterirdisches Heizsystem gegeben, durch das warme Luft einfach aus dem Boden zu den Menschen geströmt war, ohne dabei irgendein Geräusch zu verursachen. Auch die ersten Glühlampen waren vollkommen lautlos. Heute hingegen füllt man gerade die Orte, an denen man Stille finden oder konzentriert arbeiten und sich austauschen will mit lauter Technik, die einen stört. Was nützt einem eine Heizung, wenn sie den Raum zwar etwas wärmer macht, einem dabei aber jedes Mal das Gefühl gibt, ihn so schnell wie möglich verlassen zu wollen, damit man dieses Pfeifen endlich aus dem Kopf bekommt? Das ist doch nicht sinnvoll! Spürbare Umbrüche Trotz des Umstandes, dass unsere Toilette nur mit Taschenlampe nutzbar war, waren wir aber doch froh sie zu haben. Bei mir spielte mein Darm ein wenig verrückt und verursachte einen inneren Druck der sich anfühlte, als wollte er Platzen. Heiko bekam nach dem Abendessen ein fieses Kratzen im Hals, das ihm das Gefühl gab, nicht mehr frei Atmen zu können. Beides schien irgendwie mit der Krafttierreise in Verbindung zu stehen, die Shania kurz zuvor gemacht hatte. Ich weiß nicht genau, was gerade passiert, aber irgendetwas tut sich wieder. Erst die beiden identischen Träume von Shania, dann das Auftauchen der beiden Rabenkrähen in der gleichen Situation, kurz darauf ihre Krafttierreise und nun unsere Reaktion auf der körperlichen Ebene, für die es eigentlich keinen erkennbaren Grund gab. Da wir nach der letzten Nacht beide nicht übermäßig vor Energie sprudelten, beendeten wir die Wanderung heute etwas früher als geplant. Dennoch erreichten wir Wales und übernachten nun in einem winzigen Dorf direkt hinter der Grenze. Winzig ist dabei nicht übertrieben, denn es besteht tatsächlich nur aus einer einzigen Farm, einem Landhaus und unserer Kirche. Den Kirchenverwalter ausfindig zu machen war daher nicht schwer, denn er war der einzige Mann, der mit seiner Familie hier lebte. Spannend war, dass es hier wieder überhaupt kein Problem war, unter zu kommen. Die Farmer sagten zu, ohne auch nur eine Sekunde zu zögern und versorgten uns mit allem was wir für den Tag brauchten. Gestern waren wir in einem Ort mit Minimarkt und rund 800 Einwohnern der oberen Gesellschaftsschicht und alles was wir an Nahrung auftrieben war Dosenfutter und ein paar Eier. Heute gab es genau einen Haushalt, der auch noch damit zu kämpfen hatte, als Bauernhof in der heutigen Zeit zu bestehen und wir bekamen reichlich frisches Gemüse, Eier und sogar noch eine Spende für unsere Partnerprojekte. Wassereinlagerungen durch einen Geborgenheitskonflikt Nach dem Ankommen nutzten wir die wärmende Sonne um auf dem Friedhof eine Pause und eine Fußreflexzonenmassage zu machen. Dabei wurden wir noch einmal verstärkt auf die Wassereinlagerungen aufmerksam, die vor allen in meinen Füßen besonders deutlich erkennbar sind. Sie sind die Folge von einer Kombination aus einem Geborgenheitskonflikt und einem Existenzangstkonflikt, die ich in mir trage. Soweit ich es verstanden habe, finden die Prozesse dazu auf mehreren Ebenen statt. Der Geborgenheitskonflikt kommt daher, dass ich noch immer Angst habe, von der Gruppe verstoßen zu werden, weil ich mich selbst als Klotz am Bein empfinde. Ich fühle mich nicht hilfreich, nicht lichtvoll nicht positiv. Warum? Weil ich dieses Bild von mir fiele Jahre lang in Matrix-Filmen gesehen und als wahr angenommen habe. Ich bin nicht gut, ich kann nichts, ich bin ein Depp, den niemand mag. Ich glaube noch immer, dieser Mensch zu sein, empfinde ihn als falsch und will ihn ändern und etwas Neues erschaffen. Doch das kommt mir schwer und mühevoll vor, weshalb das freie Leben für mich ein anstrengender Kampf ist, bei dem ich stets das Gefühl habe, ihn zu verlieren. Darum kann ich mich nicht geborgen fühlen. In Wirklichkeit geht es jedoch nicht darum, etwas Neues zu erschaffen, sondern nur etwas freizulegen, das schon immer da war. Ich halte mich für die Oberfläche die mir durch den Film als Maske übergestülpt wurde und habe keine Ahnung, wer ich darunter wirklich bin. Es geht also nicht darum, jemand zu werden oder etwas neues zu lernen oder zu erschaffen, sondern nur darum zu erkennen, wer ich schon immer war und alles abzustreifen, was nicht dazu gehört. Es ist also kein Kampf, sondern nur in Loslassen. Angst vor dem Allein-Sein Doch das will mir noch nicht gelingen, weil ich nicht weiß, dass es darum geht. Denn genau an dieser Stelle kommt das zweite Problem hinzu. Ich habe das Gefühl, nicht hinterher zu kommen und meine Aufgaben nicht bewältigen zu können. Fühle mich daher unnütz und nicht hilfreich, sondern wie ein Klotz am Bein. Dies ist mein Existenzangstkonflikt. Es geht mir dabei nicht mehr um Geld, sondern darum, dass ich das Gefühl habe, nicht so hilfreich sein zu können, wie ich es möchte und dadurch meinen Beitrag zum Gemeinwohl nicht leisten zu können. Ohne diesen Beitrag habe ich in der Gemeinschaft aber keine Daseinsberechtigung und dies wiederum führt zu meiner Angst, verhungern zu müssen. Mein Glaube ist, dass ich ohne die Präsenz der Gruppe alleine nicht überleben könnte, da ich meine Präsenz nicht halten kann, vom Weg abkomme und verassle. Von Shania weiß ich, dass sie ein ähnliches Gefühl hat. Obwohl sie alles alleine macht, da sie ja rund 1000km von uns entfernt ist, hat auch sie das Gefühl, ohne unsere Rückendeckung nicht auf Kurs bleiben zu können. Verrückt, oder? Das Kernsystem dahinter: Ich habe noch immer das Gefühl, mich ohne die Nähe zu meinen Eltern und ohne ihr Wohlwollen nicht ernähren zu können und dadurch verhungern zu müssen (Ernährungskonflikt) Ich bin ein Nestling, der die Hilfe seiner Elten braucht um an Nahrung zu kommen. Daher ist permanent das Gefühl von „Ich will, ich will, ich will!“ in mir, weil ich Angst habe, übersehen zu werden, zu kurz zu kommen und dann zu sterben. Um diese Angst loslassen zu können muss ich flügge werden, doch davor habe ich auch schon wieder Angst. Denn in meiner Vorstellung, die durch die Filme impliziert wurde, muss ich hart und stark sein, um flügge werden zu können. Worauf es jedoch ankommt ist das Feingefühl und die Fähigkeit, den leichten, effektiven Weg zu finden. Ich bin wie die Rabenkrähen, die wir gesehen haben. Ich strample wie wild und bin unzufrieden mit dem Ergebnis, weil ich den leichten, effektiven Weg nicht erkennen kann. Hier also schließt sich der Kreis. Der leichte Weg ist es, alles loszulassen, was nicht zu mir gehört und anzuerkennen, dass ich über Jahre hinweg eine Filmrolle gespielt habe, die ich nicht bin, die aber wichtig war, um an diesen Punkt zu gelangen. Der schwere Weg, den ich erfolglos die ganze Zeit zu gehen versuche und bei dem ich mich halb tot strample ist es, mein aktuelles Ich zu verurteilen und zu versuchen jemand neues zu werden, von dem ich glaube, dass ich es nicht bin, aber eigentlich sein sollte. Die Botschaft des Kaninchens Gerade wo ich das schreibe werde ich hier auf dem Friedhof von einigen Schafen und einem Wildkaninchen besucht. Wieder war es das Kaninchen, das mich auch den Umgang mit meiner Angst hinwies. Dieses mal wurde seine Botschaft sogar noch klarer. Es saß einige Minuten neben mir und schaute mich an. Dann machte es einen Sprung mitten durch den Zaun und hüpfte davon. Der Zaun hatte relativ große Maschen, aber sie waren noch immer kleiner als das Kaninchen selbst. Vorsichtig hindurchhuschen wäre kein Problem gewesen, aber mit voller Geschwindigkeit hindurchspringen hätte so auf die Art nicht funktionieren dürfen. Dem Kaninchen aber war es egal. Es war als wollte es sagen: „Finde das Schlupfloch und geh den Weg, der dich ohne Kampf und Strampelei ans Ziel führt.“
 
Spruch des Tages: Finde das Schlupfloch und geh den Weg, der dich ohne Kampf und Strampelei ans Ziel führt
Höhenmeter: 190 m
Tagesetappe: 13 km
Gesamtstrecke: 22.498,27 km
Wetter: bewölkt, teilweise etwas Sonne
Etappenziel: Kirche, Gladestry HR5 3NR, Wales

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Zuletzt aktualisiert am 2017-08-21 07:57:26


Tag 1227: Leben wir in einer Mehrklassengesellschaft?

Von einer Chancengleichheit innerhalb der Gesellsc

13.05.2017 Man kann durchaus sagen, dass England nicht zu den gemütlichsten Ländern Europas gehört. Bislang hatten wir was das Wetter anbelangt ja wirklich Glück, aber langsam zeigt sich auch hin und wieder eine andere Seite. Nur ganz vorsichtig, so als wolle sie sagen: „Schaut mal, ich könnte auch anders! Fühlt euch also nicht zu sicher!“ Dabei zeigte uns das Wetter dann auch gleich seine volle Palette an Möglichkeiten, von eisig windiger Nasskälte bis zu tropisch warmer Schwüle, bei der man nach wenigen Metern zu zerfließen begann. Langsam verstanden wir auch, warum sich die Mücken hier so unglaublich wohl fühlten. Bei diesen Bedingungen musst ihre Population geradezu explodieren. Die alte Mehrklassengesellschaft ist noch immer spürbar Am frühen Nachmittag erreichten wir unseren Zielort, kurz vor der Grenze von Wales. Die Kirchenverwalterin war zunächst etwas vorsichtig und wollte sich erst noch zwei Mal absichern, bevor sie uns zusagte. Spannend in diesem Land ist, dass es hier wirklich eine Mehrklassengesellschaft gibt, die sich noch immer in den gehobenen, den mittleren und den niederen Stand einteilt. Je nachdem, zu welchem Stand ein Kirchenverwalter gehört, ist es entweder ein riesiger Act, einen Platz in der Kirche zu bekommen oder nicht einmal eine Frage wert. Die ältere Dame von gestern, die von einer Nachbarin über unsere Anwesenheit informiert wurde fragte lediglich „Brauchen die Jungs noch etwas? Soll ich irgendetwas vorbei bringen?“ Sie stammte aus der mittleren Schicht, war also eine ganz normale Bürgerin mit einem kleinen Haus in einem kleinen Dorf. Heute hingegen gelangten wir wieder in eine noblere Gegend und die Kirchenverwalterin gehörte der Oberschicht an. Ob diese Schichten hier wirklich per Geburtsrecht verteil werden, ober ob sich jeder einfach willkürlich einer zugehörig fühlt und sich dann entsprechend verhält weiß ich nicht. Aber entscheidend ist die Frage: „Wozu fühlt sich eine Person zugehörig?“ Zwischen Offenheit und Misstrauen Die gleiche Frage wie gestern löste hier erst einmal Misstrauen aus und zog einen langen Fragenkatalog nach sich. Heiko erzählte von seiner Arbeit als Notfallmediziner und Therapeut, was immer sehr beruhigend auf die Menschen wirkt. Ein Arzt, ob nun studiert oder nicht, gehört automatisch zur Oberschicht, was bedeutet, er ist einer von uns und man kann ihm trauen. Als wir vor einem knappen Jahr unsere Projekt-Präsentationsmappe entwickelt haben, hatten wir gedacht, dass sie uns dabei hilft, Plätze in Hotels, Pensionen und Gästehäusern zu bekommen. Nun findet sie tatsächlich vollen Einsatz, aber nicht um unseren Luxus zu erhöhen, sondern um einen Platz auf dem Boden von ungeheizten Kirchen ohne sanitäre Anlagen, Wasserhähne oder andere besondere Fähigkeiten zu bekommen. Zumindest in der Regel, denn heute haben wir hier den Jackpot bekommen und können tatsächlich wieder einmal eine Toilette und einen Wasserkocher unser eigen nennen. Nach dem ersten Vorgespräch hätte die Verwalterin eigentlich am Abend noch einmal wieder kommen und unsere Ausweise kopieren wollen, um ganz sicher zu gehen. Wir sahen sie aber nie wieder. Stattdessen kamen einige andere Leute vorbei. Zwei Männer wollten die Kirchturmuhr reparieren, die eine Gruppe heute morgen mit der Kirchenglocke zerstört hatte und eine Frau kam um die Blumen am Altar auszuwechseln. Gespräche über Krebsbefund Letztere kam etwas tiefer mit uns ins Gespräch und da sie bereits gehört hatte, dass wir in Sachen Medizin unterwegs waren, erzählte sie uns auch von ihrer kürzlich erhaltenen Brustkrebsdiagnose, woraus ein langes und tiefes Gespräch entstand. Vor allem die Art und Weise, wie in unserer Gesellschaft mit der Übermittlung der Krebsdiagnose umgegangen wird, machte uns dabei große Bedenken. Das Gespräch gab Anlass, sich noch einmal tiefer mit dem Thema zu befassen und die Ergebnisse könnt ihr im Artikel: „Krebsdiagnose – eine selbsterfüllende Todesprophezeiung“ nachlesen.
 
Spruch des Tages: Von einer Chancengleichheit innerhalb der Gesellschaft sind wir noch weit entfernt.
Höhenmeter: 90 m
Tagesetappe: 15 km
Gesamtstrecke: 22.485,27 km
Wetter: bewölkt, dann Regen, teilweise etwas Sonne
Etappenziel: Kirche, Almeley, England
Hier könnt ihr uns und unser Projekt unterstützen. Vielen Dank an alle Helfer!

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Zuletzt aktualisiert am 2017-08-21 07:55:48


Tag 1226: Die Botschaft der Krähe

Oft lassen wir uns von etwas einsperren, das nur a

12.05.2017 Wenn es hier einmal regnet, dann regnet es richtig! So seltsam das Kloster auch war, in dem wir hier gelandet waren, so dankbar waren wir doch darüber, einen Platz im Trockenen zu haben. Binnen Minuten sammelte sich das Wasser auf dem Kirchenvorplatz und die Tropfen spritzten wieder nach oben. Heute in der Früh hatte es zwar wieder nachgelassen, aber die Straßen waren trotzdem teilweise noch Knöcheltief überflutet. Auch dies war wieder eine Sache über die man sich in Italien offenbar zu Unrecht lustig gemacht hatte. Dort war Regen immerhin selten und man konnte vielleicht gerade noch nachvollziehen, warum man die Straßen wie langgezogene Badewannen baute. Hier hingegen hätte man meinen sollen, die Leute wüssten, wie man mit Regen umgeht. Und trotzdem gibt es keinen Ablauf an den Straßen sondern nur eine Böschung die das Wasser schön auf der Fahrbahn hält. So kam es, dass wir bereits nach wenigen Metern nass waren, obwohl von Oben kaum mehr Wasser nach kam. Bereits zum zweiten Mal in zwei Tagen sahen wir heute eine Rabenkrähe, die wie wild in einer Hecke herumflatterte, so als hätte sie sich verfangen. Sie war panisch und flatterte was das Zeug hielt, kam jedoch kein Stück voran. Als Heiko näher ging, um zu schauen, ob sie verletzt oder irgendwo eingeklemmt war, stellte er bei de Male fest, dass weder das eine noch das andere der Fall war. Sie war frei und hätte einfach davon fliegen können und doch war sie voller Panik und kam nicht von der Stelle. Es war fast, als wüsste sie nicht, dass sie frei ist. Fast die gleiche Situation hatte uns Shania gestern von sich selbst beschrieben. Sie fühlte sich so, wenn sie ihrer alltäglichen Arbeit nachging und in den letzten zwei Tagen hatte sie zwei Mal den gleichen Traum, der fast genau diese Situation darstellte. Die Büsche waren kein Gitter sondern boten ausreichend Lücken zum gehen. Auch war die Krähe ein guter Flieger und hätte ohne Probleme ihren weg ins Freie finden können. Doch irgendetwas hielt sie davon ab, wie eine unbekannte Macht, die verhinderte, dass sie ihre Fähigkeiten erkannte und nutzte. Wir befinden uns nun kurz vor der Grenze nach Wales und werden England daher in ein oder zwei Tagen vorerst wieder verlassen. Der Regen von gestern und heute scheint schon so etwas wie die Einstimmung gewesen zu sein, denn nach dem was uns die Einheimischen berichten, ist Wales neben seiner Geschichte, seiner Unberührtheit und seinen Bergen vor allem für seinen Regen bekannt.
 
Spruch des Tages: Oft lassen wir uns von etwas einsperren, das nur aussieht, wie ein Gefängnis, aber gar keine echten Wände hat.
Höhenmeter: 360 m
Tagesetappe: 17 km
Gesamtstrecke: 22.475,27 km
Wetter: erst bewölkt, dann heftiger Regen mit Gewitter
Etappenziel: Seminarraum im Kloster, Clehonger, England
Hier könnt ihr uns und unser Projekt unterstützen. Vielen Dank an alle Helfer!

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Zuletzt aktualisiert am 2017-08-16 10:28:57


Tag 1225:

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Zuletzt aktualisiert am 2017-08-16 10:28:57


Tag 1224:

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Zuletzt aktualisiert am 2017-08-16 10:28:57


Tag 1223: Fokus setzen

Wer sein Ziel nicht kennt, geht den dreifachen Weg

08.05.2017 Seit langem habe ich heute endlich mal wieder das Gefühl, dass sich etwas in mir bewegt. Ich bin auf einen Kernschlüssel gestoßen, oder viel mehr gestoßen worden, der zwar nicht neu ist, aber der mir zum ersten Mal in seiner vollen Tragweite bewusst wird. Und zum ersten Mal kann ich etwas damit anfangen. Der Schlüssel heißt „Fokus“. Wie gesagt es ist eigentlich nichts neues, aber eben etwas sehr wichtiges. Aufgefallen ist es vor ein paar Tagen, als ich beim Kochen wieder einmal eine halbe Kirche mit Kochutensilien belegt habe. Alles war zugemüllt und lag irgendwo herum, ohne dass es einen Sinn machte. Wieso passierte mir das immer wieder? Wieso konnte ich, obwohl es so wichtig auf unserer Reise war, auch jetzt noch immer keine Ordnung halten? Die Antwort, auf die ich bislang noch nie gekommen bin war, dass es in mir kein Standartszenario für die meisten Dinge und Handlungsabläufe in meinem Leben gibt. Normalerweise trainieren wir Menschen uns als Kinder eine Art Baseline in jedem Bereich an, also einen Standarthandlungsablauf nach dem wir verfahren, solange keine Abweichungen erforderlich sind. Effektiv und optimal Handlungsfähig sind wir dann, wenn wir ein gut funktionierendes Standartkonzept für möglichst alle häufigen Abläufe haben, auf das wir immer zurückgreifen können und wenn wir gleichzeitig in der Lage sind, jederzeit davon abzuweichen, wenn es die Umstände erfordern. Können wir nicht abweichen werden wir pedantisch, unflexibel und kleinkarriert. Hat man jedoch kein Grundkonzept, muss man jedes Mal neu überlegen, was man wie machen will. Da einem aber im Normalfall die Zeit fehlt, jede Situation wieder neu so einzuschätzen um ein funktionierendes Grundkonzept zu erarbeiten, wird man hektisch, verliert die Übersicht, wird schluderisch, chaotisch und unkontrolliert, wodurch man sämtliche Produktivität verliert. Genau das ist ja mein Problem. Das gleiche passiert mir auch beim Trainieren, beim Arbeiten und in allen anderen Bereichen. Ich habe oft nicht einmal eine Vorstellung davon, welcher Muskel mit welcher Übung trainiert werden soll, so dass es natürlich kein Wunder ist, dass ich hier nur wenig voran komme. Punkt Nummer 1 lautet also: Erstelle dir Grundstrategien für alltägliche Handlungsabläufe, die du bewusst durchführst und immer wieder überprüfst, ob sie effektiv sind oder nicht. Wenn es kein Konzept gibt, man also keine Ausgangsbasis hat, kann man auch nichts dazu lernen. Es ist ein bisschen, als würde man wissenschaftliche Studien machen, ohne sich die Ergebnisse anzuschauen und zu dokumentieren. Man findet vielleicht einiges heraus, kann es aber nicht nutzen, weil es keine Basis gibt, in die man es integrieren kann. Punkt 2: der Fokus. Genauso wichtig wie ein funktionierendes Grundschema ist natürlich eine Ausrichtung, also die Frage: Was will ich erreichen. Wo will ich hin. Was ist mein Ziel. Oft setze ich mich an meinen Computer und versuche eine To-Do-Liste abzuarbeiten, ohne mir bewusst zu sein, war ich eigentlich erreichen will. Ich schreibe Texte, ohne zu wissen, worauf ich hinaus will oder starte einen Internettag mit dem Gefühl, unendlich viel zu tun zu haben, habe aber keine Übersicht, was wirklich jetzt getan werden muss. Heute beim Wandern ist mir dabei noch einmal aufgefallen, wie unkonkret ich hier in diesem Bereich bin. Heiko stellte ein paar Fragen dazu und ich konnte nur schwammige Antworten geben. Kein Zeitlicher Rahmen, keine Unterscheidung zwischen kurzfristigen, mittelfristigen und langfristigen Zielen, keine Prioritätensetzung. Punkt 3: Zeitlicher Überblick Zeit ist für mich etwas vollkommen ungreifbares. Sie flutscht mir nur so durch die Finger und ehe ich mich versehe ist ein ganzer Tag um und ich weiß nicht warum. Heute habe ich es deshalb zum ersten Mal anders gemacht und mir einen kompletten Zeitplan geschrieben: Fünf Tagesetappen Strecke raussuchen: eine Stunde dreißig. Drei Tagesberichte einstellen: 24 Minuten, Mails beantworten: 10 Minuten, …. Teilweise funktionierte es sehr gut, teilweise noch nicht besonders. Aber ich konnte zum ersten Mal feststellen, wo es eigentlich genau hakte. Gleichzeitig habe ich gemerkt, dass ich viel motivierter und zielstrebiger war als sonst und dass es mir viel mehr spaß gemacht hat, meinen Zeitplan auch wirklich einzuhalten. Am Ende habe ich gemerkt, dass ich etwa 80% von dem was ich schaffen wollte wirklich geschafft habe. Das ist noch nicht gut, aber es ist besser als meine üblichen 20%, die mich dann jeden Abend deprimieren. Eine lustige Anekdote gibt es übrigens über heute auch noch zu erzählen. Wir mussten wieder einmal mitten über eine Kuhweide wandern und wurden von einem Zaun aufgehalten, den ein dreister Bauer mitten auf den öffentlichen Weg gebaut hatte. Während wir nach einer Alternativlösung schauten, kamen die Kühe neugierig an unsere Wagen heran und begannen an allem zu schnuppern, was wir so mit uns herum fahren. Dabei entdeckten sie auch meinen Klo-Lappen, der hinten auf meinen Wagen gespannt war. Der Geruch schien sie irgendwie scharf zu machen, denn sie fingen an, daran zu schlecken. Und wo sie einmal angefangen hatten, schleckten sie auch gleich weiter und weiter, bis mein halber Wagen voll von schleimigem Kuhspeichel war.
 
Spruch des Tages: Wer sein Ziel nicht kennt, geht den dreifachen Weg dorthin.
Höhenmeter: 160 m
Tagesetappe: 15 km
Gesamtstrecke: 22.417,27 km
Wetter: Sonnig, windig
Etappenziel: Kirche, Upleadon, England

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Zuletzt aktualisiert am 2017-08-16 10:27:26


Tag 1222: Nach Hause zum Vater

Wovor hast du Angst, du gehst doch nur nach Hause?

07.05.2017 Heute erreichten wir Tewkesbury, eine kleine Stadt in Mittelengland in der es ein äußerst beeindruckendes Kloster gibt. Wie üblich war es eigentlich nicht unser Ziel, direkt durch eine Stadt zu wandern, aber um nach Wales zu gelangen hatten wir keine andere Wal. Der kleine britische Staat ist so abgeschirmt durch Autobahnen, Städte, Flüsse, Zuglinien und Berge, dass ich froh war, überhaupt einen Weg gefunden zu haben, der einigermaßen erträglich erschien. Zu unserer Überraschung wurde es sogar ein sehr schöner Weg, denn obwohl die Stadt belebt und verkehrsstark war, gab es viele Schleichwege über die man sich relativ ruhig hindurchschummeln konnte. „Ist es noch immer ein aktives Kloster?“ fragten wir eine Frau, die uns den Weg dorthin erklärte. „Ja sicher!“ antwortete sie, „noch genau wie früher!“ „Also leben noch immer Mönche dort?“ „Mönche? Nein, Mönche gibt es dort keine mehr!“ Ich musste lächeln, denn solche Gespräche waren auch hier keine Seltenheit. Das Kloster selbst war heute im Privatbesitz und nicht mehr zugänglich. Mann konnte lediglich noch durch das große Eingangsportal schauen und einen Blick auf den Fuhrpark erhaschen, den die aktuellen Besitzer sich aufgebaut hatten. Zwei Porsche, Oldtimer, ein Jaguar und ein Mercedes gehörten dazu, den Rest konnte ich nicht erkennen. Man kann also sagen, dass die Käufer des Klosters den Lebensstil der alten Mönche durchaus gebührend fortsetzten. Warum Franz von Assisi einen neuen Orden gründete um Bettelmönch zu werden, anstatt sich einem bestehenden anzuschließen wird damit auch immer deutlicher. Die Abtei war früher ein Benediktinerkloster gewesen, genau wie das Kloster Melk in Österreich. Und man kann sagen, dass dieser Orden eher mal auf Prozen denn auf Kleckern stand. Die noch verbliebende Kirche war ein Monument, das mindestens ebenso beeindruckend war, wie die Kathedrale von Winchester. Als wir sie betraten war gerade Messe. Kurz zuvor hatten die Priester die gesamte Halle mit Weihrauch geräuchert und der duftende Rauch lag noch immer in der Luft. Durch die hohen, kunstvollen Fenster fiel das Sonnenlicht herein, das nun in deutlichen Strahlen bis auf den Boden sichtbar war. Vorne am Altar stand ein Chor, der zu den Anweisungen eines weiß gewandeten Dirigenten eine Hymne sang, die einem eine Gänsehaut über den Rücken jagte. Nicht weil sie so schlecht war, sondern weil sie wirklich eine imposante und ergreifende Stimmung erzeugte. Rund ein Dutzend Pfarrer und Priester stand am Altar und gestaltete den Gottesdienst. Es war noch einmal eine andere Show, als die, die wir damals in Italien an Weihnachten gesehen hatten. Diese Leute hier verstanden es, wie man eine erhabene Stimmung erzeugte, und auch wenn es nicht wirklich spannender war, als die üblichen Messen, war man dennoch irgendwie gefesselt. Erst später erfuhren wir, dass es kein gewöhnlicher Gottesdienst war, sondern die Verabschiedung eins langjährigen Pfarrers, der nun in Ruhestand ging. Heiko hatte einige Tage zuvor einen Bericht von ihm in einer Kirchenzeitung gelesen. Man hatte Bauchspeicheldrüsenkrebs bei ihm diagnostiziert und er hatte über diesen Befund und seine Erfahrung damti geschrieben. Seine erste Reaktion war es, in Panik zu verfallen und mit einem Schlag alles anzuzweifeln. Gab es wirklich einen Gott, wenn er ihn einfach so sterben ließ? Letztlich waren es dann seine Kinder, die ihn wieder zurück holten. Ihre erste Reaktion nach der Botschaft ihres Vaters über seine Krankheit war es, in den Garten zu gehen und Federball zu spielen. Der Vater war verwirrt und fragte, warum sie das taten. Der Junge antwortete: „Weil heute großartiges Wetter ist und wir schon lange nicht mehr Federball spielen konnten! Du hast Krebs, in Ordnung, aber das ist ja kein Grund, warum man das Leben nicht mehr genießen sollte. Komm und spiel mit! Dir geht es ja nicht schlecht! Du hast keine Beschwerden und keine Schmerzen. Alles was sich geändert hat ist, dass du nun weißt, dass du irgendwann in naher zukunft sterben wirst. Aber das muss dich jetzt doch nicht stören. Wir haben von dir gelernt, dass der Tod nichts anderes ist, als dass du zum Vater nach hause gehen darfst. Das ist doch nicht schlimm, sondern sogar etwas schönes! Wovor hast du also Angst? Warum verdirbt dir das die Laune? Warum sollte das ein Grund sein, um dein Leben in diesem Moment nicht mehr zu genießen? Und in diesem Moment scheint die Sonne, also ist es der richtige Moment um Federball zu spielen!“ Der Pfarrer brauchte eine Weile, bis es ihm gelang, seine Söhne als Mentoren in diesem Bereich anzunehmen, doch dann wurde ihm klar, dass sie Recht hatten. Unzählige Male hatte er genau das in seinen Messen gepredigt, warum also sollte er nun, wo es ihn selbst betraf plötzlich aufhören, daran zu glauben? Genau dieser Mann empfing uns nach dem Gottesdienst im Eingangsbereich der Kirche und hieß uns freudig willkommen. Er hätte uns sogar zu sich eingeladen, aber bei all dem Trubel um seine Veranstaltung und mit den Gästen, die er heute im Haus hatte, hielten wir dies letztlich doch nicht für eine so gute Idee. Wir beschlossen also, die Kathedrale und den Ort zu verlassen und nach einem kurzen Zwischenstopp bei einem Karavanhändler und einer Wanderung entlang eines Flusses, erreichten wir Deerhurst, eine kleine Ortschaft mit einer mittelalterlichen Kirche, die fast ebenso groß war, wie die Klosterkirche. Ok das ist vielleicht etwas übertrieben, aber für diesen winzigen Ort wirkte sie trotzdem riesig. Gleich neben der Kirche befand sich ein Haus mit etwa dem selben Baujahr, in dem ich den Kirchenverwalter vermutete. Dieser war jedoch vor einigen Jahren verstorben und nun wurde das Haus von einer eher griesgrämigen Frau bewohnt, sie es hasste, dass hin und wieder Kirchenbesucher in ihren Garten stolperten. Widerwillig rief sie die Pastorin an und kam kurz darauf mit einem Gesicht zurück, als wollte sie mir den Weltuntergang verkünden. „Ich habe die Pastorin erreicht,“ sagte sie, „und aus irgendeinem Grund sagt sie, dass ihr wirklich hier übernachten könnt. Später wird noch jemand kommen und euch Essen bringen. Achtet nur darauf, dass dies hier ein Privatgrundstück ist, auf dem ihr nichts verloren habt. Auf dem Kirchengelände könnt ihr euch aufhalten.“ Dabei überreichte sie mir einen Teller mit Kuchen. Alles an ihr zeigte deutlich, dass es nicht ihre Idee gewesen war, uns damit zu beschenken und dass sie es hasste, dies tun zu müssen. Aber die Pastorin hatte ihr anscheinend aufgetragen, uns schon mal etwas anzubieten. Ich weiß es nicht genau, aber ich würde vermuten, dass die Pastorin heute ebenfalls in der Abtei von Tewkesbury war und dass sie uns dort bereits gesehen hatte.
 
Spruch des Tages: Wovor hast du Angst, du gehst doch nur nach Hause?
Höhenmeter: 30 m
Tagesetappe: 15 km
Gesamtstrecke: 22.402,27 km
Wetter: Sonnig, überwiegend windstill
Etappenziel: Kirche, Deerhurst, England

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Zuletzt aktualisiert am 2017-08-16 10:26:42


Tag 1221: Tierkommunikation

Gut, das nicht alle Wesen so komplex sind, wie wir

06.05.2017 Man kann sagen, England ist wirklich eines der freundlichsten und offensten Länder, das wir überhaupt bereist haben. Nirgendwo ist man uns so offenherzig, interessiert und mit so wenig Angst und Skepsis begegnet. Und das fast durchgängig mit nur einer einzigen Ausnahme: Den Menschen. Gestern beispielsweise hatten wir eine innige Begegnung mit einem Reh. Es stand knapp fünf Meter vom Weg entfernt und ließ uns bis auf seine Höhe an sich herankommen, ohne aufzuschrecken, wegzulaufen oder auch nur verängstigt zu gucken. Es stand da und schaute uns an. „Hallo!“ grüßte Heiko und winkte ihm zu. Das Reh nickte leicht mit dem Kopf und wirkte, als würde es den Gruß erwidern. Es ließ zu, dass wir die Kameras herausholten und es fotografierten, wobei es sogar einige Male direkt in die Kamera blickte. Langsam wurden nun auch wir zutraulicher und begannen mit dem kleinen Kerl zu spielen. Heiko wackelte mit dem Kopf und das Reh stieg sofort darauf ein und machte mit. Wir bauten die Kommunikation weiter aus und es wurde ähnlich wie ein Grumassen-Gespräch mit einem kleinen Kind. Das Reh machte eine Bewegung, auf die wir reagierten und umgekehrt. Es war die längste, tiefste und dabei auch lustigste Begegnung, die ich je mit einem Reh hatte. Und ich muss sagen, ich habe tatsächlich schon Gespräch mit Menschen geführt, die weit aus weniger informativ waren. Aber die Begegnung mit dem Reh war nicht die einzige dieser Art. Immer wieder trafen wir auf Rebhühner und Fasane, die ebenfalls immer zutraulicher wurden und immer dichter an uns heran kamen, ohne sich vor uns zu fürchten. Auch die Begegnung mit dem kleinen Kaninchen, das Heiko vor einigen Tagen fast gefangen hätte, ging in diese Richtung. Kaninchen, das habe ich inzwischen nachgeschlagen vermitteln übrigens die Botschaft, sich seinen Ängsten zu stellen und ihnen ins Gesicht zu schauen, anstatt sie zu verdrängen und vor ihnen davonzulaufen, wie vor einer Herde wild gewordener Stiere. Heiko hatte also Recht gehabt, es war tatsächlich eine wichtige Erinnerung, die das Kaninchen für mich hatte. Heute hatten wir dann noch zwei weitere Tierbegegnungen, die mehr als nur ein bisschen ungewöhnlich waren. Die Wanderung führte uns erneut durch ein neues und absolut faszinierendes Gebiet. Von unserer Farm aus, ging es einige kleine Dorfsträßchen hinauf, an einem Schloss und einem Wildpark vorbei. Tatsächlich war der Wildpark Teil des Schlosses, was noch einmal einiges über dessen Größe aussagt. Gestern hatten wir ja bereits geglaubt, Villen gesehen zu haben, doch diese hier stellte erneut alles in den Schatten. Im Grunde war es Hogwards, nur dass hier lediglich eine einzige Familie lebte. Wahrscheinlich nicht einmal das, denn zumindest aus der Entfernung wirkte es ebenfalls wieder wie eine Wochenendresidenz. Von hier aus gelangten wir auf eine Freifläche auf einer Hügelkuppe, die sich über rund 10km Länge und 3km Breite erstreckte. Anhand der Karte hätte ich vermutet, dass wir hier durch einsame und unwegsame Wildnis gehen, doch tatsächlich war es eine Art Naherholungsgebiet, in dem wir mehr Wanderer, Nordic-Walker, Biker, Reiter und Spazierende Familien gesehen haben, als irgendwo sonst in diesem Land. Es gab sogar einen Bereich, der als Golfplatz genutzt wurde. Am höchsten Punkt trafen wir auf zwei ältere Damen, die sich einen Platz am Gipfelbaum suchten um sich auszuruhen. Wir waren nicht ganz sicher, ob wir sie dafür für verrückt erklären oder bewundern sollten, denn hier oben wehte ein so kalter Wind, dass wir nicht einmal langsamer gehen wollten, von Anhalten ganz zu Schweigen. Wir kamen allerdings trotzdem nicht ganz umhin eine kurze Pause zu machen, denn eine der Damen sprach uns an, um einige Informationen zu erhalten. Sie begann das Gespräch mit reinen Interessensfragen, doch es wurde schnell deutlich, dass sie nicht aus Neugierde oder Freundlichkeit, sondern aus Argwohn fragte. Die einzige Information, die sie wirklich interessierte war, ob wir zelteten und ob wir vor hatten es hier zu tun. Wäre dies der Fall gewesen, hätte sie uns gleich hochkantig vom Platz verwiesen, da das kampieren hier verboten war. Erst jetzt machte mich Heiko auf das Emblem auf ihrer Jacke aufmerksam. Sie war nicht einfach eine Besucherin, sondern ein Guide, dessen Aufgabe wirklich darin bestand, Touristen wie die zweite Dame auf einer überdimensionierten Schafsweide herumzuführen und ihnen ungemütliche Picknickplätze zu zeigen. Das war offenbar der Vorteil, wenn man in so einer Reichengegend lebte. Man konnte einfach alles verkaufen und die Menschen zahlten dafür. Die Frau war nicht die einzige. Es gab allein zwei Nordic-Walking-Touren an diesem Morgen, sowie einige Hundetrainings, Golfkurse, und dergleichen mehr. Diese Wiese war wunderschön, aber durch den Wind für jede Art von Sport vollkommen ungeeignet. Trotzdem trafen wir gut ein Dutzend Besucher, die in T-Shirt und kurzer Hose unterwegs waren und tatsächlich zu glauben schienen, dass es Hochsommer war. Eine interessante Sache erfuhren wir jedoch von der Frau: Das Konzept, dass man in den Kirchen Schlafen konnte, war an einigen Orten bereits kommerzialisiert wurden und die Kirche kam offenbar immer mehr auf den Geschmack. Da niemand mehr in die Kirche ging, konnte man sie nun als Übernachtungsraum mieten. Für die gleiche, rustikale Weise, wie wir gerade unterwegs waren, musste man also nicht selten einen Haufen Geld bezahlen. Fünfzig Euro für eine Nacht waren für einen Platz in der Kirche keine Seltenheit. Die Aussage der Frau: „Aber so teuer ist das auch wieder nicht, immerhin bekommt man ja eine ganze Kirche dafür!“ Später erst stellten wir fest, was sie damit meinte. Wenn man in einer kleinen Kapelle eine Hochzeit mit Chor und Kirchenglocken buchen wollte, dann zahlte man dafür nicht weniger als 830€. Gerade, als wir das Gespräch beendet hatten hüpfte ein Fuchs an uns vorbei. Er sprang fröhlich über die Wiese, vollkommen unbeeindruckt durch die vielen Menschen und es schien, als wollte er wirklich nur seine gute Laune kund tun. Nachdem wir den Hügelpark verlassen hatten, folgten wir einem schmalen Fußweg, der uns über mehrere Weiden führte, auf denen Kühe in unterschiedlichem Alter standen. Kaum hatten wir ihr Areal betreten, kamen die Kühe auch schon auf uns zu um uns zu bestaunen und zu beschnuppern. Auch sie spielten mit uns, liefen hinter uns her, oder vor uns weg, kamen näher, beschnupperten unsere Wagen und schleckten sogar ein bisschen daran. Die einzigen, die tatsächlich einen weniger guten Eindruck hinterließen waren die Menschen. Am Ende bekamen wir dennoch wieder einen Platz in der Kirche, aber nur, weil der Kirchenverwalter wieder einmal zufällig genau die eine Ausnahme im Ort war. Wie unsere Gastgeber von Gestern war er ein solider, bodenständiger Mann mit einem Hang zum Messitum und einem freundlichen und entspannten Gemüt. Alle anderen Verantwortlichen aus diesem und den umliegenden Dörfern stellten sich wieder einmal als engstirnig und spießig heraus, dass es schon fast eklig war. Eine Begründung für eine Ablehnung lautete Beispielsweise: „Das geht nicht, denn die Kirche wird jeden Nachmittag abgeschlossen. Wir können da keine Ausnahme für euch machen, aber wir können euch auch nicht einschließen, denn das wäre zu gefährlich, falls ein Feuer ausbricht. Der Verwalter von hier war da schon etwas anders drauf: „Ihr wollt in der Kirche kochen? Damit würdet ihr gegen alle nur erdenklichen Regeln und Gesetze verstoßen! Das heißt aber nicht, dass ich etwas dagegen habe! Macht was ihr wollt. Es ist schwer, diese Kirche abzufackeln, aber es ist nicht unmöglich und ich wäre euch dankbar, wenn ihr es nicht versuchen würdet.“
 
Spruch des Tages: Gut, das nicht alle Wesen so komplex sind, wie wir Menschen.
Höhenmeter: 230 m
Tagesetappe: 16 km
Gesamtstrecke: 22.387,27 km
Wetter: Sonnig, bewölkt und windig
Etappenziel: Kirche, Teddington, England

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Zuletzt aktualisiert am 2017-08-16 10:25:51


Tag 1220: So reich und doch so arm

Armut und Reichtum haben nichts mit Geld zu tun. E

05.05.2017 Diese Gegend von England zählt auf jeden Fall zu den abgefahrendsten, die wir bislang bereist haben. Das Wort „reich“ bekommt hier noch einmal eine vollkommen neue Definition, und damit verbunden das Wort „arm“ ebenfalls. Dass der Ort, in dem wir gestern dann letztlich doch übernachten durften, ein ungewöhnlicher Ort war, war nicht zu übersehen gewesen, aber wie die ganze Bandbreite erfassten wir erst am Abend. Gleich beim Ortseingang waren wir an einer Villa vorbeigekommen, wie man sie sonst nur aus Filmen über Drogenbarone, Mafiabosse oder Diktatoren kennt. Die Art von Villa mit weißem Kies in der Einfahrt, auf der die schwarze Limousine mit den getönten Scheiben vor fährt und dann vom Butler in Empfang genommen wird. Rund ein Dutzend solcher Autos standen hier in der Hofeinfahrt und keines von ihnen war minderwertiger als ein Rolls Royce. Allein dieser Fuhrpark war mehrere Millionen wert und dabei hatte man den Blick noch nicht einmal bis zum Haus gehoben. Der Garten selbst war größer als manch Stadtpark und bei Weitem besser gepflegt. Dann kam das Schloss. Ich weiß gar nicht, wie ich es beschreiben soll, dass es richtig rüber kommt. Stellt euch einfach irgendeinen Film über den englischen Adel vor und vergesst die Idee, dass dies vergangenen Zeiten angehört und heute nicht mehr existiert. Es existiert noch immer genau wie vor hundert Jahren. Nur auf eine andere Weise. Wenn wir dachten, dass dieses Anwesen beeindruckend war, dann hatten wir noch keine Ahnung, was uns in diesem Ort noch erwarten würde. Ein Haus war edler, teurer und beeindruckender als das nächste. Nicht pompös in dem Sinne. Es waren keine reich verzierten Schlösser voller Prunk, sondern viel mehr große Natursteinvillen mit perfekten Gärten und Hauswänden, von denen man nur deshalb nicht essen würde, weil man Angst hätte, Fettflecken darauf zu hinterlassen. Ähnlich war auch unsere Kirche aufgebaut. Sie war schlicht, einfach und simpel und es gab keinerlei Werte oder Kunstgegenstände darin. Doch alles war bis auf das letzte Staubkörnchen gesäubert und strahlte in seiner ganzen Pracht. Es war keine Kirche, in die man zum Beten kam, sondern viel mehr eine Kirche, die man präsentierte, um zu zeigen wie schön dieser Ort war. Dass ausgerechnet hier die Polizei auf uns gehetzt wurde, kam also nicht von ungefähr. Das spannendste an unserer Ortschaft und an der gesamten Gegend hier ist jedoch, dass sie fast vollkommen leer waren. In Winson lebten gerade einmal fünf Familien. Sämtliche Villen, die uns so beeindruckt hatten, waren ungenutzt. Den Grund erfuhren wir am Abend von einem der fünf Dauerbewohner: „Jeder reiche Geschäftsmann aus London will irgendwo ein Haus auf dem Land haben. Und wenn sie richtig reich sind, dann kommen sie hier her.“ Tatsächlich hätte man in kaum einen geeigneteren Platz für seine Wochenendresidenz finden können, denn der kleine Ort lag in einem wunderschönen Tal an einem kleinen Bachlauf und war in jede Richtung von den Hügeln abgeschottet. Es war also einer der wenigen Orte in diesem Land, an dem es noch immer echte Ruhe gab und an dem man seinen Landbesitz wirklich genießen konnte. Oder besser gesagt: Genießen könnte. Denn faktisch bedeutete ein Landsitz hier, dass man so viel Arbeiten musste, dass man niemals die Zeit fand, ihn zu nutzen. „Diejenigen, die häufig her kommen,“ erzählte mir der Mann, „kommen am Wochenende. Die meisten aber nur ein bis zwei Mal im Monat, viele sogar noch seltener!“ Und genau dies setzte nun wieder den neuen Maßstab für Armut. Denn von echter Lebensfreude und wahrem Wohlstand hatte das ganze wenig. Was nutzte einem ein wunderschöne aus mit einem 20.000 Dollar Flügel im Wohnzimmer, wenn man niemals hier war, um ihn zu nutzen? Diejenigen jedoch, die ihre Anwesen wirklich nutzten, weil sie hier wohnten, wie beispielsweise die Kirchenverwalterin, kamen sich dabei aber noch immer nicht reich vor. Denn ein solches Anwesen ist ein bisschen wie eine zehnköpfige Raupe mit einem unstillbaren Geldhunger. Keines der Anwesen, das wir sahen war wirklich unbelebt, nur weil seine Besitzer nicht hier waren. Überall wuselten Gärtner und Haushälter herum, putzten, mähten Rasen, zupften Unkraut oder pflanzten neue Bäume. Dies war es eigentlich, was den Unterschied zwischen den Villen hier und denen in Frankreich ausmachte. Hier war alles gepflegt und instand gehalten, während in Frankreich alles am Verkommen war. Tatsächlich waren unter den Häusern viele, die genau so auch in Albanien oder Montenegro hätten stehen können, wo sie die Häuser von ganz normalen Familien ohne große finanzielle Mittel gewesen wären. Nur waren sie dort verwildert und wurden von vier bis fünf mal so vielen Personen bewohnt wie hier. Die Kirchenverwalterin wurde nach unserem Polizeibesuch von den Polizisten tatsächlich direkt aufgefordert, uns ein Abendessen zu bringen. „Es kann ja nicht sein, dass ihr hier nichts zu essen bekommt“, meinte der Mann, „Wo bleibt denn das unsere Gastfreundschaft?“ Aus diesem Grund, und nur deshalb, kam sie später noch einmal mit einem Korb vorbei. Er enthielt zwei Sandwichs für jeden von uns, sowie eine Flasche mit abgefülltem Leitungswasser und ein paar Keksen. Mehr habe sie leider nicht, da sie keine Zeit gefunden habe, um einkaufen zu gehen. Nur um die Relationen festzulegen: Allein ihre Küche war in etwa so groß, wie die Kirche in der wir übernachteten. Und trotzdem war es nicht gelogen. Es stimmte zwar nicht, dass sie nicht mehr im Haus hatte, aber ihr Gefühl war, dass sie nichts davon abgeben konnte. Weil sie selbst nicht genug hatte. Es hatte bislang nur wenige Orte auf unserer Reise gegeben in denen die Menschen das gleiche Gefühl hatten. In Serbien, Albanien, Rumänien und im restlichen Balkan war es nahezu nie vorgekommen. Obwohl es die ärmsten Länder in Europa sind gab es hier nie den Gedanken, dass man nicht genug zum Essen hätte um es teilen zu können. Im Gegenteil. Ich erinnere mich noch an viele Begegnungen im Kosovo, wo ich Mühe hatte, wieder loszukommen, weil man mich am liebsten den ganzen Tag auf der Terrasse behalten und durchgefüttert hätte. Hier waren es tatsächlich zwei Häuser, die uns durchbrachten und die dafür sorgten, dass wir im reichsten Dorf unserer Reise nicht hungern mussten. Die erste war jenes Rentnerpärchen, das uns die Hintergründe über die Region erklärte und die zweite war eine junge philippinische Familie, die im Nebenhaus eines der Anwesen lebte, für das sie als Haushälter und Gärtner arbeiteten. Heute wanderten wir zunächst weiter am Fluss entlang und kamen dabei ausschließlich durch Dörfer wie dieses. Wieder brauchten wir drei Anläufe, um einen Schlafplatz zu bekommen. Die ersten beiden scheiterten daran, dass die hiesigen Pfarrer offenbar nur noch auf die Belange der reichen Gemeindemitglieder geeicht sind. Man würde uns nicht grundsätzlich abweisen und man würde uns auch sehr gerne helfen wollen, immerhin sei man ja ein guter Christ. Aber ohne zuvor unsere Referenzen zu überprüfen, könne man leider auch nicht ja sagen. Und dummerweise habe man jetzt im Moment leider keine Zeit, irgendwo anzurufen und zu fragen, ob wir vertrauenswürdig wären. Wir müssten uns schon bis zum Abend gedulden oder noch besser, erst einmal nach etwas anderem suchen und wenn es dann doch klappen sollte, dann könne man sich ja noch einmal melden. Mit einfachen Worten: „Verpisst euch aus meiner Gemeinde, ich will mit Fremden nichts zu tun haben, weil ich mich dann nur vor meinen Gemeindemitgliedern rechtfertigen müsste“ Das wir schließlich doch einen Platz bekamen verdankten wir dem Umstand, dass es auch hier wieder zwei gesellschaftliche Klassen gab. Da waren zum einen die neureichen Londoner mit ihren „Fancy Houses“ wie es die Einheimischen nannten, und dann waren das die alteingesessenen, die hier schon seit Generationen lebten und ihre Bauernhöfe betrieben. Letztere luden uns ein, auf ihrer Farm zu übernachten, wo wir einen kleinen Caravan in einer Scheune sowie einen zugestellten Nebenraum mit Toilette und Bad bekamen. Wir waren also wieder bei dem gleichen System wie in Frankreich. Wenn einen jemand privat zu sich einlud, dann waren es mit 90%iger Wahrscheinlichkeit Messis. Das ist doch spannend, oder? Nicht diejenigen, die Unmengen an Platz haben, den sie niemals nutzen und so viel Geld besitzen, dass sie allein für ihr Gartentor eine knappe Million ausgeben können, sondern diejenigen, die gerade genug verdienen, um über die Runden zu kommen, die sich auf relativ engem Raum zusammenquetschen und die diesen wenigen Platz auch noch so zugestellt haben, dass man kaum mehr ein Bein an den Boden bekommt. Und noch etwas war auffällig. Während wir uns mit unseren Gastgebern unterhielten, hatten wir unsere Wagen vor der Kirche stehen gelassen, wo gerade eine alte Dame an der Orgel probte. Als wir zurück kamen, war die Dame verschwunden, hatte uns aber von ihrer kleinen Rente vier Pfund auf den Wagen gespannt. Gestern hingegen hatten wir keinen Penny geschenkt bekommen. Nachdem wir nun etwas mehr Einblick in die Struktur dieser Gegend hatten, wurde uns plötzlich auch der viele Verkehr wieder verständlicher, der uns selbst auf den winzigen Nebenstraßen immer wieder überraschte. Jede dieser Villen brauchte Handwerker, Gärtner, Reinigungspersonal und vieles Mehr, die alle aus den umliegenden Städten anreisen, für ein oder zwei Stunden arbeiten und dann zur nächsten Villa weiterfahren mussten. Hinzu kamen dann die Bewohner selbst, die ja ab und an auch noch etwas von ihrem Besitz sehen wollten. Es musste also jeder auf der Straße sein, anders ging es gar nicht.
 
Spruch des Tages: Armut und Reichtum haben nichts mit Geld zu tun. Es gibt zwar Menschen mit viel Geld, die gleichzeitig reich und Menschen mit wenig Geld, die gleichzeitig arm sind, aber mindestens ebenso viele arme Menschen besitzen ein Vermögen während viele reiche überhaupt kein Geld haben.
Höhenmeter: 900 m
Tagesetappe: 11 km
Gesamtstrecke: 22.371,27 km
Wetter: Sonnig, bewölkt und windig
Etappenziel: Kirche, GL7 5ER Winson, England

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Zuletzt aktualisiert am 2017-08-16 10:25:04


Tag 1219: Aussteigen aus den Lebensfilmen

Es liegt an uns, ob wir erkennen, dass wir in eine

Doch der Mann war nicht bereit, eine Aussage zu geben. „Wenn Sie zuvor angerufen hätten, dann wäre es kein Problem gewesen, aber so kann ich leider nichts machen.“ sagte er in einem scheißfreundlichen Tonfall, der einem die Rückenhaare aufstellte. Dies war für Heiko zu viel. Seine Gesichtsfarbe wechselte auf rot und er begann, dem Mann seinen Missmut kundzutun. Wie konnte es sein, dass dieser dahergelaufene Einfallspinsel, der nichts, aber auch gar nichts zu sagen oder zu bestimmen hatte, sich hier aufspielte als wäre er der Papst persönlich, uns keinerlei Respekt oder Freundlichkeit entgegen brachte und uns dann auch noch immer mehr Zeit stahl, obwohl es bereits kurz vor Sonnenuntergang war? Wir bekamen nichts angeboten, obwohl es in diesem Ort Pfadfinder, eine Kirchenhalle, einen Gemeindesaal und sogar ein Hotel gab. Wir wurden im Gespräch abgewürgt und dann warf er uns vor, dass er ja nichts über uns wisse. Und für all dies ließ er uns eine halbe Stunde warten, obwohl seine Meinung von Anfang an festgestanden hatte. Und normal: Der Mann hatte keinen Posten inne und durfte selber nichts entscheiden. Aber sowohl die Pastorin als auch der aktuelle Verwalter waren solche Duckmäuser, dass sie nichts dagegen sagten, sondern die Meinung astrein übernahmen. Die Höhe war jedoch, dass er als einen der Gründe für seine Ablehnung aufführte, dass der Bischof vor einigen Jahren eine ähnliche Reise gemacht habe, bei der er ebenfalls von Kirche zu Kirche gezogen war. Aber er wäre sicher, dass sich der Bischof zuvor angekündigt habe, und wenn uns das nicht möglich war, dann konnten wir eben auch nicht bleiben. Heiko war nun so sauer, dass er den Mann am liebsten in den Boden gerammt hätte. Er verzichtete jedoch darauf und machte seinem Ärger verbal Luft, bevor wir den Platz verließen und unser Glück noch einmal andernorts versuchten. Auch in mir brodelte es wie in einem Wasserkocher und ich bereute es fast ein bisschen, dem Mann nicht auch noch einiges an den Kopf geworfen zu haben. Wieder kamen wir nun an eine Autobahn, die dem inneren Aufruhr nun noch einen äußeren hinzu fügte. Kurz darauf erreichten wir eine kleine Kapelle auf einem Hügel. Direkt daneben befand sich eine Einrichtung, die sich selbst als christliches Heilungszentrum bezeichnete. Hier fanden wir zum ersten Mal freundliche Menschen an diesem Tag. Wir bekamen ein Abendessen und eine Einladung, in der Kirche zu schlafen, sowie das Internet und einen Gemeinschaftssaal zu nutzen und der Messe beizuwohnen. Später wurde der Plan dann noch einmal geändert, weil die Kirche nicht direkt zum Heilungszentrum gehörte. Man stand also schon wieder vor dem Problem, dass man keine zuständige Person erreichen konnte. Dieses Mal wäre es nicht schlimm gewesen, da die Kirche immer offen stand und ohnehin niemand mehr kommen und nach dem Rechten sehen würde, doch zum einen fühlten sich unsere Gastgeber wohler, wenn wir es nicht darauf ankommen ließen und zum anderen schien es in dem angebotenen Raum wärmer zu sein. Einziger sichtbarer Haken: Wir mussten warten, bis die Messe vorüber war und die ging bis um 22:00 Uhr. Es war also bereits halb elf, bis wir aufgebaut uns, gewaschen und geduscht und einigermaßen eingerichtet hatten. Mit unserem täglichen Training, einem Fernsehabend zum abschalten und ein klein bisschen Arbeit an den Projekten war es bereits 1:00 Uhr ehe wir ins Bett gingen. Und keine fünf Stunden später war die Nacht wieder vorbei! Vollkommen unvermittelt stand nun ein Mann vor uns, der erklärte, dass heute Wahlen waren und er diesen Raum als Wahllokal vorbereiten müsse. So aus dem Schlaf gerissen packten wir unsere Sachen zusammen und verschwanden. Als wir auf der Straße standen was es sieben Uhr und unser Etappenziel erreichten wir um kurz nach halb zehn. Autobahnen gab es heute nicht mehr in der Form, aber dafür wehte uns ein Sturm entgegen, der fast genauso laut war, wie der Verkehrslärm. Der Ort, den wir erreichten lag idyllisch in einem Tal am Fluss und bestand nur aus Villen im Wert von mehreren Millionen. Einen so reichen Ort hatten wir noch nie besucht, doch auch hier zeigte sich, dass Reichtum nicht unbedingt einen guten Charakter ausbildet. Die Kirchenverwalterin sagte uns zu, dass wir in der Kirche nächtigen können. Es gäbe sogar ein kleines Häuschen nebenan, das wir nutzen könnten, wenn sie einen Verantwortlichen auftrieb. Doch als rund zwei Stunden später die Tür aufging, kam nicht die Frau herein, sondern zwei Polizisten, die man auf uns gehetzt hatte, um zu kontrollieren, ob wir vertrauenswürdig waren. Ob es die Kirchenverwalterin selbst war, der wir diesen Besuch verdankten oder der Pastor wissen wir nicht genau, aber ein Akt der Freundlichkeit war es jedenfalls nicht. Die Polizisten selbst hingegen waren die ersten, die wirklich freundlich und hilfsbereit waren. Es war ihnen unendlich peinlich, dass sie uns befragen und überprüfen mussten, aber sie freuten sich, einiges von uns und unserer Reise zu hören. Anschließend wollten sie dann die Kirchenverwalterin noch einmal aufsuchen und überreden, uns ein Abendessen zu machen. Stattdessen bekamen wir aber später ein weiteres Mal Besuch von einer unverhofften Seite. Dieses Mal war es die Frau des Pfarrers, die uns mitteilte, dass wir leider doch nicht hier schlafen könnten, da sich ihr Mann damit nicht wohl fühle. Das war alles. Ihr Mann fühle sich damit nicht wohl. Dieses Mal ließen wir uns aber nicht so leicht abwimmeln. Erstens hatten wir die offizielle Erlaubnis der Verwalterin, deren Autorität in diesem Fall über der des Pfarrers lag. Es war also wieder einmal ein Mann, der nichts zu sagen hatte, der uns einen Strich durch die Rechnung machen wollte. Dabei war er nicht einmal ein echter Pfarrer, sondern betreute die Kirchen und Gottesdienste nur als Ehrenamt. Und dennoch. Die Kirchenverwalterin machte auch dieses Mal wieder einen Rückzieher und nahm ihre vorherige Zusage zurück. Es kostete uns einiges an Mühe und Überzeugungsarbeit um zu erreichen, dass wir doch bleiben konnten, mit der Option in das Gemeindehaus zu wechseln, wenn hier ein Kontakt gefunden wurde. Eine definitive Aussage bekamen wir jedoch nicht. Wahrscheinlich war es Ok, aber es kann noch immer passieren, dass uns der Pfarrer am Abend vertreibt. Menschlich betrachtet ist dies so ziemlich das letzte, was wir auf der gesamten Reise erlebt haben. Es ist ein Dorf, das vor Reichtum nur so überquillt und alles was wir bislang angeboten bekommen haben waren zwei Bananen, sowie eine feste Zusage, die dann wieder zurückgezogen wurde und eine Anzeige bei der Polizei. Von Christlichkeit oder einer feinen, englischen Art ist hier mal nichts zu spüren. Am härtesten finde ich jedoch gerade, dass wir hier im reichsten Land Europas in einem der reichsten Orte des Landes sitzen und zum ersten Mal auf der Reise wirklich hungern. All dies veranlasste uns dazu, noch einmal genauer über das Thema mit den Filmen und der Matrix nachzudenken. Es musste schließlich einen Grund haben, warum die letzten beiden Tage so gelaufen waren, wie sie gelaufen waren. Zufall konnte es nicht sein, dazu war es einfach zu viel auf einmal. Es musste also ein Lehrinhalt darin stecken und um diesen herauszufinden, nahmen wir uns noch einmal die Zeit für einige Muskeltests. Das Ergebnis war eindeutig. Gerade einmal 0,000001% von dem, was wir erlebt hatten war real. Der Rest war ein Film, der sich vor unseren Augen und Ohren abgespielt hat. Je mehr wir uns mit dem Thema beschäftigten, desto intensiver und härter wurden die Filme und dies hatte den Grund, dass wir nun langsam erkennen sollten, wie wir aus dem Filmleben aussteigen und zu unserem wahren Sein finden können. Es waren Tage voller Hinweise gewesen, die uns auf immer mehr Zusammenhänge aufmerksam machen wollen. Bislang konnten wir dabei die folgenden Punkte herausfinden können: Alles ist eins, alles ist Licht und alles ist Liebe. Das bedeutet, dass es natürlich niemanden geben kann, der die Filme für uns erschafft oder der eine Matrix für uns baut, mit der wir dann zurechtkommen müssen. Wir sind das alles, also sind wir auch die Schöpfer unserer Filme und die Schöpfer der Matrix. Als Alles sind wir ein bisschen wie die Sonne, die in jede Richtung hin nach außen strahlt. Das, was wir als Menschen von unserem Allbewusstsein wahrnehmen können ist ein Sonnenstrahl. Um die Liebe ausdehnen zu können, muss es drei Arten von Sonnenstrahlen geben. Die ersten sind und bleiben in ihrem Gottbewusstsein. Sie sind sich also jederzeit über ihre Allpräsenz bewusst und wissen, dass ihre physische Form nur eine Rolle in einer Geschichte ist. Diese Sonnenstrahlen sind diejenigen, die anderen dabei helfen können, ins Gottbewusstsein zurückzufinden. Es sind in erster Linie Tiere, Pflanzen und Steine, aber auch einige Menschen, die zu dieser Sorte gehören. Die zweite Sorte, zu denen auch Heiko, Shania und ich gehören sind diejenigen, die zu Beginn ihres Lebens verwirrt werden, so dass sie vergessen, wer sie sind und deren Aufgabe es ist, zu ihrem Gottbewusstsein zurückzufinden. Die dritte Sorte sind jene, deren Aufgabe es ist, für die Verwirrung zu sorgen. Man kann zwischen diesen Rollen innerhalb der Lebensgeschichte nicht wechseln. Wenn man ein Verwirrer ist, bleibt man ein Verwirrer, genau wie man immer ein Rückführer bleibt, wenn dies seine Aufgabe ist. Es kann jedoch sein, dass es ein Wesen in einem Film gibt, das aussieht wir wir selbst und dass wir deshalb für uns selbst halten. Wir sind dieses Wesen aber nicht. Wir sind und bleiben und waren schon immer real, auch wenn unsere Filmrolle bislang durch eine Illusion eingenommen wurde. Wären alle Sonnenstrahlen erleuchtet, also in ihrem Gottbewusstsein, dann kännte keine Liebesausdehnung stattfinden, da es ja nichts zu tun gibt. Wären alle Verwirrt, würde niemand mehr den Weg zurück finden. Und wenn alle Verwirrer wären, gäbe es niemanden mehr, den man Verwirren könnte. Es funktioniert also nur im Zusammenspiel mit allen drei Rollen. Um uns in die Verwirrung zu bringen, senden wir uns als Gott selbst die Filme, die uns ein Leben vorspielen, das nicht real ist. In einen laufenden Film können wir nicht eingreifen. Wenn er erst einmal ins Rollen gekommen ist, dann läuft er so ab, wie er ablaufen soll, also wie wir ihn selbst zuvor als Gott geplant haben. Das einzige, was wir tun können ist, dass wir den Film ausschalten und so ins Erwachen kommen, oder ihn durch einen neuen ersetzen. Dabei besteht unsere Hauptaufgabe als verwirrte Wesen darin, zu erkennen, was real ist und was nicht. Was gehört zu uns als göttliche Lichtwesen und was nicht? Dies ist der Grund, warum es so viele Filme über Leid gibt. Da alles Liebe und alles Gott ist, kann es kein Leid geben. Jede Form des Leides ist also immer eine Illusion, weshalb Leidvolle Filme am meisten helfen, um die Irrealität des Systems zu erkennen. Solange wir glauben, dass der Film real, also unser Leben ist, leiden wir mit allem mit, das uns in den Filmen gezeigt wird. Wir glauben, dass der Schmerz echt ist und dass wir daran zerbrechen können. Wenn andere leiden, tut es uns Leid und bringt uns sogar zur Verzweiflung. Nicht anders ist es, wenn wir selbst leiden. Wenn wir hingegen erkannt haben, dass es ein Film ist, bedeutet dies noch nicht zwangsläufig, dass wir nicht mehr mitleiden. Das Mitleid wird nun häufig zu einem Mitgefühl, ähnlich wie wir es auch kennen, wenn wir uns im Kino oder Fernsehen einen Film anschauen. Wir wissen natürlich, dass nichts im Film real ist, aber trotzdem fühlen wir uns in die Figuren ein und nehmen einen Teil ihrer Geschichte als unsere eigene an. Wir glauben noch immer, dass da etwas externes ist, das passiert und wir fiebern bei dieser Geschichte mit. Dieses Mitfühlen oder Mitleiden ist es, das 100% unseres eigenen Leidens auslöst. Das mag erst einmal komisch klingen, da niemand vermuten würde, das Mitgefühl etwas negatives ist. Es ist ja auch nicht negativ, da es weder gut noch böse, weder richtig noch falsch gibt. Es ist jedoch ein Konzept, das uns vollkommen von unserem eigenen Gottbewusstsein abhält. Mitzufühlen bedeutet, dass wir uns noch immer bewusst als getrennt wahrnehmen und nicht anerkennen, dass wir die Liebe sind. So lange wir mitfühlen oder gar mitleiden sagen wir indirekt: Ja, es gibt Schmerz, Leid und Ungerechtigkeit. Nein, nicht alles ist Liebe! Nein, nicht alles ist gut und sinnvoll und Teil einer großen phantastischen Geschichte. Wenn wir erkennen, dass wir das Licht, also die Liebe sind, erkennen wir auch, dass wir nicht Leiden oder Mitleiden, nicht Fühlen oder Mitfühlen können. Wir sind einfach. Es geht also darum, anzuerkennen, was man ist und dies einfach zu sein: Liebe! Wenn ich selber das Licht bin, kann ich mich an eine Feuer nicht verbrennen. Mache ich mir jedoch Sorgen um jemanden, oder Leide ich mit ihm mit, sorge ich mich um eine Fiktion. Es ist ein bisschen, als würde ich im Kino Romeo und Julia sehen und verhindern wollen, dass die beiden am Ende sterben. Es kann nicht funktionieren, aber weil ich mich hinein steigere, nehme ich nun genau das Leid auf mich, das ich in den anderen sehe. Es gibt nur mich. Innen ist Außen. Je mehr ich glaube, dass es im Außen Leid gibt, desto mehr Kraft gebe dieser Illusion und da ich das Außen bin muss ich es zwangsläufig auch zu spüren bekommen. Das gleiche ist es auch mit religiösen Überzeugungen. Wenn ich beispielsweise glaube, dass Jesus das Leid der Welt auf sich genommen hat, um die Menschen zu erlösen, dann klingt das im ersten Moment nach einer sehr positiven, hoffnungsvollen und liebevollen Überzeugung. Dennoch führt dieser Glaube zu Leid, denn der Schein trügt. Zu glauben, Jesus habe das Leid auf sich genommen, bedeutet auch dass ich glaube, dass dieses Leid existiert. Jesus hat sich geopfert und zeigt damit allen Menschen, dass Leid real ist und dass nicht einmal Gott davon befreit ist. Die gleiche Geschichte könnte aber auch anders lauten: Jesus konnte sich ohne Probleme mit Dornen krönen und ans Kreuz schlagen lassen, weil er wusste, dass es kein Leid gibt und dass er dadurch somit auch keines erfahren konnte. Würden wir Jesus also nicht als Opfer sondern als Meister der Erleuchtung und des Gottbewusstseins wahrnehmen, könnte uns der Glaube an ihn wirklich vom Leid befreien, anstatt uns weiter darin festzuhalten. Auf die gleiche Weise lässt sich wohl auch ein anderer vielzitierter Satz aus der Bibel verstehen: „Das Leben ist Leid.“ Wir gehen davon aus, dass dies bedeutet, dass wir uns auf ein Leben voller Leid einstellen müssen. Was aber, wenn eigentlich gemeint ist, dass Leid an die Idee vom Leben gebunden ist. Wenn wir erkennen, dass dieses Leben gar nicht existiert, sondern dass wir die Allliebe sind, kann es auch kein Leid mehr geben. Als Gott können wir natürlich auch weiterhin die Filme anschauen, denn immerhin haben wir sie ja selbst erschaffen. Sie beeinflussen uns nun aber nicht mehr und da wir wissen, dass wir der Schöpfer sind, gibt es nun für uns auch keine überraschenden Wendungen und Unvorhersehbarkeiten mehr. Wir sind die Autoren, das heißt, wie wissen stets über alles bescheid. Damit gibt es also auch nichts mehr zum mitfühlen oder mitleiden. Ich weiß, dass der Film genau so verläuft, wie er verlaufen sollte, was also sollte man bedauern oder bemitleiden? Und genau hier kommen wir zum Kernpunkt, den es zu lernen gilt. Vom Leid über die Geschehnisse im Film wächselt man zur Freude über den Clou, den man selbst geschaffen hat. Es ist wie in einem guten Kinofilm auch. Beim ersten Mal, wenn man ihn nicht kennt, fiebert man meist mit den Charaktären mit. Kennt man den Film jedoch und schaut ihn immer wieder, dann verschwindet dieses Gefühl und man empfindet vor allem Freude und Begeisterung über die genialen Kniffe, mit denen die Macher die Story ausgearbeitet und umgesetzt haben. Es geht also darum, mit Freude zu Träumen, bzw. die Filme mit Freude zu betrachten und sich über die genialen Wendungen zu freuen, wissend, dass einen der Film nicht schädigen kann. Je stärker uns dies gelingt, desto geringer wird unser Leid. Das bedeutet im Umkehrschluss: In dem Maß, in dem wir den Film nicht als sein Schöpfer sondern als real glaubender Teilnehmer oder mitfühlender Zuschauer ansehen, in dem Maß existiert auch Leid in unserem Lebensfilm. Als Gott können wir alles erschaffen, was bedeutet, dass wir uns nicht zwangsläufig mit Filmen umgeben müssen, die Leidvoll sind. Wenn wir unser Gottsein erkannt haben, können wir zukünftige Filme verändern und uns fröhliche, freudvolle Filme zeigen. Die filme, die bereits laufen können wir hingegen nicht mehr verändern. Wir träumen ja bereits oder sitzen bereits im Kino. Um hier auszusteigen können wir nur erkennen, dass es Filme sind und die Show genießen, egal wie leidvoll die Bilder auch sein mögen. Diese leidvollen Filme haben wir uns ja ganz gezielt erschaffen, um sie als Filme entlarven zu können. Könnten wir sie im Film einfach verändern, würen wir aus ihnen nich erwachen wollen, sondern es uns darin so gemütlich machen, dass wir unsere wahre Natur niemals erkennen würden. Dennoch gefallen uns als Liebe, also als Gott romantische, schöne, angenehme und fröhliche Filme deutlich besser als Leidvolle. Einen Film mit übertrieben lauten Autobahnen erschaffe ich also nur, um die Liebe auszudehnen und um Hinweise zum Erwachen zu legen. Wenn ich erwacht bin, gibt es also keinen Grund mehr, Leid in den Filmen zu zeigen. Es sei denn ich möchte es.
 
Spruch des Tages: Es liegt an uns, ob wir erkennen, dass wir in einem Film sitzen, oder ob wir ihn für bare Münze nehmen
Höhenmeter: 260 m
Tagesetappe: 42 km
Gesamtstrecke: 22.371,27 km
Wetter: Sonnig, später bewölkt und windig
Etappenziel: Christliches Heilungszentrum, Harnhill, England
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Zuletzt aktualisiert am 2017-08-16 10:24:08


Tag 1218:

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Zuletzt aktualisiert am 2017-08-16 10:24:08


Tag 1217: Insider-Infos aus der City of London

Geld allein macht auch nicht entspannt.

01.-02.05.2017 Die letzten beiden Tage waren nun wieder etwas entspannter. Unser weg führte uns über die Dünen im Innenland, vorbei an Rapsfeldern und Kuhweiden. Heute war es angenehm ruhig und sogar verhältnismäßig warm. Gestern, vielleicht aufgrund des Maifeiertages, waren selbst die kleinsten Nebenstraßen so überfüllt, dass das Wandern hier alles andere als ein Genuss war. Man muss einfach festhalten, dass die Engländer ihre Autos mehr als alles andere lieben. Wenn jemand einen Spaziergang macht, mit dem Hund raus will oder Brot vom Minimarkt an der Ecke holt, dann nimmt er dafür das Auto. Ja, selbst zum Spazieren gehen! Man geht nicht einfach los, man fährt erst einmal 10 bis 15 Minuten in irgendeine Richtung, um seinen Weg dort zu starten. In einem Land, das von Trampelpfaden übersät ist, die alle mehr oder minder gleich aussehen ist das für uns nicht ganz nachvollziehbar, aber so wird es nun einmal gemacht. Neulich haben wir sogar vor einer Schule eine Werbetafel gesehen, mit der man das zu-Fuß-Gehen propagierte. Der Slogan lautete „Waking is Fun“, als „Spazieren gehen macht Spaß“ und es wurde dafür geworben, dass man seine Kinder durchaus auch zu Fuß zur Schule gehen lassen konnte, anstatt sie immer mit dem Auto zu fahren. Wenn ich mich auf die Suche nach einem Pfarrer oder einem Kirchenverwalter mache, ist es inzwischen eine feste Regel, dass man bei Häusern mit nur einem Auto in der Einfahrt nicht klingeln braucht. Ein Auto vor dem Haus bedeutet hier, dass alle Bewohner ausgeflogen sind, denn in einem normalen Haushalt mit zwei erwachsenen Personen gibt es für Gewöhnlich drei oder vier Autos. Das letzte verbleibende ist also in der Regel das Ersatzfahrzeug. Der übermäßige Verkehr von gestern hatte aber noch einen anderen, inneren Grund. Er war nicht einfach so da, er war viel mehr ein Bote dafür, dass etwas auf uns zukommen würde. Heiko hatte es den ganzen Tag bereits im Gespür und als wir schließlich an unserem Übernachtungsplatz ankamen wurde es dann bestätigt. Es war eine Nachricht, die wir per Mail enthielten und auf die ich an dieser Stelle nicht genauer eingehen möchte, die aber einiges an Tragweite hatte. Mit ihr kamen eine ganze Reihe neue Themen in uns auf, die noch betrachtet und bearbeitet werden wollen. Übernachten durften wir dieses Mal bei einer älteren, alleinstehenden Dame. Sie war noch dabei, sich von einer Chemo-Therapie auszukurieren und freute sich daher über einige Informationen zum Thema Entgiftungen und Körpersanierung. Dann zog sie sich in die erste Etage zurück und ließ uns weitgehend allein um sich auszuruhen. Heute hatten wir dann zum ersten Mal eine windstille Phase, in der es auch keinen Verkehr gab. Oben in den Dünen machten wir ein Sonnenpicknick auf einer Kuhweide und genossen, die weite Aussicht über das grüne Land. Relativ zeitig erreichten wir mit Broad Hinton einen kleinen, gemütlichen Ort mit einer ruhig gelegenen Kirche, die wir als den Schlafplatz unserer Wahl bestimmten. Der einzige Haken ist jedoch, dass wir bislang noch niemanden erreichen konnten, der uns eine Erlaubnis geben oder Verweigern könnte. Zurzeit sitzen wir also noch immer im Ungewissen. Ein Gespräch hatten wir in den letzten Tagen noch, das recht spannend war. Wir trafen einen italienischen Anwalt, der einen Pub an einem kleinen Kanal eröffnet hat, um hier seinen Lebensabend zu verbringen. Zuvor hatte er an verschiedenen Orten der Welt für Firmen, Institutionen und Unternehmen mit ein klein wenig mehr Einfluss gearbeitet. Darunter eine Zeit lang in Afrika und Afghanistan, wo er versuchte, irgendwie die Lücke zwischen der größtenteils armen, oft hungernden Bevölkerung und der meist korrupten Elite zu schließen, die das Geld aus den Spenden und Stiftungen für sich selbst einbehielt. In Afrika, und das war besonders spannend, hatte er an mehreren Orten die gleichen Entdeckungen gemacht wie wir im Balkan. Chinesische Unternehmen errichteten ganze Arbeiterstädte um große Autobahnen quer durch das Land zu ziehen. Es war das selbe Konzept, über das wir in Montenegro gestolpert sind. Das gesamte Bauprojekt liegt in chinesischer Hand und es wird kein einheimischer Arbeiter beschäftigt. Wenn die Autobahn fertig ist, muss jeder, der sie nutzt Maut bezahlen und diese geht dann direkt an das chinesische Unternehmen. Auch hier geht es natürlich nicht darum, den Einheimischen eine möglichst gute Infrastruktur zur Verfügung zu stellen, sondern rohstoffreiche Gebiete zu erschließen. Die spannendste Erzählung war jedoch die über seine Zeit in der City of London, jenem unabhängigen Zwergstaat im Zentrum der britischen Hauptstadt, in der fast der gesamte Finanzmarkt der Welt beheimatet ist. Seine erste Aussage zu dem Thema lautete: „Ich war in Afghanistan und ich war in der City of London und ich kann sagen, vom Adrenalinspiegel, den man permanent in sich trägt, hat es sich nicht wirklich unterschieden. Vielleicht war es in der City of London noch ein bisschen schlimmer!“ Viele Details wollte er uns leider nicht verraten, nur dass die Bewohner der City tatsächlich überwiegend gegen den EU-Ausstieg des vereinigten Königreichs plädiert hat. Letztlich sei es den Menschen hier aber auch egal, da die City von dem Ausstieg ohnehin nicht betroffen wäre.
 
Spruch des Tages: Geld allein macht auch nicht entspannt.
Höhenmeter: 160 m
Tagesetappe: 15 km
Gesamtstrecke: 22.315,27 km
Wetter: erst Sonne, dann Wolken nachmittags Regen.
Etappenziel: Privathaus, Manton, England
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Zuletzt aktualisiert am 2017-08-16 10:22:53


Tag 1216: Die erste Ley-Line

Das Schönste, was wir erleben können, ist das Gehe

30.04.2017 Der Wind, den wir nun schon seit vielen Wochen fast ständig gegen uns haben, wurde heute wieder einmal zu einem Sturm. Der Wetterbericht hatte für den Nachmittag heftigen Regen angekündigt und da die Kirchen in letzter Zeit nicht mehr geheizt sind waren wir nicht allzu erpicht darauf, besonders nass zu werden. Also versuchten wir unser Ziel heute so früh wie möglich anzupeilen. Besonders erfolgreich waren wir damit allerdings nicht, denn wir wurden gleich zwei Mal hintereinander abgewiesen. Zunächst wirkte es nicht so, aber später stellte sich heraus, dass dies wirklich einen Grund hatte. Mein erster Gedanke drehte sich hingegen nur um die Zeit, die wir dadurch wieder einmal verloren. Ich weiß nicht was der Grund ist, aber mit Zeit stehe ich im Moment wirklich auf Kriegsfuß. Gestern Abend brachte es mich sogar an den Rand der Verzweiflung, dass ich es einfach nicht schaffe, irgendetwas voran zu bringen. Im Moment türmen sich die Aufgaben und die Dinge, die erledigt werden wollen, weshalb es besonders wichtig wäre, hier effektiv vorzugehen. Aber es will nicht klappen. Nach eineinhalb Stunden vor dem Computer hatte ich gerade einmal eineinhalb Seiten Tagesbericht fertig gestellt. Eine Leistung, die maximal eine halbe Stunde hätte in Anspruch nehmen dürfen. Eher weniger. Irgendwo hatte es in den letzten Monaten die Hoffnung in mir gegeben, dass sich diese Zeitschlaufe, in der ich gefangen bin, mit dem Branding auflösen würde. Aber das war nicht im geringsten der Fall. Im Gegenteil. Es scheint gerade so etwas wie eine Erstverschlimmerung zu geben. Auf jeden Fall hatte ich heute nach den Austestungen wieder ein neues Rekordhoch was Herzensverstöße anbelangt. Bei rund 90 Millionen hörten wir mit dem Testen auf. Als Ausgleichsleistung stand daher heute ein Ritual an, was wiederum der Grund war, warum wir genau hier an diesem Ort landen mussten. Ihr kennt vielleicht die Bilder von den mysteriösen Formationen im Boden, die von weit entfernt oder aus der Luft betrachtet Tiere oder geometrische Figuren darstellen. Kurz bevor wir unseren Zielort erreichten, entdeckten wir ein solches Bild in einem Hügel auf der gegenüberliegenden Talseite. Heiko hatte sofort den Impuls, dass es etwas mit uns zu tun hatte und dass wir nicht zufällig hier her gelangt waren. Die Muskeltests bestätigten dies. Es ging darum, eine sogenannte Ley-Line, also eine Energielinie zwischen Stonehenge und diesem Pferd im Boden zu ziehen. Ich weiß noch immer nicht genau, wie die Zusammenhänge zu verstehen sind, aber irgendwie ist alles miteinander verbunden. Mein Branding ist genau wie auch Stonehenge eine eigene Form des Medizinrades und steht in einem direkten Zusammenhang mit den Energielinien und mit unserem eigenen Erwachensweg. Genauer kann ich es leider gerade noch nicht beschreiben. Als wir Quentins Studio verlassen haben, hat er mir die Papiervorlage vom Brandingdesign mitgegeben, mit der Idee, dass wir es vielleicht noch einmal für ein Ritual brauchen würden. Seither hatte ich vor, es irgendwo an einem geeigneten Platz in einem Ritual zu verbrennen. Ursprünglich hatte ich dabei an Stonehenge gedacht, aber der Besuch dort hatte sich ja etwas anders entwickelt als vermutet. Hier war nun der geeignete Platz dafür. „Menschen, die heute ein Ritual machen,“ meinte Heiko bevor ich die Kirche verließ in Anlehnung an einen Satz, den wir vor Jahren von Darrel gehört hatten, „denken vielleicht auch einmal intensiver über das kleine Kaninchen nach, das wir vorhin gesehen haben!“ Das Kaninchen hatte am Vormittag direkt neben unserem Weg im tiefen Gras gesessen und war in seiner ganzen Bewegung so langsam, dass Heiko es fast mit der Hand gefangen hätte. Wenn er es wirklich gewollt hätte, hätte er es geschafft. So etwas ist höchst ungewöhnlich für ein Wildkaninchen, auch wenn es noch ein junges ist und auch dies geschah sicher nicht ohne Grund. Was hatte dieses Kaninchen also mit mir zu tun? Zunächst natürlich die Langsamkeit und die geringe Aufmerksamkeit, die in einer Realsituation seinen Tod bedeutet hätten und nur deshalb nicht gefährlich wurden, weil die Gefahr nicht wollte. Auf mehr Zusammenhänge und tiefere Erkenntnisse kam ich aber zunächst leider nicht. Nachdem ich die Kirche verlassen und mich auf den Weg in Richtung Pferd gemacht hatte, überkam mich die gleiche verzweifelte und depressive Stimmung wie gestern Nacht. Ich heulte fast den ganzen Weg über, wobei sich mein Gesicht wieder stark verkrampfte. Ich konnte die Trauer nicht fließen lassen, sondern war trotz der aufkommenden Gefühle noch immer innerlich blockiert. Der Sturm blies mir entgegen und nun hatte es auch noch zu regnen begonnen. Bereits jetzt war mir so kalt, dass ich zitterte, was nicht gerade Mut für das Ritual machte. Auf einem kleinen Hügel, einen knappen Kilometer von dem weißen Pferd in der Wiese entfernt hatte ich plötzlich das Gefühl, dass hier der richtige Platz war. Meine Aufgabe bestand nun darin, 24 Minuten lang still zu meditieren, wobei ich nichts weiter am Körper haben durfte, als eine kurze Hose. Bis zu dem Moment, in dem ich das Ritual begann, fühlte ich mich so gar nicht danach, nun ein Ritual durchzuführen. Ich fühlte mich nicht wohl, war von mir selbst genervt, unzufrieden und wieder einmal in dem Gefühl, niemals einen Schritt nach vorne machen zu können. Mit dem Start der 24 Minuten änderte sich dies jedoch. Klar war es nun eiskalt und der Wind wehte mir mit aller Kraft ins Gesicht, so dass ich permanent weiter auskühlte, aber meine innere Stimmung besserte sich nun wieder. Ich wurde ruhiger und für mehrere Minuten gelang es mir sogar, die Situation soweit anzunehmen, dass ich die Kälte durch mich hindurch strömen lassen konnte, ohne sie in mich aufzunehmen. Plötzlich wurde mir bewusst, dass Kälte und Langsamkeit das selbe waren. Oder besser, dass Kälte eine Form von Langsamkeit war. In diesem Moment betrachtete ich es rein auf der physikalischen Ebene. Je schneller sich Atome bewegen, desto wärmer wird es und je langsamer sie schwingen, desto mehr nehmen wir es als Kälte war. Kälte ist also letztlich die Abwesenheit von Geschwindigkeit . Heiko brachte mich später noch auf eine weitere Ebene, die in meinem Fall wahrscheinlich die wichtigere ist. Innere, also emotionale Kälte führt ebenfalls dazu, dass man langsamer wird. Je mehr man etwas mit dem Herzen tut, desto mehr ist man bei der Sache und desto schneller und effektiver arbeitet man. Deswegen kommt es auch zu diesen immensen Unterschieden in unserer Effektivität. Oft wundere ich mich, dass ich für einfache Texte, die an sich banal sind und innerhalb von Minuten erledigt sein müssten, am längsten brauche, wohingegen mir komplexere Themen, die mich aber bewegen deutlich leichter und schneller von der Hand gehen. Irgendwann wurde die Kälte dann aber doch wieder stärker und meine Konzentration ließ nach. Dabei stieg Wut in mir auf, der ich für einen Moment dadurch Luft machte, dass ich den Wind anschrie, weil er Schuld an der Kälte war. Das brachte natürlich wenig. Als mein Wecker schließlich klingelte, drehte ich mich um und verbrannte mein Andenken an das Brandingritual, was gar nicht so leicht war, das der Wind die Hitze des Feuerzeugs schwächte. Als es dann doch in Flammen stand, hielt ich es direkt vor meine Brust, um die Wärme zu spüren und wartete, bis es vollkommen zu Asche zerfallen war. Dann zog ich mich wieder an, bedankte mich beim Platz, beim Pferd und bei allen Helfern und trat meinen Rückweg an. Noch immer fror ich am .ganzen Körper, doch der Bereich an meiner Brust, an der sich das Branding befindet, wurde bereits nach Minuten so warm, dass ich meine Hände daran wärmen konnte. Unsere Kirche hatte leider wieder einmal keine Heizung und so bestand ihr eigentlicher Vorteil nur darin, dass die Wind und Regen abhielt. Zum Glück kam später am Nachmittag noch ein Nachbar vorbei, der uns einlud, seine heiße Dusche zu benutzen.
 
Spruch des Tages: Das Schönste, was wir erleben können, ist das Geheimnisvolle (Albert Einstein)
Höhenmeter: 320 m
Tagesetappe: 16 km
Gesamtstrecke: 22.320,27 km
Wetter: kalt, windig, immer wieder leichter Regen
Etappenziel: Kirche, Stanton St Bernard SN8 4LJ, England
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Zuletzt aktualisiert am 2017-08-16 10:21:32


Tag 1215: Männerspielplatz

Je mehr sich die Dinge ändern, desto mehr bleiben

29.04.2017 Ist es nicht faszinierend, dass wir auf eine Jahrtausende lange Entwicklungsgeschichte zurückblicken, in der wir uns vom primitiven Steinzeitmenschen zum hoch modernen Menschen der Neuzeit entwickelt haben, der auf den Mond fliegen und innerhalb von Sekundenbruchteilen Nachrichten um die ganze Welt schicken kann – und dass wir uns trotzdem kein bisschen verändert haben? Wir sind immer noch die gleichen Jäger und Sammelrinnen wie vor Zehntausend Jahren. Heute durften wir den Beweis dafür noch einmal mit unseren eigenen Sinnen erleben. Denn wie bereits erwähnt war Stonehenge zu einem großen Teil von Militärgebieten umgeben, nur hatten wir gestern noch nicht abschätzen können, wie weit dieses Gebiet reichte. Wir verbrachten heute noch einmal den kompletten Tag darin, bis wir schließlich auf der gegenüberliegenden Seite den Ausgang zu den umliegenden Ortschaften erreichten. Die übrigens auch zum größten Teil noch mit dazu gehören, da hier fast nur Soldaten und ihre Familien leben. Anders als wir es von Deutschland her kennen, ist das Militärgebiet hier ein halb öffentliches. Es gibt keine Zäune und kein generelles Verbot, das Gebiet zu betreten. Im Gegenteil, es gibt sogar viele öffentliche Wege, die mitten hindurch führen. Als Zivilist muss man dabei lediglich darauf achten, ob irgendwo eine rote Fahne zu sehen ist. Wenn das der Fall ist, gibt es verschiedene Arten der Interpretation, was einem dieses Zeichen sagen soll. Entweder es heißt, dass man das komplette Gebiet nicht mehr betreten darf oder aber es besagt, dass bestimmte Wege nicht mehr benutzt werden dürfen. So genau wusste das niemand und die Beschilderung stimmte nichts im geringsten mit den Aussagen der Soldaten überein, die wir auf dem Weg trafen. Mal hieß es, wir dürften zwar links aber nicht rechts, mal war es umgekehrt und mal hatten wir Glück, dass wir aufgefunden wurden, bevor man uns aus Versehen mit einer Bombe in die Luft gesprengt hatte. Da aber außer uns auch noch eine zivile Jagdgesellschaft, ein Trupp Landschaftsgärtner sowie rund 4000 Kühe über das Gelände huschten und hier niemand irgendetwas von irgendwelchen scharfen Übungen wusste, war das Risiko gering. Einer der Jäger brachte es sehr gut auf den Punkt: „Wenn ihr hier links geht, kommt ihr direkt aus dem Militärgelände heraus und könnt einfach außen herum gehen. Allerdings müsst ihr dann der Hauptstraße folgen und um ganz ehrlich zu sein denke ich, dass die Wahrscheinlichkeit, dass ihr hier erschossen werdet um ein vielfaches geringer ist als die Chance, dass man euch auf der Straße überfährt!“ Tatsächlich war das Militätgelände sogar eines der friedlichsten, harmonischsten und ruhigsten Areale, die wir in der letzten Zeit durchwandert hatten. Auf einer Anhöhe, auf der auch einige Dixi-Klos standen, machten wir erst einmal eine Picknickpause. Hinter uns befand sich ein kleines Wäldchen, in dem die Eichhörnchen auf den Bäumen herumsprangen und in dem die Vögel leise und friedlich zwitscherten. Es klingt paradox, aber es war wirklich der schönste und friedlichste Picknickplatz seit dem am See in Frankreich an Heikos Geburtstag. Und das mitten in einem Kriegsgebiet. Am Horizont fuhren die Panzer vorbei und wirbelten riesige Staubwolken auf und hin und wieder konnte man ganz leise aus weiter Ferne vereinzelte Schüsse hören. Und trotzdem war es friedlicher als jede Ortschaft durch die wir gekommen waren. Auffällig dabei war, dass hier über dem gekennzeichneten Militärgebiet kein einziger Hubschrauber und kein einziger Jet zu sehen war, während sie im Umkreis fast immer über den Köpfen der Menschen kreisten. Wie kam das? Ich meine, wenn man doch schon ein Übungsgebiet zur Vergfügung hat, warum fliegt man dann trotzdem über Ortschaften hinweg, so dass ein deutlich höheres Unfallrisiko entsteht und man das Leben von Menschen gefährdet, die nicht das geringste damit zu tun haben. Auf dem weiteren Weg wurden wir zwei Mal direkt von Panzern und Kettenfahrzeugen überholt aus denen die großen Jungs herausschauten, die hier Krieg spielen durften. Es war keine Frage, was für eine Art von Gelände es war. Es war kein Areal, in dem man sich wirklich auf eine ernste Situation vorbereitete, es war ein gigantischer Spielplatz für Männer. Der Traum jedes kleinen Jungen. Es war ein Gelände, auf dem man nach Herzenslust mit Geländewagen, großen Trucks und Panzern durch Schlamm, über Hügelpisten und durch Wälder heizen konnte, auf dem man sich verstecken und mit seinen Freunden Krieg spielen durfte und auf dem es sogar erlaubt war, einfach so irgendetwas in die Luft zu sprengen. Uns fiel auf, dass es tatsächlich vor allem Männer waren, die man mit diesen Dingen begeistern konnte und so stellten wir uns die Frage, wie wohl ein vergleichbarer Spielplatz für Frauen aussehen würde. Das erste, was uns dazu einfiel war ein riesiges Shoppingcenter in dem man eine unendliche Auswahl an Schuhen, Kleidung, Handtaschen, Dekorationen und anderen Dingen hatte. Und da wurde es uns noch einmal richtig bewusst. Wir waren eben wirklich noch immer Jäger und Sammlerinnen. Die Aufgabe der Männer war es seit je her, sich zu tarnen und auf die eine oder andere Weise einen Jagderfolg zu erzielen, während die Frauen für das Sammeln von Früchten, Kräutern, Feuerholz und ähnlichem Zuständig waren. Diese beiden Uristinkte stecken noch immer tief in uns und sorgen dafür, dass wir uns in unserem zivilisierten Rahmen noch immer genauso verhalten, wie wir es in der freien Natur tun würden.
 
Spruch des Tages: Je mehr sich die Dinge ändern, desto mehr bleiben sie gleich!
Höhenmeter: 90 m
Tagesetappe: 17 km
Gesamtstrecke: 22.314,27 km
Wetter: trocken aber kalt und windig
Etappenziel: Kirche, Market Lavington, England

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Zuletzt aktualisiert am 2017-08-16 10:05:54


Tag 1214: Stonehenge

Wenn es darum geht, einen heiligen Kraftplatz zu e

28.04.2017 Kochen in der Kirche, Workout auf dem Friedhof, Arbeiten auf dem Klo Ich weiß nicht, wie wir es schaffen, aber wir haben ein schier unwahrscheinliches Geschick dafür, immer wieder den einzigen Tag der Woche zu erwischen, an dem der Chor in der Kirche probt, wenn wir gerade da sind. Langsam haben wir uns aber schon so sehr daran gewöhnt, dass wir uns dadurch von nichts mehr abhalten lassen. Da konzentrieren bei lautem Gesang und noch lauterer Orgelmusik meist nur schwer möglich ist, nutzen wir die Zeit meist zum Trainieren und Kochen. Mein Branding ist inzwischen soweit verheilt, dass ich meine Oberkörpermuskeln wieder fast vollkommen normal einsetzen kann. Erst haben wir mit Beintraining angefangen und gestern haben wir sogar schon wieder die Armmuskeln trainieren können. Vor ein paar Tagen haben wir unsere Sportmatten dafür auf dem Friedhof aufgebaut, weil es uns in der Kirche zu laut war. Die Sänger waren schon etwas irritiert, als sie nach ihrer Probe ins Freie traten und sahen, wie ich zwischen den Gräbern mit nach oben gestreckten Armen auf dem Rücken lag und Heikos Körpergewicht nach oben stemmte, so als wäre er eine Hantel. Gesagt haben sie dazu aber nichts. Auch der Umstand, dass wir mitten in der Kirche kochen ist vollkommen normal geworden. Gestern haben wir die Chorzeit genutzt, um unser Abendessen vorzubereiten. In ihrer Pause sind dann einige Sänger zu uns gekommen, haben interessiert geschnuppert und wie selbstverständlich gefragt, was wir denn da feines zubereiten. „Rieche ich da Knoblauch?“ fragte eine Dame und lugte vorsichtig in unseren Kochtopf. „Das sieht gut aus, was ihr da zubereitet, schade, dass ich zum Essen nicht bleiben kann!“ Lustig war dabei auch immer wieder die Frage, wo denn der zweite Pilger sei, denn meine Antwort lautete jedes Mal: „Der Sitzt auf dem Klo um zu arbeiten! Nein, nein, er arbeitet wirklich! Das Klo ist nur der einzig warme Raum hier!“ Tatsächlich war es dort im Vergleich zur Kirche am Ende so gemütlich, dass wir sogar unser Abendessen auf dem Klo einnahmen. Heikos Computer stand als Fernseher für die abendliche Unterhaltung auf dem Baby-Wickeltisch und wir saßen auf zwei Stühlen zwischen der Toilette und der Heizung. Man, das waren noch Zeiten! Heute sitze ich wieder auf dem Klo, aber hier funktioniert die Heizung nicht einmal, weshalb es trotzdem schweinekalt ist. Nur eben nicht ganz so kalt, wie außen in der Kirche. Heilungsansätze Der Pfarrer kam noch einmal in der Früh, um sich von uns zu verabschieden und erzählte uns bei dieser Gelegenheit auch von der Krankheit seiner Frau. Sie hatte Knochenkrebs und die Ärzte hatten ihr bereits vor fünf Jahren gesagt, dass sie nur noch ein halbes Jahr zu leben habe. Heiko versuchte, dem Pfarrer einige Zusammenhänge und damit auch Heilungsansätze zu erklären, doch der Pfarrer wirkte, als habe er längst resigniert, was dieses Thema anbelangte. Seine Frau möge so lange Leben, wie es Gott wolle, aber mit neuen Heilungsansätzen wollte er sich nicht mehr beschäftigen. Dennoch enthielt die Geschichte einige sehr spannende und aufschlussreiche Elemente. Die beiden hatten für einige Jahre in Afrika gelebt und waren dort Zeugen von unzähligen Krankheits- und Todesfällen geworden. Ihre eigene Erklärung dafür lautete, dass die medizinische Versorgung und die Hygienestandarts so gering waren, dass die Menschen massenweise an Infektionskrankheiten erkrankten. Viren und Bakterien waren also die größten Feinde. Dass die Ursachen für Krankheit und Tod viel mehr in den Lebensbedingungen, in der Mangelernährung, den Giftstoffen im Wasser und im Boden, der Überarbeitung und dem allgegenwärtigen Leiden der Armut und der Ausbeutung zu finden war, wurde dabei nicht bedacht. Die offizielle Erklärung lautete: Viren und Bakterien sind schuld! Also waren sie Schuld. Jetzt, rund zehn Jahre später steht die Pfarrersfrau vor dem gleichen Problem. Der Krebst, so die offizielle Aussage, zerfresse ihr Knochenmark und verhindere somit die Produktion neuer Immunzellen. Dadurch wäre ihr Immunsystem nun kollabiert und sie war anfällig für alle Formen der Infektionskrankheiten, weshalb sie auch niemanden in ihrem Haus haben wollte. Der Konflikt, den sie zuvor im Außen beobachtet hatte, fand nun in ihrem inneren statt. Ein sehr spannender Fall. Schade nur, dass dabei von Seiten der Ärzte so viel Panik geschürt wird, denn die Tatsache, dass sie bereits fünf Mal so lange lebt, wie prophezeit beweist ja bereits, dass die Diagnose des Arztes falsch und das eine Heilung alles andere als unmöglich ist. Unerwartete Spende Zu dieser frühen Stunde machte der Tag noch nicht den Eindruck, als wolle er zu einem der abstraktesten unserer Reise werden. Wir wanderten über friedliche, kleine Straßen und Feldwege, und hatten dabei sogar zum ersten Mal seit Wochen wieder Windstille, so dass wir die Wanderung richtig genießen konnten. Etwa zwei Kilometer von unserem Startort entfernt wurden wir von einem Radfahrer überholt, der einige interessierte Fragen stellte und dann weiter fuhr. Kurz darauf kam er jedoch wieder zurück und meine: „Es tut mir leid, aber ich habe ganz vergessen, euch eine Spende zu geben!“ Dann drückte er uns 100 Pfund in die Hand und verschwand wieder. Der Plan des Tages war es eigentlich, rund 16km bis nach Amesbury zu wandern, einer kleinen Stadt, die kurz vor dem berühmten keltischen Heiligtum Stonehenge lag. Dort wollten wir nächtigen und dann morgen Vormittag ganz in Ruhe nach Stonehenge aufbrechen um herauszufinden, was es mit diesem Ort auf sich hatte. Doch natürlich kam es anders. Amesbury Amesbury war ein grauenhafter Ort. Vielleicht sogar der grauenhafteste der ganzen Reise, obwohl ich mich hier nicht wirklich festlegen möchte. Der Pfarrer hatte uns in der Früh schon gewarnt, dass uns hier eine hässliche und ungemütliche Stadt erwarten würde und es wäre sicher gut gewesen, wenn wir auf ihn gehört hätten. Immerhin hatte er einen Großteil seines Lebens in London verbracht und wenn ein Mann aus einer 9-Millionen-Menschen-Metropole sagte, dass eine Kleinstadt unerträglich war, dann wollte dies etwas heißen. Doch es gab leider nicht viele Orte in der Nähe von Stonehenge und so hofften wir auf das beste obwohl wir wussten, dass wir es nicht finden würden. Nicht einmal gutes Fastfood konnten wir ergattern, abgesehen von einigen Pommes. Wobei man sagen muss, dass der Pommesverkäufer mit Abstand der freundlichste und hilfreichste Mann war, den wir in der Stadt antrafen. Die Frau von der Touristeninformation war nicht einmal im Stande, die Nummer eines Pfarrers herauszufinden. „Sie können ja zu den Kirchen gehen und auf die Informationstafeln schauen!“ war ihre einzige Aussage zu diesem Thema, nachdem sie verzweifelt ihre Informationsbroschüren über die Stadt durchgeblättert hatte, ohne dabei auf eine Nummer zu stoßen. Mehr aus Versehen als überlegt erzählte sie uns, dass vor einem Jahr schon einmal zwei Pilger mit dem selben Anliegen bei ihr waren. Damals waren es buddhistische Mönche gewesen und sie hatte sie einfach in die nächste Stadt geschickt. Irgendwie schien sie dann aber doch zu merken, dass sie ihren Job nicht einmal im Ansatz erledigen konnte und da ihr dies nach einiger Überlegung extrem peinlich war, steckte sie uns zum Abschied zehn Pfund zu, um ihre Seele wieder frei zu kaufen. Das war nicht unbedingt das, was man unter der feinen, englischen Art verstehen mochte, aber es war dennoch etwas mehr, als der katholische Pfarrer zustande brachte, den wir kurz darauf besuchten. Er war der erste katholische Pfarrer, den wir in diesem Land um einen Schlafplatz baten und man hätte meinen können, dass er Mitgliedern eines katholischen Ordens gegenüber offener sein müsste, als seine evangelischen Kollegen. Doch das war leider nicht der Fall. Obwohl er eine Kirche hatte, die über Unterrichts- und Besprechungsräume verfügte, dachte er nicht einmal eine Sekunde daran, uns irgendwie weiter zu helfen. Mehr noch, er hatte nicht einmal ein schlechtes Gewissen. Da alle anderen Kirchen direkt an der Hauptstraße lagen und somit unbewohnbar waren, blieb uns nichts anderes übrig, als direkt weiter nach Stonehenge zu gehen und uns anschließend einen anderen Schlafplatz zu suchen. Von Amesbury aus gab es einen ausgeschilderten Fußweg nach Stonehenge. Diese begann, wie sollte es anders sein, direkt neben der Hauptstraße. Nach rund einem Kilometer konnte man dann links abgehen und mitten über Wiesen und Felder bis zu dem sagenumwobenen Steinkreis wandern. Was aber hat es nun eigentlich mit diesem Stonehenge auf sich? Helle und dunkle Energie Genauer werden wir die Frage noch einmal in einem separaten Artikel beantworten, denn wie bei den meisten heiligen Orten gibt es auch hier viel mehr zu wissen, als man auf den ersten Blick vermuten könnte. Stonehenge ist einer von vielen Punkten, die auf einer sogenannten Lay-Line, einer Energielinie der weißen Energie liegen. Energien und Kräfte in weiße und schwarze zu unterteilen ist natürlich etwas platt und wird dem, was wirklich geschieht nicht gerecht. Aber es ist für den Anfang ganz hilfreich, um überhaupt einmal eine Vorstellung davon zu bekommen, worum es hier geht. Wie schon des Öfteren beschrieben besteht alles im Universum aus ein und der selben Urenergie, aus bedingungsloser Liebe. Genau wie Licht in seiner Urform rein und weiß ist, ist auch die Urenergie der Liebe vollkommen kontrast- und formlos. Damit sich eine Form ausbilden kann, braucht es Abstufungen. Wenn alles zu 100% gleich hell ist, sehen wir gar nichts. Ein Bild entsteht erst durch das Zusammenspiel von Licht und Schatten, also von Licht und der Abwesenheit von Licht. Farben entstehen, weil ein Teil des Lichtspektrums herausgefiltert wird, so dass nur noch ein anderer Teilbereich übrig bleibt. Unsere Welt ist also ähnlich aufgebaut wie ein Lichtbild. Sie besteht zu einhundert Prozent aus Liebe, doch damit Formen, Handlungen und Bewegungen möglich sind, darf die Liebe nicht überall gleich intensiv sein. Wir brauchen Nichtliebe, um Handeln zu können, so wie wir auch Dunkelheit brauchen, um sehen zu können. Die weiße Energie, von der wir hier sprechen ist dabei Liebe in ihrer reinsten Form, während dunkle Energie die Abwesenheit von Liebe also die Nichtliebe ist. Sie ist es, was wir in Form von Angst und Nichtvertrauen spüren und was wir in vielen Artikeln zuvor als Gegenspieler beschrieben haben. Damit das Universum am Laufen bleibt und damit sich die Liebe ausdehnen kann, braucht es stets ein dynamisches Gleichgewicht zwischen Liebe und Nichtliebe. Genau wie wir auch ein Gleichgewicht zwischen Licht und Dunkelheit brauchen, um richtig sehen zu können. Wenn wir nur Licht haben, sind wir geblendet und wenn es überhaupt kein Licht gibt, stehen wir im Dunkeln. Wie bereits einige Male beschrieben, dreht sich unser Leben in erster Linie darum, aus der Dunkelheit immer mehr ins Licht zu kommen und zu erkennen, dass alles, was wir hier auf dieser Welt erleben können, lediglich eine Geschichte oder ein Traum ist. Damit sich die Liebe ausdehnen kann, haben wir uns selbst einen Gegenspieler erschaffen, der uns im Traum und in der Nichtliebe festhalten will und der uns so lange wie möglich am Erwachen hindert. Die Lay-Lines, also die weißen Energielinien hingegen sind Energieverbindungen, die uns dabei helfen können, wieder ins Licht, bzw. in die Liebe und ins Vertrauen zu finden. Die keltischen Ureinwohner von Großbritannien haben mit Stonehenge also einen Kraftplatz erschaffen, der es ihnen erleichtert, den Weg zum Erwachen bzw. zur Erleuchtung zu finden und der dafür sorgt, dass das Gleichgewicht zwischen Licht und Dunkelheit erhalten bleibt. Wie der Aires Rock in Australien ist auch Stonehenge ein heiliger Ort, der nicht das geringste mit einer Touristenattraktion zu tun haben sollte. Für einen Touristen sind es lediglich ein paar Steine in beeindruckender Größe, die auf seltsame Weise übereinander gestapelt wurden. Für einen Mystiker oder Heiler hingegen ist es ein steinernes Medizinrad und ein besonderer Kraftort, um sich direkt mit der Urenergie des Universums zu verbinden. Und genau an dieser Stelle kommen dann wohl die Gegenspieler ins Spiel, die verhindern wollen, dass diese Kraft von den Menschen entdeckt wird. An keinem anderen Ort zuvor, konnte man so deutlich spüren, dass ein altes Heiligtum ganz bewusst zerstört und gestört wird, wie hier. Von der weißen, liebevollen Energie spürten wir zunächst einmal gar nichts. Aber die dunkle Energie der Nichtliebe, die man wie eine erdrückende Klammer außen herum gelegt hat, war mehr als nur präsent. Ich glaube, es gibt kaum eine Möglichkeit, um einen Platz zu zerstören, die man hier nicht angewendet hat. Wenn man auch nur einen Schritt weiter hätte gehen wollen, hätte man die Steine mit dem Bulldozer umwerfen und dem Erdboden gleichmachen müssen. Es begann mit Amesbury, einer hektischen, fast panischen Stadt voller Lärm, Stress und Unbehagen, von der aus man bereits vollkommen genervt und unzufrieden aufbricht, wenn man Stonehenge besichtigen will. Direkt an der Stadtgrenze befindet sich zudem einer von vier Militärflughäfen, die (sicher rein zufällig) alle genau in diese Region gebaut wurden. Tag für Tag fliegen hier dutzende von Hubschraubern und Flugzeugen aller Art direkt über den Köpfern der Menschen herum. Auch über Stonehenge selbst jagen sie hinweg, um soviel Unfrieden wie nur irgend möglich zu produzieren. Keine fünfzig Meter vom Steinkreis entfernt verläuft die Autobahn, auf der die Trucks und Personenfahrzeuge meist Stoßstange an Stoßstange auf einem Waschbetonähnlichen Asphalt dahinrauschen. Touristenabzocke Stonehenge Die Idee, in Amesbury einen Platz zu bekommen, saß ein bisschen zu tief in meinem Kopf, weshalb wir hier deutlich mehr Zeit verschwendeten, als nötig gewesen wäre. Als wir endlich für die letzten Kilometer wieder abseits der Straßen auf schmalen Trampelpfaden über weite Wiesen hinweg wanderten, dröhnten uns die Köpfe und wir mussten erst einmal wieder runterkommen. Dann tauchte der imposante Steinkreis in der Ferne auf, wie er sich malerisch vor dem Nachmittagshimmel und der Autobahn abzeichnete. Als wir ihn erreichten mussten wir feststellen, dass wir nicht mehr als Zaungäste bleiben würden. Das Gelände war großräumig eingezäunt und der Eingang befand sich zwei Kilometer weiter bei einem Informationszentrum. Wer von dieser Seite zu Fuß kam, anstatt wie gewünscht offiziell mit einem Touristenbus anzureisen, der musste also zunächst einmal zwei Kilometer am Steinkreis vorbei gehen, dann offiziell den Eintritt zahlen und dann die kompletten 2km wieder zurück wandern. Wenn man dies getan hatte, konnte man im Touristenstrom eine Runde um die monumentalen Steine drehen und dann erneut 4km hin und her wandern, um das Gelände wieder zu verlassen. Allein dies erschien uns bereits als nicht allzu lohnend, weshalb wir einen der rund 20 Helfer und Aufpasser ansprachen, die mit ihren Warnwesten und Funkgeräten um den Steinkreis patrouillierten um sicher zu gehen, dass kein Tourist einen Stein berührte oder noch schlimmer, unerlaubter Weise über den Zaun kletterte. Wir erklärten unser Projekt und dass es sich dabei um eine spirituelle Reise handelte, bei der wir genau solche energetischen Kreuzungspunkte wie diesen hier kennenlernen wollten. Die studentische Aushilfskraft funkte ihren Chef an und dieser machte sich nicht einmal die Mühe, die zehn Meter zu uns herüber zu kommen, sondern befahl einfach, dass man uns den Eintritt verweigern sollte. Bei dieser Gelegenheit erfuhren wir auch die Höhe des Einrittspreises, den man hier bezahlen musste, wenn man auf die andere Seite des Zaunes wollte. Haltet euch fest! Es waren nicht weniger als 17Pfund! Das sind umgerechnet etwas mehr als 20€! Dafür, dass man rund 10 Meter näher an den Steinkreis heran kam, als dies von dieser Seite des Zaunes der Fall war, und dafür, dass man ihn auch aus der gegenüberliegenden Perspektive betrachten konnte. Das war alles. Man durfte nicht an die Steine heran und man durfte auch nicht zwischen ihnen hindurch. Dafür aber wurde man von der permanent nachrückenden Touristenschlange stetig weiter nach vorne gedrängt, so dass man nicht einmal in seinem eigenen Rhythmus laufen konnte. Es war das wohl lächerlichste, das wir je in diesem Bereich erlebt hatten und doch zahlten die Leute wie blöd, nur um sagen zu können, dass sie hier waren. Niemand wäre auch nur im Ansatz in der Lage gewesen, dabei etwas zu fühlen oder die Bedeutung der Steine zu erfassen. Niemand hätte auch nur den Hauch einer Verbindung aufbauen, oder dem Kraftplatz so etwas wie eine Ehrerbietung erweisen können. Es ging nur ums Abhaken und darum ein paar Selfies zu machen. Lediglich die Einheimischen ließen sich von diesem Fieber nicht anstecken, sondern betrachteten das Monument in aller Ruhe von der gleichen Position aus, aus der auch wir es betrachteten. Diese Position hatte zudem den Vorteil, dass man von hier auch den Touristenzirkus selbst mit im Blick hatte, was so amüsant war, dass es einen über die vielen anderen Enttäuschungen hinweg tröstete. Am meisten faszinierten uns einige buddhistische Mönche in ihren orange-gelben Roben, die hektisch um den Steinkreis liefen und sich dabei aus so vielen Positionen wie nur möglich mit ihren Smartphones und langen Selfie-Stäben fotografierten. Von jedem einzelnen der hier anwesenden Touristen hätten wir ein solches Verhalten erwartet, aber von einem buddhistischen Mönch? Die Hüter des Kraftplatzes Nachdem wir uns das Spektakel eine Weile betrachtet hatten und für uns selbst feststellen konnten, dass es unter den gegebenen Umständen nichts energetisierendes zu spüren gab, setzen wir unsere Wanderung fort. Dabei landeten wir auf einer kleinen Schotterstraße auf der anderen Seite von Stonehenge. Sie war gesäumt von mehreren Wohnwagen, Bullys und Wohnmobilen, die hier zu beiden Seiten parkten und aussahen als gehörten sie fest zum Inventar. Einer der Wagenbewohner sprach uns an und bestätigte diese Vermutung. Er und seine Nachbarn waren hier, weil sie eine tiefe Verbindung zu dem Platz spürten, die trotz all der Überlagerungen nicht verschwinden wollte. Sie waren in gewisser Weise die wahren Platzhüter von Stonehenge, auch wenn die offiziellen Betreiber des Heiligtums Schrägstrich Touristenmagneten, sie wohl eher als Störenfriede ansahen. „Wenn ihr die Steine wirklich sehen und fühlen wollt,“ meinte er im Vertrauen, „dann müsst ihr nachts her kommen. Die Wachen sind dann noch immer da und es kann sein, dass sie euch packen und rauswerfen. Aber im Schutz der Dunkelheit habt ihr eine Reale Chance, dass ihr ihnen entwischt oder vielleicht sogar unentdeckt bleibt.“ Umgeben von Militär Die Idee klang gar nicht mal so schlecht, aber sie hätte vorausgesetzt, dass wir irgendwo in der Nähe einen Schlafplatz bekamen und das sah eher schlecht aus. Wir folgten der Schotterstraße bis zu ihrem Ende und landeten dabei in einem kleinen Ort, der Rein aufgrund des Militärgeländes entstanden war. Es gab eine Krankenstation, ein Gemeindezentrum, eine Grundschule, einen Kindergarten, einen kleinen Laden und sogar eine Kirche und alles rein für die hier stationierten Soldaten und ihre Familien. Für uns brachte das Dorf leider überhaupt nichts, abgesehen von der Tatsache, dass wir noch einmal für knapp zweieinhalb Kilometer an einer extrem unangenehmen Hauptstraße entlangwandern musste, die nun auch noch bevorzugt von Militärtrucks genutzt wurde. Die einzige Möglichkeit diese Straße bald wieder zu verlassen bestand darin, mitten in das Militätgelände abzubiegen. Die Zeichen und Schilder die hier standen interpretierten wir dabei folgendermaßen: Das Gelände gehörte dem Militär, durfte aber aufgrund des Englandweit geltenden öffentlichen Wegerechts von Fußgängern und Radfahrern genutzt werden, sofern sich diese an die Spielregeln hielten. Dazu gehörte unter anderem, dass man die Hauptwege nicht verlassen durfte, wenn die roten Fahnen gehisst wurden, die militärische Aktivitäten auf dem Gelände anzeigten. An diese Spielregeln hielten wir uns natürlich genau. Später fanden wir allerdings heraus, dass unsere Interpretation nicht ganz mit der offiziellen Rechtslage übereinstimmte. Die roten Fahnen zeigten an, dass das gesamte Gelände für Zivilisten gesperrt war, was auch und gerade die Hauptwege mit einschloss. Tatsächlich hatten wir uns schon gefragt, ob es so klug war, dass hier Panzer mit einem Affenzahn umher heizten und hin und wieder Testschüsse abgaben, wenn zeitgleich Spaziergänger hier ihre Runden drehten. Glücklicherweise hatten wir das Gebiet bereits fast vollständig durchquert, als wir auf diesen Umstand aufmerksam gemacht wurden und so wurden wir nicht mehr vom Gelände geworfen. Auf der gegenüberliegenden Seite des Militärgeländes erreichten wir ein weiteres kleines Dorf, das nur noch zur Hälfte mit Soldaten besetzt war. Hier trafen wir dann auch eine Pfarrerin an, die uns erlaubte, in ihrer Kirche zu übernachten. Es war ein ereignisreicher und anstrengender Tag gewesen und nun freuten wir uns darauf, zumindest noch ein bisschen Entspannung genießen zu können.
 
Spruch des Tages: Wenn es darum geht, einen heiligen Kraftplatz zu entweihen, kann man von England einiges lernen.
Höhenmeter: 290 m
Tagesetappe: 42 km
Gesamtstrecke: 22.297,27 km
Wetter: trocken aber kalt und windig
Etappenziel: Kirche, Salisbury SP3 4RR, England

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Zuletzt aktualisiert am 2017-08-16 10:03:04


Tag 1213: Hobbithäuser

Die Aufgabe eines Pfarrers ist es, die Menschen zu

27.04.2017 Der Winter ist nun mit voller Kraft über uns hereingebrochen. Heiko hat sich bereits in all seine Kleidung und zwei Schlafsäcke gehüllt und in die hinterste Niesche unserer Kirche zurückgezogen. Dort liegt er nun umgeben von drei Heizstrahlern auf seiner Matte, nur die Nasenspitze und die Finger schauen heraus, und versucht Bilder für unsere neue Erlebnisgeschenke-Plattform zu bearbeiten. Ich selbst habe mich aufs Klo verkrochen, da dies der einzige kleine geschlossene Raum mit einer Heizung ist. Eine Wärmflasche liegt auf meinem Schoß und meine Schultern sind so nah an die Heizung gepresst, dass sie gerade so eben noch nicht zu glühen anfangen. Dennoch habe ich eiskalte Zehen und kalte Hände. Gestern Nacht hatten wir nach Informationen der Einheimischen minus 5 Grad Außentemperatur und in unserer Kirche war es nicht viel wärmer. Langsam schien das Wetter wirklich vollkommen verrückt zu spielen und wir müssen ehrlich zu geben, dass wir nach dem milden Winter nicht mehr damit gerechnet hatten. Anders als in Italien, wo die Nächte zwar oft ebenfalls kalt und ungemütlich waren, sind hier aber auch die Tage alles andere als angenehm. Seit Wochen bläst uns ein kalter Wind entgegen, der sich jedes Mal mitdreht, wenn wir die Richtung wechseln. In den letzten drei Tagen ist er so kalt geworden, dass man es kaum noch aushält, ohne sich eine dicke Winterjacke anzuziehen. Heiko hat seine im Winter nur zwei oder drei Mal ausgepackt. Nun braucht er sie fast täglich. Ähnlich ist es mit dem Zusatzschlafsack. Auf der anderen Seite lässt sich jedoch auch sagen, dass England mit jedem Tag schöner wird. Klar, die Geräuschkulisse ist immer noch extrem verbesserungswürdig, aber von der Optik her bietet das Land einen Reiz, den wir so noch fast nirgendwo gefunden haben. Hier stimmt einfach alles. Die Natur ist abwechslungsreich und immer wieder aufs neue Beeindruckend. Natürlich gibt es auch hier viele Felder, aber sie sind parzelliert, von Hecken umgeben und fügen sich fast natürlich ins Landschaftsbild ein. Überall findet man urige Bäume, die noch ganz sie selbst sein dürfen und nicht in irgendeine Form gepresst oder gezüchtet werden. Es ist immer wieder aufs neue faszinierend zu sehen, was für kreative und malerische Formen die Natur ausbildet, wenn man sie lässt. Auch die Tiervielfalt ist hier noch immer beeindruckend. Nachdem wir nun mehrere Monate lang in Frankreich kein einziges Tier gesehen haben, das nicht von einem Weidezaun zum Bleiben gezwungen wurde, haben wir hier nun fast täglich neue Tierbegegnungen. Vor ein paar Tagen sahen wir die größte freilebende Rotwildherde, die wir je in unserem Leben gesehen haben. Es waren weit mehr als zwanzig Tiere, die gemeinsam auf einer Wiese grasten. Heute waren es vor allem die kleinen Tierchen, die unsere Aufmerksamkeit auf sich zogen. Ein Chipmunk begrüßte uns gleich in der Früh, als wir die Kirche verließen. Er saß auf einer Bank gegenüber dem Eingangstor und schaute uns munter an. Später hoppelte ein kleines Babykaninchen auf der Straße vor uns her. Es hatte keinerlei Angst vor uns und kam bis auf wenige Meter an uns heran. Dann kam ein Auto und für einen Moment hatten wir Angst, der kleine Kerl würde überfahren werden. Doch er schaffte es gerade noch auf die andere Straßenseite, wo er sich zusammen krümelte und ins Gras duckte, damit die gefährlichen Autoreifen ihn nicht sehen konnten. Unvorhersehbarer Weise sind es jedoch vor allem die Dörfer, die uns im Moment am meisten beeindrucken. Jedes einzelne von ihnen ist eine Sehenswürdigkeit, mit denen die offiziellen Touristenziele des Landes sicher nicht mithalten können. Oft schon hatten wir das Gefühl, auf unserer Reise durch ein Hobbitland zu wandern, weil die Hügel und Wälder an den Film erinnerten. Hier jedoch sehen sogar die Häuser wie Hobbithäuser aus. Nur eben für Menschen. Sie mit Worten zu beschreiben bringt glaube ich relativ wenig, aber die Bilder sagen wahrscheinlich ohnehin genug. Teilweise sind wir so fasziniert von den Orten, dass wir fast nicht mehr durch sie hindurchgehen können, da Heiko von jedem Haus mindestens ein Bild machen muss. Unser Wunsch, heute eine Kirche mit beheizbarem Nebenraum zu bekommen, ging leider nicht in Erfüllung. Dafür lernten wir jedoch einen äußerst humorvollen Pfarrer mit einer lockeren und sehr sympathischen Lebenseinstellung kennen. Wäre seine Frau nicht krank gewesen, hätte er uns auch zu sich nach hause eingeladen, aber so wurde es dann doch wieder die Kirche.
 
Spruch des Tages: Die Aufgabe eines Pfarrers ist es, die Menschen zu Gott zu bringen. Die Messe kann gerne jemand anderes halten! (Mathew, Vikar von Amport, England)
Höhenmeter: 90 m
Tagesetappe: 15 km
Gesamtstrecke: 22.255,27 km
Wetter: trocken aber kalt und windig
Etappenziel: Kirche, SP11 8BA Amport, England

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Zuletzt aktualisiert am 2017-08-16 10:01:53


Tag 1212: Paarungszeit

Die Schweine haben wohl etwas versauten Spaß

26.04.2017 Normalerweise sollte man meinen, dass sich die Natur einige ist, in dem, was sie an Zeichen aussendet. Hier und heute ist dies jedoch ganz und gar nicht der Fall. Gestern hatten wir einen kurzen Schneeschauer und heute war es den ganzen Tag über so kalt, dass ich sogar meine Handschuhe wieder auspackte. Heiko war immer wieder kurz davor, seine Winterjacke hervorzukramen und ich hatte in Gedanken schon fast meine lange Unterhose wieder an. Im Januar haben wir in Frankreich in den Pyrenäen auf einer Terrasse gesessen und uns im T-Shirt gesonnt. Und jetzt tragen wir alles was wir besitzen und frieren uns noch immer die Hintern ab. Irgendetwas passt da doch nicht! Klar, dass England Wettertechnisch kein Zuckerschlecken wird, war uns von Anfang an bewusst, aber mit dem aktuellen Zustand sind sogar die Einheimischen überfordert. Nicht, dass es nicht trotzdem immer wieder Leute gibt, die mit T-Shirts und kurzen Hosen herumlaufen, weil der Kalender sagte, dass es bald Sommer wurde. Aber dennoch waren sie derartige Temperaturen um diese Jahreszeit nicht gewohnt. Immerhin waren wir hier in der mildesten Region des Inselstaates. Wer aus dieser Region stammte und nach Schottland reiste, wurde in aller Regel mit dem Kommentar aufgezogen, dass er dort keine drei Tage überleben würde, weil er einfach ein zu sanftes Klima gewöhnt war. Auf der anderen Seite verhielt sich aber jedes Wesen in der Natur, als wäre der Frühling bereits im vollen Gange (Was er ja eigentlich auch ist) Jeder, der mindestens zwei Beine hat tollt über die Wiesen und Felder und alles ist darauf ausgelegt, einen Partner für die Paarung zu finden. Als erstes kamen wir an einer Schweinefarm vorbei, auf der die Schweine noch richtige Koppeln zum Auslauf hatten. Wäre nicht gleich die Autobahn um die Ecke gewesen, wäre dies wohl der schönste Platz, den man sich als Schlachtschwein auf einem Hof wünschen konnte. Zunächst war es ein Eber, der uns auffiel weil er in etwa die Größe eines kleinen Stieres hatte. Er war mit Abstand der größte Eber, den wir je gesehen hatten und doch konnte er unsere Aufmerksamkeit nicht lange an sich bannen. Denn auf der anderen Seite des Weges begannen kleinere Schweine damit, sich zu paaren. Erst stand ein Pärchen in einander verwoben auf der Weide, dann begann ein weiteres es ihnen nachzutun und schließlich wurde eine regelrechte Orgie daraus. Allerdings eine sehr gemächliche Orgie, denn besonders Energiegeladen gingen die Eber nicht zur Sache. Sie stießen Ihre Frauen einige Male an und blieben dann nahezu reglos auf deren Rücken liegen, um den Samen einfach in sie hineinlaufen zu lassen. Kurz darauf sahen wir einen paarungswilligen Fasan, der jedoch noch nicht ganz so weit war wie seine schweinischen Kollegen, da er kein Weibchen finden konnte. Noch ein Feld weiter kamen wir dann an einer Gruppe junger Feldhasen vorbei, die wild und verspielt umher tollten. Sie sprangen über einander hinweg, klatschten gegenseitig ihre Vorderpfoten zusammen, schlugen wilde Haken und waren so ausgelassen, wie Kinder, die das erste Mal alleine in den Urlaub fahren durften. Wir können es nicht mit Sicherheit sagen, aber sie wirkten, als wären es lauter Jungs, die gemeinsam probten, um später die Mädels beeindrucken zu können. Zum Übernachten bekamen wir heute wieder wie üblich eine Kirche, die leider nichts von dem heißblütigen Treiben der Tiere abbekommen hatte und daher eiskalt war.
 
Spruch des Tages: Die Schweine haben wohl etwas versauten Spaß
Höhenmeter: 94 m
Tagesetappe: 16 km
Gesamtstrecke: 22.240,27 km
Wetter: trocken aber kalt und windig
Etappenziel: kalte Kirche, SO21 2PZ Crawley, England

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Zuletzt aktualisiert am 2017-08-16 10:01:05


Tag 1211: Winchester

Es schneit! Es schneit! Kommt alle aus dem Haus!

25.04.2016 Heute erreichten wir die berühmte und beliebte Kathedralenstadt Winchester. Nicht, dass sie wirklich auf unserer Route gelegen hätte oder dass wir je geplant hätten, dorthin zu wandern. Aber nachdem wir gestern Abend ohnehin schon von unserem Weg abgewichen waren, so dass die Stadt nur noch zehn Kilometer von uns entfernt lag. Unsere Schlafstätte befand sich an einem Kreuzungspunkt. Von links nach rechts verlief die Hauptstraße, von unten nach oben der South-Downs-Way. Ehe wir uns also irgendwie notdürftig wieder aus dem Verkehrschaos hinaus friemelten, konnten wir auch einfach auf dem Wanderweg nach Winchester laufen. Vielleicht war es ja wirklich so schön, wie alle behaupteten. Auf die letzten fünf Kilometer konnten wir kaum mehr glauben, dass sich der Trip lohnen sollte, denn hier waren wir von Autobahnen und Bundesstraßen umzingelt und auch wenn wir über Felder wanderten, wirkte es, als marschierten wir mitten durch eine Industriepresse. Doch zu unserem Erstaunen war die Stadt selbst relativ ruhig. Es ist wirklich beeindruckend, wie viel Schall so ein Wohnhaus weg nimmt. Man sollte grundsätzlich immer Wohnhäuser entlang von Autobahnen bauen. Die sind bei weitem effektiver als jede Schallschutzmauer! Winchester selbst war auf ihre ganz eigene Art eine der skurrilsten und faszinierendsten Städte, die wir auf unserer Reise besucht haben. Die Stadt selbst hatte vieles, das sehenswert war, vor allem die Kathedrale und die Universität. Aber was sie besonders machte waren die Menschen, die aus den verschiedensten Anlässen lauter lustige Gewänder und Verkleidungen trugen. Klar, ich selbst trage ein Mönchsgewand, das jetzt auch wieder nicht so alltäglich ist, deshalb darf ich eigentlich nicht lästern, aber hier kamen schon viele Dinge zusammen, die trotzdem eine Erwähnung wert sind. Jetzt, da die Ferien vorbei sind, kamen uns heute auch die ersten Schüler in Schuluniformen entgegen. Am lustigsten waren die Kinder, die gerade auf dem Weg zum Cricket-Spielen waren. Diese Uniform ist der Knaller! Jeder trug einen Cricket-Schläger und einen Plastik-Hodenschutz in der Hand und einen grünen Hut auf dem Kopf. Der Rest erinnerte an eine Pfadfinderuniform. In jedem anderen Land der Welt würde man für ein solches Auftreten so gedisst und gemobbt werden, dass man wahrscheinlich noch am selben Tag die Schule wechseln würde. Hier in England hingegen galt es als cool. Die älteren Schüler trugen eine normale Schuluniform. Man kennt dieses Outfit bereits aus Filmen und von Bildern aber es ist trotzdem noch einmal seltsam, es in live zu sehen. Die Idee dahinter, zu sagen, dass man den Kindern eine Garderobe vorgibt um zu verhindern, dass sie sich zu sehr über ihre Mode definieren mag ja nicht schlecht sein, aber die Wahl der Uniform, die hier eingesetzt wird ist doch etwas Fragwürdig. Bei uns würden Eltern ihren Töchtern mit aller Wahrscheinlichkeit verbieten, so kurze Röcke mit halbdurchsichtigen Blusen anzuziehen, wenn sie aus dem Haus gehen. Hier werden sie dazu verpflichtet. Warum es so viele Pornos mit Schuluniformen gibt und warum hier die Zahl der Fälle in denen Mädchen auf dem Schulweg verschleppt oder zumindest belästigt werden so viel höher ist, ist kaum verwunderlich. Ebenso sehenswert waren die Mitarbeiter und Freiwilligen in der Kathedrale. Wenn man durch den Haupteingang ins innere Tritt, wird man zunächst von einem Mann im Anzug mit einem scharlachroten Umhang begrüßt, der einen ermahnt, möglichst leise zu sein. Dann geht man zwischen Roten Absperrbändern hindurch zu einem Informationsschalter Schrägstrich Kasse und, da man ja ein höflicher Mensch ist, spricht man den Mann dort leise und mit gedämpfter Stimme an. Dieser antwortet dann in voller Straßenunterhaltungslautstärke, wodurch jede weitere Zurückhaltung hinfällig wird. Zuvor hatten wir im Büro des Bischofs nach einer Unterkunft gefragt und waren mit der Begründung dass ausgerechnet heute leider Gäste anwesend wären, in die Kathedrale verwiesen worden. Meine Intention am Schalter war also weniger, etwas über die Kathedrale herauszufinden, sondern viel mehr nach einem Schlafplatz zu fragen. Deswegen achtete ich auch zunächst nicht auf das Schild das neben dem Mann stand und die Besucher darüber aufklärte, dass eine Besichtigung der Kirche 10Pfund kostete. Auch fand ich die Reaktion des Kassenwartes zunächst etwas seltsam, da er immer wieder „Ok!“ und „Kein Problem“ sagte, als ich ihm von unserem Projekt erzählte, noch ehe ich überhaupt zu meiner Frage kam. Im ersten Moment dachte ich, dass er zum Ausdruck bringen wollte, dass er persönlich kein Problem damit hatte, wenn jemand zu Fuß durch Europa wanderte. Erst später wurde mir klar, dass er mir damit erlaubte, kostenlos in die Kathedrale zu gehen. Nachdem er mir offenbart hatte, dass er in Sachen Schlafquartier nichts für uns tun konnte ging ich wie selbstverständlich hinein und erst dann wurde mir klar, dass wir uns gerade rund 26€ Eintritt gespart hatten. Gleich im Inneren der Kathedrale wurden wir von einer weiteren Dame begrüßt, die eine lustige rote Schärpe um den Hals trug. Sie war eine von rund zwanzig Freiwilligen, die in der Kirche Informationen und Führungen an die Touristen gaben. Wir selbst lehnten eine Führung ab und machten uns lieber selbst auf die Erkundungstour. Die Kathedrale von Winchester ist nicht einfach eine Kirche. Sie ist eines der epochalsten Bauwerke, die die Menschheit in den letzten Jahrtausenden erschaffen hat. Das kann man sagen. 13€ Eintritt sind aber trotzdem übertrieben und sie zeigen noch einmal, dass man in England weitaus mehr den Bogen raus hat, was Touristenabzocke betrifft, als in den meisten anderen Ländern. Der vordere Teil wirkte zunächst einmal wie eine ganz normale, überdimensionierte Kirche. Hinter dem Altar jedoch befand sich noch einmal ein ganz eigener Bereich, der Früher einmal für die Mönche reserviert war. Er erinnerte eher an einen Konferenz-Saal oder an die Säle in denen die Vereinten Nationen tagen. Jeder Platz hatte sein eigenes Pult und seine eigene Lampe und alle waren auf einen Sarg in der Mitte ausgerichtet. Warum ausgerechnet ein Sarg in der Mitte stehen musste weiß ich nicht. Vielleicht hatte man sonst keinen besseren Platz dafür gefunden, denn die Kirche war trotz ihrer gewaltigen Größe relativ vollgestellt mit Särgen, bzw. Sarkophagen. Jeder einzelne Mann, der seit dem Bau der Kathedrale Bischof von Winchester gewesen war, war hier in der Kathedrale beigesetzt worden. Neben seinem Grab stand jeweils eine kurze Inschrift mit Namen, Residenzzeitraum, weiteren Ämtern und Querverbindungen. Es gab keinen einzigen, der nicht gleichzeitig auch Teil der Königsfamilie oder eines anderen Adelsgeschlechtes mit Rang und Namen war. „Bruder von Henry dem 5.“, „Duke von Canterbury“, „Earl von Westminster“, und so weiter. Wie in Österreich hatte auch hier die Kirche viel weniger einen religiösen als einen politischen Stellenwert. Zumindest in den oberen Etagen. Das Zentrum von Winchester bestand aus einer Einkaufsmeile, die uns jedoch nur wenig einbrachte. Lediglich ein italienisches Restaurant half uns mit einer Pizza aus. Man kann über die Italiener sagen, was man will, aber egal wo auf der Welt man ihren Restaurants begegnen, man wird hier einfach nicht hungrig zurück gelassen. Wie wir bereits erwartet hatten stellte sich der Versuch einen Schlafplatz zu ergattern als erstaunlich hoffnungslos heraus. Weder das Touristenbüro noch das Büro der Kathedrale hatten irgendeine Idee, was man mit Pilgern anfangen könnte. Ein ziemlich tragisches Armutszeugnis, wenn ihr mich fragt. Jeden Tag kommen tausende von Besuchern in die Stadt, die alle mindestens 10Pfund in der Kathedrale lassen. Selbst wenn es am Tag nur 200 Menschen wären, was extrem niedrig angesetzt ist, wäre es noch immer eine dreiviertel Million im Jahr, die nur über den regulären Eintrittspreis erwirtschaftet wird. Vergleicht man dies noch einmal mit Lourdes, wo die Kirche umsonst besichtigt werden kann, werden hier schnell immense Unterschiede deutlich. Und trotzdem gibt es nicht einmal eine Idee, nicht einmal ein schäbiges Loch mit Matratzen in einem Keller, das man einem Pilger anbieten kann? Das ist schon etwas ärmlich, oder? Vor allem wo Winchester ja auch noch der Start- bzw. Endpunkt des South-Down-Ways ist. Wir verließen die Stadt und versuchten unser Glück in einem kleinen Ort etwas außerhalb. Hier bekamen wir zunächst von einem türkischen Restaurantbesitzer je einen Döner, der uns fast zum Platzen brachte und dann einen Schlafplatz im Kirchensaal. Der Pfarrer lud uns sogar zu sich zum Essen ein und wir konnten zum ersten Mal in England unsere Kleidung wieder waschen. Zuvor wurden wir noch eingeladen, uns bei einer Nachmittags-Aktiv-Gruppe für Menschen mit geistigen Behinderungen vorzustellen. Das Treffen fand gerade im Kirchensaal statt und die Leiterin hatte uns zuvor schon beim Döner-Essen gesehen. Es waren vier Teilnehmer und zwei Betreuer, die gerade gemeinsam Frühlingsbilder bastelten. Einer von ihnen war ein fröhlicher kleiner Mann mit Downsyndrom, der seine ganz eigene Art hatte, uns zu interviewen. Er war fasziniert vom zweiten Weltkrieg und als er hörte, dass wir aus Deutschland waren, war er überzeugt davon, dass er nun mit Augenzeugen des Geschehens sprechen konnte. Daraus entstanden einige lustige Situationen, die man so leider nur schwer wiedergeben kann. Ich: „...und dann sind wir weiter nach Polen gewandert...“ Tom: „Ah Polen! Wie war denn das, als ihr dort einmarschiert seid?“ Leiterin: „Nein nein, der Krieg ist vorbei, die beiden sind Wanderer und gehen zu Fuß!“ Tom: „Achso! Klar, Wandern...! Und wie war das mit den Panzern?“ Leiterin: (Dieser Teil funktioniert leider nur auf Englisch:) „No: Walk, not War“ (Wanderung nicht Krieg) Tom: „Achso! Walk! Ich verstehe! Und wie war das jetzt mit den Panzern?“ Das skurrilste Ereignis des Tages gab es jedoch erst kurz vor dem Abendessen. Aus heiterem Himmel fing es plötzlich an zu schneien. Am 25. April. Könnt ihr euch das vorstellen?
 
Spruch des Tages: Es schneit! Es schneit! Kommt alle aus dem Haus!
Höhenmeter: 120 m
Tagesetappe: 16 km
Gesamtstrecke: 22.224,27 km
Wetter: heiter bis wolkig und windig, zeitweilig Regen und Schnee
Etappenziel: Kirchensaal, Weeke bei Winchester, England

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Zuletzt aktualisiert am 2017-08-06 16:09:11


Tag 1210: Fernwanderwege in Südengland

Wer immer nur bekannte Wege geht, hinterlässt kein

24.04.2017 Heute war mal wieder etwas der Wurm drin. Gerade vor zwei Tagen haben wir einen neuen Plan aufgestellt mit neuen Projekten die höchste Priorität haben und dringend abgearbeitet werden müssen. Projekte, die eigentlich locker zu stemmen wären, wenn man pünktlich gegen Mittag ankommt und dann den Nachmittag für sich hat. Doch nachdem wir gestern bereits fast den ganzen Tag unterwegs waren wollte uns auch heute wieder kein zeitiges Ankommen gelingen. Der erste Pfarrer vertröstete uns damit, dass er alleine keine Entscheidung treffen dürfe und niemanden erreichen könne. Seine Worte zum Abschied waren: „Ich fürchte, ihr werdet unsere Kirche auf eure Liste mit schlechten Erfahrungen setzen müssen!“ Im zweiten Ort lief es etwas besser, doch anstatt wie gewohnt einen Platz in der Kirche oder im Kirchensaal zu bekommen wurde hier alles unnötig verkompliziert. Es sei schwierig, weil es keine Toiletten gäbe und man sich unsicher war, was die Versicherungen anbelangte. Stattdessen habe man aber einen guten Platz unweit von hier bei einer Farm gefunden. Dort gäbe es einen Raum, in dem wir übernachten könnten, eine Art Gästezimmer für Wanderer. Es sei kostenlos. Wahrscheinlich. Also höchst wahrscheinlich. Naja, also maximal würde man eine kleine Spende verlangen. Aber sicher nicht viel. Und es war ja auch gar nicht sicher, dass man überhaupt eine Spende wolle.... Am Ende beschloss ich, noch einmal vor Ort anzurufen und nachzufragen, um sicher zu gehen. Es war tatsächlich umsonst, wurde uns jedoch gleich am Telefon als „very basic“ also „sehr einfach“ beschrieben, wobei die Dame einen nicht überhörbaren Hauch von Scham in ihrer Stimme mitklingen ließ. Die letzten Male, als uns von Engländern Plätze als „very basic“ beschrieben worden waren, hatte es sich meist um Ruinen, Gerümpelkammern oder Garagen ohne festen Boden gehandelt. Wir waren also eher etwas skeptisch, ob der Platz wirklich das richtige für uns war. Doch eine Alternative schien es hier nicht zu geben und so ließen wir uns den weg beschreiben. „Es ist nicht weit! Vielleicht eine halbe Meile oder maximal eine Meile!“ war die Auskunft. „Ihr müsst nur hier die Straße entlang und dann auf der Hauptstraße rechts. Aber von dort aus dürfte es wirklich nicht viel mehr als eine halbe Meile sein!“ Unser Navigationsgerät sagte etwas anderes. Es waren gute 3 Kilometer, also mehr als zwei Meilen und der Großteil davon lag an der Hauptstraße. Schlimmer noch: Das Endziel lag an der Hauptstraße. Doch hier war nichts zu machen und da es immer später und später wurde machten wir uns lieber gleich auf den Weg. „Very basic“ war nicht übertrieben gewesen. Wir bekamen eine Kammer, die an einen leeren Stall oder eine leere Garage erinnerte. Es gab einen nackten Betonfußboden, nackte, weiße Steinwände mit einigen Postern daran, zwei Kühlschränke und ein Klo. Der Verkehrslärm drang noch immer von außen zu uns herein, aber deutlich leiser, als wir es befürchtet hatten. Die junge Frau, mit der ich bereits am Telefon gesprochen hatte begrüßte uns und zeigte uns unser Quartier. Es war ihr sichtlich peinlich, dass sie uns in diese Kammer führen musste und sie konnte gar nicht schnell und intensiv genug betonen, dass sie nicht hier lebe, sondern nur arbeite. Von ihr erfuhren wir auch, warum es in dieser Gegend so schwer war, einen Platz in der Kirche zu bekommen. Wir befanden uns nur wenige Kilometer entfernt von Winchester, einer alten Klosterstadt, die den Startpunkt des „South Down Ways“ markierte. Es war jener Wanderweg, auf den wir bereits gestern gestoßen waren und der zuvor immer parallel zu uns verlaufen war. Er war einer von sehr wenigen bekannten und begangenen Wanderwegen, die man überhaupt in Großbritannien finden konnte und dementsprechend zog er Jahr für Jahr viele Touristen an. Er war gewissermaßen der Jakobsweg von Großbritannien, nur ohne echte Infrastruktur. Diese Farm hier lag direkt am Weg und hatte irgendwann einmal damit begonnen, Wanderer und Pilger gegen eine kleine Spende in diesem Raum nächtigen zu lassen. Fast immer waren es die verlorenen Seelen, die hier hängen blieben. Pilger, die sich vertrödelt oder verlaufen hatten, die ihre Zeit falsch kalkulierten, die in heftige Unwetter geraten waren oder deren Füße gleich zu Beginn der Reise so sehr von Blasen gequält wurden, dass sie kaum mehr gehen konnten. Über die Zeit hinweg hatte sich das System eingebürgert und so wurde einfach jeder, der in der Umgebung irgendeine Form von Übernachtungsmöglichkeit brauchte hier her abgeschoben. Die Kirche und auch die Ortsgemeinde selbst waren ihre Sorgen damit vollkommen los und der Hof profitierte davon, das hin und wieder Geld für einen ansonsten ungenutzten und nutzlosen Raum abfiel. Hätte uns der Kirchenverwalter nun in der Kirche schlafen lassen, hätte er die Tradition gebrochen und damit Tür und Tor für andere Pilger und Wanderer geöffnet, die vielleicht ebenfalls die Kirche einem schäbigen Raum neben der Autobahn vorzogen. Es war ihm also lieber, seine Scham über die Lösung mit einem 10Pfund-Schein abzuarbeiten, die er uns zum Abschied gab, als uns die Unterstützung zu bieten, um die wir ihn eigentlich gebeten hatten. Kurz nachdem wir uns mit dem Raum arrangiert und uns hier einigermaßen eingerichtet hatten, klopfte es an unsere Tür. Die Gastgeberin erschien mit einer weiteren Frau, die sie widerwillig als ihre Mutter vorstellte. Durch diese Vorstellung musste sie nun zugeben, dass sie nicht einfach eine Angestellte, sondern die Tochter der Hofbesitzer war und das war ihr ganz und gar nicht Recht. Ihre Mutter hingegen hatte kein Problem mit der Unterkunft die sie ihren Gästen stellte. Sie war nicht wirklich freundlich oder sympathisch, aber ganz im Englischen Stil äußerst höflich. Dazu gehörte auch, dass sie uns einige Hühnereier Anbot, die sie gerade aus den Stallungen geholt hatte. „Nehmt aber nicht zu viele! Ein oder zwei pro Person sind in Ordnung!“ fügte sie hinzu, als ihr auffiel, dass man ihre Höflichkeitsgeste missverstehen konnte und zu tief in den Eimer griff, den sie uns hinhielt. Unsere Gastgeberin von gestern Abend und heute Morgen hatte gar nicht aufhören können, uns immer mehr und noch mehr zu schenken. „Nehmt nur! Nehmt nur! Wir haben eh viel zu viel davon!“ hatte sie immer wieder gesagt und das, obwohl die Familie alles andere als Wohlhabend gewesen war. Hier wo tatsächlich ein schier unerschöpflicher Überfluss an Eiern herrschte, wurde streng darauf geachtet, dass nicht zu viele davon verschenkt wurden. So unterschiedlich kann es sein. Eine weitere halbe Stunde später kam ein Wanderer mit einem großen Rucksack in Begleitung der Tochter an unsere Tür. Er würde ebenfalls hier halt machen, dabei jedoch in einem Zelt schlafen. Lediglich die Toilette würde er gerne einmal benutzen. Für uns blieb der Trubel um den Wanderweg ein Rätsel. Wie kam ein Mann wie unser Zeltnachbar darauf, ausgerechnet an so einer Stelle zu campen? Hier im Raum war es unangenehm laut, wie sollte es erst draußen sein? Und warum suchte er sich nicht irgendeinen der unzähligen schönen Flecken, die entlang des Weges lagen? Noch mehr beschäftigte uns aber der Weg selbst. Großbritannien war übersät mit kleinen Wanderwegen und Trampelpfaden. Wieso also war gerade dieser hier berühmt geworden und alle anderen nicht? Und wieder wurde der Weg, wenn er schon berühmt war, nicht zumindest soweit ausgebaut, dass man ihn mit Kinderwägen oder Pilgertrollies nutzen konnte? War es nicht verblüffend, wie sehr wir Menschen offen für Gleichschaltung und Vorgaben waren? Anstatt frei durch die Lande zu ziehen halten wir uns an den einen Weg, der bekannt ist. Nicht weil er schöner ist als alle anderen, weil man hier besser gehen kann oder weil es sicherer ist, dass man eine Unterkunft bekommt. Nein, einfach weil es viele gibt, die ihn wandern. Ich finde, das beschreibt unsere Lemming-Mentalität noch einmal sehr deutlich. Zeitschriften wie der Spiegel oder der Stern bringen keine Artikel mit „Die besten und ausgefallensten Bücher des Jahres“ heraus. Sie schreiben Listen mit „Bestsellern“, also mit den Büchern, die am meisten verkauft wurden. Und wir reagieren darauf und machen mit. Wir kaufen uns das Buch nicht, weil wir den Autor mögen oder weil der Inhalt so faszinierend, interessant oder originell ist, sondern weil alle anderen das Buch auch gekauft haben. Wir kleiden uns nicht nach dem, was uns am besten gefällt oder was am stärksten zu uns passt. Wir kleiden uns nach dem, was gerade „Mode“ und somit angesagt und beliebt ist. Und selbst wenn wir wandern gehen, gehen wir nicht dorthin, wo es uns gefällt, sondern dorthin, wo alle wandern gehen.
 
Spruch des Tages: Wer immer nur bekannte Wege geht, hinterlässt keine eigenen Fußspuren.
Höhenmeter: 360 m
Tagesetappe: 23 km
Gesamtstrecke: 22.208,27 km
Wetter: heiter bis wolkig und windig
Etappenziel: Gästekammer in einer Farm, 3km südlich von Cheriton

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Zuletzt aktualisiert am 2017-08-06 16:08:13


Tag 1209: South Downs Way

Nicht alle Pilgerwege führen nach Santiago

23.04.2016 Langsam wird es wieder ruhiger und die Phasen in denen wir dem Verkehr nicht ausweichen können werden kürzer. Auch die Zahl der Tiere, denen wir begegnen nimmt deutlich zu. Um Ostern herum haben wir passender Weise viele Kaninchen und Feldhasen gesehen, die über die saftig grünen Felder hoppelten. Heute begegneten wir mehreren Eichhörnchen, die jedoch weniger wie die Eichhörnchen aussahen, die man bei uns findet, sondern eher an amerikanische Chipmonks erinnerten. Fasanen begegnen wir täglich rund ein Dutzend Mal und auch Rehe und Hirsche kreuzen immer wieder unseren Weg. Vor zwei Tagen haben wir sogar einen Fuchs gesehen, der vor uns auf dem Weg saß und uns erwartungsvoll anschaute. Unsere Wanderung wurde etwas länger als gedacht, da die erste Kirche, an die wir kamen so klein war, dass sie sich zum Übernachten nicht wirklich eignete. Die zweite Hälfte des Weges setzten wir dann auf dem sogenannten „South Downs Way“ fort, einem uralten Pilgerweg, der oben auf dem Kamm der Dünen von Winchester bis Dover führt. Es war kaum eine Stunde, dass wir diesen Weg nutzten und doch trafen wir hier auf mehr Wanderer und Pilger, als im ganzen letzten Jahr. Ein Mann mit Kopfhörern und Minirucksack eilte an uns vorbei, alle anderen kamen uns entgegen. Darunter war eine Pfadfindergruppe, deren Teilnehmer so unmotiviert aussahen, als gingen sie geradewegs auf ihre eigene Beerdigung zu, eine Frau aus London, die nach zwei Tagen so große Blasen an den Füßen hatte, dass sie am liebsten jetzt schon wieder heim wollte und ein sportlicher Wanderer, der unser Projekt mit 10 Pfund unterstützte. Gegen vier Uhr erreichten wir Buriton, einen kleinen Ort mit einer hübschen Kirche, in der gerade ein Konzert stattfand. Als ich mich auf die Suche nach dem Pfarrer oder in diesem Fall der Pfarrerin machen wollte, wurde ich von einer quirligen Frau und ihrer Tochter angesprochen, die uns voller Begeisterung zu sich nach hause einluden. Die Frau hieß Melissa und war begeistert davon, einen echten Pilger zu treffen, der dann auch noch ohne Geld unterwegs war. Sie selbst war Pilgerin und hier in England bedeutete dies noch immer, dass man sich damit wirklich auf eine Glaubensreise begab. Sie erzählte uns von einem Buch, das sie sehr inspiriert hatte und in dem es um einen Mann ging, der ähnlich wie wir, alle heiligen Orte der Welt zu Fuß und ohne Geld bewanderte, um damit für eine gute Sache einzutreten. Unsere Gastgeber lebten zu viert in einer relativ kleinen Wohnung, in die sie gerade erst neu eingezogen waren, weshalb wir beschlossen, nach Ende des Kirchenkonzerts doch wieder in die Kirche umzuziehen. Bis dahin konnten wir jedoch die Küche und das Internet zum Arbeiten nutzen, bekamen ein Abendessen und Heiko bekam sogar ein neues Hemd als Ersatz für sein altes zerrissenes.
 
Spruch des Tages: Nicht alle Pilgerwege führen nach Santiago
Höhenmeter: 160 m
Tagesetappe: 22 km
Gesamtstrecke: 22.185,27 km
Wetter: heiter bis wolkig und windig
Etappenziel: Kirche, Buriton GU31 5RT, England

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Zuletzt aktualisiert am 2017-08-02 10:40:20


Tag 1208: Eliteschulen

Hier entsteht also die Elite von morgen.

21.04.2017 Heute konnten wir der Küste nun vorerst wieder den Rücken zuwenden und uns ins Landesinnere zurückziehen. Es reichten bereits ein paar Meter in die Dünen hinein und schon befanden wir uns wieder in einer vollkommen neuen Welt. Wir wanderten durch grüne Wiesen und entlang kleiner, einsamer Straßen, die nicht den Anschein machten, als würden sie ein paar Kilometer weiter ins Getümmel der Uferstädte führen. Nur der Fluglärm zerstörte die Idylle noch immer, denn die Flieger flogen hier etwa im Vierminutentakt über unsere Köpfe hinweg. Für einen großen Teil unserer Strecke gab es keine Straßen sondern nur die Trampelpfade und kleinere Feldwege. Landschaftlich waren beide wunderschön gelegen, aber mit unseren Wagen waren sie leider kaum passierbar. Mehrere Male mussten wir unser Gepäck über Zäune, Gatter und Brücken hieven, ehe wir wieder festen Boden unter den Füßen hatten. Wenig später mussten wir dann noch ein weiteres Mal eine Hauptstraße kreuzen und etwa 400m an ihr entlang wandern. Es war keine große Straße sondern eine ganz gewöhnliche Landstraße und doch war sie stärker befahren als manche Autobahn in Deutschland. Heiko zählte mit. Von dem Punkt an, an dem wir die Straße betraten bis zu dem Moment an dem wir sie nach 400m wieder verließen waren es genau 101 Auto, das an uns vorüber fuhr. Wo kamen all diese Leute her und wo wollten sie hin, wenn es doch in beide Richtungen nur winzige Dörfer gab? Zum Übernachten kehrten wir heute wieder zu unserer alten Englischen Tradition zurück und bauten unser Lager in einer 1000 jährigen Kirche in einem winzigen Ort auf. Es ist unsere rustikalste Kirche bislang, denn wir haben weder ein Klo noch einen Wasserhahn. Dafür bekamen wir aber von unserem Pfarrer zwei riesige Tüten mit Essen und gerade vor einer Minute kam der Kirchenverwalter und drehte uns die Heizung an, damit wir nicht die ganze Nacht durchfrieren müssen. Hogwarts 22.04.2017 Ich weiß, wir haben Harry Potter in den letzten Tagen schon einige Male erwähnt, aber heute git es noch einmal wieder einen ganz besonderen Anlass dafür. Auf unserem Weg kamen wir zufällig mitten durch eine Privatschule, die der Schule aus den Zauberbüchern erstaunlich ähnlich war. Es war kein Schloss wie bei Harry Potter und es gab auch keine fliegenden Hexen und Zauberer, die über unseren Köpfen schwebten. Aber das waren dann auch schon so ziemlich alle Unterschiede. Selbst das Wappen der Schule ähnelte dem von Hogwarts und es setzte sich genau wie in den Büchern aus mehreren Einzelwappen zusammen, die jeweils für ein Haus innerhalb der Schulgemeinde standen. Das Internat war ein weitläufiger Komplex, der sich über eine Strecke von fast vier Kilometern erstreckte und aus verschiedenen Einzelgebäuden bestand. Die meisten von ihren waren mittelalterliche Bauten, wie gesagt, keine Schlösser, aber Villen und Gutshäuser. Unten im Tal gab es keinen Quidditch-Platz, aber ein astrein gepflegtes Areal für Cricket, Tennis und Polo. Dahinter befanden sich die Häuser für die Lehrer und seitlich die Wohnanlagen für die Schüler. Das Haupthaus ähnelte dem Schulgebäude von X-Men und es war klar, dass man hier nicht zur Schule gehen konnte, wenn man keine betuchten und einflussreichen Eltern hatte. Wer solche Schulen in seiner Umgebung hatte, brauchte nicht viel Phantasie um sich Hogwarts auszudenken. Hier wurden natürlich keine Zauberer ausgebildet, dafür aber die Elite, die unsere Welt regiert. Das Konzept dahinter war genial. Man erschuf einen Ort, der so speziell war, dass jeder dort zur Schule gehen wollte. Dann sorgte man dafür, dass nur wenige wirklich in den Genuss kamen und achtete darauf, dass diese Grundsätzlich die besten Positionen in unserem Wirtschaftssystem bekamen. Und schon konnte man alles Kontrollieren. Man bestimmte wer an die Macht kam und man bestimmte, was er für eine Weltsicht hatte, indem man ihn genau nach den eigenen Vorstellungen ausbildete. Bislang war all dies für uns nur eine Theorie, aber jetzt vor einem solchen Elite-Lernzentrum zu stehen, zeigte noch einmal deutlich, dass es keine Hirngespinste waren.
 
Spruch des Tages: Hier entsteht also die Elite von morgen.
Höhenmeter: 55 m
Tagesetappe: 16 km
Gesamtstrecke: 22.163,27 km
Wetter: heiter bis wolkig und windig
Etappenziel: Kirche, GU28 0NB East Lavington, England

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Zuletzt aktualisiert am 2017-08-02 10:38:52


Tag 1207: Arundel

Nicht alles, was Touristen anzieht ist auch wirkli

20.04.2016 Zunächst möchten wir uns an dieser Stelle ganz herzlich bei Jocely Bolton für die Spende bedanken! Als ich mit den ersten Sonnenstrahlen erwachte, spürte ich, dass meine Brust nass und leicht klebrig war. Sofort hatte ich Qunentins Worte im Ohr: „Sorg dafür, dass die Narben stets trocken bleiben, damit sie gut verheilen können.“ Leicht beunruhigt stand ich auf und ging ins Bad, wo es so kalt war, dass ich gleich erst einmal zu Zittern begann. Mein Unterhemd klebte leicht an den Wunden, aber als ich es ausgezogen hatte um mir alles noch einmal genauer anzusehen wirkte es bei weitem nicht so schlimm, wie ich es mir in meiner Fantasie vorgestellt hatte.Die unteren Linien waren in bester Ordnung, nur im oberen Bereich, also in dem, der mit den Kordeln zu meiner Mutter verbunden war, trat etwas klare Flüssigkeit aus. Nichts, das nicht mit einigen Tupfern von Quentins Wunderlotion behoben werden konnte. Da war Heikos Leiden schon um einiges heftiger, denn er erwachte mit derart starken Nackenschmerzen, dass er kaum noch seinen Kopf drehen konnte. Auch bei ihm hatte es mit einem Heilungsprozess zu tun, doch worum es genau ging, konnten wir noch nicht ausmachen. Bevor wir aufbrachen sprachen wir noch gemeinsam mit dem Pfarrer ein Dankesgebet, er dafür, dass wir seine Gäste waren und wir dafür, dass wir so gut aufgenommen wurden. Dann gab es noch ein Abschiedsfoto und wir brachen auf, um unseren Weg nach Arundel zu finden. Gestern hatten wir bereits eine kleine Runde durch den Ort gedreht und waren dabei auch am Strand gelandet. Die Straßen dorthin waren ruhig und man konnte angenehm an ihnen entlang wandern. Heute jedoch waren die gleichen Straßen fast unpassierbar, so stark hatte der Verkehr hier zugenommen. Es gab wirklich Stoßzeiten, in denen man sich in diesem Land vor Autos nicht retten konnte, egal wohin man auch trat. Zum Glück zeigte uns unsere neue Wanderkarten-Errungenschaft einen Fußweg durch einen Park an, mit dem wir uns relativ gut durch den Ort bis nach Littlehampton schlängeln konnten. Dort machten wir in einer Einkaufsmeile Halt, in der es wieder die gleichen Fastfood-Ketten gab, wie zuvor in Rustington, Goring und Worthing. Man kann über England sagen was man will, aber ihre Fastfood-Kultur haben sie perfektioniert. Nirgendwo sonst in Europa, trifft das Wort „Industrienahrung“ den Nagel so sehr auf den Kopf wie hier. Und das sagen wir, nachdem wir aus dem Dosen-Futter-Paradies Frankreich kommen. In diesem Fall gab es neben Dominos Pizza, Kentucky fried Chicken, McDonnalds, Starbucks und dem örtlichen Fish`n`Chips-Vertreter jedoch auch einen kleinen Laden, der Milchshakes und Smoothies verkaufte. Auch dies war noch immer Industrienahrung, denn ein Smoothie bestand aus einer fertig abgepackten Plastiktüte mit gefrorenem Obst, die in einen Mixer geworfen wurde. Aber es war immerhin schon einmal Obst. Die beiden Ladeninhaber waren freundliche Menschen, wenngleich mir ein Rätsel war, wie Sie auf diese Geschäftsidee gekommen waren. Wann immer ein Kunde den Laden betrat bedeutete dies, dass man für rund zwei Minuten einen Mixer betätigen musste, der in etwa so laut schrie wie ein Presslufthammer. Vorne im Laden saß in ihrem Kinderstuhl die kleine zweijährige Tochter der Smoothie-Verkäufer und presste sich jedes Mal die Hände auf die Ohren, wenn die Geräte ihre Arbeit aufnahmen. Ich war kurz davor, es ihr gleich zu tun. Das Ergebnis allerdings, das musste man ihnen lassen, war definitiv nicht von schlechten Eltern! Nach einem kurzen Spaziergang auf der Hafenpromenade überquerten wir eine Brücke und mussten von da an wieder einmal einer Hauptstraße folgen, die nach Angaben der Einheimischen „nicht allzu befahren“ sein sollte. Unsere Ansicht darüber war jedoch etwas anders, denn obwohl hier tatsächlich nicht ganz so viele Autos unterwegs waren, wie auf der Bundesstraße, folgten die Stoßstangen doch dicht aufeinander. Für uns war klar, dass wir so schnell wie möglich wieder abgehen wollten, auch wenn dass bedeutete, dass wir einen holprigen Pfad am Flussufer entlang nehmen mussten. Doch zunächst wollte man uns nicht abbiegen lassen, denn dazu hätten wir mitten durch einen Gefängniskomplex gemusst. Nicht das dies nicht möglich gewesen wäre, denn der Sicherheitsstandart schien erstaunlich gering zu sein, aber die Wächter hätten es wohl nicht allzu gerne gesehen. Auch das Schild mit den Aufklährungshinweisen darüber, wie viele Jahre man selbst hier einsitzen musste, wenn man einem Gefangenen zur Flucht verhalf oder ihm auch nur ein Handy zusteckte hielten uns davon ab. Wer so strenge Regeln hatte war sicher auch nicht gut darauf zu sprechen, wenn jemand in ihr Gefängnis ein- und wieder ausbrach, mit der Begründung, er wolle nur kurz zum Fluss, weil die Straße zu laut sei. Das Gefängnis selbst hingegen war kaum ernst zu nehmen. Es hatte einige Mauern, die man mit ein klein wenig Fitness problemlos überwinden konnte und auf deren Spitze nicht einmal richtiger Stacheldraht angebracht war. Die meisten Gefangenen liefen aber ohnehin frei herum, kümmerten sich um die Beete, reinigten die Straßen und befüllten den Farmladen, der zum gefängniseigenen Bauernhof gehörte. Direkt hinter dem Gefängnis begann eine Reihe mit Wohnhäusern, die ebenfalls direkt an der Hauptstraße lag. Anders als die Gefangenen hatten die Anwohner jedoch keine dicke Steinmauer, die sie vom Straßenlärm abschirmte, womit ihre Wohnqualität noch einmal bedeutend schlechter sein musste, als die der Inhaftierten. Noch ein paar Meter weiter kam dann ein Campingplatz mit einer großen Fläche für Dauercamper und einem eigenen Bungalow-Park. Gab es einen Weg, um das Konzept eines Camping-Mobils, das eigentlich unter dem Motto „Leb, wo immer du willst!“ stehen sollte, noch weiter zu parodieren, als sein mobiles Heim fest an einer Hauptstraße neben einem Gefängnis zu plazieren? Vom Campingplatz aus gelangten wir jedoch zurück an den Fluss, wo uns nun eine knapp zweistündige Holperfahrt über Stock und Stein erwartete, bis wir Arundel erreichten. Ganz ohne Schwitzen kam ich dabei nicht aus, aber das war in Ordnung und die Strecke war trotz ihrer Anstrengung bei weitem angenehmer als der Weg entlang der Hauptstraße. Von Aruntel wurde uns in den letzten Tagen bereits sehr viel vorgeschwärmt. Es war Sitz des Katholischen Bischofs und verfügte über ein beeindruckendes Schloss und eine beeindruckende Kathedrale. Außerdem gab es einige nette Anekdoten, wie beispielsweise, dass die heutige Kirche der evangelischen „Church of England“ noch immer eine Katholische Kapelle besaß. Der „Earl of Arundel“, der diese Stadt und das dazugehörige Umland einst regiert hatte, war katholisch gewesen und viele seiner Familienmitglieder waren in dieser Kapelle beigesetzt. Nachdem die Kirche dann evangelisch wurde, sorgte er dafür, dass seine Grabkapelle auch weiterhin katholisch blieb, wodurch ungewollt eine oekumenische Kirche entstand, lange bevor irgendjemand auch nur über solche Dinge nachdachte. Genau in dieser Kirche wurden wir nun erwartet, da unser Pfarrer aus Rellington unsere Ankunft bereits angekündigt hatte. Von weitem hatte die Stadt wirklich beeindruckend und schön ausgesehen, doch als wir sie schließlich erreichten, waren wir zunächst wieder vom Verkehrsaufkommen und dem damit verbundenen Lärm entsetzt. Es schien, als dürfte es keine Ruhe mehr auf dieser Welt geben. Und selbst, wenn einmal für einen Moment das Autoaufkommen nachließ, wurde es nicht leise, denn dann kam sofort ein Rasenmäher, eine Bohrmaschine oder ein anderes nerviges Gerät. Die alten Gebäude und auch die Souvenir- und Einkaufsmeile waren hübsch anzusehen und das Schloss im Hintergrund gab eine beeindruckende Kulisse ab. Doch man konnte es leider nicht richtig genießen, weil es keinen beruhigten Bereich und keine Fußgängerzonen gab. Selbst in den Kirchen hörte man noch, wie draußen die Autos vorbeischossen. Unsere Kontaktperson im Sekretariat der englischen Kirche hieß Fiona und sie machte uns gleich zur Begrüßung erst einmal einen Teller Suppe. Dann setzte sie alles daran, uns einen Schlafplatz zu organisieren, denn hier in der Kirche war es dieses Mal nicht so einfach möglich. Dazu war das Dorf bei weitem zu touristisch und zu überlaufen. Im Minutentakt strömten Besucher durch die Tore herein um sich umzuschauen. Für arbeitende Pilger war da wenig Platz. Wir nutzten die Zeit, die Fiona für die Organisation brauchte, um eine kleine Runde durch die Stadt zu drehen. Hinter der Kirche gab es einen Park mit einigen Türmen darin, der an seinem hinteren Ende steil zu einem See hin abfiel. Ein schmaler Pfad führte herab und Heiko stolperte gleich zwei Mal hintereinander über spitze Steine, ehe er sich an den Weg gewöhnte. Gerade wollte ich seinen zweiten Stolperer noch kommentieren, als ich auch schon selbst an einem dritten Stein hängen blieb und ebenfalls fast nach vorne überkippte. Um mich abzufangen spannte ich ruckartig alle Bauchmuskeln an und bereute es sofort wieder. Ein stechender Schmerz zuckte durch meine Bauchdecke, denn darauf waren die vielen kleinen Wunden nicht eingestellt gewesen. Außer einem kurzen Schmerzhaften Moment passierte aber nichts weiter. Der Abstieg wurde recht abenteuerlich, da es fast senkrecht hinunter ging und der Boden auch noch locker und rutschig war. Die meisten außer uns selbst, die diesen Hang hinab oder hinauf stiegen waren kleine Kinder, die hier spielten. In diesem Moment spürte ich noch einmal deutlich, wie die Matrix bei mir funktionierte. An und für sich hätte der Abstieg Spaß machen können und wenn ich mich hätte entspannen können, wäre ich mit spielerischer Leichtigkeit unten angekommen. Doch der kurze Schreckmoment oberhalb des Hanges reichte aus, um mich so sehr in Angst zu versetzten, dass ich mich den Rest des Berges hinunter tastete, wie ein neunzigjähriger Mann. Ich musste kein einziges Mal mehr stolpern, allein die Angst davor, dass etwas passieren könnte reichte aus, um mich komplett verspannen und verkrampfen zu lassen. Unten am See erwartete uns dann eine wahre Menschentraube, die hier ihre Osterferien verbrachte. Paare ruderten als romantisches Erlebnis über den See, Kinder spielten an den Klippen oder am Ufer, Familien gingen spazieren. Die Straße hinter dem Park war bis zum Ende zugeparkt. So ganz verstehen konnten wir den Trubel nicht. Klar, der Park und auch das Schloss und die Kathedrale waren schön, aber auch wieder nicht so spektakulär, dass man deswegen so ein Aufhebens machen musste. Nichts war wirklich etwas besonderes, das man nicht auch an vielen anderen Orten in ähnlicher Form sehen konnte. Und dies wahrscheinlich in deutlich ruhigerer und angenehmerer Atmosphäre, als es hier möglich war. Was man allerdings sagen musste war, dass alles perfekt gepflegt wurde. In der Kirche gab es kein Staubkorn, das nicht da lag, wo es liegen sollte. So gut gepflegte Gebäude hatten wir bislang nur in Monaco gesehen. Nach unserer Rückkehr eröffnete uns Fiona, dass sie Erfolg gehabt hatte. Alle Familien, die normalerweise Gäste aufnahmen waren im Urlaub oder anderweitig beschäftigt, aber sie hatte uns einen Platz in einem Clarissen-Kloster organisieren können. Es lag auf der anderen Seite des Tals auf einem Hügel und man musste knapp eine Viertelstunde an der Hauptstraße entlang wandern, aber dann fanden wir dort einen angenehmen, ruhigen und entspannten Platz.
 
Spruch des Tages: Nicht alles, was Touristen anzieht ist auch wirklich schön
Höhenmeter: 55 m
Tagesetappe: 16 km
Gesamtstrecke: 22.163,27 km
Wetter: heiter bis wolkig und windig
Etappenziel: Kirche, Bury RH20 1PB, England

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Zuletzt aktualisiert am 2017-08-02 10:37:35


Tag 1206: Auf holprigen Pfaden

Soviel also zum Thema „Ich lasses es langsam angeh

19.04.2017 Eigentlich war geplant, dass ich den ersten Tag nach meinem Branding eher etwas ruhiger angehe und nicht gleich volle Power wieder durchstarte. Ganz hat das natürlich nicht funktioniert, wie es mit Plänen nun einmal so üblich ist. Dabei sah es in der Früh sogar kurzzeitig so aus, als würden wir überhaupt nicht los wandern, denn unsere Freunde von der Glockengruppe hatten es geschafft, uns in der Kirche einzusperren. Das Problem war, dass das Eingangstor zwei Schlösser hatte, wir aber nur für eines davon den Schlüssel besaßen. Es gab also nur zwei Möglichkeiten. Entweder, wir erreichten jemanden, der uns befreite, oder wir fanden einen anderen Ausgang. Während ich erfolglos versuchte, den Kirchenverwalter und den Pfarrer anzurufen, machte sich Heiko auf die Suche nach Seitenausgängen und wurde schließlich fündig. Wir folgten der Beschreibung, die uns der Pfarrer nach Rustington gegeben hatte, wo wir ebenfalls wieder vom Pfarrer erwartet wurden. Da die normalen Straßen in dieser Region fast immer Hauptstraßen waren, versuchten wir es heute einmal mit einem „Footpass“ also einem öffentlichen Trampelpfad, wie wir ihn schon des öfteren gesehen hatten. Dabei verliefen wir uns prompt erst einmal in einem Streichelzoo. Ich weiß, das mag jetzt komisch klingen, aber so war es tatsächlich. An einer unübersichtlichen Stelle auf einer Wiese ein bisschen zu spät abgebogen und schon fanden wir uns zwischen Schweinen, Eseln, Kaninchen und Schafen wieder, die uns erwartungsvoll anschauten und nach etwas zum Essen bettelten. Kurz darauf standen wir wieder auf dem richtigen Weg und vor dem nächsten Problem. Denn der Pfad führte über eine Brücke und die war so schmal, dass man sie mit unseren Wagen nicht passieren konnte. Anstatt die ersten Tage nach dem Ritual also ruhig anzugehen und alles in Frieden verheilen zu lassen, begann ich den ersten Tag also gleich einmal damit, zwei 60kg-Wagen über eine wackelige, schmale Holzbrücke zu tragen. Na gut, bei mir kamen jeweils natürlich nur 30kg an, da Heiko ja die andere Hälfte trug, aber ganz im Sinne des Erfinders war es trotzdem nicht. Am Morgen hatte ich mir beim Einpacken des Wagens noch Gedanken über jede einzelne Bewegung gemacht und nun wuchtete ich ihn gleich als ganzes herum. Und weil das noch nicht reichte, kamen wir am Ende des Weges an ein Tor, das ebenfalls zu schmal war, so dass wir die Wagen ein weiteres Mal tragen mussten. Dieses Mal durch ein Brennnesselfeld und anschließend über einen Zaun. Immerhin weiß ich nun, dass ich weit weniger vorsichtig mit meinen Bewegungen sein muss als ich zunächst dachte, wenn wenn das nicht geschadet hat, schadet alles andere auch nicht. Der Pfarrer war ein freundlicher, höflicher und sehr zuvorkommender Mann, der einfach das Gefühl nicht losbekam, noch immer nicht genug für uns getan zu haben, egal wie oft wir ihm auch versicherten, das wir bestens versorgt waren. Er spendierte uns eine große Portion Fish and Chips für den Abend, die wieder einmal dazu führte, dass wir uns ins Bett kugeln mussten. Die Sache mit dem essen hier in England ist wieder einmal etwas spezieller als wir dachten. Es ist nicht so, dass man nichts bekommt oder dass es nicht schmeckt. Es ist nur alles so fettig und schwer verdaulich, dass man nach jeder Mahlzeit das Gefühl hat, man habe Backsteine im Bauch. Die Kirche, die heute unser Zuhause wurde, war die modernste und bestrenovierteste, die wir auf unserer gesamten Reise gesehen haben. Es gab nicht nur ein voll funktionsfähiges Entertainmentsystem, mit automatisch ausfahrbarer Leinwand über dem Altar, Beamer, angepasstem Saallicht und 5.0-Dolby-Digital-Surround-Anlage, sondern auch ein funktionierendes w-LAN mitten in der Kirche, das wir nutzen konnten. Lediglich das Licht hatte einige Haken. Es war wie alles andere auch nicht über einfache Schalter sondern über ein Computer-Display steuerbar und so komplex, dass nicht einmal der Pfarrer genau wusste, wie es funktionierte. Fakt war nur, dass man die Kirche im Handumdrehen in eine Disco mit Stroboskoplicht verwandeln konnte, wenn man auf den falschen Taster drückte. „Wenn das passiert“, meinte er nur, „müsst ihr euch keine Sorgen machen, denn das passiert ständig. Schaltet einfach einmal alles aus und wieder an, dann müsste es in der Regel wieder funktionieren!“ Rustington, das merkte man deutlich, war ein Residenzort für Rentner mit dem nötigen Kleingeld, die sich vornehmlich aus London zurückzogen. Es gab ganze Ortsteile, die für Nichtanwohner gesperrt waren und viele Altersgerechte Wohnungen mit Blick aufs Meer. Anders als in Worthing führte hier auch die Hauptstraße zumindest zu großen Teilen nicht direkt am Meer entlang, sondern verlief weiter im Landesinneren, während die Apartmenthäuser direkt am Strand lagen. Am meisten spürte man es aber an der Kirche selbst. Nicht nur, dass sie merklich weitaus mehr Spendengelder zur Verfügung hatte als üblich, sie bot auch ein weitaus größeres Aktivitäten- und Animationsprogramm als die meisten anderen Kirchen. Der Kirchensaal war fast rund um die Uhr belegt und nicht einmal der Pfarrer hatte mehr einen Überblick darüber, was wann wo los war.
 
Spruch des Tages: Soviel also zum Thema „Ich lasses es langsam angehen“
Höhenmeter: 75 m
Tagesetappe: 15 km
Gesamtstrecke: 22.147,27 km
Wetter: heiter bis wolkig und windig
Etappenziel: Klarissenkloster, BN18 Arundel, England

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Zuletzt aktualisiert am 2017-08-02 10:36:15


Tag 1205: Rituelles Branding

All the pain is just an illusion!

18.04.2017 Nun war er gekommen, der Tag X, der seit so vielen Monaten als graue, wolkenartige Gestalt in der Zukunft gelegen hatte und in mir stets so gemischte Gefühle auslöste. Nun da das Branding so kurz bevor stand, war ich nervös aber gefasst. Es war keine Panik in mir, eher so etwas wie Lampenfieber. Wir wanderten erst ein Stück am Strand entlang und schlugen dann in eine Straße mit kleinen Geschäften ein, um ein Frühstück zu ergattern. Appetit hatte ich also noch. Das Studio Quentins Tattoo- und Piercingstudio trug den Namen „Kalima Emporium“ und lag zentral in der Innenstadt. Es machte einen sehr einladenden und seriösen Eindruck und schien für ein solches Ritual auf den ersten Blick der richtige Ort zu sein. Anders als die meisten Studios dieser Art verzichtete es auf die Darstellung von brennenden Totenschädeln und ähnlichem als Zeichen dafür, dass man sich hier besonders hart und männlich fühlen durfte, auch wenn man es nicht war. Stattdessen war es eher im indischen Stil gehalten und legte seinen Fokus bereits visuell auf rituelle Arbeiten, die einge gewisse Tiefe hatten. Später erzählte uns Quentin, dass es durchaus vor kam, dass er Kunden abwies, wenn er das Gefühl hatte, dass sie sich ein rituelles Motiv stechen lassen wollen, ohne einen Bezug dazu zu haben. Wenn jemand rein optisch eine Körperveränderung haben wollte, ohne dass es dahinter eine Tiefe oder eine Bedeutung gab, dann war das seine Sache. Aber kraftvolle und bedeutsame Symbole und Zeichen aufzubringen, die für die betreffende Person nur ein optisches Gadget waren, dahinter konnte er nicht stehen. Wenn jemand ein rituelles Tattoo, Branding oder Piercing wollte, dann musste er es auch ernst meinen. Der Zeremonienmeister Quentin selbst war ein sehr tiefsinniger Mann, der viel Zeit in Indien und bei einigen Naturvölkern verbracht hatte. Er trug lange Dreadlocks und trug selbst ebenfalls an vielen Stellen Tattoos, Brandings und Cuttings, die alle aus einem bestimmten Grund seinen Körper zierten. Bis vor ein paar Wochen hatte er das Studio gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin betrieben, die dann jedoch während einer Reise ganz plötzlich und unerwartet verstorben war. Über die Umstände ihres Todes wusste er wenig, doch auf der geistigen und spirituellen Ebene wusste er, warum es jetzt dran gewesen war. Als wir das Studio betraten lag der Entwurf für mein Branding bereits auf dem Tresen bereit. Er war nahezu fertig und brauchte nur noch ein paar Markierungen um erkennen zu können, welche Bereiche mit dem Cuter entfernt werden sollten und welche nicht. Qunetins Assistentin machte uns einen Tee und wir bekamen erst einmal die Möglichkeit richtig anzukommen, bevor es losgehen sollte. Dabei erzählte uns Quentin einiges über seinen eigenen Werdegang, was uns später ebenfalls zu weiteren Gedankenanstößen inspirierte. Bereits als Kind hatte er zu vielen Dingen eine ganz andere Einstellung als die meisten seiner Mitmenschen. Wenn im Geschichtsunterricht etwas über die grausamen Rituale der Maya oder der indischen Mönche erzählt wurde, empfanden die meisten dies als abstoßend und brutal. Quentin hingegen fand es interessant und wollte stets vom Lehrer wissen, was die Menschen zu diesen Riten motivierte. Die Antworten waren fast immer die gleichen, aber niemals hilfreich: „Warum? Warum sollte jemand so etwas machen? Weil sie verrückt waren! Weil es unzivilisierte Wilde sind, die kein Gefühl für Moral besaßen. Oder weil ihnen langweilig war! Keine Ahnung, warum jemand so etwas tut.“ Schmerz als Weg zur Erleuchtung Für Quentin jedoch war klar, dass diese Antworten Schwachsinn waren. Man brauchte sich nicht lange umzuschauen, um zu erkennen, dass wir Menschen nichts tun, wenn wir keinen Vorteil für uns darin sehen. Wenn also jemand ganz bewusst durch einen tiefen Schmerz ging, dann musste er daraus etwas gewinnen. Und nicht nur die Anerkennung, die er vielleicht von seinen Mitmenschen bekam, denn dafür gab es andere Wege. Nein, wer so einen intensiven Schmerz freiwillig durchlebte, der musste daraus einen persönlichen Gewinn ziehen, der weit größer war als der durchlebte Schmerz. Es musste also eine Befreiung und ein Gewinn im Schmerz selbst liegen. Diese Idee ließ ihn nicht mehr los und er begann sich eingehender damit zu beschäftigen. Er reiste nach Indien, nach Guatemala und an viele weitere Orte und ließ es sich nicht nehmen, immer wieder auch selbst seine eigenen Erfahrungen in diesem Bereich zu machen. Als seine Frau mit ihrer Tochter schwanger war, beschlossen sie die bevorstehende Geburt mit einem besonderen Ritual zu würdigen. Um die Schmerzen, die die Frau während des Geburtshergangs nachfühlen zu können und um einen energetischen Ausgleich in diesem Bereich zu erschaffen, zelebrierten die beiden in den Bergen von Guatemala einen traditionellen Sonnentanz, wie er von der weißen Büffelkalbsfrau vorgeschlagen wurde. Quentin fastete mehrere Tage, reinigte sich selbst in einer Schwitzhütte und bereitete dann das eigentliche Ritual vor. An mehreren Stellen durchbohrte er seine Haut am Rücken und befestigte Seile daran, die an einem Baum hingen. Viele Stunden tanzte er so um den Baum bis er sich schließlich in die Seile fallen ließ und die Haken aus dem Fleisch riss. Seine Frau war die ganze Zeit über bei ihm und war froh, dass sie selbst nicht an dem Ritual teilnehmen musste. Quentin hingegen war froh, dass er nur einen Sonnentanz, nicht aber eine Geburt durchlebte. Während er erzählte hatte er die Vorlage komplett fertig gestellt und wir konnten mit nun mit den Vorbereitungen des Rituals beginnen. Die Ritualvorbereitung Ich zog mich aus und Quentin begann damit, die Vorlage auf meine Brust zu übertragen. Dann legte ich mich auf eine Liege und schloss die Augen, um mich mental einzustimmen. Quentin bereitete derweil den Raum auf das Ritual vor und stimmte sich ebenfalls ein. Er räucherte sein Studio mit Salbei und anderem Räucherwerk und nahm sich dann einen Moment Zeit für eine Meditation. Ich selbst versuchte das fertige Branding vor meinem geistigen Aue auf meiner Brust entstehen zu lassen und lud die Krafttiere und Helferwesen der geistigen Welt ein, mich bei dem Ritual zu unterstützen. Nun konnte es los gehen. Heiko machte zunächst ein paar Bilder und Filme um alles zu dokumentieren. Später musste er diese Rolle jedoch aufgeben und die eines Assistenten übernehmen, der dafür sorgte, dass sich der Patient nicht permanent wand wie ein Aal. Ich selbst war ja der Meinung, dass ich extrem gut mit dem Schmerz umging und einfach still auf dem Rücken liegend alles annahm und geschehen ließ. Objektiv betrachtet sah das jedoch ein bisschen anders aus. Das Branding-Ritual Quentin arbeitete mit einem elektronischen Gerät, das normalerweise im Krankenhaus verwendet wird um große Wunden oder offene Arterien zu veröden. Mit Hilfe von Strom wurde ein kleiner Stift erhitzt, so dass er die Haut öffnete und durch die Verbrennung gleich wieder schloss. Der Schmerz war also stets nur dort präsent, wo Quentin gerade arbeitete. Sobald er aufhörte, spürte ich nichts mehr. Leider verursachte das Gerät nicht nur Hitze sondern auch einen lauten und äußerst unangenehmen Pfeifton. Wann immer ich ihn horte wusste ich, dass gleich eine neue Portion Schmerz durch meinen Bauch oder meine Brust strömen würde. Am härtesten war dabei stets der erste Punkt, also die erste Berührung mit dem Brenner. Hierbei zuckte ich jedes Mal so sehr zusammen als hätte er mir wirklich einen Stromschlag verpasst. Alles was nach diesem ersten Punkt kam war deutlich weniger schlimm, wenngleich die Schmerzintensität je nachdem wo Quentin gerade ansetzte extrem stark schwankte. Es gab einige Bereiche, in denen ich den Schmerz gut aushalten konnte. Ich konnte mich dabei sogar auf meinen Atem konzentrieren und relativ entspannt liegen bleiben (jedenfalls aus meiner eigenen, subjektiven Sicht betrachtet). An anderen Stellen hingegen war der Schmerz so intensiv, dass ich glaubte man würde mir die gesamte Bauchdecke herunter reißen. Hierbei verkrampfte ich so stark, dass Heiko mich auf die Liege drücken musste, damit ich nicht vollkommen durchdrehte. Rein von den Muskeln bewegte ich mich sogar relativ wenig, aber ich schaffte es durch mein verkrampftes Atmen, dass ich meine Bauchdecke gut 15cm in die Luft nach oben presste oder auf die gleiche Entfernung vom Normallevel nach unten in Richtung Wirbelsäule zog. Das Quentin bei diesen Bedingungen überhaupt noch meine Haut erwischte und dabei sogar saubere Linien zustande brachte, die am Ende ein stimmiges Gesamtbild abgaben, grenzte an ein Wunder. Er verstand etwas von seinem Handwerk und wahrscheinlich hätte ich in ganz Europa niemanden finden können, der in diesem Bereich so präzise und kompetent war. Denn es ging ja nicht nur darum, gerade, saubere Linien mit einem heißen Eisenstift in eine permanent wackelnde und ausweichende Haut zu ziehen, die Linien mussten ja auch noch die richtige Tiefe haben. Waren sie zu flach würden am Ende keine Narben übrig bleiben. Waren sie zu tief verbrannte er nicht nur die Haut, sondern auch das darunter liegende Fleisch und da war ja nicht Sinn der Sache. Unterschiedliche Schmerzwahrnehmung Mir fiel auf, dass der Schmerz immer dann besonders intensiv war, wenn Quentin an Symbolen arbeitete, die gerade mit großen offenen Themen verbunden waren. Die Kordeln zu meiner Mutter beispielsweise, die durch das Ritual gelöst werden wollten. Hier gab es einen Punkt, an dem ich spüren konnte, wie etwas aus meine Brust gerissen wurde, das dort schon sehr lange und sehr tief verankert gewesen war. Auch die Bereiche, die mit der Eröffnung der Sinne verbunden waren, schmerzten besonders extrem. Es dauerte etwa zwei Stunden, bis jede Linie einmal gezogen war. Dann machten wir eine kleine Pause, in der mein Bauch mit einer schmerzstillenden Salbe eingerieben und mit Klarsichtfolie bedeckt wurde. Zum ersten Mal konnte ich nun selbst einen Blick auf das werfen, was da auf meinem Oberkörper entstand. Aus den Augenwinkeln hatte ich bislang geglaubt, dass es sich bei den dunklen Linien, die ich vage erkennen konnte noch immer um den Aufdruck der Vorlage handele. Nun wurde mir bewusst, dass es in Wirklichkeit schwarz verkohlte Haut war. Erst jetzt fiel mir auf, dass ich trotz allem kaum etwas von meiner verbrannten Haut hatte riechen können. Entweder war mein Angstschweiß so intensiv gewesen, dass er alles andere übertönte, oder die Verbrennungen waren so kurz, dass sich kein Rauch entwickeln konnte. Während die Creme in meine Haut einwirkte tranken wir im Vorraum einen weiteren Tee und Quentin kümmerte sich um eine junge Mutter, die wegen eines Piercings gekommen war. Ihre Tochter war ebenfalls mitgekommen, blieb dabei jedoch mit uns im Wartezimmer. Als sie zurück kam, konnte man kein neues Piercing sehen, was wohl der Grund dafür war, dass die Tochter beim Stechen nicht direkt dabei sein sollte. Nachdem die beiden gegangen waren, ging es für mich in die zweite Runde. Die Creme auf meiner Haut leistete ihren Beitrag, denn sie betäubte meine Nerven so stark, dass ich nun nur noch ein leichtes Kratzen spüren konnte. Jedenfalls an den Stellen, an denen sie aufgetragen wurde, denn sie sollte nur dabei helfen, die Linien im Inneren noch einmal sauber nachzuziehen. Normalerweise war Quentin kein Freund solcher Schummelmittel, da der Schmerz ja ein wichtiger Teil des Prozesses war. Es ging ja gerade darum, den Schmerz zu fühlen um so lernen zu können, damit umzugehen. Doch in diesem Fall war es notwendig, denn nun reichte ein kleines Zucken meinerseits aus, um alles zu verderben, was er bislang erschaffen hatte. Der äußere Rand hingegen, der bislang noch nicht gebrandet wurde, der blieb auch weiterhin unbetäubt. Er war wesentlich dicker als der übrige Teil des Bildes, weshalb Quentin hier noch einmal neue Geschütze auffuhr. Die Volt Zahl des Gerätes wurde um sieben Nummern nach oben gedreht und der Stift bekam einen neuen, größeren Aufsatz. Vollkommen entspannt lag ich nun da, weil ich glaubte, dass ich den schmerzhaften Teil nun überstanden hatte, und so staunte ich nicht schlecht, als sich plötzlich an einer ganz anderen Stelle als vermutet eine kleine Stahlkugel in meine Haut brannte und ich jeden Millimeter davon spüren konnte. Der Abschluss Kurze Zeit später war das Branding vollendet. Ich atmete erleichtert auf und bedankte mich bei Quentin und Heiko, wie auch bei allen geistigen Wesen, die und dabei unterstützt hatten. Für mich war der Schmerz nun erst einmal vorbei, dafür taten Heiko nun die Arme weh, denn er hatte mich die letzten Stunden immer wieder mit aller Kraft auf die liege drücken müssen, damit ich zumindest einigermaßen in einer Position blieb, mit der Quentin arbeiten konnte. Ich selbst war zu diesem Zeitpunkt der Überzeugung, dass ich dabei komplett still gelegen und den Schmerz sehr gut aufgenommen hatte. Heiko hingegen behauptete dreister Weise, dass ich der reinste Zappelphilipp gewesen war und Quentin seinen Job so schwer wie möglich gemacht hatte. „Dass der Mann auf nur eine einzige Linie so hingebracht hat, wie sie sein sollte, grenzt für mich an ein Wunder! Das hätte sonst niemand geschafft!“ Als ich mir einige Zeit später die Videos anschaute, die Heiko während des Rituals gemacht hatte, wurde mir klar, dass er damit vollkommen recht hatte. Man kann sagen, dass die eigene Wahrnehmung in einem solchen Moment doch ein wenig von der objektiven abweicht. Das Ergebnis war weit besser als ich es erwartet hatte und auch wenn es ja nie das Ziel war, dass es einen ästhetischen Faktor hat, gefiel es mir sogar optisch sehr gut. Hand-Tätowieren Bevor wir uns von Quentin verabschiedeten, zeigte er uns noch, wie wir bei meinem nächsten Wandlungsritual vorgehen konnten. Er selbst war kein Tätowierer, hatte aber einmal bei einer Tattoo-Konvention einen Teil seines Beines selbst mit der Hand Tätowiert. „Für das, was ihr vor habt ist Hand-Tätowieren denke ich die beste Möglichkeit!“ sagte er und zeigte uns dann wie es ging, indem er seinem Beintattoo, ein paar weitere Muster hinzu fügte. Dann drückte er Heiko die Nadel in die Hand und meinte: „So uns jetzt du! Du willst ja schließlich lernen, wie es geht!“ Etwas verblüfft und erstaunt nahm Heiko die Nadel und stach ein paar Punkte in Quentins knie. Dieser erklärte genau, worauf wir achten mussten und wie man die Technik perfektionierte. Wenn ihr mehr über die Technik lesen wollt, könnt ihr dies im Artikel „Rituelles Hand-Tätowieren“ tun. Die Rahmenbedingungen Wir verabschiedeten uns und kehrten wieder zurück auf die Straße. Bevor wir unsere Kirche aufsuchten, wollten wir uns zunächst die Innenstadt noch etwas genauer ansehen. Auch hatte uns das Ritual hungrig gemacht und wenn wir schon von Schnellrestaurants und Imbissbuden umgeben waren konnte man sie ja auch nutzen. Dabei bekamen wir die Gelegenheit, uns die Menschen noch etwas genauer anzusehen und uns fiel auf, dass sie im internationalen Vergleich besonders ungesund aussahen. Der Anteil der Übergewichtigen war erstaunlich hoch, was vielleicht mit den Essgewohnheiten zu tun hatte. So dankbar wir auch darüber waren, dass Quentin sein Studio hier eröffnet hatte, so dass wir das Branding überhaupt hatten machen können, so sehr blieb es uns ein Rätsel, wie ein so naturverbundener und tiefsinniger Mensch an einem Ort wie diesem leben konnte. Worthing war definitiv nicht die hässlichste Stadt die wir je gesehen hatten, aber sie war ein Ort voller Hektik, Stress und Unfrieden, an dem man sich auf Dauer kaum wohl fühlen konnte. So waren wir dann schließlich doch wieder Froh, als wir uns in unsere Kirche am Stadtrand zurückziehen konnten. Doch von Ruhe und Ungestörtheit waren wir auch hier zunächst noch weit entfernt, denn als wir eintrafen liefen gerade die Vorbereitungen für eine Hochzeitsfeier. Wir beschlossen daher, das Angebot des Pfarrers wahrzunehmen und zunächst sein Arbeitszimmer zu nutzen, um ins Internet gehen zu können. Später am Abend hatten wir dann noch das zweifelhafte Vergnügen, unfreiwillige Besucher einer Kirchenglocken-Darbietung zu werden. Wir hatten zuvor nicht gewusst, dass es so etwas gibt, aber es existierte tatsächlich ein Glockenläutverein, der sich einmal in der Woche traf um das läuten der Kirchenglocken zu trainieren. Ausgerechnet heute war wieder eine Übungsstunde. Normalerweise dauert das Gebimmel maximal 10 Minuten und das ist bereits mehr als zu viel. Die Proben waren jedoch wirklich etwas über eine Stunde lang. So abstrus uns die Rahmenbedingungen rund um das Ritual heute auch vorkamen, schienen sie doch irgendwie passend zu sein. Der Tag war, wie nahezu alle Tage mit so großen Schritten in der Vergangenheit verlaufen waren. Als wir noch einmal nachtesteten, fanden wir unsere Vermutung bestätigt: Alles was wir heute erlebt hatten, mit Ausnahme des Rituals selbst, war eine Illusion.
 
Spruch des Tages: All the pain is just an illusion!
Höhenmeter: 40 m
Tagesetappe: 12 km
Gesamtstrecke: 22.132,27 km
Wetter: heiter bis wolkig und windig
Etappenziel: Kirche, BN16 Rustington, England

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Zuletzt aktualisiert am 2017-08-02 10:34:45


Tag 1204: Worthing und Umgebung

Morgen ist es soweit!

17.04.2017 Bis zu unserem Schlafplatz in Goring waren es nun nur noch rund 22km. Worthing lag sogar ein Stück näher, aber dort wollten wir ja erst übermorgen sein. Es ging nun also zum Endspurt und langsam wurde es ernst. Was zuvor nur eine Idee und ein Konzept für die Zukunft war, war nun zu einem konkreten Ereignis in naher Zukunft geworden. Ein Ereignis, auf das ich mit Freude und Angst gleichermaßen hinfieberte. Auf der einen Seite fürchtete ich mich noch immer vor dem Schmerz und davor, dass ich an dem Ritual kaputt gehen würde, wie es mir die Angstfilme in meinem Kopf prophezeiten. Auf der anderen Seite spürte ich aber auch immer deutlicher, dass ich kurz davor war, einen wichtigen Schritt in die richtige Richtung zu machen. Ich stellte mich dieser Angst und würde schon bald merken, dass sie unbegründet war. Ich würde nicht kaputt gehen, Ich würde am Schmerz nicht sterben. Viel mehr war es ein Weg, um durch den Schmerz zu gehen, und zu erkennen, dass er nicht real war. Es war ein wichtiger Schritt, um aus meiner Angst-Welt zu erwachen und der zu werden, der ich wirklich war. Ein Schritt, um mich von den Marionettenschnüren meiner Mutter zu lösen und frei zu werden. Es ging nicht einfach darum, irgendetwas in meinen Bauch zu brennen, sondern eine neue Verbindung zu mir selbst aufzubauen. Tobias Krüger war zwar nun schon eine ganze Weile tot, aber irgendwo hielt ich noch immer an ihm fest. Ein Teil von mir spürte, dass ich die Narben brauchte, um ihn aus mir herauszureißen und ihn endgültig loslassen zu können. Das Bild, das ich auf meine Brust und meinen oberen Bauch brennen würde, war eine Kombination aus mehreren indianischen Symbolen und Zeichen, die mich alle auf ihre Weise auf meinem Erwachensweg unterstützen würden. Ein Teil davon diente der Sinnesöffnung, ein anderer Teil dem Schutz, der Wandlung, der Trennung von Energetischen Kordeln und der Stärkung meiner Intuition. Einige Male hatte ich mich im Traum oder kurz vor dem Einschlafen mit dem Branding auf der Brust gesehen, aus dem jedes Mal ein helles weißes Licht nach außen Strahlte. Es waren jedes Mal sehr kraftvolle Bilder gewesen, die mir Mut und Energie gegeben hatten und die mir halfen mich und meine Aufgabe etwas klarer zu sehen. Irgendwo war ich ein Magier oder Mystiker, der zwischen den Welten wandelte um Heilung zu bringen. Nur hatte ich eben noch immer keinerlei Idee von meinen Kräften oder davon, wie ich sie nutzen konnte. Das Branding nun war, ähnlich wie wir es damals in Spanien bereits herausgefunden hatten, ein Türöffner, der den Beginn meines Weges markieren würde. Es war das Zeichen dafür, dass ich es ernst meinte, dass ich lernen und erwachen wollte und dass ich auch bereit war, dafür durch einen Schmerzkörper zu gehen. Nun stand dieser Schritt kurz bevor und ich muss zugeben, dass mir beim Gedanken daran doch ein bisschen mulmig wurde. Um der Hauptstraße zu entgehen bogen wir in einen Feldweg ein, der sich bereits nach wenigen Metern als Privatbesitz ohne Ausgang entpuppte. Dies war eine Eigenheit, die den Engländern auch nur allzu gut gefiel. Genau wie die Franzosen liebten sie es, alles zu ihrem Eigentum zu erklären und überall Zäune, Tore und Gatter aufzustellen, durch die niemand mehr hindurch kommen konnte. Jedenfalls nicht, wenn er mehr Gepäck als eine Gürteltasche dabei hatte. Zum Glück trafen wir auf einen freundlichen Mann, der gerade mit seinen Hunden spazieren ging und der uns half, unsere Wagen über einen Stacheldrahtzaun zu wuchten. Er begleitete uns anschließend für einen guten Kilometer und lud uns dann noch auf einen Orangensaft zu sich nach Hause ein, wo wir ein kleines Obst-Picknick in seinem Garten veranstalteten. Er war ebenfalls ein begeisterter Weltreisender und hatte einen Großteil der Welt mit dem Rad oder als Anhalter besucht. Zum Abschluss überreichte er uns noch eine großzügige Spende von 50 Pfund für unser Charity-Projekt. Dann verließen wir den Ort und wanderten auf die großen grünen Dünen zu, die uns noch immer von der Küste trennten. Der nächste Abschnitt wurde einer der anstrengendsten, aber auch einer der schönsten. Es ging mitten über die saftig grünen Hügel bis auf eine Höhe von rund 100 Metern, von wo aus man das Meer sehen konnte. Die Städte davor wirkten nicht besonders einladend, aber das Meer und die Küste waren schön und beeindruckend. Ganz im Osten konnte man sogar noch die White-Cliffs, also die weißen Klippen erkennen, die wir auch in Dover gesehen hatten. Bis nach Goring waren es nun noch etwa 10km, die wir uns kreuz und quer durch die Städte mogelten, um möglichst jedem Verkehr auszuweichen. Wir durchquerten Ortsteile, wie sie verschiedener kaum hätten sein können. Vom verfallenen Großstadtgetto bis hin zum Luxus-Villenviertel, das man nur als Anwohner oder mit entsprechender Genehmigung betreten durfte war alles dabei. Unsere Kirche lag in einem gehobeneren Viertel, unweit der Hauptstraße, aber doch weit genug entfernt, um den Verkehr nicht zu hören. Der Kirchenverwalter kam kurz nach unserer Ankunft, zeigte uns unseren Schlafplatz und lud uns auf ein Mittagessen irgendwo in der Fastfood-Meile um die Ecke ein. Wir entschieden uns für indisches Essen und bauten anschließend unser Nachtlager auf. Jetzt hieß es: Nur noch einmal schlafen, bevor der Augenblick gekommen war.
 
Spruch des Tages: Morgen ist es soweit!
Höhenmeter: 50 m
Tagesetappe: 11 km
Gesamtstrecke: 22.120,27 km
Wetter: heiter bis wolkig und windig
Etappenziel: Kirche, BN12 4PA Goring by Sea, England

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Zuletzt aktualisiert am 2017-08-02 10:33:00


Tag 1203: Osterüberraschung

Da haben wir wirklich Besuch von einer Osterhäsin

16.04.2017 Zum Abschied kam der Pfarrer noch einmal mit seiner Tochter vorbei und brachte uns ein Frühstück. Eine nette und für uns äußerst wichtige Geste, denn vor uns lag wieder einmal eine Marathonwanderung, die erst am Abend enden sollte. Dieses Mal lag das Problem jedoch nicht darin, dass man uns nicht aufnehmen wollte oder konnte, sondern darin, dass es keinen Ort gab, an dem wir auch nur hätten fragen können. Wir kamen lediglich durch eine größere Stadt, in der wir zwar ein gelungenes indisches Mittagessen bekamen, die aber ansonsten so ein grauenhafter Ort war, dass wir unter keinen Umständen länger bleiben wollten, als es dauerte, ein indisches Reisgericht zu verputzen. Spannend war jedoch, dass sich dies nur auf die Innenstadt bezog. Sobald man in die äußeren Wohnviertel gelangte, wurde es ruhig und relativ friedlich. Der nächste Ort war zwar kleiner und wäre an sich auch nicht verkehrt gewesen, doch er lag direkt neben einer Autobahn und die Kirche war das letzte Gebäude, dass die Verkehrsader von ihrer Umgebung trennte. In ihrem Inneren war es noch immer fast genauso laut, als wenn wir uns gleich auf die Autobahnauffahrt gelegt hätten. Wieder stand also fest, dass wir hier nicht nach einem Platz fragen mussten. Auch heute hatten wir wieder einige spannende Begegnungen, dieses mal jedoch nicht mit Buddhisten, sondern mit drei sehr unterschiedlichen Frauen, die jeweils einen Aspekt von Shanias wahrem Selbst zu verkörpern schienen. Später fanden wir sogar heraus, dass diese unbewusst von Shania geschickt wurden. Die erste war eine junge Frau auf einem Fahrrad, die uns freundlich ansprach und ein Stück mit uns mit kam und uns sogar einen Platz zum Übernachten und/oder einen Tee mit Keksen anbot. Zu diesem Zeitpunkt waren wir jedoch gerade erst gestartet und uns war klar, wie viel Strecke noch vor uns lag, weshalb wir beide Angebote ausschlugen. Das besondere an der Frau war ihre von Grund aus unterstützende, positive Ausstrahlung und ihre Sanftheit. Die Zweite Frau tauchte nur einmal kurz auf, als sie an uns vorüber ging, blieb Heiko jedoch sofort im Gedächtnis hängen. Es schien, als hätte sie tatsächlich ihren Medizinkörper angenommen, also den Körper den sie von ihrem tiefsten Sein her haben sollte. Sie war sportlich, attraktiv, vollkommen in ihrer Weiblichkeit und hatte eine erotische und gleichzeitig mysteriöse Ausstrahlung. Die dritte Frau fuhr am Abend in einem Cabrio an uns vorbei, drehte um und kam dann noch einmal zurück um anzuhalten und mit uns zu sprechen. Sie schenkte uns je ein Osterei als Ostergeschenk wodurch uns zum ersten Mal heute so richtig bewusst wurde, das gerade Ostern war. Aus ihrem offenen Wagen strömte laute Rockmusik, ihr Hund schaute zu uns herüber und sie hatte mitten auf der Straße geparkt, ohne Rücksicht darauf, ob vielleicht jemand vorbeifahren wollte oder nicht. Alles an ihr strahlte eine Lockerheit und Fröhlichkeit aus, wie man sie nur selten bei Menschen antrifft. Am meisten natürlich das weiße Hasen-Puschel-Schwänzchen, das sie noch immer an ihrem Hintern trug, da sie gerade von einer Osteraktion mit ihren Kindern heimkehrte. Auch wenn man es ausgehend von ihrem modischen und quirligen Auftreten zunächst nicht vermutet hätte, war sie eine sehr tiefsinnige und spirituelle Frau. Ironischer Weise trug sie ein T-Shirt auf dem sinngemäß so etwas stand wie: „Besitzlosigkeit macht Glücklich!“ Ihr Wagen passte nicht ganz in diese Philosophie, aber das war ihr auch bewusst. Kurz nach der Begegnung mit ihr erreichten wir den Fuß der knapp 100 Meter hohen Dünen, die das Innenland von der Küste trennten. Direkt hinter diesen Dünen lagen Brighton, Worthing und einige andere Städte, die sich dicht aneinander drängten. Doch auf dieser Seite war es vollkommen Still. Es gab lediglich ein winziges Dörfchen mit vielleicht 80 Einwohnern und einer kleinen, etwas außerhalb gelegenen Kirche. Einen Pfarrer oder Verwalter trafen wir nicht an, dafür aber eine freundliche Dame, die eng mit der Kirche verwoben war und die die ganze Angelegenheit sehr locker betrachtete: „Ihr könnt euch einfach in die Kirche legen, die ist ohnehin immer offen!“ Später erfuhren wir von einem Nachbarn, dass es nicht selten vorkam, dass die Kirche auch von Obdachlosen bewohnt wurde, die manchmal sogar eine Woche oder länger blieben. Spannend war dabei, dass die Kirchen allein dadurch das sie Kirchen waren einen vollkommen anderen Umgang erreichten, als die Obdachlosenwohnheime in Frankreich. Es war jedem klar, der hier übernachtete, dass er ein Gast war und dass er das Gebäude mit Respekt zu behandeln hatte. In einer offiziellen Obdachlosenunterkunft hingegen herrchte im Allgemeinen die Einstellung, das man hausen konnte, wie man wollte, da es ja eh keinen interessierte. Die Frau tat jedoch noch weitaus mehr für uns, als uns ihren Segen für die Kirche zu geben. Sie rief auch noch einmal bei einer Nummer in Goring, einem Nachbarort von Worthing an, die wir einige Tage zuvor bekommen hatten, unter der wir aber niemanden erreichen konnten. Sie hatte mehr Glück und so kam es, dass wir nun, einen Abend bevor wir Worthing erreichten einen sicheren Schlafplatz vor Ort bekamen, an dem wir sogar zwei Nächte bleiben durften. Seit ich den Termin mit Quentin vor rund zwei Monaten ausgemacht hatte, hatte ich versucht, hier einen Schlafplatz aufzutreiben und war immer wieder gescheitert. Nun, in der letzten Sekunde hatte es dann doch noch funktioniert.
 
Spruch des Tages: Da haben wir wirklich Besuch von einer Osterhäsin bekommen.
Höhenmeter: 370 m
Tagesetappe: 25 km
Gesamtstrecke: 22.109,27 km
Wetter: heiter bis wolkig und windig
Etappenziel: Kirche, BN12 4PA Goring by Sea, England

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Zuletzt aktualisiert am 2017-08-02 10:31:37


Tag 1202: Angst vor dem nächsten Schritt

Aaaaaahhhhhhhhhhhh! (mein Verstand zum Thema ritue

14.04.2017 Es gibt nun einen festen Termin für mein Ritual mit dem Branding. Oder einen relativ festen, denn die Dinge laufen hier sehr locker. Wir sollen am Dienstag oder Mittwoch irgendwann im Laufe des Tages in Worthing sein, trinken dann gemeinsam einen Tee und besprechen wie wir weiter vorgehen. Das Telefonat mit Quentin, dem Mann, der das Ritual durchführen wird, habe ich die letzten Tage immer wieder hinausgezögert. Natürlich waren es immer wieder gute Gründe, die einen Anruf verhindert haben, aber die Wahrheit ist, ich hatte Angst, es konkret zu machen. Heute Mittag haben wir bei einem Picknick noch einmal nachgetestet, wie sehr ich mich bereit fühle und wie sehr ich nun bereits davon überzeugt bin, mit dem Ritual wirklich den richtigen Schritt zu machen. Mein Herz, meine Seele, mein Geist, mein Körper, meine Intuition, mein inneres Kind und mein höheres Selbst, sie alle stehen zu 100% hinter der Entscheidung. Nur mein Verstand bricht etwas aus der Rolle. Obwohl hier ein vollkommenes Verständnis besteht, versucht er noch immer zu 99,9% die Entscheidung abzuwenden. Ich spüre es auch deutlich. Vom Gefühl her weiß ich, dass es richtig ist, ich kann auch die Kraft spüren, die darin liegt, fühle den Medizinmann in mir, der durch diesen Schritt an die Oberfläche kommen will und wird und ich kann es als ein Geschenk annehmen. Aber die ganze Zeit über ist es, als säße mein Verstand in Form eines kleinen Mannes in meinem Kopf der wild mit den Armen wackelt und permanent „Aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaahhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhh!“ schreit. Kaum hatten wir darüber gesprochen, sorgte ich auch schon durch eine Fehlinterpretation meiner Karte dafür, dass wir irgendwo an einem ganz anderen Ende herauskamen, als wir eigentlich geplant hatten. So wanderten wir insgesamt noch einmal einen Umweg von rund acht oder neun Kilometer. Dabei kamen wir an einer Kirche vorbei, in der wir eine freundliche Dame trafen, die uns den Weg zurück in unsere Richtung zeigte. Sie war kurz davor zu fragen, ob wir hier nicht einen Schlafplatz bräuchten und von der Uhrzeit war es durchaus auch nicht verkehrt, bereits jetzt anzukommen. Doch als wir nach testeten war die Antwort eindeutig. Wir sollten weiter wandern bis zu dem Ort, der für heute für uns angedacht worden war. Denn tatsächlich hatten wir bereits einen Schlafplatz sicher. Wie immer in der Kirche und wie immer sollten wir einfach hineingehen und es uns gemütlich machen, bis jemand kommen und nach uns schauen würde. Der Kirchenvorsitzende von St. Michael, der uns gestern in unserem Heim betreut hatte, war heute in der Früh noch einmal mit dem Auto hinter uns her gefahren, um uns mitzuteilen, dass er mit seiner Kollegin aus unserem Zielort gesprochen hatte, dass sie uns erwarte und sich auf unsere Ankunft freue. Gestern Abend hatten wir übrigens noch eine weitere lustige Begegnung. Wie bereits am Vorabend gab es eine Chorprobe, die lustigerweise von genau der gleichen Frau geleitet wurde, wie der letzte. Sie kannte uns also schon und da der Chor so kurz vor Ostern eine Sondersitzung hatte, die weniger aus Singen und mehr aus Essen bestand, wurden wir zur Chorverköstigung mit eingeladen. Es gab traditionelles „Fish and Chips“ von der Imbissbude. Dafür wurde im Mittelgang der Kirche ein Tisch aufgebaut, um den herum wir alle Platz nahmen. Dann saßen wir gemeinsam mit sechs älteren Damen vor dem Altar und aßen Fastfood mit Plastikgabeln direkt aus der Papiertüte. Man kann sagen, Kirche wird nicht überall gleich zelebriert.
 
Spruch des Tages: Aaaaaahhhhhhhhhhhh! (mein Verstand zum Thema rituelles Branding)
Höhenmeter: 350 m
Tagesetappe: 34 km
Gesamtstrecke: 22.084,27 km
Wetter: heiter bis wolkig und windig
Etappenziel: Kirche, Edburton, England

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Zuletzt aktualisiert am 2017-08-02 10:24:20


Tag 1201: Zwischen Himmel und Hölle

Der Himmel für die Augen, die Hölle für die Ohren

13.04.2017 Ich weiß, ich habe schon über viele Länder geschrieben, dass sie ambivalent sind und gleichzeitig unglaubliche Schönheit und abgrundtiefe Hässlichkeit bieten. Aber auf keines trifft das so sehr zu, wie auf England. Größere Straßen sind unerträglich Das letzte Mal, als ich uns die Strecken rausgesucht habe, habe bei dem Abschnitt für heute nicht richtig aufgepasst und einen längeren Abschnitt über kleine Landstraßen mit Mittelstreifen gelegt. In Frankreich waren wir ja bereits stets versucht gewesen, solche Straßen zu meiden, aber hier sind sie ganz und gar unerträglich. Aus irgendeinem Grund sind sie befahren wie bei uns die Bundesstraßen, dazu aber schmal und eng, so dass man jedes Mal den Fahrtwind im Nacken spürt, wenn man überholt wird. Der Asphalt ist größtenteils rauer als ein Kiesbett und reflektiert den Schall der Autos wie ein Megafon. Und doch leben hier Menschen. Keine Slums oder Wohnblöcke, bei denen man sagen könnte, die Menschen leben dort einfach, weil sie sonst nirgendwo etwas finden konnten Nein, gut gepflegte und größtenteils wunderschöne Familienhäuser mit erstklassigem Rasen, tollen Gärten, teilweise sogar Baumhäusern oder Spielhütten für Kinder, Parkanlagen und noblen, teuren, blank polierten Schlitten vor der Tür. Was in Bezug auf die Beliebtheit m Balkan das Tucktuck war, ist hier der Jaguar. Und dann kam man wieder auf die kleinen Straßen, auf denen fast niemand mehr fuhr, schlängelte sich durch verwunschene Wälder, kam an einsamen, Auf halbem Wege kamen wir in ein Gespräch mit einer Frau, die uns einiges über ihre Heimatregion erzählen konnte. Es sei bei weitem nicht die schönste Gegend von England, meinte sie und begründete dies ebenfalls hauptsächlich mit der Besiedlungsdichte. Je weiter man in Richtung Westen und Norden kam, desto schöner und angenehmer wurde es. Nur im Südosten sei es so schlimm. Der überfüllte Süden „Warum?“ wollte Heiko wissen, „Liegt es am Wetter? Kommen die Menschen, weil es hier warm ist und eine schöne Küste gibt?“ „Nein!“ antwortete die Frau, „Die Menschen kommen zum Arbeiten. Mit den Schnellzügen ist man von hier aus in gerade einmal einer halben Stunde in London. Man gibt dann zwar unsinniger Weise ein Zehntel seines Gehaltes rein für den Zug aus, aber das ist es, was die Menschen hier machen.“ Und tatsächlich ist es von den verfügbaren Möglichkeiten sogar noch eine der humaneren. „Für eine kleine Einzimmerwohnung in London kann man sich hier ein ganzes Haus kaufen. Und dies ist eine wirklich teure Gegend! Im Norden Englands bekommt man eine ganze Straße mit Häusern für den gleichen Preis.“ Das erklärte natürlich auch, warum hier so viel Verkehr war. Fast jeder pendelte von irgendwo, nach irgendwo und wenn es nur zum Bahnhof für den Speed-Train war. Sie selbst hatte mit ihrem Mann zusammen eine Firma, die viel mit dem Europäischen Ausland korrespondierte. Aufgrund der aktuellen politischen Lage waren sie jedoch gerade dabei, ihr Geschäft zu verkaufen, denn sie waren mit der Idee, das England aus der EU aussteigen wollte ganz und gar nicht einverstanden. Genau wie der Mann, den wir vor drei Tagen getroffen hatten, waren hatten auch sie bereits ihr Haus verkauft um nach Irland auszuwandern. Englands Austritt aus der EU Sie konnte uns jedoch ein paar Hintergrundinformationen erzählen, die uns bislang nicht bekannt waren. So wie es nach außen hin präsentiert wird, war die Entscheidung, sich von der EU zu trennen eine Entscheidung des Volkes. Das offizielle Ergebnis lautete 52% für die Trennung, 48% dagegen. Bedachte man jedoch, wie gering die Wahlbeteiligung bei der Entscheidung gewesen war, dann waren gerade einmal 37% der Gesamtbevölkerung für den Austritt. Im Grunde gab es also drei recht gleichgroße Parteien: Dafür, dagegen und egal. Die Wahlen waren dabei wohl etwas ähnlich abgelaufen, wie bei dem amerikanischen System. Das heißt, nicht jede Stimme wurde gleich bewertet, sondern es gab verschiedene Regionszugehörigkeiten, die sich jeweils anders auf das Ergebnis auswirkten. Kurz: Das System wurde bewusst undurchsichtig gehalten, so dass am Ende niemand so recht wusste, wer welche Meinung hatte und wer nicht. Das Ergebnis war, dass es nun eine Wahlentscheidung gab, die eigentlich die des Volkes sein sollte, hinter der aber niemand wirklich stand. Vor allem in Schottland musste die Unzufriedenheit mit dem Ergebnis wohl enorm sein. So groß sogar, dass in Schottland gerade über eine Unabhängigkeit vom Vereinigten Königreich diskutiert wurde. Ähnlich erging es den Nord-Iren. Nach der langen Zeit der Konflikte hatte Irland nicht das geringste Interesse daran, die kleine Insel wieder mit einer echten Grenze in zwei Hälften zu spalten. Daher wurden hier nun Diskussionen über eine Wiedervereinigung als Komplett-Irland angeregt, die dann aus dem vereinigten Königreich austreten und der EU erhalten bleiben würde. Campen in der Kirche Zum übernachten bekamen wir heute zum dritten Mal in Folge ohne größere Komplikationen die Kirche angeboten. Leider teilen wir sie uns auch heute wieder mit dem Chor, was nicht unbedingt zur Entspannung beiträgt. Internet, Wagenreparaturen und Waschen scheinen Dinge zu sein, die hier noch mehr zu einem Problem werden, als in Frankreich. Aber man muss sagen, dass wir bislang immer eine schnelle Lösung gefunden haben. Und langsam gewöhnen wir uns auch daran, dass wir in Kirchen wohnen. Eine Frau vom Chor gestern hatte ihren Mitsängerinnen erklärt: „Das sind Pilger, die campen in der Kirche!“ Irgendwie eine nette Beschreibung. Lustig war aber vor allem ihre Verabschiedung: „Gute Nacht und bis nächste Woche!“ sagte sie und meinte damit, dass sie fest davon ausging, dass wir nun immer hier in der Kirche wohnen würden, so dass wir noch da waren, wenn der Chor das nächste Mal probte.
 
Spruch des Tages: Der Himmel für die Augen, die Hölle für die Ohren
Höhenmeter: 610 m
Tagesetappe: 39 km
Gesamtstrecke: 22.050,27 km
Wetter: heiter bis wolkig und windig
Etappenziel: Kirche, TN22 Fletching, England

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Zuletzt aktualisiert am 2017-07-05 13:57:27


Tag 1200: Erste Reiseerfahrungen mit England

Jedes neue Land ist wie eine neue Welt

12.04.2017 Wir sind nun drei Tage im Land und damit bereit, um ein erstes kleines Zwischenresümee zu ziehen. England ist definitiv ein besonderes Land und es ist ohne jeden Zweifel deutlich anders, als wir es erwartet hätten. Je nachdem, wohin man kommt, ist man immer wieder vollkommen fasziniert von seiner beeindruckenden Schönheit und entsetzt davon, wie viel auch hier zerstört wurde. Der Straßenbelag ist bei weitem schlechter als in Frankreich oder Deutschland, weshalb der Verkehr hier noch einmal um einiges lauter ist. Aus irgendeinem Grund ist er auch bedeutend stärker und sogar die kleineren Dorfstraßen sind zum Teil so sehr befahren, dass man fast nicht mehr an ihnen entlang gehen kann. Dafür gibt es aber auch immer wieder winzig kleine Sträßchen, die so schmal sind, das gerade einmal ein einzelnes Auto auf ihnen Platz hat, und die nahezu unbefahren sind. Wenn man auf ihnen wandert, ist man wie in einer anderen Welt, in die unsere moderne, lärmende Zivilisation noch keinen Einzug gefunden hat. Großartig sind auch die vielen kleinen Trampelpfade, die es hier überall gibt. Für uns sind sie leider nichts, da es wirkliche Pfade oder teilweise sogar nur Wiesen sind und da man fast ununterbrochen irgendwo über Zäune klettern muss, aber für Kurzzeitwanderer mit Rucksack oder Spaziergänger sind sie der Knaller. Leicht irritierend dabei ist nur, dass sie an vielen Stellen dadurch instand gehalten werden, dass man auf einer einmeter breiten Spur Round-Up verteilt, um den Pflanzenbewuchs zu töten. Rustikal aber entspannt Alle Ortschaften, die auch nur ein bisschen größer sind, so dass man sie hier als „Town“ bezeichnet, haben sich bislang als unerträglich herausgestellt. Die kleineren sind hingegen meist recht angenehm, bieten aber überhaupt keine Infrastruktur mehr. Bislang haben wir außerhalb von Dover und Folkstone noch keinen einzigen Markt, Bäcker, Schlachter oder sonst irgendetwas in der Richtung gesehen. Was es aber gibt, und das ist wirklich ein Segen, sind Pfarrer, oder besser Pastoren, da wir uns ja in einem evangelischen Land befinden. Die drei, die wir bislang kennenlernen durften waren die Lockerheit und Entspannung in Person. Heute übernachten wir schon wieder in der Kirche, wenngleich auch in einem kleinen Nebenraum. Die Antwort des Pastors auf meine Frage hin lautete: „Kein Thema, geht einfach rüber zur Kirche, geht durch die kleine Tür links und schnappt euch den Schlüssel von der Anrichte. Damit könnt ihr die Küche aufschließen, damit ihr euch einen Tee kochen könnt und dann könnt ihr im Kirchenraum arbeiten und schlafen.“ Anders als in Frankreich und den meisten Teilen Europas gibt es hier jedoch noch ein lebendiges Dorfleben. Das ist auf der einen Seite natürlich löblich, uns auf der anderen aber leider nicht besonders zuträglich, da es bedeutet, dass die Räume fast immer in Benutzung sind. Am ersten Tag hatten wir das Problem mit dem Nähkurs und dem Hundetraining, am zweiten konnten wir einen Saal aufgrund eines Bridge-Tourniers überhaupt nicht nutzen und heute haben wir von 19:00 bis 21:00 Uhr einen Chor zu Gast, dem wir irgendwie ausweichen müssen. Eine eigene Ästhetik Rein vom Stil und von der Ästhetik her ist England definitiv eines der schönsten Länder. Man spürt den Reichtum, auch wenn er heute bei weitem nicht mehr ist, was er einmal war. Und man spürt, dass den Menschen die Pflege ihres Eigentums wichtig ist. Auch hier treffen wieder alle Vorurteile zu, von denen man jemals gehört hat. Der Englische Rasen ist legendär und das nicht ohne Grund. Der Unterschied zwischen einem Golfplatz und einem gewöhnlichen Vorgarten ist hier kaum auszumachen. Auch die alten Häuser sind um ein Vielfaches besser erhalten als in Frankreich, obwohl größtenteils die gleichen Materialien und der gleiche Baustil verwendet wurden. Nur die Autobahnen machen wieder einmal alles kaputt. Sie kommen uns hier vor wie in Deutschland. Das Hintergrundrauschen ist nahezu allgegenwärtig und viele der Häuser, vor allem in der unmittelbaren Nähe zu den Hauptstraßen und Autobahnen, haben nur dünne Einscheibengläser, die keinerlei Schallisolation besitzen. Wärmeisolation natürlich auch nicht, was hier ebenfalls nicht ganz unproblematisch sein dürfte. Typisch Englisch Bleiben noch zwei Dinge: Das Wetter und der Tee. Zum Wetter: Es ist hier wirklich kalt. Gestern und vorgestern hatte die Sonne geschienen, so dass es noch relativ warm war, aber heute verschwand sie hinter einer dicken, grauen Wolkenschicht und schon hatte man das Gefühl, der Winter ist zurück. Fast permanent weht ein steifer Wind, der sich schon wieder mit uns mitzudrehen scheint, um jede Gelegenheit nutzen zu können, uns ins Gesicht zu pusten. Was das anbelangt liegt aber die Vermutung nahe, dass dies auch im Zusammenhang mit dem näher rückenden Ritual steht. Auch der Verkehr und viele andere lästige Dinge mögen weniger mit Großbritannien und viel mehr mit dem Widerstand meines Gegenspielers gegen meinen Wandlungsschritt zu tun haben. Ein richtiges Bild von England können wir uns daher wohl erst ein paar Tage danach machen. Und ja: England ist das Land des Tees! Das ist weit mehr als ein Klischee. So wie für die Italiener ihre Pasta zu jedem Essen gehört, gehört hier der Tee zu jeder Gelegenheit. Dementsprechend muss man hier natürlich auch ständig aufs Klo. Aber man muss sagen, dass es eine wirklich angenehme Tradition ist, denn sie schafft sofort eine Gemütlichkeit und eine Stimmung des Willkommen-Seins, die man sonst auf der Welt nur selten findet. Höflich und Zeitintensiv Lediglich in Sachen Zeiteffektivität liegt man hier auch wieder nicht allzu weit vorne. So freundlich und offen die Menschen auf der einen Seite sind, so redselig sind sie auch und man ist fast ständig irgendwo in ein Gespräch verwickelt. Dabei wird auch immer wieder die sprichwörtliche Höflichkeit deutlich. Ein Engländer sagt nicht einfach ab oder nein, wenn er etwas nicht will. Er verpackt sein „Nein“ in eine Kette aus Freundlichkeiten, die einem den Anschein vermitteln, er hätte eigentlich „Ja“ gesagt, nur eben zu etwas ganz anderem. Als ich vorhin nach Internet fragte, war eine Antwort von einem Nachbarn beispielsweise: „Haben Sie es schon bei der Post versucht? Ich glaube zwar nicht, dass die Ihnen helfen können, aber vielleicht sind Sie dort trotzdem an der richtigen Adresse!“ Zu Deutsch: „Ich lasse keine Fremden in mein Haus, versuchen Sie es irgendwo, aber nicht hier!“ Es kann also durchaus noch ein bisschen dauern, bis ich diese Verschlüsselungscodes lerne.
 
Spruch des Tages: Jedes neue Land ist wie eine neue Welt
Höhenmeter: 560 m
Tagesetappe: 36 km
Gesamtstrecke: 22.011,27 km
Wetter: Sonnig und windig
Etappenziel: Kirche, TN5 7DD Ticehurst, England

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Zuletzt aktualisiert am 2017-07-05 13:56:31


Tag 1199: Im Land von Harry Potter

Harry Potter lässt grüßen

11.04.2017 Ich hätte nicht damit gerechnet, aber wir sind hier wirklich im Land von Harry Potter! Als ich damals die Bücher gelesen und die Filme gesehen habe, dachte ich immer, dass die Autorin eine ganz eigene, fantastische Welt erfunden hat, die sich zwar geografisch irgendwie mit Großbritannien überschneidet, aber ansonsten ihrer Phantasie entspringt. Tatsächlich aber handelt die Romankette eigentlich nur vom ganz normalen, modernen Britannien, in dem es auch ein paar Zauberer gibt. Und nicht einmal bei denen ist man sich sicher, dass sie erfunden waren. Dass hier jedes Dorf so aussieht, wie der Heimatort des jungen Romanzauberers hatten wir ja am ersten Tag schon festgestellt. Aber das ist noch nicht alles. Die Friedhöfe sehen genauso aus, wie man sie aus den alten Ritter- und Märchenfilmen kennt, die Schlösser, Burgen und Villen und selbst die Menschen inspirieren einen nicht selten zum Glauben an Fabelwelten. Harry-Potter-Mode Heute Abend wurden wir von einem Ehepaar zum Essen eingeladen und saßen daher bei ihnen im Wohnzimmer. An der Wand hingen Bilder von ihren Kindern und Heiko war sich sicher, dass sie Harry-Potter-Filmmuseum von Warnerbrothers aufgenommen worden waren, von dem wir kurz zuvor einen Flyer in der Hand gehalten hatten. Man konnte sogar ausmachen, wer von den jungen Leuten in Griffindor und wer in Slytherin war. Doch tatsächlich handelte es sich um Aufnahmen der Abschlussfeier ihrer Universität. Es waren keine Kostüme, sondern ihre echten, alltäglichen Uniformen gewesen. Zuvor waren wir am Nachmittag auf einer schmalen Straße mehrfach von Doppeldeckerbussen überholt worden, die mit einem Affenzahn um die Kurven heizten, so als glaubten die Fahrer, dass ihnen alles ausweichen würde, auf das sie zusteuerten. Hier auf die Idee mit dem magischen Notfallbus zu kommen, war also durchaus auch relativ naheliegend. Wir konnten machen, was wir wollten, egal wohin wir kamen, wir fühlten uns wie bei Harry Potter. Zur Krönung des Tages durften wir dann sogar noch in einer alten, gotischen Steinkirche mitten auf eine verwunschenen Friedhof schlafen, in dessen Turm nachts die Fledermäuse über uns kreisten. Magischer ging es also kaum. Zwischen Magie und Großstadt Die einzige Ausnahme vom Harry-Potter-Feeling war unser kurzer Abstecher nach Folkstone um unsere Elektroadapter zu kaufen. Hier befanden wir uns plötzlich mitten in einer abstrakten Großstadt, die uns mehrere Male fast das Leben gekostet hätte. Ihr könnt euch gar nicht vorstellen, wie verwirrend dieser Linksverkehr ist. Alles ist falsch herum und man weiß nie, wohin man blicken muss. Gut nur, dass es hier in weiser Voraussicht an vielen Orten auf den Asphalt geschrieben wurde. Leider aber nicht überall und gerade an den besonders verwirrenden Übergängen, wie bei den Kreisverkehren oder Autobahnauffahrten, gab es keine Hinweise. Dank eines Planes, den wir uns in der Früh bei Audreys Computer ausdrucken konnten, fanden wir schon nach kurzer Zeit einen Supermarkt, in dem man die passenden Adapter für nur einen Pfund kaufen konnte. Gut also, dass wir bereits auf der Fähre Geld geschenkt bekommen haben, denn sonst hätten wir schon wieder ziemlich alt ausgesehen. Englische Esskultur Um die Stadt wieder zu verlassen mussten wir einen steilen Pass zu den Klippen hinauf nehmen. An seinem Fuß trafen wir auf eine freundliche ältere Dame, die einen Straßenimbiss führte und uns mit einem Bacon-Sandwitch und einem Tee versorgte. Nach unserem typisch britischen Abendessen, und dem noch britischeren Frühstück mit Ham and Eggs bei Audry, hatten wir nun also auch noch die britische Fastfood-Tradition kennengelernt. Man muss sagen, diese ganzen Vorurteile treffen schon wieder deutlich mehr zu, als man es vermuten würde. Viele von ihnen aber durchaus im positiven. Denn außerhalb der Städte haben wir die Menschen als sehr, offen, höflich und hilfsbereit wahrgenommen und auch das englische Essen schmeckt uns bei weitem besser, als der französische Dosenfraß.
 
Spruch des Tages: Harry Potter lässt grüßen
Höhenmeter: 390 m
Tagesetappe: 17 km
Gesamtstrecke: 21.975,27 km
Wetter: Sonnig und windig
Etappenziel: Kirche, TN30 6EB St. Michaels, England

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Zuletzt aktualisiert am 2017-07-05 13:52:50


Tag 1198: Dover – Die Stadt am Rande des Wahnsinns

Mögen die nächsten Tage etwas entspannter werden

Dann kam die Erlösung. Die Fähre hatte festgemacht und das Signal zum Verlassen des Schiffes wurde gegeben. Jetzt aber kam der größte Knaller! In Calais waren wir zwar als Fußgänger über das Parkdeck an Bord gekommen, hier in Dover aber musste man es über eine Gangway vom Oberdeck aus wieder verlassen. All diese Menschen hatten die ganze Zeit über also vor der falschen Tür gestanden. Diejenigen, die sich vor gedrängelt hatten, um als erstes die Treppe hinunterrennen zu können, waren nun die letzten in der Schlange, die in Richtung Außendeck führte. Wir beschlossen, das zu tun, was wir bereits die ganze Zeit getan hatten: Abwarten, bis der Spuk vorbei war und so lange ruhig auf unseren Sesseln sitzen bleiben. Als das Schiff weitgehend leer war machten auch wir uns auf zur Gateway und gingen an Land. Noch beim Verlassen des Schiffes war uns klar, dass dies auf Dauer keine Art des Reisens war. Es war ein notwendiges Übel, das man eingehen konnte, wenn es gar nicht anders ging, aber als Hauptreisemethode wie es viele Backpacker machten, war es in unseren Augen absolut ungeeignet. Uns war bereits jetzt klar, dass wir erst wieder ein oder Zwei Tage brauchen würden, um uns von all dem zu erholen. Nicht der beste, erste Eindruck Doch wenn wir nun geglaubt hatten, das unsere Schiffsreise damit vorbei war, hatten wir uns geschnitten. Wieder mussten wir auf einen Bus warten, der uns kreuz und quer über ein irres Autobahnengewirr fuhr und schließlich an einem weiteren Terminal ausspuckte. Hier trafen wir unsere überladenen Kanadier wieder, die gerade an einem Mietwagenschalter standen, um ihre Fahrt nach London zu organisieren. Trotz der Busfahrt befanden wir uns noch immer nicht in Dover, sondern am Rande einer Hauptstraße unterhalb der Klippen. Die Klippen waren tatsächlich das einzig Schöne, das wir seit Erreichen des Hafens von Calais zu sehen bekamen. Es war eine strahlend weiße Steilküste, die Senkrecht ins Meer herabfiel. So einen Hafen und so ein Straßennetz darunter zu bauen, war der Inbegriff einer Bausünde. Unser erster Eindruck von England hätte frustrierender und erschreckender kaum sein können. Ich weiß nicht was wir erwartet hatten, denn dass eine Hafenstadt über die fast der gesamte Export und Import des Landes läuft nicht gerade idyllisch sein würde, war ja eigentlich klar. Aber wir hatten nicht damit gerechnet, dass es gleich so heftig werden würde. Dover war ein Molloch, das sogar Messina an Absurdität noch übertraf. Die Stadt war nicht groß und als wir am Terminal nach dem „City-Center“ fragten, wurden wir sofort korrigiert, da es sich hier lediglich um eine „Town“ handele. Doch das machte es nicht besser. Die Straßen waren überfüllt, die Gebäude in miserablem Zustand und die Menschen wirkten nicht, als wollte man sich auch nur für eine Minute mit ihnen unterhalten. In der Innenstadt wurde es nicht besser. Warum um alles in der Welt lebte hier überhaupt irgendjemand? Ab durch die Mitte von Dover Die Innenstadt wurde von einer alten Steinkirche und einem kleinen Park dominiert, in dem sich das halbe Stadtleben zu tummeln schien. Auf seltsame Weise waren wir gleichzeitig fasziniert und entsetzt. Am Rande der Wiese gab es einen Skaterpark, in dem Jugendliche einige waghalsige Tricks mit ihren Rollern, Skateboards und Inlineskates darboten, während ihre Kumpel auf den Bänken saßen, kifften und sich betranken. Die weiter entfernten Bänke waren größtenteils von Obdachlosen belegt, die sich ebenfalls zum Saufen hier trafen. Rechts von uns waren gerade zwei Männer damit beschäftigt, sich in einer aufsehenerregenden Schlägerei gegenseitig die Mäuler zu polieren und nur wenige Meter weiter gingen zwei junge Mädchen mit kurzen Schulröcken spazieren, die gerade ihre Hintern verdeckten. Wenn es ein Rezept gab, um Gewalt und sexuelle Übergriffe zu produzieren, dann war es dieser Menschen-Cocktail. Die Engländer-Quote schien dabei insgesamt eher gering zu sein und es wirkte ein bisschen wie ein Zusammentreffen aller Nationen auf allen Herren Ländern. So erschöpft wir von der Reise auch waren, so sehr war uns doch klar, dass wir hier unmöglich bleiben konnten. Wir suchten unseren Weg hinaus aus der Innenstadt in den hinteren Bereich und wandten uns immer mehr den Bergen zu. Von der Hauptstraße bogen wir in eine Nebenstraße und von dort in eine noch kleinere Straße ein, doch am Verkehr änderte das zunächst einmal überhaupt nichts. Vor uns lagen nun nur noch ein paar Reihenhäuser, von denen viele auch noch leer Standen. Wo also kamen all diese Autos her? Alles nur eine Illusion? „Das passt doch schon wieder nicht!“ sagte Heiko entschieden. „Das ist doch schon wieder alles nicht real!“ Wir hielten kurz an um ein paar Muskeltests zu machen und tatsächlich kam dabei heraus, dass gerade einmal 0,0001% dessen, was wir heute erlebt hatten real gewesen war. Die Überfahrt nach Dover war ein weiterer, wichtiger Schritt hin zu meinem Ritual mit dem Branding gewesen und das rief natürlich wieder Gegenwind auf den Plan. Der Gegenspieler war aktiv wie schon lange nicht mehr und das spürten wir in allen nur erdenklichen Bereichen. Kaum hatten wir darüber gesprochen, hörte der Verkehr abrupt auf. Das letzte Auto fuhr genau in dem Moment an uns vorbei, in dem Heiko die Worte ausgesprochen hatte. Dann war es still. Vor uns wurde die Straße nun zu einem schmalen Asphaltweg, der steil hinauf auf die Hochebene führte. Es waren nicht einmal 200m, die wir zurücklegen mussten und schon waren wir wie in einr vollkommen neuen Welt. Nichts erinnerte mehr daran, dass hinter uns die Hölle von Dover lag. Wir hätten ebenso gut im Herzen von Montenegro oder Slowenien sein können. Links und Rechts von uns erstreckten sich die hügeligen Felder. Alles war grün, still und friedlich. Endlich raus ins Grüne Nach drei Meilen, also rund vier Kilometern erreichten wir ein winziges Dorf, in dem wir unser Glück versuchen wollten. Es gab einen Gemeindesaal, der hier „Village-Hall“ heißt, und den es, wie sich später zeigte, auch in den meisten anderen Dörfern hierzulande gibt. In der Theorie sind sie sicher keine Schlechte Anlaufstelle, aber für heute half uns der Saal nicht weiter. Er wurde von einem Verein betreut und dessen Vorsitzende war der Meinung, dass man ihn nur gegen Bezahlung nutzen dürfe, egal worum es ging. Eine andere ältere Dame stellte jedoch den Kontakt zum Pfarrer im Nachbardorf her und dieser versprach uns im Mehrzwecksaal seiner Kirche aufzunehmen. Der Ort des Pfarrers hieß Capel und lag direkt oberhalb der Klippen.. Um zur Kirche zu gelangen führte uns der Weg ein kleines Stück an den Felsen entlang und verschaffte uns so noch einmal einen deutlich schöneren Blick aufs Meer, als wir ihn von der Fähre oder der Stadt aus hatten. Eine schnelle Ankunft und ein entspannter Abend waren uns aber trotzdem noch nicht vergönnt, denn wie sich herausstellte, waren beide Bereiches des Saals bis um 21:00 Uhr belegt. Im großen Saal fand ein Nähkurs statt und im kleineren ein Hundetraining. Warum man ein Hundetraining in einem Kirchensaal veranstaltete, blieb uns ein Rätsel, aber so war es nun einmal. Unsere erste Einladung Um nicht bis um neun Uhr in der Kälte stehen zu müssen, brachte uns der Pfarrer zu einer Freundin, die ein paar Häuser weiter wohnte. Sie hieß Audry und machte uns als aller erstes einmal einen Tee. Tatsächlich stellten wir bereits an diesem ersten Tag fest, dass man viele der Vorurteile über Briten durchaus bestätigen konnte. Was immer der Tag auch brachte und wie immer eine Situation auch gestrickt sein mochte, es gab nichts, das man nicht erst einmal mit einem Tee beginnen konnte. Selbst die Frau aus dem Nachbarort, die nur den Kontakt zum Pfarrer hergestellt und uns den Weg beschrieben hatte, bot uns an, vor dem Aufbruch noch einen Tee zu trinken. Auch die Angewohnheit, lange Reihenhäuserketten zu bauen, die alle komplett identisch waren, fanden wir sofort bestätigt. Es war fast ein bisschen unheimlich, wie sehr man sich hier permanent an Harry Potter erinnert fühlt. Fast in jeder Straße hat man das Gefühl, dass man vor dem Haus seiner Tante steht und ihn von unter der Treppe her rufen hört. Ein warmes Abendessen Zum Abendessen bekamen wir Chips and Sausages with Backed Beans, also Würstchen mit Pommes und Bohnen. Auch das war schon fast klischeehaft, dafür aber auch sehr lecker. Der Star des Abends jedoch war Trike, der dreibeinige Hund von Audry, der sich trotz seines stolzen Alters von 84 Hundejahren, seinem fehlendem Hinterbein und massivem grauen Star noch immer wacker schlug und munter in der Wohnung herum hüpfte. Von Audry erfuhren wir auch einige spannende Details über den Tunnel, der England mit dem Festland verbindet. Es gibt genau zwei Möglichkeiten, um ihn zu passieren. Die erste ist ein Personenzug, also ein ganz normaler Zugverkehr zwischen England und Frankreich. Früher fuhren die Züge regelmäßig und man konnte von hier aus in nur wenigen Minuten zum Festland reisen. Heute ist das jedoch anders. Da es hauptsächlich reiche Geschäftsleute aus London sind, die den Zug nutzen, wurde das System für diese Zielgruppe optimiert. Das bedeutet im Klartext, dass es nun nur noch eine Direktverbindung via Schnellzug zwischen London und Frankreich gibt. Wer also aus Dover mit dem Zug nach Frankreich möchte, muss zunächst bis nach London fahren und dann wieder zurück. Das nenne ich mal ein sinnvolles System. Dummerweise hilft uns das überhaupt nicht, denn nach unserer Erfahrung mit der Fähre hatten wir uns bereits überlegt, ob der Tunnel nicht doch eine Alternative sein könnte. Aber London wird definitiv nicht besser sein als Dover. Zugverbindung zwischen Dover und dem Festland Die zweite Methode ist der Auto-, oder LKW-Zug, mit dem man von Folkstone aus starten kann, was nur wenige Kilomert hinter Dover liegt. Einziger Haken: Es ist ein reiner Güterzug und man kann ihn wirklich nur mit einem Fahrzeug nutzen, an dessen Steuer man sitzt. Die Logistik für das Transportieren der LKWs ist tatsächlich so groß, dass der Tunnel-Zug der größte Arbeitgeber der Region ist. Genaugenommen arbeiten mehr als 50% aller Einwohner von Dover und Umgebung für den Tunnel, darunter auch Audrys Tochter und ihr Schwiegersohn. Audrey selbst arbeite in der Früh als Reinigungskraft, um sich neben ihrer Rente noch etwas hinzuzuverdienen. Mit der Rente allein kam man hier offenbar noch schlechter zurecht als in Deutschland. Bis vor einigen Jahren mussten die Frauen hier bis 60 und die Männer bis 65 Jahre Arbeiten, bevor sie in Rente gehen konnten. Diese Regelung wurde als unfair empfunden und im Rahmen der Gleichberechtigung hat man das Alter nun allgemeingültig auf 70 Jahre festgelegt. Wenn man sich schon die Mühe machte, hier eine Gleichberechtigung zu erschaffen, dann konnte man dafür am Ende wenigstens alle leiden lassen. Und wo man schon dabei war, hat man die Rente auch gleich noch so weit runterdrosseln können, dass man ohne private Zusatzrente nicht mehr davon leben konnte. Das Strom-Dilemma Kurz bevor es an der Zeit war zu gehen, fiel uns auf, dass wir hier noch ein weiteres Problem hatten, über das wir uns keinen einzigen Gedanken gemacht hatten. In England gibt es ein vollkommen neues Steckersystem in diesem Land und ohne einen Adapter kann man nicht einmal sein Handy mit Strom befüllen, geschweige denn einen Adapter. Für den ersten Abend konnte uns Audry aushelfen, aber dennoch wird kein Weg daran vorbeiführen, morgen erneut in den Wahnsinn der großen Küstenstädte hinabzusteigen und einen Supermarkt zu finden, in dem wir einen Adapter kaufen können. Als wir schließlich dazu kamen, unsere Schlafplätze aufzubauen, war es bereits 22:00 Uhr und der Tag war nahezu gegessen. Wir hatten heute rund 40km zu Fuß zurückgelegt und noch einmal weitere rund vierzig Kilometer mit dem Schiff. Als Resümee kann man schon einmal festhalten, dass die vierzig Kilometer Schiffsfahrt weitaus anstrengender waren, als die 40 gelaufenen.
 
Spruch des Tages: Mögen die nächsten Tage etwas entspannter werden.
Höhenmeter: 260 m
Tagesetappe: 15 km
Gesamtstrecke: 21.958,27 km
Wetter: Sonnig und windig
Etappenziel: Aufenthaltsraum in der Kirche, TN25 Mersham, England

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Zuletzt aktualisiert am 2017-06-11 12:42:41


Tag 1197: Fährfahrt nach England

So lustig ist eine Seefahrt nun auch wieder nicht

Fortsetzung von Tag 1196: „Können wir die Wagen doch einfach irgendwo hier unten lassen?“ fragten wir unsere Führerin, als die Fährfahrt nach England begann. „Nein!“ piepste sie entschieden zurück, „Ihr habt euch ausgesucht, dass ihr sie bei euch haben wollt, also bleibt auch dabei! Da vorne ist ein Fahrstuhl, den könnt ihr nehmen!“ Wenig später saßen wir auf einem Sofa auf dem Oberdeck, die Wagen neben uns, und warteten auf die Abfahrt. Diese ließ jedoch noch einmal eine gute Dreiviertelstunde auf sich warten. Eine Zeit, in der das Schiff von Minute zu Minute voller wurde. Auch die Gelbjackenträger waren dabei, die hoch motiviert waren, den Aufenthalt für alle anderen so unangenehm wie möglich zu machen. Neben uns saß ein älteres Pärchen aus England, das bereits ein wenig zerknittert, vor allem aber erschlagen wirkte. Die Frau begann leicht zu hyperventilieren und machte Anstalten, als wolle sie einen Herzinfarkt bekommen. Heiko bot ihr etwas Wasser an, damit sich ihr Kreislauf stabilisieren konnte, aber sie lehnte ab. Sie entsprach genau dem Bild, das man von einer englischen Adeligen hatte und dazu gehörte es wohl auch, dass es ihr immer gut ging und dass sie niemals Hilfe brauchte, egal wie es auch in ihr aussehen mochte. Erste Schiffsinspektion Da immer einer von uns auf die Wagen aufpassen musste, machten wir unsere Erkundungsrunden nacheinander. Viel gab es nicht zu sehen, nur einige Restaurants oder Cafés und eine kleine Außenterrasse, die sich genau zwischen Schornstein und Maschinenraum befand. Hier war es so laut, dass man nicht einmal sein eigenes Wort verstehen konnte und so wurde es nur ein recht kurzer Besuch. Dennoch musste man sagen, dass man von hier aus den ersten schönen Blick auf Calais hatte. Man erkannte nur den breiten, weißen Sandstrand und dahinter die altertümlichen Gebäude des Stadtkerns. Nachdem wir von unseren Touren zurückgekehrt waren, wurden wir von einem freundlichen Mann aus Nottingham angesprochen, der uns unsere ersten fünf Pfund spendete und uns von einem Fernwanderweg erzählte, der den südlichsten Punkt Englands mit dem nördlichsten Punkt von Schottland verbindet. Terror auf der Fährfahrt nach England Die Überfahrt selbst dauerte gerade einmal eine gute halbe Stunde, denn die Breite des Ärmelkanals an dieser Stelle beträgt nur 37km. Dennoch verbrachten wir insgesamt weit mehr als 2 Stunden auf dem Schiff und noch einmal zwei weitere in den Häfen. Einen Teil der Überfahrtszeit nutzte ich, um etwas Schlaf nachzuholen, doch besonders erholsam wurde das nicht. Gerade als ich eingeschlafen war, wurde ich von einem monströsen Tumult wieder aus dem Schlaf gerissen. Verstört schaute ich mich um und sah dabei zunächst in Heikos entsetztes Gesicht und an auf die Menschenmenge, die uns umschlossen hatte. Die Englische Küste war noch immer einige Meilen entfernt und doch hatten die Passagiere bereits beschlossen, sich schon einmal für das Verlassen des Schiffes bereit zu machen. Wie eine Horde Stiere, die man in ein zu kleines Gatter gesperrt hatte, standen sie nun mit scharrenden Hufen vor den Treppenabgängen und warteten auf ein Startsignal, das nicht kam und auch nicht kommen konnte. Wir schätzen die Zahl der anwesenden Personen auf rund 25.000 und etwa die Hälfte davon hatte sich nun direkt um uns geballt. Dies allein wäre schon anstrengend gewesen, doch rund 90% davon waren auch noch Schüler, die genervt, gelangweilt und zunehmend aggressiv waren. Sie schrien herum wie ein Schwarm Möwen und begannen allerlei Spiele zum Zeitvertreib zu entwickeln, von denen die Meisten das Schubsen, Schlagen oder Treten ihrer Mitschüler beinhalteten. Dies sorgte natürlich dafür, dass permanent auch Menschen umher gestoßen wurden, die nichts mit diesen Spielen zu tun hatten, wodurch sich die Gesamtstimmung an Deck immer weiter aufheizte. Man konnte das Aggressionspotential buchstäblich in der Luft knistern hören. Alte Erinnerungen Unweigerlich mussten wir an unsere erste Fahrt von Griechenland nach Italien zurück denken. Damals hatten wir uns über die Arbeitssklaven beschwert, die mit uns an Bord waren und jeden Gang und jeden Winkel belagert hatten, wie bei einem Sitzstreik. Nun wurde uns klar, dass diese Menschen nicht einmal einen Bruchteil so unangenehm gewesen waren, wie die Touristen und Schüler von jetzt. Die Gastarbeiter waren mit solider Ellenbogenmentalität vorgegangen, um sich einen möglichst guten Schlafplatz zu ergattern und sie waren dreist gewesen, was die Nutzung des Schiffsinterieurs anbelangte, um sich darauf Betten zu bauen. Aber sie hatten Rücksicht auf sich und auf die anderen Passagiere genommen. Jeder hatte darauf geachtet, dass man sich gegenseitig nicht störte und wenn jemand schlafen wollte, dann hatte man ihn schlafen lassen. Die Überfahrt war alles andere als angenehm gewesen, aber die Menschen hatten dafür gesorgt, dass sie den Umständen entsprechend so angenehm wie möglich wurde. Hier nun war es genau anders herum. In den letzten Wochen waren wir immer wieder gewarnt worden, dass die Schiffe nach England wahrscheinlich voller Flüchtlinge sein würden und dass wir uns fragen sollten, ob wir wirklich in so eine Gesellschaft hinein wollten. Tatsächlich konnten wir unter den Passagieren keinen einzigen Flüchtling ausmachen und es stand außer jeder Frage, dass dies unter den gegebenen Bedingungen definitiv eine schlechte Nachricht war. So viel unterschwellige Aggression und so viel Rücksichtslosigkeit würde man unter Flüchtlingsgruppen sicher niemals finden. Eine harte Probe für die Nerven Das ältere Pärchen neben uns hatte es richtig gemacht und sich rechtzeitig in einen anderen Teil des Schiffes zurückgezogen. An ihrer Stelle hatte nun eine junge Frau asiatischen Ursprungs neben uns Platz genommen, die versuchte, sich durch intensives Spielen mit ihrem Handy von der aktuellen Situation abzulenken. Ein Plan, der nur mäßig aufging, da sie immer wieder von übermütigen Schülern angerempelt wurde. Einer kam sogar auf die Idee, sich auf die Armlehne ihres Sessels zu setzen und damit bis in den inneren Kern ihres Privatsphäreradius vorzudringen. Es reichte jedoch ein einziger Blick von ihr, der ihre gesamte Ablehnung offenlegte um ihm klar zu machen, dass das eine äußerst dumme Idee war. Ein kurzer Blickkontakt zwischen uns und der Frau reichte aus, um zu verstehen, dass sie genau das gleiche Dachte wie wir: „Oh mein Gott, in was für eine Vorhölle bin ich hier nur hineingeraten!?!“ Die Stimmung in der Masse heizte sich immer weiter auf und mit ihr nahm auch die Lautstärker permanent zu. Bald schon gab es niemanden mehr der nicht brüllte, kreischte oder schrie und dabei versuchte, alle anderen in ihrem Lärm zu übertönen. Ich selbst spürte, wie ich mich immer mehr in mich selbst zurückzog und dabei mehr und mehr verspannte. Heiko ging es genauso und auch bei uns stieg das Aggressionspotential kontinuierlich weiter an. Hinzu kam, dass unsere Wagen mitten in der Schusslinie standen. Die zankenden Kids spielten ihre Spiele während sie mitten zwischen unseren Deichseln standen. Es reichte ein einziger Moment der Unachtsamkeit und einer von ihnen würde darüber stolpern und dabei vielleicht eine Bremse abreißen oder schlimmeres. Ich war der erste, der eingriff und wies drei der Jungs, die am nächsten standen an, sich von den Wagen fernzuhalten. Unsere asiatische Nachbarin begann zu strahlen und genoss es sichtlich, dass nun etwas mehr Platz entstand. Erziehungsmaßnahmen Lange hielt es natürlich nicht an und schließlich wurde klar, dass hier härtere Geschütze aufgefahren werden mussten. Die Frage war nur, wer von den beiden anderen der nächste sein würde. Die junge Frau fuhr bereits ihre Motoren hoch und ballte bereits ihre Fäuste, als Heiko ihr zuvor kam: „Kruzifix nochmal! Nimmst du wohl deine verdammten Füße von unseren Wagen weg oder muss ich erst fuchtig werden!“ brüllte er aus vollem Leibe. Augenblicklich wurde es still. Keiner der rund 12.000 Menschen sagte mehr ein Wort und der Junge, dem der Zorn galt wich einen guten Meter zurück und verschwand dann in der Menge. Einige Sekunden hielt die Stille an, dann begann das erste Wispern und in nur wenigen Augenblicken hatte sich die ursprüngliche Stimmung wieder aufgebaut. Die Asiatin versuchte nach Leibeskräften ihr Strahlen und ihre Zustimmung zu unterdrücken, scheiterte aber auf voller Länge. Drei ältere Frauen, die auf der anderen Seite unserer Wagen standen sahen es genauso und im Hintergrund erkannten wir noch vier oder fünf weitere Erwachsene, die zustimmend nickten. Die Stimmung brodelt Gerade für die älteren Herrschaften war der Zustand unerträglich. Jeder nur halbwegs vernünftige Mensch wusste, dass er niemals in einen Schulbus einsteigen würde, wenn er heile zu Hause ankommen wollte. Hier hatte man keine Wahl und sah sich unvermittelt tausenden von Schulbussen entgegen. Jede der Jugendgruppen hatte Lehrer oder Betreuer dabei, aber niemand griff ein. Niemand machte auch nur den Versuch, die Chaoten zu bändigen und es schien vollkommen in Ordnung zu sein, dass sie alte Damen und Herren genauso herumschubsten wie kleine Kinder und schwangere Mütter. Am bedrohlichsten war jedoch die Gesamtstimmung zu spüren, die sich immer weiter und weiter aufbaute. Heikos Schrei hatte sie einen Moment lang abkühlen lassen, aber nun war sie bereits wieder auf dem Siedepunkt. Mit jeder Minute, die verging, schien das Risiko einer Eskalation zu steigen. Bald würde nur noch ein kleiner Auslöser ausreichen um die erste Schlägerei zu verursachen. Langsam verstanden wir auch, warum Türsteher in den Diskotheken immer so früh eingriffen und Störenfriede bereits hinaus warfen, noch ehe sie auch nur daran dachten, Stress zu machen. In diesem Zustand war es bereits unmöglich, die Meute noch zu bändigen. Das einzige, was verhindern konnte, dass es zu Ausschreitungen kam, war ein möglichst baldiges Öffnen der Türen. Mit einem Schlag wurde uns klar, warum die Konkurrenzlinie keine Fußgänger aufnahm. Es ging nicht um einzelne, es ging um diese Massen. Fortsetzung folgt...
 
Spruch des Tages: So lustig ist eine Seefahrt nun auch wieder nicht
Höhenmeter: 260 m
Tagesetappe: 15 km
Gesamtstrecke: 21.958,27 km
Wetter: Sonnig und windig
Etappenziel: direkt in der Kirche, CT18 Lyminge, England

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Zuletzt aktualisiert am 2017-06-11 12:41:53


Tag 1196: Ab auf die Insel!

England wir kommen!

10.04.2016 Heute war es nun endlich soweit! Wir würden Frankreich und das europäische Festland verlassen und die Britischen Inseln unsicher machen. Vor uns lagen nun die letzten 20km Wegstrecke, die uns vom Hafen trennten. Laut meinem Plan sollte eine Fähre um 13:55 Uhr abfahren, weshalb wir eine Stunde früher aufstanden um etwas mehr Zeit zu haben. Der erste Abschnitt führte uns durch ein ausgedehntes Waldgebiet, das von den Bewohnern Calais als Naherholungsgebiet genutzt wurde. Die Picknickareale waren hier so beliebt, dass um sie herum kein Gras mehr wuchs. Der Waldboden war wie blank geleckt und erinnerte ein bisschen an die Schafswiesen in Bulgarien, auf denen vor lauter Hufabdrücke auch kein Halm mehr wachsen konnte. Kurz hinter dem Wald erreichten wir einen Ort namens Guines, der bereits einen ersten Vorgeschmack auf die ihm folgenden Küstenstädte vermittelte. Zum Glück gab es hier einen Fahrradweg, der fast bis zur Küste hinab führte und auf dem man die großen Hauptverkehrsrouten umgehen konnte. Jedenfalls ein bisschen. Dafür, dass es ein hochtouristisches Gebiet war, war der Weg erstaunlich schlecht erhalten und bestand teilweise nur noch aus einer holprigen Wiese. Dann wieder kamen wir an einen Abschnitt, an dem acht Männer mit Freischneidern, Rasenmähern und Laubbläsern beschäftigt waren, um jeden Grashalm einzeln zu stutzen. Während die meisten eher unmotiviert an die Sache herangingen, war der Mann mit dem Laubbläser mit vollem Elan und mit Spaß bei der Sache. Nach dreimaligem Anschreien konnte sein Kollege ihn dazu bewegen, eine kurze Puse-Pause einzulegen, während wir an ihm vorbei gingen. Man sah jedoch deutlich, wie schwer es ihm fiel, denn sein Finger zuckte immer wieder am Abzug der Windkanone und wollte einfach weiter pusten. Zwei Mal konnte er es nicht unterdrückten und sprühte aus Versehen eine kleine Staubwolke in den Himmel, obwohl wir noch in der Nähe waren. Das war übrigens ohnehin der einzige Grund, aus dem er seine Arbeit machte. Es ging ihm nicht darum, den Weg von Grad, Schmutz oder sonst irgendetwas zu befreien. Darauf legte er keinerlei Wert, denn im Nachhinein sah alles noch immer fast genauso aus wie vor seiner Behandlung. Es ging darum, die schönste, größte und dichteste Staubwolke zu machen und dabei am Besten noch mitten in ihr zu stehen. Kurz vor der Stadtgrenze von Calais endete der Radweg und wir mussten uns auf eigene Faust in die Innenstadt durchschlagen. Es gab eine recht beeindruckende aber verfallene Kirche und ein noch weitaus stärker beeindruckendes, gut erhaltenes Rathaus, das deutlich zeigte, dass es in Frankreich der Staat war, der das Zepter in der Hand hielt. Sonst war die Stadt tendenziell eher hässlich. Uns fiel noch einmal auf, wie viel es ausmachte, ob die Kirche in einem Land über Geld verfügte oder nicht. Wie oft hatten wir in Deutschland über die Kirchensteuer geschimpft und uns über die Ungerechtigkeit beschwert, dass man hier etwas zahlen musste, selbst wenn man nicht gläubig war und auch nicht vor hatte, irgendetwas von der Kirche zu nutzen. Aber es hatte auch seine guten Seiten. Stellt euch einmal Städte wie Freiburg, Köln oder Nürnberg vor, wenn man die Kirchen, Münster, Kathedralen und Dome einfach nicht mehr pflegen würde, so dass sie zu unansehnlichen Ruinen zerfallen. Ob man nun gläubig ist oder nicht, diese Gebäude prägen nun einmal unsere Stadtbilder und wenn Sie schäbig und ungepflegt aussehen, sieht auch die gesamte Innenstadt so aus. Um zum Hafen zu gelangen, mussten dir die Innenstadt einmal durchqueren und dann an einem Kanal entlang zur Küste wandern. Auf halbem Wege wurden wir von zwei Mönchen angesprochen, die mich zum Beten einladen wollten. Einer von ihnen stammte aus Belgien, der andere aus Schottland. Sie waren hier wegen eines Flüchtlingsprojektes, auf das sie aber nicht näher eingingen. Spannend war, dass sie uns wirklich nur wegen eines Gebets fragten. Nicht: „Braucht ihr irgendetwas?“ oder „Dürfen wir fragen was ihr macht und wer ihr seid?“ Sondern einfach: „Hi, wollt ihr mit uns zum beten kommen?“ Auch ohne ein Gebet reichte aber bereits das Gespräch schon aus, um uns ein wenig in Zeitdruck zu versetzen. Nicht weil wir so spät dran waren, sondern weil wir insgesamt so früh waren, dass wir eine Fähre eher nehmen wollten und die kam nun bereits in einer Viertelstunde. In dieser Zeit mussten wir es irgendwie schaffen, den Fährhafen zu finden und uns ein Ticket zu besorgen. Das Hafengelände wirkte alt und heruntergekommen und wir bekamen sofort ein Gefühl dafür, warum in den amerikanischen Filmen so viele Mord-, Drogen- und Gewaltszenen in diesen Hafenvierteln angesiedelt waren. Eine bessere Atmosphäre konnte man sich dafür kaum vorstellten. Selbst die kleine Hafenspielunke mit der griesgrämigen, zahnlosen Wirtin und den schlecht gelaunten Haudegen, die bereits morgens um 9:00 Uhr ihr viertes Bier an der Theke tranken, fehlte hier nicht. Anders als wir es erwartet hatten, war der Hafen riesig. Und zwar nicht nur groß oder beeindruckend, sondern wirklich riesig im Sinne von „Waow! Das ist mal wirklich ein echt großer Hafen!“ Allein für die Fähren nach Dover gab es mehr als 10 Docks, die wir auf den ersten Blick erkennen konnten. Als Fußgänger konnte man sich über einen schmalen Zwischenweg über die verschiedenen Autopassagen hinwegschummeln um direkt zum Terminal zu gelangen. Andernfalls wären wir wahrscheinlich noch immer irgendwo in dem Straßengewirr gefangen. Am Ticketschalter erwartete uns dann die erste Überraschung, die ein deutlicher Vorbote war, dass dieser Tag wieder genauso verstrahlt werden würde, wie der Tag unserer Überfahrt nach Italien. „Es tut mir leid, aber wir können Sie leider nicht an Bord nehmen!“ entgegnete uns der Ticketverkäufer auf unsere Bitte nach zwei Karten für die nächste Fähre hin. Dicke, ungläubige Fragezeichen tauchten in unseren Augen auf und formulierten die professionell ausgewählte Reaktion, die dieser Situation angemessen war: „Hä?“ „Sie sind Fußgänger! Als Fußgänger können wir Sie nicht an Bord nehmen. Bei uns darf man nur mitfahren, wenn man ein Auto, einen Bus oder wenigstens ein Fahrrad bei sich hat!“ „Wir haben Pilgeranhänger, die in gewisser Weise einem Fahrrad nicht unähnlich sind!“ wandten wir ein, aber der Mann ließ sich nicht überzeugen. Stattdessen schickte er uns zum Schalter nebenan, der einer anderen Fährgesellschaft gehörte, die eine weniger strenge Fußgängerpolitik vertrat. Auf den ersten Blick sollte man meinen, dass es egal ist, ob man mit der einen oder der anderen Fähre fährt, aber bei näherer Betrachtung stellte sich heraus, dass es zwei Haken an der Sache gab. Der erste war, dass die nächste Fähre der Konkurrenzfirma erst um 14:20 Uhr fuhr. Wir waren nun also gut eineinhalb Stunden zu früh und das an einem Ort, den man nicht unbedingt als einen Platz der Ruhe und Entspannung bezeichnen konnte. Der Warteraum des Terminals wurde von einer allpräsenten Lüftungsanlage beschallt, die alle Raumbelüfter in den Schatten stellte, die wir bislang in diesem Land erlebt hatten. Draußen vor der Tür war es nicht viel besser, denn dort warteten die Busse, die allesamt ihre Motoren laufen ließen. Die Türen waren verschlossen, die Fahrer saßen im Aufenthaltsraum des Terminals und Tranken ihr Mittagsbier aber die Motoren liefen. Wir überbrückten die Zeit damit, auf der Kante einer Rollstuhlrampe zu balancieren, ein paar Brote zu essen und den Menschen beim Umherirren auf dem Terminalvorplatz zuzusehen. Besonders fasziniert waren wir von einer Familie, die so mit Rucksäcken vollgepackt war, dass man die Menschen unter den Taschenbergen kaum mehr sehen konnte. Im Grunde sah man nur zehn große Rucksäcke, die jeweils zu zweit zusammen gebunden waren und die eigenständig in den Terminal liefen. Eine gute halbe Stunde später kam der Bus, der uns zur Fähre bringen sollte. Denn anders als in Griechenland oder Italien konnte man hier nicht einfach von A nach B zu Fuß gehen. Wo käme man denn da hin? Unsere Wagen wurden in die Mitte des kleinen Transfährbusses gestopft, wo sie den kompletten Gang ausfüllten, dass niemand mehr an ihnen vorbeikam. Dann kamen die anderen Passagiere und verteilten sich irgendwie um uns herum. Es waren ein alter Mann, zwei russische Hünen, zwei Frauen und die Rucksackfamilie mit den zuvor unsichtbaren Trägermenschen darunter. Nachdem sie ihr Gepäck zu unserem gelegt hatten, war der Bus so voll, dass keine weiteren Passagiere mehr hineingepasst hätten. Gut also, dass es keine gab. Wie sich herausstellte stammte die Familie aus Kanada und war nach Frankreich gereist um an einer Gedenkfeier für gefallene Kriegssoldaten teilzunehmen. Der Vater war selbst im Krieg gewesen und hatte daher eine besondere Verbindung zu den Gefallenen. Die Fahrt war nicht lang, reichte aber aus, um zwischen dem Krampfhaften festhalten unserer Wagen, die bei dem wilden Fahrstil des Busfahrers ständig vor und zurück rollen wollten, ein paar Dinge über den Afghanistan-Krieg zu erfahren. Am spannendsten war die Wahrnehmung des Ex-Soldaten von den unterschiedlichen Nationen, die im Kriegsgebiet stationiert waren. Die Deutschen meinte er, hätten sich am wenigsten wohl gefühlt, da von Ihnen eigentlich niemand wirklich hatte irgendwo eingesetzt werden wollen. Diejenigen, die kamen, kamen eigentlich mit der Ansicht, irgendetwas Gutes zu tun, nur um dann festzustellen, dass dies nicht möglich war. Die Italiener hingegen waren da anders. Von ihnen war niemand zum Kämpfen oder Arbeiten hergekommen. Die meiste Zeit lagen sie am Strand oder irgendwo in der Sonne und ließen den Krieg Krieg sein. Viele hätten nicht einmal eine Uniform getragen, meinte er, geschweige denn ihre Waffen. Abrupt wurde unser Gespräch unterbrochen, denn nun kam eine kleine, französische Frau mit einer Piepsestimme, die schon fast an der Grenze zum Ultraschall lag. Sie wollte die Tickets der Passagiere sehen, verteilte blaue Bordkarten und fragte uns irgendetwas unverständliches zu unseren Wagen. „Entschuldigung, aber ich habe das leider nicht verstanden!“ antwortete ich auf Französisch. „Oh!“, sagte sie entschuldigend, „ich dachte, Sie sprechen unsere Sprache!“ „Das tue ich auch! Das Französisch ist nicht das Problem, aber bei ihrer Stimme kann man leider nichts verstehen, egal welche Sprache Sie sprechen!“ wollte ich eigentlich antworten. Ich konnte es mir jedoch gerade noch verkneifen und sagte stattdessen lieber nichts. „Wollt ihr die Wagen mit an Deck nehmen oder braucht ihr einen Trolli dafür!“ fragte sie nun auf Englisch, was tatsächlich etwas leichter zu verstehen war. „Keine Ahnung, ist eigentlich egal!“ antwortete ich, doch da die Frau auf eine klare Aussage bestand entschieden wir uns dafür, die Wagen bei uns zu behalten. Wenige Minuten später stoppte der Bus und von vorne kam das Pieps-Kommando: „Alle ausstigen! Passkontrolle!“ Wie eine große Entenfamilie marschierten wir nun auf einen Grenzposten zu. Links und Rechts standen junge Männer und Frauen, die kaum ihre Volljährigkeit erreicht hatten. Sie trugen Militäruniformen in Flecktarn am Körper und Maschinenpistolen in den Händen, während sie mit kaltem, starren Blick geradeaus schauten. Ein kleines Mädchen fing sofort an zu weinen, als sie die bedrohlich wirkenden Gestalten sah. Und sie hatte recht. Es war ein beängstigender Anblick, der auch hier mitten in Europa immer mehr zu etwas alltäglichem wurde. Im Grenzgebäude tummelten sich die Menschen wie in einem Ameisenhaufen. Ein Großteil von ihnen bestand aus Jugendlichen in neongelben Jacken, die zu einem Schüleraustausch mit Sprachreise gehörten. Gut, dass man die hohe Frequenz der Stimme unserer Führerin überall heraushören konnte, denn sonst hätte sie es sicher nicht geschafft, alle beisammen zuhalten. Am britischen Posten für die Passkontrolle stand eine adrette Dame. „Können wir einen Stempel bekommen?“ fragte Heiko, als sie uns die Ausweise zurück gab. „Sorry Jungs“, scherzte sie, „dafür seit ihr noch zwei Wochen zu früh! Ihr könnt ja warten, bis wir aus der EU ausgetreten sind und dann wider kommen! Unsere Piepsestimme führte uns zurück in den Bus und weiter ging die Fahrt ins innere der Fähre. Obwohl die Entfernung gerade einmal einen Bruchteil von der zwischen Igoumenitsa und Brindisi ausmachte, war die Fähre eher größer als kleiner. Noch war sie weitgehend leer, aber das sollte sich in den nächsten Minuten grundlegend ändern. Fortsetzung folgt...
 
Spruch des Tages: England wir kommen!
Höhenmeter: 320 m
Tagesetappe: 39 km
Gesamtstrecke: 21.943,27 km
Wetter: Sonnig und relativ warm in Frankreich, kalt und ungemütlich in England
Etappenziel: Gemeindesaal der Kirche, CT18 Capel-la-Ferne, England

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Zuletzt aktualisiert am 2017-06-11 12:40:45


Tag 1195: Unsere letzte Nacht in Frankreich

Morgen geht es ab auf die Insel!

09.04.2016 Zum Abschied präsentierte sich Frankreich noch einmal richtig großzügig. Bereits gestern hatte uns der Bürgermeister mehr als nur reichlich mit allem versorgt, was wir brauchten. Erst hatte er uns 20€ geschenkt, damit wir damit im kleinen, örtlichen Minimarkt einkaufen konnten und dann hatte er sich entschieden, gleich mit uns gemeinsam hinzugehen und den Einkauf selbst zu übernehmen, so dass wir die 20€ nicht ausgeben mussten. Gerade jetzt ist das natürlich gleich doppelt gut, da wir ja kurz vor unserer Fährfahrt stehen und es bislang mit Spenden eher mau ausgesehen hat. Heute in der Früh hing dann eine Tüte mit Obst, Joghurt und anderen Frühstücksutensilien an unserer Eingangstür. Vom Bürgermeister selbst gab es leider keine Spur, so dass wir uns weder bedanken noch verabschieden konnten. Bis zur Küste waren es nun nur noch rund 35km von denen wir die ersten 15 heute zurück legten. Der Frühling trieb zum ersten Mal seit langem auch die Einheimischen aus den Häusern und so sahen wir heute mehr Spaziergänger, Fahrradfahrer und Liegestuhlnutzer als in unserer ganzen bisherigen Zeit in Frankreich. Gegen Mittag erreichten wir ein kleines Nest, dessen Bürgermeister mir ebenfalls im Radlerdress die Tür öffnete. Er war nicht abgeneigt, uns einen Schlafplatz anzubieten, erklärte aber, dass man auch hier den Festsaal privatisiert hatte. Ihm waren also die Hände gebunden. Es konnte uns jedoch die Adresse der Frau geben, die nun für den Saal verantwortlich war. Sie betrieb eine kleine Bar im oberen Bereich des Ortes und reagierte – anders als es der Bürgermeister vorausgesagt hatte – äußerst positiv auf unsere Bitte. Der Saal war kalt wie die Nacht, aber wir durften darin schlafen. Von hier aus haben wir nun eine günstige Position, um morgen Früh nach Calais zu wandern, von wo aus uns die Fähre nach Großbritannien bringen wird.
 
Spruch des Tages: Morgen geht es ab auf die Insel!
Höhenmeter: 360 m
Tagesetappe: 16 km
Gesamtstrecke: 21.904,27 km
Wetter: Sonnig und relativ warm
Etappenziel: Privater Festsaal, 62340 Bouquehault, Frankreich

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Zuletzt aktualisiert am 2017-05-29 08:08:37


Tag 1194: Urlaub in de Jagdhütte

Auf ihrer hektischen Jagd nach einem imaginären Gl

08.04.2017 Unsere letzten Tage in Frankreich sind gezählt. Heute habe ich bereits die ersten Etappen für England rausgesucht, damit wir nach der Überfahrt nicht irgendwo in der Bredoullie stehen. Die Situation dabei war etwas abstrakt und ist durchaus eine Erwähnung wert. Vom Bürgermeister haben wir heute die Jagdhütte seines Vaters bekommen. Es ist ein kleines Häuschen im Wald an einem kleinen Fischteich und es wird für gewöhnlich nur von den Männern während der Jagdsaison genutzt um zu grillen, zu feiern und sich zu betrinken. Ihr könnt euch wahrscheinlich vorstellen, dass das so einem Haus nicht unbedingt gut tut und obwohl es eigentlich eine tolle Hütte ist, sieht es hier ein bisschen aus, wie nach einem Zombieangriff. In der Spüle lag sogar noch eine unabgewaschene Schöpfkelle mit Krautresten daran, die sicher mehr als einen Monat alt waren. Am Boden lagen zerbrochene Weingläser und wenn man den Gewürtzschank in der Küche öffnete, zerstörte man damit die monatelange Arbeit von mindestens sechs fleißigen Spinnenfamilien. Da die Heizung nicht funktionierte bekamen wir am Nachmittag noch Besuch vom Hausbesitzer, der schauen wollte, ob er sie wieder zum Laufen brachte. Er brachte es nicht, aber er erzählte ein bisschen von seinen sonst üblichen Aktivitäten hier im Haus und er war fast ein bisschen enttäuscht, dass wir uns nicht mit ihm besaufen wollten. Zu den Vorzügen der Hütte gehörte zwar eine Badewanne aber kein Internetanschluss, weshalb ich mich noch einmal auf die Suche nach einem freundlichen Nachbarn machte. Dabei lernte ich einen freundlichen alten Mann ohne Kehlkopf kennen, der mir einen Platz in seinem Arbeitszimmer anbot. Ich brauchte etwa eine halbe Stunde, um die Strecke rauszusuchen und während der gesamten Zeit blieb er stumm neben mir sitzen und beobachtete jeden meiner Schritte. Mehrmals wies ich ihn darauf hin, dass es etwas dauern könnte, aber das störte ihn nicht im geringsten. Ein wenig komisch fühlte es sich schon an, unter diesen Bedingungen zu arbeiten, aber für mich war es wahrscheinlich nicht schlecht, denn auf diese Weise musste ich wirklich effektiv sein und konnte nicht wie üblich herumtrödeln. Die Badewanne funktionierte dieses Mal übrigens wirklich und sie bot ausreichend Platz und heißes Wasser für einen entspannten Tagesausklang.
 
Spruch des Tages: Auf ihrer hektischen Jagd nach einem imaginären Glück, verpassen viele Menschen dabei die eigentlichen Glücksmomente. (Adam, Burckhard)
Höhenmeter: 180 m
Tagesetappe: 16 km
Gesamtstrecke: 21.898,27 km
Wetter: Sonnig und relativ warm
Etappenziel: Jagdhütte des Bürgermeisters, etwas außerhalb von 62850 Escœuilles, Frankreich

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Zuletzt aktualisiert am 2017-05-29 08:07:42


Tag 1193: Den Medizinkörper annehmen

Normal ist nur der Norm entsprechend und hat nicht

07.04.2017 Wir haben in den letzten Wochen ja immer mal wieder erwähnt, dass die Franzosen irgendeinen Wahn in Bezug auf Lüftungsanlagen haben. Vor drei Jahren ist uns das noch nicht aufgefallen, aber heute gibt es so gut wie keinen Raum mehr, in dem nicht ein Lüfter in die Decke integriert wurde, der permanent rauscht und surrt und außerdem dafür sorgt, dass der Raum kalt wird. Teilweise haben wir diese Teile mit Toilettenpapier ausgestopft, teilweise haben wir die Sicherungen ausgedreht und teilweise mussten wir einfach akzeptieren, dass es nicht ohne ein permanentes Hintergrundrauschen geht. Warum diese Lüfter verbaut werden ist uns noch immer ein Rätsel. Sie hängen in jedem Raum, nicht nur in Toiletten oder Räumen ohne Fenster. Sogar in der kleinen Urlaubspension, in der wir vor ein paar Tagen übernachten durften gab es einen solchen Lüfter. Da zahlte man wirklich als normaler Tourist 50 bis 120 Euro pro Nacht, um dann einen Raum zu bekommen, der permanent brummt und rauscht, so dass man niemals zur Ruhe kommen kann. Ist das nicht absurd? Es gibt fast nie einen Grund, warum man nicht einfach lüften sollte und in Anbetracht der Lautstärker dieser Ventilatoren scheidet Straßenlärm als Begründung wohl aus. Inzwischen ist uns auch aufgefallen, dass die Lüfter keinen Luftaustausch verursachen, wie wir erst angenommen haben, sondern einen Sog. Sie sorgen einfach dafür, dass die Luft im Raum nach draußen gesogen wird. Auf diese Weise macht das ganze System für mich gleich noch weniger Sinn. Selbst wenn die Belüftung in einem Raum nun schlecht ist, sorgt das doch nur dazu, dass man den Sauerstoff, der vielleicht in zu geringen Mengen vorhanden ist, noch etwas schneller entfernt. Dabei saugt man die warme Luft aus den Heizungen gleich mit weg und sorgt gleichzeitig dafür, dass ein Kamin-Effekt entsteht, falls irgendwo ein Feuer ausbrechen sollte. Ich muss ganz ehrlich sagen, die Vorteile erschließen sich mir jetzt noch nicht so ganz. Von allen Lüftungsanlagen dieser Art haben wir heute jedoch mit Abstand das großartigste gesehen. Wir bekamen eine Unterkunft in einem Aufenthalts- und Veranstaltungssaal neben dem Sportplatz, der für Einrichtungen dieser Art erstaunlich gepflegt und sauber war. Nur hinter dem Herd sammelte sich eine dicke Schicht aus Staub, Fett und Essensresten an, aber das man hier sauber machte konnte ja auch keiner verlangen. Zu dem Saal gehörte auch eine Toilette, die sich jedoch in einem Außenbereich befand. Sie war zwar im Gebäude, aber in einer Art Vorraum, den man nur mit einem Stahlgitter verschließen konnte. Er war also in etwa so verschlossen wie eine handelsübliche Bushaltestelle und trotzdem gab es hier einen Lüfter. Er sog die Luft der Außenwelt durch das Gitter nach oben, um es dann gleich wieder nach draußen zu pusten. Das war mal effizientes Arbeiten. Bis wir unser Station erreichten wanderten wir genau wie die letzten Tage durch ein ewig weites Hügelland, das fast nur aus Feldern bestand. Sehenswertes gibt es hier kaum noch, wenngleich uns hin und wieder Kaninchen oder kleine Küken über den Weg laufen. Dennoch sind es im Moment wieder vor allem die inneren Themen, die präsent sind. Mit jedem Schritt, den wir uns der Küste und damit der Fähre nähern, nähern wir uns auch meinem Ritual-Termin in Worthing. Ich selbst merke, wie ich diesem Thema immer wieder gerne aus dem weg gehe, weil noch immer einiges an Angst in mir ist, die ich gerne verdrängen möchte. Zum Glück ist Heiko kein Freund davon, Dinge unter den Tisch fallen zu lassen und wenn er merkt, dass ich ausweiche oder mich bewusst mit allem anderen außer diesem auseinander setze, dann hakt er mit ganz besonderem Elan nach. Zunächst war es mir auch heute wieder unangenehm, aber nach einem kurzen Moment wurde mir klar, wie wichtig es ist, dass ich hier mit einer echten Präsenz, mit einem Fokus und auch mit einer ganzen Entscheidung drauf zu gehe, die ich aus voller Überzeugung treffe und nicht aus der Idee, etwas altes loswerden zu wollen. Auf der einen Seite ist da natürlich die Angst in mir, die das Ritual am liebsten bis in alle Ewigkeit nach hinten verdrängen will. Auf der anderen Seite gibt es aber auch die Hoffnung, dass ich damit all die Dinge loslassen und ablegen kann, die ich an mir selbst nicht mag und die mir in den letzten Monaten immer präsenter geworden sind. Doch gerade diese Hoffnung ist gefährlich, da sie ein reines „Dagegen“ ist. Es ist ein Hinfiebern darauf, etwas zu besiegen oder zu vernichten, das ich als negativ empfinde und das kann niemals gut gehen. Einen Erfolg kann es nur dann bringen, wenn ich mit Freude dabei bin anstatt mit Hass und Ablehnung, wenn ich auf etwas Neues zustrebe und den Fokus auf das wachsen und auf das Geschenk lege, das in dem Ritual enthalten ist. Die Kraftsymbole und das Medizinrad, das in Form der Narben auf meiner Brust entstehen und so einen der schwächsten Punkte meines Körpers schützen wird, ist ein Teil meines Medizin-Ichs, das ich immer stärker annehme und von dem ich immer mehr entdecke und freilege. Darin liegt seine Kraft. Nicht darin, voller Hass und Selbstverurteilung alles alte aus mir verbannen zu wollen. Wieder kam die Frage auf, wovor ich im Zusammenhang mit dem Branding eigentlich Angst habe? Warum jagt es mir eine Gänsehaut über den Rücken und warum versuche ich, irgendwie davor wegzulaufen? Die präsenteste Angst war die, dass ich mit den rituellen Narben auf de Brust nicht mehr zur Gesellschaft dazu gehören kann. Ich würde komisch angesehen und letztlich ausgestoßen werden, weil ich nicht mehr der Norm entspreche. Dies ist ja immer meine größte Angst: Nicht mehr gemocht zu werden, weil die Leute mich komisch finden. Jetzt, wo ich die Angst zuließ und mich mit ihr auseinander setzte wurde mir jedoch bewusst, dass sie vollkommen unbegründet war. Nicht weil es nicht genau so kommen konnte, sondern weil es schon längst genauso war. Ich war wie ein Kind, das angst hatte hinzufallen, obwohl es längst am Boden saß. Ich bin ein heimatloser Wanderer in einer grauen Mönchsrobe, der mit einem vollbepackten Pilgerwagen durch die Lande zieht, der jeden Kontakt zu Familie und früheren Freunden abgebrochen hat und der komische Ansichten über die Surrealität des Lebens und des Universums vertritt. Wie sollte ich also noch weiter aus der Gesellschaft fallen? Ein Branding auf der Brust, das zu 98% der Zeit von meiner Robe verdeckt wird, wird da kaum einen Unterschied machen. Vor allem, wo es in den restlichen 2% fast ausschließlich Heiko und Shania sein werden, die mich sehen und bei ihnen brauche ich keine Angst vor der Reaktion haben. Es ging also weniger um die reale Reaktion von Außen, als viel mehr darum, dass mir nun bewusst wurde, dass meine Lieblingsstrategie des Anpassens und Verbiegens immer schlechter funktionierte. Ich hasste es zwar, dass ich dies immer wieder tat, aber es gab mir auch eine gewisse Sicherheit, stets darauf zurückgreifen zu können. Wenn ich nicht weiter weiß, dann muss ich mich nur verbiegen und verdrehen, um so zu sein, wie andere mich haben wollen und schon kann ich gefallen und dazugehören, wodurch ich erst einmal wieder versorgt bin. Diese Strategie funktioniert nun nicht mehr. Ich bin wer ich bin und muss dazu stehen, selbst wenn es mir schwer fällt. Auch dann, wenn andere mich schrecklich finden, hassen oder verachten. Dies bedeutet, dass ich nun auch beginnen muss, meinen Selbstwert aus mir heraus zu bemessen und ihn nicht mehr von der Reaktion anderer ableiten kann. Meine aktuelle Idee zu diesem Thema ist: „Wenn mich jemand mag, bin ich richtig, wenn jemand sauer auf mich ist, mich hasst oder ablehnt, habe ich etwas falsch gemacht!“ Das mag funktionieren, solange man ein Lemming-Leben führt, aber um das eigene Selbst zu finden ist es ganz und gar nicht hilfreich. Genau darin liegt ja auch die Kraft, die das Branding für mich hat. Es schubst mich in einen Bereich, der wichtig für mich ist, in den ich aber alleine nicht gehen würde. Dass dies mit Angst verbunden ist zeigt ja nur, wie wichtig dieser Schritt ist. „Wäre es leichter für dich, zu dem Branding und zu deinem Medizinkörper zu stehen, wenn du in einem Naturvolk leben würdest und nicht in unserer Gesellschaft?“ fragte Heiko. Ich überlegte einen Moment und spürte, dass es tatsächlich genau so war. Es wäre um einiges leichter. Warum? Weil es dort normal wäre, seinem Medizinkörper Ausdruck zu verleihen und verschiedene Rituale zu durchlaufen um die eigene Kraft zu entfalten. In einer Kultur, in der beispielsweise ein Sonnentanz zum Erwachsenwerden dazu gehört, wird man kaum dafür verurteilt werden, seinen Körper mit Schutzsymbolen zu verzieren, die einem vom eigenen, höheren Selbst vorgegeben werden. Jeder weiß, dass diese Dinge eine Bedeutung haben und dass sie zum eigenen Entwicklungsprozess dazu gehören, also gibt es auch keine Verurteilungen. Warum also mache ich mir solche Gedanken darüber, was die Menschen in unserem Kulturkreis denken? Geht es vielleicht darum, dass auch ein Teil von mir noch immer der gleichen Ansicht war? Ein Teil, der weit mehr in der Zivilisation als in der Natur verankert war? Ein Teil, der mich dafür ablehnte, diesen Schritt gehen zu wollen und der mir einredete, mich damit selbst zu entstellen? Ja, diesen Teil gab es natürlich und er flackerte immer wieder mit voller Kraft in mir auf. Auf der anderen Seite entstand aber auch immer öfter das Bild eines Medizinmannes in mir, eines Magiers, der mit den Energien des Universums arbeiten und in allen Welten leben konnte. Irgendwo unter allen Ängsten spürte ich immer mehr, dass das ich bin. Das Branding anzunehmen und als Geschenk zu empfinden bedeutete also, zu erkennen, dass es mein Prachtkleid ist, ähnlich wie das Prachtkleid eines Vogels. Es ist mein Medizinkörper, der so zu 100% zu mir gehört und einfach sein darf. Es muss nicht gut aussehen oder irgendemandem gefallen. Er muss Ich sein. Noch einmal wurde mir bewusst, dass ich bislang fast mein ganzes Leben nur unbewusst gelebt und erlebt hatte. Ohne Präsenz. Ohne Aufmerksamkeit. Es war stets eine Matrix gewesen, ein Film den ich an mir hatte vorbeilaufen sehen. Aus der Matrix auszubrechen, sich also die Verbindungsschläuche aus der Haut zu reißen und aus dem Nährbehälter ins echte Leben zu springen, hinterlässt Narben. Mein Branding ist also auch das Symbol für die Narben, die mein verbiegen und mein Nicht-ich-Sein hinterlassen haben. Es ist meine Eintrittskarte in die Freiheit und ins echte Leben und gleichzeitig die Erinnerung daran, wo ich her komme. Und darin besteht eine weitere Angst. Man kann einen Matrix-Stecker nicht halb herausziehen. Entweder man reißt ihn raus und kappt die Verbindung oder eben nicht. Ich habe aber keine Ahnung, ob ich außerhalb überhaupt überleben würde und ob es mir dort auch wirklich gefällt. Wie damals Paulina möchte ich mir deshalb nur zu gerne eine Rückkehr-Option freihalten, eine Art Reißleine oder Notoption, die mich immer wieder ins sichere Matrix-Leben zurückführen kann. Mit dem Rausreißen des Steckes geht dies nicht mehr. Es ist ein Ja mit allen Konsequenzen. Dies nicht einzugehen ist einer der Hauptpunkte, warum ich bislang immer wieder auf der Stelle trete. Also muss der Schritt getan werden um voran zu kommen. Und ja, das macht wirklich Angst. Eine Herde in Form von Heiko und Shania bei mir zu haben macht es etwas leichter, aber ich muss mir dabei auch stets bewusst sein, dass ich diese Entscheidung für mich alleine treffe. Selbst wenn wir uns trennen und nie wieder zusammenfinden muss diese Entscheidung für mich passen und passend bleiben. Ich fühle, dass es so ist, aber es macht eben auch Angst.
 
Spruch des Tages: Normal ist nur der Norm entsprechend und hat nichts mit natürlich, kraftvoll oder heilsam zu tun.
Höhenmeter: 370 m
Tagesetappe: 23 km
Gesamtstrecke: 21.882,27 km
Wetter: Sonnig und relativ warm
Etappenziel: Aufentaltsraum neben dem Sportplatz, 62650 Zoteux, Frankreich

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Zuletzt aktualisiert am 2017-05-29 08:06:40


Tag 1192: Angst vor der Angst

Wenn man sich seine Angst bei Licht betrachtet, si

Fortsetzung von Tag 1191: Und bis heute glaube ich noch immer, dieser Mensch zu sein, der mir damals in den Filmen gezeigt wurde. Jemand der nie wiederspricht, der immer der brave, freundliche Arschkriecher ist und niemandem auf die Füße tritt, weil er keine eigene Persönlichkeit hat, mit der er das tun könnte. Für diesen Tobias war es natürlich ein absolutes Tabu, irgendetwas anzunehmen oder an sich zu verändern, das erkennen lassen würde, dass er doch einen Charakter oder auch nur einen funken Männlichkeit hat. Muskeln ausbilden geht nicht, Haare färben geht nicht, ein ausgefallener Kleidungsstil geht nicht und Tattoos und Piercings gehen erst recht nicht. Nicht einmal meine Studentenwohnung konnte ich mir individuell einrichten. Ich weiß noch, dass ich damals den Plan hatte, mir alles über Second-Hand-Märkte zusammenzustellen und so eine richtige improvisierte Studentenbude einzurichten. Aber dann kamen meine Eltern um mir beim Umzug zu helfen und innerhalb von zwei Stunden hatte ich plötzlich eine Standart-Möbelhaus-Einrichtung die aussah, wie das Wohnzimmer meiner Eltern in klein und billig. Wieder war es nun ein Zimmer, in das man hinein kam und sagte: „Oh, anständig!“ Nicht schön, nicht kreativ, nicht gemütlich, nicht extravagant. Anständig. Dieses Bild trage ich nun schon mein ganzes Leben lang mit mir herum. Der anständige, brave Junge, den keiner ernst nehmen kann und der niemals gegen irgendetwas aufmucken wird. Egal was ich auch angestellt habe und wie krass auch die Aktionen waren, die ich alleine oder mit Heiko unternommen habe, ich blieb in den Augen anderer stets die kleine, freundliche Schwuchtel. Die Komentare nach den Fernsehdokumentationen zum Beispiel, in denen ich im Eis gebadet, mich von tausend Mücken stechen lassen oder mich ohne Gurt von einem Felsen abgeseilt habe lauteten immer gleich: „Wer ist denn dieses Weichei, dass da durch den Wald läuft? Die Frage ist berechtigt! Wer ist das? Bin ich das wirklich? Bin das wirklich ich? Oder sind es viel mehr Selbstbilder die in mir erzeugt wurden, um mich davon abzuhalten, zu erkennen, wer ich wirklich bin und was ich wirklich kann? Vom Verstand her leuchtet es mir ein. Ich bin dieser Mensch nicht. Es waren Illusionsbilder, von denen keines je real war und somit spricht nichts dagegen, das alles hinter mir zu lassen. Doch vom Gefühl her bin ich noch immer überzeugt, der Tobias zu sein, den man mir vorgespielt hat. Und auch wenn ich ihn nicht mag, habe ich Angst davor, ihn sterben zu lassen. Warum? Hier kommt der zentrale Punkt, der für dich glaube ich auch wichtig ist. Ich habe das Gefühl, dass ich mir sobald er stirbt eingestehen muss, dass ich noch nie gelebt habe. Mein Leben beginnt also jetzt in diesem Moment, was mich gewissermaßen zum Säugling macht. Wenn Tobias stirbt, ist das, was übrig bleibt ein hilfloses Wesen ohne jede Fähigkeit, das ununterbrochen Hilfe braucht, dem man alles erklären und zeigen muss und der nichts selbstständig erledigen kann. Anders als ein Säugling habe ich dabei aber keinen Baby-Bonus mehr und somit bin ich ein unnützer Klotz am Bein, den keiner gern haben oder bei sich behalten kann, weil er nicht hilfreich ist. Deswegen ist diese immense Verlustangst in mir, die Angst, dass ich verstoßen werde, wenn ich das zulasse. Eine Angst übrigens, die ja laut Illusionsfilmen gerechtfertigt ist, weil mit mit den Menschen, die mich eigentlich hätten beindungslos Lieben sollen ja genau das passiert ist. Einmal aufmucken und schon ist man Geschichte. Aufgrund dieser Angst kommt das Gefühl, mich an irgendetwas klammern zu müssen, um eben nicht zu diesem hilflosen Säugling zu werden. Und das einzige an das ich mich klammern kann, sind die Fähigkeiten von Tobias. Ich habe also das Gefühl, dass ich ihn noch brauche, weil ich seine Fähigkeiten nutzen muss um eben nicht verstoßen zu werden. Das Problem an dieser Strategie ist nur, dass Tobias überhaupt keine Fähigkeiten besitzt. Er hat ja nie gelebt sondern war stets nur eine Illusion. Ich war dieser Tobias ja nie, weil es ihn nie gab und er somit auch nie Fähigkeiten hätte entwickeln können. Und genau das macht mich gerade auch so fertig, das Gefühl einfach nichts zu können und vor allem nichts zu lernen. Immer und immer wieder die gleichen Fehler zu machen und auf der Stelle zu treten, egal wie sehr ich mich auch anstrenge. Es ist nicht, dass ich glaube, dass Tobias großartige Fähigkeiten hatte, die ich nun verliere, wenn ich als Franz neu anfange, es ist viel mehr so, dass ich glaube überhaupt nichts zu können, dies aber verheimlichen und daher permanent Fähigkeiten vortäuschen zu müssen. Wenn ich nun aber versuche, mit diesen vorgetäuschten Fähigkeiten etwas zu erschaffen, ist es etwa so, als würde ich träumen, dass ich etwas erschaffe. Ich schlafe in gewisser Weise, nicht mit geschlossenen Augen aber in der Form, dass ich nie wirklich wach bin. Ich träume dabei, dass ich arbeite, permanent im Stress bin, nie genug Zeit habe und immer mehr und noch mehr tun muss. Und dann wache ich auf und alles ist wieder wie am Anfang, so als hätte ich überhaupt nichts getan. Habe ich ja auch nicht, denn es war ja nur ein Traum. Das ironische dabei ist, dass ich dadurch bin wie ein kleines Baby, das den ganzen Tag schläft, kurz aufwacht und nach Essen schreit. Essen ist bei mir gerade so ziemlich das einzige, bei dem ich zumindest eine Teilpräsenz besitze. Wenn ich aufwache bin ich hungrig und wenn ich gegessen habe, verfalle ich wieder in meinen Zombie-Modus. Ich bin also schon genau das, wovor ich Angst habe, dass ich es werden könnte, wenn ich Tobias loslasse, und ich bin es genau deshalb, weil ich ihn nicht loslassen kann. Ist das nicht paradox? Deswegen ist es auch kein Wunder, dass nichts mehr funktioniert. Ich fühle mich selbst nicht mehr, erkenne niemanden, habe keine Ziele, keine Vorstellungen, keine Meinung, keine Interessen. Ich bin wie eine Art Warteschleife, die auf neue Anrufe oder Aufträge wartet und dann so tut als würde sie eine Antwort geben. Die Schleife arbeitet permanent, aber sie bringt niemanden auch nur einen Schritt weiter. Wie kann ich mit der Situation umgehen? Wie immer ist der erste Schritt zunächst einmal, die Lage anzuerkennen wie sie ist. Ich muss keine Angst davor haben, ein unnützer Säugling zu werden, weil ich es bereits bin. Und als jemand, dessen Leben gerade erst begonnen hat, ist es auch OK, ein hilfloser Säugling zu sein. Diesen Zustand anzunehmen bedeutet nämlich zwei Dinge. Zum einen, zu erkennen, dass man als Illusionswesen mit Illusionsfähigkeiten niemals wirklich hilfreich sein kann, so dass es auch nichts nutzt, diese Fassade aufrecht zu erhalten und zum anderen anzunehmen, dass die Säuglingsphase in unserem Leben die ist, in der wir die größten und intensivsten Lernfortschritte machen. Wenn wir anerkennen, dass wir hilflose Säuglinge ohne Vorerfahrung sind erkennen wir auch an, dass wir unbeschriebene Blätter sind, die alles in sich aufsaugen können und die sich in kurzer Zeit enorm entwickeln. Denn es stimmt ja nicht ganz, dass wir keine Fähigkeiten besitzen. Wir hatten immer mal wieder Realmomente, wenn auch kurze, in denen wir bereits einen kleinen Ansatz von Fähigkeiten entwickeln konnten, die wir nun weiter ausbauen können. Dazu müssen wir nur aufhören, sie mit den Pseudofähigkeiten zu überlagern, unter denen wir sie bislang verschüttet haben. Warum lernen wir als kleine Kinder so schnell? Weil wir hier noch wesentlich stärker mit dem Allwissen und der Urquelle verbunden sind. Wir sind noch am Anfang des Weges, auf dem uns der Verwirrer von uns selbst wegbringt, also ist noch mehr Verbindung zur Göttlichkeit in uns, die dazu führt, dass wir uns ans Allwissen anschließen und dadurch unsere Fähigkeiten entfalten können. Nun geht es darum, wieder zu erkennen, dass wir Lichtwesen und keine Illusionswesen sind. Wir sind nicht diese kleinen, unfähigen Kreaturen, die man uns in den Illusionsfilmen vorgeführt hat und die wir deshalb nun zu sein glauben. Je mehr wir dieses Illusionsbild ablegen, um zu erkennen, dass wir die Lichtwesen sind, desto mehr können wir uns auch wieder ans Allwissen anschließen und desto mehr werden sich unsere Fähigkeiten automatisch entwickeln. Oder besser: Desto mehr erkennen wir, dass wir bereits alles sind und alles können. Es geht ja gar nicht darum, etwas zu lernen, sondern nur darum, es unter dem Illusionsblödsinn freizuschaufeln. Dazu muss ich das alte natürlich loslassen, aber davor habe ich ebenen Schiss, weil ich glaube, dass ich dann nicht mehr hilfreich sein kann. Um diese Angst zu verlieren ist es erst einmal wichtig, zu erkennen, dass man als Illusionswesen überhaupt nicht hilfreich sein kann. Ich bin wie ein Geist, der beim Umzug helfen will. Klar kann ich den ganzen Tag hin und her laufen und versuchen Möbel zu bewegen, aber ich habe keinen Körper und wie sehr ich mich auch anstrenge, ich kann einfach nicht hilfreich sein. Das heißt, ich bin natürlich schon hilfreich, weil alles hilfreich ist. Aber im Moment besteht mein Beitrag darin, als Gegenspieler bei der zur Ausdehnung zu helfen, in dem ich den Weg immer länger mache. Das ist natürlich nicht mein Ziel, sondern eine klare Themaverfehlung. Das Ziel ist das Erwachen, also die Maske abzustreifen und den stressigen, auslaugenden Traum hinter mir zu lassen. Damit bin ich nun bei dem Punkt mit der Körperveränderungen angekommen. Wir hatten ja vor kurzem von von der Art und Weise gesprochen, wie der Verwirrer handelt und wie er uns vom Erwachen abhält. Er sorgt dafür, dass die Tür, die uns zum Erwachen führt aus unserem Bewusstsein verschwindet, so dass unser Hunger verschwindet, danach zu suchen. Und er sorgt dafür, dass sie durch etwas überlagert wird, das in uns die stärkste Ablehnung und Angst hervorruft. Etwas, mit dem wir am meisten in Resonanz gehen. Etwas, das wir als Heidi und Tobias nie sein durften und von dem wir auch glaubten, es nie sein zu wollen. Wie gesagt, eine Hose mit Schlag oder ein leicht gefärbtes Haar wäre zu viel gewesen und somit standen Tattoos, Piercings oder gar Brandings vollkommen außer Frage. Spannend ist, dass es hier einen großen Unterschied zwischen Shania und mir gibt. Meine Präsenz und meine Bewusstheit über mich selbst sind stets so gering gewesen, dass ein einfacher strenger Blick oder ein beifälliges Wort reichte, um mich gefangen zu halten. Meine Rebellionskraft liegt knapp über Null, weshalb ich nie wirklich etwas erleben musste. Es reichte die Andeutung aus, dass ich verstoßen werden würde, wenn ich etwas tat, das nicht dem gewollten Bild entsprach und schon ging ich beifuß. Bei Shania war es anders. Ihre Rebellionskraft ist um rund 99% höher als meine und sie hätte sich von ein paar Anmerkungen nicht abhalten lassen. Sie hast rebelliert und wäre ausgebrochen, weshalb man ihr die härteren Bilder zeigen musste, um verständlich zu machen, dass ein Ausbruchsversuch Konsequenzen hat, die sie nicht tragen will. Sie musste das Gefühl haben es einmal probiert zu haben und damit mächtig auf die Schnauze gefallen zu sein. Nur eine Warnung hätte nichts gebracht. Spannend finde ich gerade auch, dass mir in diesem Zusammenhang auch Filme übers Erschaffen gezeigt wurden. Immer wenn es darum ging, eine Aufgabe zu erfüllen, wie meine Bachelorarbeit, mein Abi, meine Hausarbeit in der Schule etc. dann musste ich mein Leben dafür auf Pause stellen. Die Zeit reicht nicht aus, um produktiv zu sein und gleichzeitig noch leben zu können. Lass also alles stehen und liegen, begib dich in einen Ausnahmezustand und ackere durch, bis zu es fertig hast. Danach kannst du dich dann wieder entspannen. Deswegen kommt in mir nun das Gefühl auf, dass Erschaffen anstrengend und unangenehm sein muss. Es ist etwas, vor dem man sich auf der einen Seite drückt und das man auf der anderen Seite nur schnell abgerissen haben will, damit man dann endlich wieder leben kann. Dass es mit dieser Einstellung schwer ist, außer permanentem Stress irgendetwas zu erschaffen ist ja logisch. Aber zurück zu den Körperveränderungen. Mein Türwächter könnte durch kaum etwas besser vertreten werden, als durch ein Branding, denn es vereint die Punkte, sich selbst freiwillig Schmerz zuzufügen und den Körper auf eine weise zu verändern, durch die er nicht mehr gesellschaftlich präsentierbar ist. Hier spüre ich auch wieder gleichzeitig den starken Wunsch und immensen Hunger auf der einen Seite und die gewaltige Angst auf der anderen. Ich kann und darf nicht der männliche, erhabene Rocker, voller ausgefallener Tattoos sein, der darauf scheißt, was andere von ihm halten, der zu sich steht, der weiß was er kann und es auch nutzt und der erhobenen Hauptes durchs Leben geht. Das darf ich nicht sein, deswegen darf ich auch keine Piercings, Brandings und Tattoos haben. Alles in mir sträubt sich dagegen und gleichzeitig spüre ich eine unendliche Sehnsucht danach, genau dieser Mann zu sein. Die Frage ist also erneut: Woher kommt die Angst? In mir steckt der Satz, dass ich geächtet und verstoßen werde, sobald ich auch nur einen kleinen Teil von diesem männlichen, extravaganten Sein annehme. Sobald ich auch nur ein kleines bisschen aufgemuckt habe und nicht nur wie ein Hund hinterher laufe, werde ich nicht mehr gemocht und verstoßen. Sowohl wenn das absichtlich passiert als auch aus versehen. Bislang führte dies dazu, dass ich teilweise sogar Angst davor hatte, meine Meinung zu einem Film zu äußern, da diese als Falsch angesehen werden und daher ein Verstoßungsgrund sein könnte. Und nun will ich mich tätowieren und branden lassen und damit klar nach außen zeigen, dass ich ich bin und nichts darauf gebe, was andere von mir halten. Kein Wunder, dass mir das Angst macht. Deswegen ist es bei Shania und mir immer so präsent, dass wir dieses Gefühl haben, „ich bin Heidi“ oder „ich bin Tobias“, so dass wir es nicht loslassen können.
 
Spruch des Tages: Wenn man sich seine Angst bei Licht betrachtet, sieht sie gar nicht mehr so beängstigend aus.
Höhenmeter: 150 m
Tagesetappe: 15 km
Gesamtstrecke: 21.859,27 km
Wetter: Sonnig und relativ warm
Etappenziel: alter Rathaussaal, 62170 Marles sur Canche, Frankreich

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Zuletzt aktualisiert am 2017-05-29 08:05:55


Tag 1191: Warum bin ich ein unproduktiver Zombie?

Ein Zombie zu sein ist auf Dauer auch keine Lösung

05.04.2017 Wir sind heute mal wieder auf einige sehr wichtige und spannende Schlüsselpunkte gestoßen. Vor allem deshalb, weil ich mich wie so oft als erstklassiges Beispiel präsentiert habe, wie man es am besten nicht machen sollte. Seit einigen Wochen spüre ich, dass mein Zeitmangel immer extremer wird. Ich bin so unproduktiv wie noch nie in meinem Leben, oder besser gesagt: Ich spüre meine Unproduktivität stärker als ich sie je zuvor gespürt habe. Ich fühle mich wie ein Zombie, der komplett apatisch und ziellos durchs Leben spukt und weder einen Bezug zu sich selbst, noch zu sonst irgendjemand anderem mehr hat. Ich kann mich für nichts begeistern, habe keine Ahnung, wer ich bin oder was ich eigentlich will, fühle nichts, nehme nichts wahr und kann auch nichts erschaffen. Oft sitze ich stundenlang vor dem Computer und habe am Ende vielleicht eine halbe Seite zu Papier gebracht. Die letzte Nacht habe ich gerade einmal zweieinhalb Stunden geschlafen, weil ich nachdem Heiko zu Bett gegangen war mit seinem Computer noch ein paar Designentwürfe und Bilder für die Erlebnisgeschenkeseite an unseren Programmierer schicken wollte. Effektive Arbeitszeit wenn man es richtig angegangen wäre, vielleicht eine gute halbe Stunde. Als flinker Arbeiter denke ich, wäre es in 20 Minuten möglich gewesen. Ich habe jedoch bis um 5:30 Uhr in der Früh daran gesessen und dann aufgehört, ohne alle Daten versendet zu haben. Wenn ihr mich fragt, was ich in den fünfeinhalb Stunden gemacht habe, muss ich sagen: Ich habe keine Ahnung! Ich habe immer wieder etwas gemacht, dann war ich wie auf Standby, habe auf die Uhr geschaut und es waren 20, 30 oder 40 Minuten vergangen, die in meiner Wahrnehmung nicht vorgekommen waren. Die letzten Tage war es teilweise noch schlimmer. Eine eMail, die ich an Quentin in England schreiben wollte und die nicht mehr beinhaltete, als unsere voraussichtliche Ankunft, dauerte eine gute halbe Stunde. Eine andere Nacht habe ich mit der Bearbeitung von Bildern verbracht. Ich war mir sogar sicher, dass ich relativ effektiv war, doch als ich mir mein Werk am Ende einmal angeschaut habe, musste ich feststellen, dass ich gerade einmal 9 Bilder geschafft hatte. 9 Stück. Selbst ich schaffte normalerweise in der gleichen Zeit 60 bis 100. Ihr könnt euch sicher denken, dass ich damit nicht unbedingt zur guten Stimmung und zur allgemeinen Zufriedenheit beitrage. Weder bei mir noch bei Heiko. Bei mir kommt ein permanentes Gefühl von Überforderung, Verzweiflung, gestresst Sein und Unzufriedenheit auf. Ich merke immer wieder, wie ich mich selbst ankotze und mich über mich ärgere, weil ich einfach permanent auf der Stelle trete. Mit meiner Selbstliebe ist es also gerade wieder einmal nicht allzu weit her. Von Heiko spüre ich, dass er tatsächlich sogar weit mehr Verständnis für mein Rumdümpeln aufbringen kann als ich selbst, wenngleich es ihn natürlich auch annervt. Vor allem, da wir gerade wieder in der heißen Phase eines Projektes sind, also in der Phase in der er sich am meisten auf mich verlassen können muss. Und genau jetzt bin ich wieder dabei und schaffe es, sogar die einfachsten Aufgaben noch zu verbocken. Jedenfalls wenn ich es schaffe, sie überhaupt zu machen. Heute habe ich es dann noch einmal auf die Spitze getrieben und mich im Telefonat mit einem Bürgermeister wieder einmal wie der letzte Vollidiot verhalten. Wir haben es danach einmal hochgerechnet. Pro Tag spreche ich nun seit über 1000 Tagen im Schnitt mit mindestens vier oder fünf Leuten, denen ich immer wieder den gleichen Sachverhalt erkläre, wobei es immer nur darum geht, herauszufinden, was der andere braucht um uns vertrauen und mit Freude unterstützen zu können. Ich habe meine Ansprache also nun bereits 5500 Mal trainiert und trotzdem mache ich noch immer die gleichen Fehler wie am ersten Tag. Ich vergesse immer wieder den Fokus zu übermitteln, dem anderen aufzuzeigen, warum es eine gute Sache ist, uns gerade jetzt in diesem Moment zu unterstützen. Ich leiere meinen Satz runter wie ein Tonbandgerät, ohne auch nur im geringsten auf den anderen einzugehen oder zu achten. Die Frage ist nur warum? Hier wurde mir mein Zombie-Zustand noch einmal besonders klar. Ich habe nicht das Gefühl, als wäre ich ein Mensch, der mit einem anderen Menschen spricht. Ich habe in den Gesprächen keinerlei Bezug zu mir oder zum anderen. So wie jeder Mensch für Heiko ein offenes Buch ist, in dem er lesen kann, sind die Menschen für mich Bücher mit sieben Siegeln, die sich mir einfach nicht erschließen wollen. Ich weiß nicht was sie denken, fühlen oder brauchen und ich kann sie in den Gesprächen nicht einmal richtig sehen. Präsent ist nur der Satz den ich gerade sage, wobei ich mich ein bisschen wie bei einem Vortrag fühle, den ich auswendig gelernt habe und nun runterbeten muss. Sobald auch nur die leiseste Irritation kommt funktioniert es nicht mehr. Heute machte mir der Bürgermeister gleich zu Beginn klar, dass er keine Zeit habe um groß mit mir zu telefonieren und dass er nicht verstehe, warum ich ihn überhaupt anrief. Das reichte aus, um mich in Stress zu versetzen, so dass ich nur noch stammelte und alle wichtigen Informationen weg ließ. Meien Botschaft am Ende lautete in etwa: „Wir sind zwei Pilger die keinen Bock auf arbeiten haben und sich deswegen durchs Leben schnorren. Darum brauchen wir einen Platz der nichts kostet und das am Besten sofort!“ Wie hätte er da ja sagen wollen? Tatsächlich war die Situation aber wichtig, um das Thema auf den Tisch zu bringen und um mich dazu zu bringen, mich der ganzen Sache endlich einmal zu stellen. Die zentrale Frage lautete: „Warum fühle und verhalte ich mich wie ein Zombie? Warum habe ich wieder all meine Gefühle versteckt, so dass ich wieder rein eine Illusionserscheinung bin und nicht im geringsten lebe? Die Antwort war natürlich weitaus naheliegender als ich mir eingestehen wollte. Es sind jetzt noch etwa zwei Wochen bis zu meinem Branding-Ritual in Großbritannien und ich habe so viel Schiss davor, dass ich mit jedes Mal ins Hemd mache, wenn ich nur daran denke. Aber nicht nur das. Ich habe so viel Angst, dass ich mir nicht mal meine Angst eingestehen kann. Ich habe Angst davor, Angst zu haben. Heiko hat es ganz gut beschrieben, als er meinte: „Vom Zehner zu springen ist nicht das Problem. Jeder Depp kann einen Fuß nach vorne setzen und ins Wasser fallen. Das schwierige ist es, den Turm hinaufzuklettern und vom Podest aus nach vorne zu gehen, in dem Wissen, dass man springen wird. Diese Phase bewusst zu erleben ist die Herausforderung.“ Und genau deshalb bin ich gerade wieder wie tot. Mir ist klar, dass es keine Option ist, den Turm nicht hinaufzuklettern und nicht zu springen. Mir ist klar, dass ich nicht einfach umdrehen und weglaufen kann, also nutze ich wie immer meine Strategie des Totstellens. Ich friere ein, töte alles in mir ab und klettere auf den Turm als wäre es jemand anders, dem ich nur dabei zusehe. Wenn ich ohne jedes Gefühl bin, brauche ich mich auch nicht zu fürchten. Aber die Angst ist da und sie ist berechtigt und wichtig, denn sie ist ja aus einem bestimmten Grund da. Als Heiko mich danach fragte, kamen mir sofort die Tränen und ich musste Schlucken. „Hohe emotionale Regung“ wie er immer so schön sagt. Dieses mal musste er nichts sagen, ich wusste auch so, dass wir hier einen Kernpunkt getroffen hatten. Wovor aber hatte ich nun genau Angst? Zum einen vor dem Schmerz. Zwei Stunden wird das Branding in etwa dauern und in der Zeit wird der Schmerz, den es verursacht laut Tätowierer „Pretty intence“ also sehr intensiv sein. Halte ich das wirklich durch? Werde ich dabei nicht vollkommen austicken? Werde ich die ganze Zeit durchheulen? Ich weiß, was ein paar Brennnesseln für Gefühle in mir ausgelöst haben, weil ich dachte, ich kann es nicht durchstehen. Wie soll es dann erst bei so etwas werden? Aber das ist nur der eine Teil. Der zweite und weitaus größere, ist die Angst davor, kaputt zu gehen. Wenn die Prozedur vorbei ist, habe ich ein Branding auf der Haut, das nie wieder weggehen wird. Es ist ein ein unwiderrufbarer Schritt und wie damals beim Haare-Ausreißen fühlt es sich so an, als würde ich dabei sterben. Der Witz ist ja, dass es genau darum geht. Es ist ja ein Ritual, bei dem Tobias in mir sterben soll, damit Franz endlich leben kann. Aber genau das fällt mir schwer. Davor habe ich solche Angst. Ich habe noch immer das Gefühl, dass ich an mir nichts verändern darf. Früher in der Schule war es schon so, dass ich vor jeder noch so kleinen Veränderung Angst hatte. Neue Schuhe? Was war, wenn es jemand merkte und mich dafür verurteilte oder sich über mich lustig machte? Wenn ich genau überlege fällt mir auf, dass das Problem nicht war, dass ich nichts neues wollte, sondern das klar war, dass meine Mutter zu 100% über mein Aussehen bestimmen konnte. Jedes Kleidungsstück wurde von ihr ausgesucht oder musste zumindest von ihr abgesegnet werden. Wenn irgendetwas für sie nicht passte, kam es nicht in Frage. Allein Hosen mit etwas Schlag, die bis über die Schuhe reichten waren schon zu viel. Sie musste mir nichts davon verbieten, es reichte, wenn sie erwähnte, dass es ihr nicht gefiel. Auf diese Weise hat sie einen braven, höflicher Vorzeigetobias erschaffen, an dem niemand Anstoß nehmen konnte. Jemand, den man als Eltern stolz präsentieren konnte und wo jeder sagt: „Oh, das hast du aber gut hinbekommen!“ Fortsetzung folgt...
 
Spruch des Tages: Ein Zombie zu sein ist auf Dauer auch keine Lösung...
Höhenmeter: 150 m
Tagesetappe: 24 km
Gesamtstrecke: 21.844,27 km
Wetter: Sonnig und relativ warm
Etappenziel: Privates Gästehaus, 62870 Maintenay, Frankreich

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Zuletzt aktualisiert am 2017-05-29 08:05:12


Tag 1190: Man trifft sich immer zwei Mal

Man trifft sich immer zwei Mal.

04.04.2017 Es heißt, man sieht sich immer zweimal. Einer Frau im Supermarkt wäre es heute wohl lieber gewesen, wenn sich dieser Spruch nicht bewahrheitet hätte. Ich traf sie das erste Mal, als wir nach unserer Wanderung durch das endlose Agrarland eine kleine Ortschaft erreichten, in der es mehr gab als nur leere Straßen und ein paar Häuser. Hier gab es leere Straßen, volle Straßen, ein paar Häuser mit kläffenden Hunden und eben einen Supermarkt. Essen ist im Moment ohnehin immer ein Problem und so steuerten wir zielstrebig darauf zu um nach Lebensmitteln zu fragen, die ihr Haltbarkeitsdatum überschritten haben. „Oh!“ antwortete die Frau mit gespielter Enttäuschung, „Vormittags ist das immer schlecht! Wir sortieren erst abends aus, deswegen kann ich Ihnen jetzt noch nichts geben!“ „Kein Problem!“ antwortete ich, „wir werden evtl. hier im Ort übernachten, dann könnte ich auch heute Abend wieder kommen.“ „Oh neun, das ist auch schlecht! Eigentlich wäre morgen Früh die beste Zeit!“ „Moment!“ horchte ich nach, „Gerade haben Sie mir gesagt, dass es Morgens und Vormittags nicht klappt und dass wir nur am Abend eine Chance haben.“ Jetzt wurde sie etwas unruhig und begann nach Ausflüchten zu ringen: „Wir sind hier eben etwas kompliziert!“ „Sie meinen,“ ergänzte ich, „Sie möchten uns einfach nichts geben, egal wann wir kommen!“ „Genau!“ sagte die Frau, erleichtert, dass sie nun nicht mehr so tun musste, als wäre sie hilfreich. Auch wenn das Gespräch mit der Frau nicht den gewünschten Erfolg hatte, so half es uns trotzdem. Denn in der Zwischenzeit war das Rathaus eröffnet worden und hier trafen wir nun auf eine überaus freundliche und hilfsbereite Frau, die uns nicht nur einen Schlafplatz, sondern auch einen Essensgutschein über 20€ organisierte. Und zwar genau bei dem Supermarkt, mit dessen Geschäftsführerin ich gerade gesprochen hatte. Um sicher zu gehen, dass der Gutschein auch akzeptiert wurde, rief sie im Laden an und erzählte voller Begeisterung, dass die Gemeinde die Ehre hatte, heute zwei Fernwanderer zu beherbergen, die selbstverständlich auch mit ausreichend Essen versorgt werden sollten. Die Schamröte der Supermarktleiterin brachte nun sogar das Telefon zum Leuchten und sie begann sofort damit, zu erklären, dass sie uns bereits kannte, natürlich auch begeistert war uns aber zuvor leider nicht hatte helfen können, da die abgelaufenen Lebensmittel ja immer nur am Abend aussortiert würden. Al wir kurz darauf im Supermarkt ankamen sahen wir sie nur für einen ganz kurzen Moment, dann zog sie sich in ihr Büro zurück und kam nicht mehr daraus hervor. Wir investierten die 20€ dieses Mal hauptsächlich in Gemüse, sowie in eine asiatische Sauce. Damit erhielten wir eines der besten Abendessen seit langem. Plötzlich verstanden wir auch wieder, warum wir Gemüse immer so gemocht hatten. Hier kannten wir es ja kaum noch, weil es stets nur Dosenfutter gab.
 
Spruch des Tages: Man trifft sich immer zwei Mal.
Höhenmeter: 80 m
Tagesetappe: 16 km
Gesamtstrecke: 21.820,27 km
Wetter: Sonnig und relativ warm
Etappenziel: Mediathek, 80860 Nouvion, Frankreich

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Zuletzt aktualisiert am 2017-05-29 08:04:15


Tag 1189: Arbeitseffektivität

Wer nicht weiß, wohin er will, geht stets die drei

03.04.2017 Das ich nicht unbedingt der schnellste bin, ist ja nicht gerade neu, aber im Moment scheint meine Langsamkeit und vor allem mein Ineffektivität ein neues Höchstmaß angenommen zu haben. Laut den Muskeltests liegt meine Arbeitseffektivität gerade einmal bei 0,001% von dem was ich eigentlich leisten könnte. Zu 90% ist dies die Folge von einer bewussten Beeinflussung und zu 10% kommt es von meinem höheren Selbst. Die Frage ist nur, wie gehe ich nun damit um? Was sind die Probleme? 1. Ich bin nicht bei der Sache. Irgendetwas blockiert meine Konzentration, so dass ich immer wieder abschweife mich verliere und verheddere. Ich beginne mit etwas, und kurz darauf driften meine Gedanken ab, so das plötzlich Zeit vergangen ist, ohne dass ich weiß, wo sie hin ist. 2. Ich habe keinen Fokus und keine Absicht. Mir fehlt ein klares Ziel oder eine klrare Ausrichtigung, so dass ich zielgerichtet auf etwas hinarbeiten kann. Ich sehe nur einen riesigen Berg Arbeit, der irgendwie erledigt werden will und der sich anfühlt wie ein Monster, das in meinem Nacken sitzt. Obwohl es keinen erkennbaren Grund dafür gibt, fühle ich mich immer gestresst und gehetzt und versuche daher so schnell und knapp wie möglich alles abzureißen, ohne aber einen gezielten Plan zu verfolgen. (Für den habe ich ja keine Zeit.) Wenn ich dann merke, dass ich nicht so schnell voran komme, wie ich es mir wünsche, versuche ich, die Zeit wieder einzuholen indem ich länger arbeite und weniger schlafe. Dadurch werde ich dann natürlich müde, was die Arbeitseffektivität auch nicht gerade erhöht. Um mir die Möglichkeit zu geben, selbst etwas mehr über dieses Thema herauszufinden, stellte Heiko mir die Aufgabe, innerhalb von 10 Minuten die ersten drei Seiten eines französischen Kinderbuchs auswendig zu lernen, das zufällig in unserem Gemeindesaal lag. Im ersten Moment verstand ich den Sinn der Aufgabe nicht, vor allem, da sie mir vollkommen unmöglich erschien. Aber ich versuchte es trotzdem. Zehn Minuten lang strengte ich mich an wie ein Ochse, um so viel wie nur möglich von den französischen Sätzen in mein Hirn zu hämmern, obwohl ich das meiste kaum verstand. Am Ende schaffte ich es, die ersten drei Sätze der ersten Seite auswendig aufzusagen. Wenn ihr mich jetzt bitten würdet, das gleiche zu tun, muss ich allerdings sagen, dass ich es wieder vergessen habe, Meine Leistung wirkte jämmerlich, war aber schon einmal 4% effektiver als normal. Wobei man natürlich erwähnen sollte, dass auswendig lernen zu meinen größten Stärken gehört. Es ist die Strategie, mit der ich mich immer am Besten durchs Leben schmuggeln konnte. Fühlen, Begreifen, Verinnerlichen, Anwenden, Hinterfragen und Rückfolgern waren Dinge, die mir immer verhältnismäßig schwer vielen. Aber durchs auswendig lernen konnte ich viel davon wett machen und den Eindruck erwecken, ich hätte doch etwas verstanden und verinnerlicht. So betrachtet waren 4% nun also auch wieder keine Glanzleistung. Trotzdem war es spannend, wie viel es ausmachte, wenn ich eine klare Aufgabe mit Zeitvorgabe hatte, durch die automatisch eine Absicht in mir gesetzt wure. Weit spannender war aber, was ich alles nicht machte und was mir die letztn 96% nahm. Obwohl mir von der ersten Sekunde klar war, dass die Aufgabe so wie sie mir gestellt wurde vollkommen unmöglich war. Dennoch kämpfte ich dagegen an und verbrachte die nächsten 10 Minuten damit etwas zu tun, das scheitern musste. Ebenso hätte ich aber auch kreativ mit dem Problem umgehen und mir andere Wege zur Lösung suchen können. 10 Minuten beispielsweise hätten usgereicht, um den Text grob zu übersetzen, den Inhalt zu verstehen und ihn dann als ganzen sinngemäß wieder zu geben. Das wäre keine komplette Erfüllung der Aufgabe gewesen, wäre dem aber am nächsten gekommen und hätte außerdem dazu geführt, dass ich nun wüsste, worum es in der Geschichte überhaupt ging. Und genau das kostet mir ebenfalls so viel Zeit, die ich anders sinnvoll nutzen könnte. Das Festbeißen an einer Problematik, das Konzentrieren auf die Problemstellung und die Angst im Nacken, es nicht lösen zu könne. Ich setze also durchaus einen Fokus, nur eben gezielt auf alles, was nicht hilfreich ist. Gerade wird mir auch klar, warum ich permanent verspannt bin. Verspannungen sind stets die muskuläre Manifestation von Unflexibilität, Sturheit, Verbortheit und geistiger Starre. Ich bilde mir immer ein, dass ich doch offen und flexibel bin, aber wenn es drauf ankommt erstarre ich in einem einzigen Lösungsansatz, selbst wenn ich merke, dass ich damit gegen die Wand fahre.
 
Spruch des Tages: Wer nicht weiß, wohin er will, geht stets die dreifache Strecke
Höhenmeter: 130 m
Tagesetappe: 15 km
Gesamtstrecke: 21.804,27 km
Wetter: Sonnig und relativ warm
Etappenziel: Gemeinderaum des Rathauses, 80132 Quesnoy le Montant, Frankreich

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Zuletzt aktualisiert am 2017-05-29 08:03:30


Tag 1188: Das Geschenk in den Filmen

Alles enthält ein Geschenk, das nur gefunden werde

02.04.2017 Heute haben wir noch einmal intensiver über das Thema mit den Filmen nachgedacht. Vor ein paar Tagen waren wir ja schon einmal so weit, dass wir verstanden haben, wie sie in etwa funktionieren. Was uns dabei jedoch noch nicht klar war ist, dass sie immer auch ein persönliches Geschenk enthalten. Im ersten Moment haben wir uns darüber geärgert, dass so viel Energie aufgebracht wurde um uns von unserem wahren Sein abzulenken und in die Irre zu führen. Der Gedanke dahinter war: Wie weit könnten wir nun bereits sein, wenn wir nicht diese verdammten Filme abbekommen hätten, die uns in der Scheinrealität und im Fehlglauben darüber, wer wir wirklich sind gefangen halten. Erst später kam uns in den Sinn, dass wenn alles einen Sinn hat, auch die Filme einen Sinn haben müssen. Also einen tieferen, nicht nur den, uns zu verwirren, damit wir dann später etwas zum entwirren haben. Immerhin bekommen wir ja nicht alle das gleiche gezeigt, sondern jeder bekommt einen ganz speziellen Film als Vorbereitung für seinen Lebensweg. Wenn dies so ist, dann liegt in den Filmen selber immer auch ein Geschenk verborgen. Als wir so darüber nachdachten, fiel uns die Ironie auf, die darin steckte, dass wir uns zum einen mit dieser Thematik und zum anderen mit dem Aufbau eines großen Geschenke-Portals beschäftigten. In den Filmen, die wir als Kinder und Jugendliche gesehen haben, ging es oft um Erlebnisse, Ablenkungen, Adrenalin und ähnliches, also um alles, was wir nun auch auf der Seite anbieten. Auch wenn er keine lebendigen Erinnerungen daran hat, hat Heiko doch den Film im Kopf, dass er früher einmal Fallschirmspringen, Helikopter fliegen und Freeclimben war, dass er mehr Events, Festivals und Paraden besucht hat, als die meisten Menschen in Postbauer-Heng zusammen. Uns fiel auf, dass man diese Informationen aus den Filmen also trotzdem nutzen kann. Man hat vielleicht nichts gelernt, in dem Sinne, dass man eigene Erfahrungen damit gemacht hat, aber man bekommt die Informationen ähnlich wie man sie beim Schauen einer Doku bekommt. Wenn man eine Doku über einen Drogenabhängigen sieht, ist das mit der Erfahrung, selbst Drogen zu nehmen nicht vergleichbar. Man wird auch nicht süchtig davon und spürt die körperlichen Reaktionen nicht. Aber es hilft einem vielleicht, die Situation besser zu verstehen und einzuschätzen. Nicht anders ist es mit den Lebensfilmen, die wir bekommen. Sie sind ein bisschen mit einem Vorspann in einem Computerspiel vergleichbar. Man kann in die Sequenz nicht eingreifen, kann nichts verändern und auf nichts bewusst reagieren. Man sammelt auch keine Spielerfahrung, da man ja selbst noch unbeteiligt ist. Dafür aber weist einen der Film ins Geschehen ein, erklärt die Situation in der man sich befindet, definiert den Charakter, den man spielen soll, stellt die Problemlage dar aus der man sich befreien muss und stellt einem eventuelle Gegenspieler und Verbündete vor. Wenn wir die Filme auf diese Weise annehmen können, können wir gut damit tanzen, denn sie zeigen uns immer auch unsere Stärken unsere Aufgaben und viele Hintergrundinformationen an, die wir später brauchen. Unser Problem ist in der Regel nur, dass wir sie persönlich nehmen. Wir sehen sie nicht als Einleitung, die uns für unsere Mission zur Liebesausdehnung geschenkt wird, sondern schämen uns für das, von dem wir glauben, dass wir es getan, erlebt oder versäumt hätten. Wir nehmen es nicht als Geschenk an und freuen uns über nicht über die Informationen, die wir durch den Film erhalten haben, so wie wir es bei einem Kinofilm oder einem Buch machen würden. Im Gegenteil. Wenn die Bilder des Films in einem bestimmten Bereich sehr intensiv und unangenehm waren, haben wir sogar oft das Gefühl, in diesem Bereich nie wieder etwas machen zu können, obwohl es wahrscheinlich unsere größte Stärke ist. Wir haben einen Film über Drogensucht gesehen und trauen uns nun nie wieder mit dem Thema zu befassen, weil wir glauben, dass wir dadurch Rückfällig werden könnten. Dabei diente der Film nur dazu, uns die Informationen zu geben, die wir brauchen um anderen aus der Sucht zu helfen. Ohne den Film hätten wir uns nie einfühlen können. Der zweite Punkt, an dem wir oft hängen bleiben ist, dass wir uns mit dem Film und der Rolle die wir Spielen identifizieren. Wir sind nicht die Spielfigur in unserem Computerspiel, die durch den Vorspann definiert wurde. Wir übernehmen diesen Charakter nur für eine gewisse Zeit, weil es uns Spaß macht, uns dort hinein zu fuchsen und die Aufgaben zu lösen, die dieser Figur gestellt werden. In Wahrheit aber leben wir nicht einmal in der Welt des Computerspiels. Wir befinden uns in einer vollkommen anderen Dimension, außerhalb der durch den Computer erzeugten Matrix. Wir begeben uns nur für eine gewisse Zeit hinein, weil es uns Spaß macht, dort Erfahrungen zu sammeln. Wenn wir im Spiel sterben, sterben wir nicht wirklich. Wir spüren aber im Moment des Todes unseres Charakters deutlicher als im übrigen Spielverlauf, dass wir nicht mit ihm identisch sind. Wenn wir uns richtig tief in das Spiel hineindenken, vergessen wir manchmal selbst hier, dass es nur ein Spiel ist. Genauso ergeht es uns auch mit dem Leben. Wir wissen, dass es nur ein Lebensszenario ist, an dem wir als göttliche Wesen teilnehmen um Erfahrungen zu sammeln. Doch je mehr wir uns mit unserer Rolle identifizieren, desto mehr nehmen wir sie an und desto weniger spüren wir unsere wahre Natur. Ein echter Gamer kann bei einer guten Partie über Stunden und Tage hinweg vergessen, dass er ein Mensch ist, der Essen, Trinken und aufs Klo gehen muss. Genauso vergessen wir als Gott in einem guten Lebensspiel, dass wir eben nicht der Mensch sind, der sich durch die Wirrungen des Lebens boxt. Dadurch erkennen wir dann auch nicht mehr, welcher Teil unseres Lebens von uns selbst gesteuert wird und welcher ein Vorspann oder Nachspann ist, der uns in unseren Charakter einführen soll.
 
Spruch des Tages: Alles enthält ein Geschenk, das nur gefunden werden will
Höhenmeter: 140 m
Tagesetappe: 16 km
Gesamtstrecke: 21.789,27 km
Wetter: Sonnig und relativ warm
Etappenziel: Altes Gemeindehaus, 80220 Buigny lés Gamaches, Frankreich

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Zuletzt aktualisiert am 2017-05-29 08:02:20


Tag 1187: Wie effektiv ist das Heizen mit Kamin?

Jeder von uns ist frei, wie müssen es nur erkennen

31.03.-01.04.2017 Die letzten beiden Tage waren recht entspannt und verblieben ohne größere Vorkommnisse. Je mehr wir uns der Belgischen Grenze nähern, desto gepflegter und ästhetischer werden die Dörfer. Man spürt deutlich, dass hier in der Region noch einmal ganz anders das Geld zu hause ist, als weiter im Süden. Anscheinend wirkt es sich recht positiv auf ein Bundesland aus, wenn wie im Falle der Normandie so kleine Städte wie Paris dazu gehören, die eine bescheidene aber doch nicht unerhebliche Menge an Industrie und anderen Einnahmequellen mit sich bringen. Spannend ist jedoch, dass es sich vor allem auf den äußeren Reichtum auswirkt. Die Häuser sind nobler und schöner, die Autos dicker und stärker im Verbrauch, aber der allgemeine Wohlfühlfaktor und die Zufriedenheit der Menschen haben sich nicht spürbar geändert. Jedenfalls nicht nach oben hin. Gestern wie heute hatten wir jedoch großes Glück im Kontakt mit den Bürgermeistern. Eine Frau, die wir am Wegesrand trafen, beschrieb uns den Wohnsitz des heutigen Bürgermeisters mit den Worten: „Am Ende der Ortschaft rechts und dann das wunderschöne Haus! Ein wirklich, wirklich schönes Haus!“ Tatsächlich hatte sie nicht unrecht mit ihrer Aussage, denn es handelte sich um ein altes Schloss, dass für Monumente dieser Sorte sogar noch relativ gut erhalten war. Hier traf ich zunächst auf die Eltern des Bürgermeisters, die mich so freudig empfingen, dass es mich fast etwas verwirrte. Sie bedauerten nur, dass ich kein Priester war, da der Ortspfarrer krank geworden war und sie nun verzweifelt jemanden suchten, der morgen die Messe halten konnte. Vor ein paar Tagen hatte ich noch die Einladung, eine Messe zu besuchen mit der Begründung abgeschlagen, dass mein Französisch so schlecht war, dass ich nichts verstehen würde und heute traute man mir sogar schon zu, dass ich selbst eine halten sollte. Nicht, dass ich das auf meiner eigenen Sprache gekonnt hätte. Die Bürgermeisterfamilie stellte uns dennoch einen Schlafplatz zur Verfügung. Keinen von der Stadt, sondern ein Nebengebäude ihres eigenen Schlosses, das als Gästehaus genutzt wurde. Jedenfalls theoretisch, denn praktisch stellten wir fest, dass es im Gästebuch auf dem Tresen für die letzten zehn Jahre gerade einmal einen einzigen Eintrag im Jahr gab. Das Wohnzimmer wurde von einem großen, offenen Kamin dominiert, in dem wir uns ein Lagerfeuer entzünden durften. So schön diese Kamine auch anzuschauen sind, wärme-effektiv sind sie leider nicht. Wir heizen nun bereits seit mehreren Stunden mit Balken, aus denen wir auch ein neues Haus hätten bauen können und haben die Zimmertemperatur gerade einmal um ein einziges Grad erhöht. Da war die Technik von gestern schon etwas effektiver. Auch dort hatten wir den Bürgermeister getroffen und direkt von ihm einen Platz bekommen. Er war lustigerweise genau der Mann gewesen, den wir zufällig ausgewählt hatten, um ihn nach der Adresse des Bürgermeisters zu fragen. Übernachten konnten wir dann im alten, ehemaligen Rathaus, das nur aus einem einzigen, winzigen Zimmer bestand. Es gab hier eine winzige Elektroheizung an einer Wand, aber aus der brüllte die Wärme heraus, wie aus einem Hochofen.
 
Spruch des Tages: Jeder von uns ist frei, wie müssen es nur erkennen
Höhenmeter: 230 m
Tagesetappe: 17 km
Gesamtstrecke: 21.773,27 km
Wetter: Sonnig und relativ warm
Etappenziel: Gästehaus des Bürgermeisters, 76660 Grandcourt, Frankreich

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Zuletzt aktualisiert am 2017-05-29 08:01:38


Tag 1186: Wie arbeitet der Verwirrer?

Jeder von uns ist frei, wie müssen es nur erkennen

Fortsetzung von Tag 1185: Hier folgt nun einer der genialsten Tricks des Verwirrers. Wir haben uns gefragt, ob wir in der Phase, in der wir in der Matrix sind, nun eigene Entscheidungen treffen oder nicht. Shania ist aufgefallen, dass sie stets die Dinge bekommen hat, die sie auf irgendeiner Ebene ihres Seins auch gewollt hat. Wenn ein Teil in ihr Angst vor etwas hatte, dann zog sie es in ihr leben. Wenn in ihr eine Anerkennungssucht laut wurde, dann zog sie Situationen an, die ihr diese Sucht befriedigten, auch wenn dies in anderen Bereichen dann eine Menge Leid verursachte. Je mehr sie sich damit beschäftigte, desto stärker wurde das Gefühl, dass sie tatsächlich alles, was jemals in ihrem Leben passiert war, selbst angezogen oder erschaffen hatte. Ein Gefühl, dass wir ebenfalls gut kannten. Die Schlussfolgerung, die sie daraus zog, war die gleiche, auf die wir auch gekommen waren. Alles in unserem Leben wird durch unsere Absichten, Wünsche, Ängste etc. erschaffen. Und in gewisser Weise stimmt das auch. Wir sind die Erschaffer unseres eigenen Lebens und unserer eigenen Welt. Aber eben des echten Lebens und der echten Welt. Auch hier ist es wieder ähnlich, wie bei unserem Kaufhausbeispiel. Wenn ich im realen Leben bin ist es etwa so, als würde ich meinen eigenen Garten anlegen. Hier habe ich nun tatsächlich die volle Erschaffungskraft. Alles was ich ernten will, kann ich durch das einpflanzen der Samen oder Setzlinge selbst erschaffen. Habe ich jedoch keinen eigenen Garten sondern gehe in den Supermarkt, kann ich nur noch aus dem bereits vorhandenen Angebot auswählen. Ich erschaffe also nicht mehr, sondern greife auf extern erschaffenes zurück. Um zu verschleiern, dass wir uns nun rein fremdgesteuert ernähren, bekommen wir eine Auswahl vorgegaukelt, hinter der sich am Ende jedoch immer wieder das gleiche Produkt verbirgt. Viel wichtiger ist jedoch, dass wir dabei gleichzeitig auch neue Wünsche eingepflanzt bekommen, so dass wir am Ende das Gefühl haben, wir hätten das gekauft, was wir kaufen wollten. Wir landen also wieder bei der Situation mit dem Fahrlehrer. Ohne dass wir es bemerkt haben, hat er unsere Hände am Lenkrad festgeklebt und er hat uns erklärt, wo sich Gas und Bremse befinden. Dann fahren wir los, und das Auto wird komplett vom Fahrlehrer gesteuert. Oder besser: Der Fahrsimulator wird vom Fahrlehrer gesteuert, da wir uns ja nicht einmal in einem echten Auto befinden. Der Teil von uns, der noch immer mit unserem göttlichen Selbst verbunden ist, weiß, dass wir durch unsere Phantasie und unsere Überzeugungen die äußere Welt erschaffen. Damit wir also nicht stutzig werden, wird das innere Erleben mit dem äußeren gleichzeitig manipuliert und auf einander abgestimmt. In dem Moment, wenn das Auto in der Simulation schneller wird, senkt sich auch unser Fuß auf dem Gaspedal. In dem Moment in dem wir nach rechts abbiegen, drehen sich unsere Hände mitsamt des Lenkrades nach rechts. Dadurch haben wir das Gefühl, dass wir tatsächlich an der Steuerung des Autos beteiligt sind. Es geht aber noch einen Schritt weiter. Wenn vor uns nun eine Landstraße auftaucht, dann sorgt der Verwirrer dafür, dass wir in irgendeiner Form einen Bezug dazu haben. Entweder er verknüpft sie mit einer Angst, einem Wunsch, einem Glaubensmuster oder einer Sehnsucht. Wenn wir die Straße dann erreichen, glauben wir sofort, dass wir sie erreicht hatten, weil wir sie erreichen wollten, oder weil wir uns vor dem Erreichen fürchteten. Tatsächlich ist aber nicht das eine die Folge des anderen, sondern beides die Folge der Suggestionen des Verwirrers. Und während wir nun glauben, Stück für Stück genau dorthin zu fahren, wohin wir fahren wollen, sitzen wir in Wirklichkeit noch immer im Inneren des LKWs fest und werde kontinuierlich weiter von dem Weggebracht, was eigentlich unser Ziel wäre. Je länger wir also auf die Verwirrung hereinfallen, desto weiter wird im Anschluss unser Darma-Weg. Eigentlich hätten wir nur von Postbauer-Heng nach Neumarkt laufen müssen, doch nun finden wir uns plötzlich in Russland wieder und haben keine Ahnung, wie wir hier hingekommen sind, oder wie wir jemals wieder wegkommen sollen. Tatsächlich ist unser freier Wille für die Zeit, die wir in der Matrix verbringen eine Illusion. Wir haben lediglich das Gefühl, eine Wahl treffen zu können. Dies ändert sich erst ab dem Moment, in dem wir erkennen, dass alles eine Illusion ist. Von nun an können wir damit beginnen, ganz bewusst unsere Visionskraft, also unsere Phantasie einzusetzen um damit die Matrix selbst zu zeichnen. Alle entscheidungen, die wir in Aktion treffen sind also aufdiktiert worden. Wirklich entscheiden tun wir uns nur durch das bewusste Erschaffen der „Zukunftsrealität“ durch unsere Visionskraft. Gelingt es uns, die Illusionen der Matrix zu erkennen und zu entlarven, landen wir nun zunächst in einer Übergangsphase, die in den meisten Fällen die zweitlängste Phase des Lebensprozesses ist. Wir wechseln hier stets hin und her, erreichen also den 0-Punkt, schnuppern einen kurzen Moment ins Realleben hinein, lassen uns ängstigen oder verwirren und treten zurück in die Matrix.Für einen Moment lang haben wir die Illusion erkannt und durch eine Visionierung einen Teil unseres Erlebens selbst erschaffen. Dann greift der Verwirrer an einer anderen Stelle wieder ein uns bringt uns wieder zurück in den Matrixbereich, wo wir wieder vollkommen innerhalb der Illusionen leben. Zu diesem Punkt fällt mit eine alte Folge von Star-Trecks „Raumschiff Voyager“ ein, die ich als Jugendlicher gesehen habe. Die Crew des Raumschiffs ist durch eine dumme Panne in einer unbekannten Galaxie am anderen Ende des Universums gelandet und wünscht sich nun nichts sehnlicher, als wieder zurück zur Erde zu kommen. Und dann, eines schönen Tages sind sie plötzlich da. Alle sind überglücklich und feiern den Erfolg, bis ihnen immer mehr Dinge auffallen, die nicht zusammenpassen. Irgendwann bemerken sie, dass sie nicht auf der Erde sind, sondern in einer seltsamen, lebendigen Raumanomalie, die jedem Wesen, das in ihre Nähe kommt, genau das zeigt, was es sich wünscht. Im folgenden gelingt es den Helden immer wieder fast, aus der Anomalie zu entkommen, doch jedes Mal, wenn sie glauben, es geschafft zu haben oder auch nur schaffen zu können, bekamen sie Illusionsbilder ihres Erfolges und saßen wieder in der Mitte fest. Zu verstehen, dass es die Illusionen gibt und sie einmal in einem Bereich erkannt zu haben, reicht also nicht aus. Man muss lernen, zwischen den Illusionen und der Realität zu unterscheiden und jede neue Illusion erkennen um so über die Null-Linie ins reale Leben zu gelangen und dort dann auch bleiben zu können. Wie arbeitet aber nun der Verwirrer, um uns in der Illusion festzuhalten? Ein Tier wird im Normalfall mit einem natürlichen Instinkt geboren, der ihm sagt, wohin es in seinem Leben gehen soll, wie es seine Talente und Fähigkeiten entwickelt und welche Aufgabe es hat. Auch wir haben eigentlich so einen inneren Wegweiser, der uns anzieht und leitet. Man kann ihn sich ein bisschen wie ein großes grünes Leuchtschild mit der Aufschrift „Ausgang“ über unserer Darma-Tür vorstellen. Dadurch richten wir automatisch all unsere Handlungen und all unsere Erschaffungskraft darauf aus, den möglichst direkten Weg zur Tür einzuschlagen. Solange wir diesen Fokus haben, ist es schwer, uns dazu zu bringen, irgendetwas zu tun, zu lassen oder zu erschaffen, dass uns in eine andere Richtung führt. Deswegen arbeitet der Verwirrer hier mit einem ebenso einfachen wie genialen Trick. Sobald wir einmal zu ihm ins Auto gestiegen sind, versteckt er die Tür hinter einer Art Tarnkappe aus Illusionen und löscht jede Erinnerung daran aus unserem Bewusstsein. Wir wissen nun nicht mehr, dass es eine Tür gibt, nach der wir suchen wollen und haben nun das Gefühl, ziellos zu sein und eine externe Orientierung zu brauchen, an die wir uns halten können. Es gibt nun keinen Hunger und keine Sehnsucht nach der Tür des Erwachens mehr, da wir ja keine Ahnung haben, dass es so etwas überhaupt gibt. Wer nie in seinem Leben eine Ananas gegessen hat, wird kaum jemals Appetit darauf bekommen. Dies geht erst dann, wenn man sie kennt und bereits einmal probiert hat. Wir haben nun also keinen Grund mehr, dem Erwachen entgegenzustreben, da wir davon ausgehen, dass es dies gar nicht gibt. Damit werden wir zum Spielball des Verwirrers, denn ohne einen eigenen, zentralen Fokus sind wir nicht nur offen für jede Form der Verführung und Ablenkung, wir freuen uns sogar darüber, weil wir glauben, dass dies vielleicht sogar der Sinn unseres Lebens sein könnte. Hätten wir dieses Bewusstsein, während wir im Fahrsimulator des Verwirrers durch die Matrix irren, dann würde sich diese Irrfahrt für uns wie eine Entführung anfühlen. Wir wüssten, dass wir hier oder da links abbiegen müssten, um ans Ziel zu kommen und würden sofort merken, dass wir es nicht können. Dadurch würden wir stutzig werden und die Wahrscheinlichkeit, dass wir auf unsere Hände schauen und das Klebeband bemerkten würde steigen. Gleichzeitig kann uns der Verwirrer aber auch nicht suggerieren, dass wir uns auf unser Darma zubewegen, ohne glaubwürdig rüber zu bringen, dass wir dort niemals ankommen. Der beste Weg, uns in der Matrix zu halten, ist es uns daran zu hindern, sie jemals als solche zu erkennen und dies gelingt am Besten, wenn es nichts gibt, das uns dazu veranlassen könnte. Und dazu wiederum braucht man nichts weiter zu tun, als unseren Urinstinkt zu löschen, der uns zur Suche nach der Tür ins Erwachen antreibt. Diese Verwirrungsstrategie reicht zu 99,9% aus um uns vom Erwachen abzuhalten. Doch es besteht eine kleine aber nicht unbedeutende Restgefahr, die der Verwirrer ebenfalls nicht dem Zufall überlassen will. Es könnte ja sein, dass wir eines Tages zufällig oder mit einer ganz anderen Absicht durch die Tür stolpern, auch wenn wir nicht wissen, dass sie existiert. Es ist wie ein vergrabener Schatz in unserem Garten. Wir würden niemals auf die Idee kommen, danach zu suchen, wenn wir nicht wissen, dass es ihn geben könnte. Aber wir kommen vielleicht auf die Idee, einen Brunnen ausheben zu wollen und stoßen dabei zufällig auf die Schatztruhe. Denn auch wenn der Verwirrer die Tür aus unserem Bewusstsein löschen kann, kann er sie doch nicht wirklich löschen. Uns fehlt die Erinnerung daran, oder jede Form der Vorstellung, aber die Tür selbst existiert weiterhin. Um zu verhindern, dass wir aus Versehen oder zufällig darüber stolpern, wendet der Verwirrer einen weiteren simplen und effektiven Trick an. Er löscht die Stelle mit der Tür nicht einfach nur aus unserem Geist, er überschreibt sie auch mit einer anderen Information, die als Abschreckung dient. Es ist etwa so, als würde man uns mitteilen, dass sich unter unserem Garten eine alte Giftmülldeponie befindet, von der zwar im Moment keine Gefahr ausgeht, die man aber auf keinen Fall freilegen darf, wenn man keine Umweltkatastrophe auslösen will. Diese Information führt nun dazu, dass wir nicht nur niemals auf die Idee kommen würden, hier nach einem Schatz zu suchen, sondern dass es uns nicht einmal mehr im Traum einfallen würde, hier überhaupt nach irgendetwas zu graben. Auf diese Weise hat jeder seine ganz persönliche Giftmülldeponie, die seine Tür des Erwachens überlagert. Der Schritt über die Nulllinie und später auch der Schritt zur Darmaerfüllung ist also stets hinter etwas verborgen, das in uns große Angst, Abneigung und Ablehnung auslöst. Wichtig dabei ist jedoch, dass es sich um eine passive Abneigung handelt. Es ist also nichts, über das ich mich bewusst aufrege und ereifere, denn in diesem Fall würde ich bereits wieder meinen Fokus darauf legen und mich damit beschäftigen. Dadurch steigt die Gefahr, dass ich zu genau hinschaue, vielleicht doch eines Tages hinter die Kulissen blicke und die Ursache meiner Ablehnung erkenne, so dass ich doch wieder zur Tür geführt werde. Nein, es ist etwas, das man auf eine so „natürliche“ Art und Weise verabscheut, dass man es nicht einmal merkt. Es ist etwas, an das man im Normalfall keinen Gedanken verschwendet, weil einem vollkommen bewusst ist, dass man niemals im Leben etwas damit zu tun haben will. Nur wenn man direkt darauf gestoßen wird und einer Konfrontation nicht entgehen kann, flammt die Ablehnung, die Angst und das innere Unbehagen auf, so dass man sich sofort sicher ist: „Das? Nein, niemals!“ Wichtig ist dabei zu wissen, dass die Situation immer so inszeniert ist, dass einen das ganze Umfeld in der Angst unterstützt. Man steht mit seiner Ablehnung also nicht alleine da, wodurch man auf die Frage kommen könnte, ob man hier vielleicht komisch ist und seine Meinung noch einmal überdenken sollte. Nein, die Ablehnung oder Abscheu ist im eigenen Umfeld meist Konsenz. Es ist etwas, das man einfach nicht macht. Und wenn man Menschen kennt, die etwas in dieser Richtung machen oder gut heißen, dann sind es in der Regel Menschen, die man nicht mag, die man ebenfalls ablehnt oder abstoßend findet oder die den Ruf haben, ein komischer Kauz zu sein, den man ja eh nicht für voll nehmen kann. Hier ist unsere Reise ein sehr anschauliches Beispiel. Sämtliche Bedenken, die wir selbst hatten und die uns so viele Jahre lang am Start gehindert haben, waren stets in unserem Umfeld Konsenz und teilweise bekommen wir sie noch heute zu hören: „Das geht nicht, auf diese Weise kann man nicht leben! Was ist denn, wenn einmal nicht alles klappt? Ohne Geld? Ihr lebt dann ja als Schmarotzer und Obdachlose! Das kann man doch nicht machen! Ihr müsst ja auch an die Familie denken! Sind euch eure Eltern denn vollkommen egal? Und eure Freunde und Geschwister? Wie ist das im Alter? Was passiert, wenn ihr mal krank werdet? Oder wenn ihr euch nicht mehr versteht? Wird das ganze nicht irgendwann langweilig und anstrengend?“ Um überhaupt ins reale Leben übergehen zu können, müssen wir den 0-Punkt überschreiten. Ab diesem Punkt sind wir selbst der bewusste Erschaffer unserer Realität, so dass unser Leben real wird. Hier gibt es nun keinen Verwirrer mehr, der uns vom Erreichen unseres Darmas abhält. Wir sind jedoch von nun an selbst verantwortlich dafür, dass wir dieses ziel erreichen und je nachdem, wie gut wir im Erschaffen sind, also wie stark unser Fokus ist, können wir hier relativ schnell und geradlinig vorankommen, oder wieder in Schleifen und Kreisen laufen. Die Art, der Verwirrung ist auch hier noch immer die gleiche, wie im Irrealen Teil, nur dass wir nun selbst dafür verantwortlich sind. Natürlich wollten wir nun auch wissen, wo wir uns auf dem Zeitstrahl der Lebens-Phasen befinden. Wie ich bereits vermutet hatte, lag ich noch im ersten drittel der Matrix-Phase und hatte den Nullpunkt seit meienr Geburt noch kein einziges Mal in die richtige Richtung überschritten. Allerdings musste man dazu auch sagen, dass 99% des Fortschrittes, den ich in diesem Bereich gemacht habe, im letzten Jahr stattgefunden hatten. Alles, was mit meinem Wandel zu Franz zu tun hatte, hatte einen großen Beitrag dazu geleistet. Heiko befand sich hingegen relativ weit in der Übergangsphase und hatte schon 1800 Momente in der Realwelt erlebt. Bei Shania war es ein permanentes Wechselspiel zwischen Matrix und Realität. Sie hatte bereits 50 Realmomente erlebt, sich aber immer wieder zurück in die Matrix treiben lassen.
 
Spruch des Tages: Jeder von uns ist frei, wie müssen es nur erkennen
Höhenmeter: 180 m
Tagesetappe: 18 km
Gesamtstrecke: 21.756,27 km
Wetter: Sonnig und relativ warm
Etappenziel: Altes Rathaus, 76270 Lucy, Frankreich
Hier könnt ihr uns und unser Projekt unterstützen. Vielen Dank an alle Helfer!

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Zuletzt aktualisiert am 2017-05-29 08:00:44


Tag 1185: Wie wir manipuliert werden

So schnell landet man im falschen Film!

30.03.2017 Nach der eher anstrengenden Phase der letzten Tage, ist es nun wieder etwas ruhiger geworden. Unser Programmplan an Dingen, die erledigt werden wollen ist noch immer der Wahnsinn, weshalb es sich selbst an Tagen wie heute, an denen wir früh einen Platz finden, anfühlt, als würde uns die Zeit geradezu entrissen. Vielleicht ist es auch genau so, denn wie wir ja festgestellt haben, gibt es keine objektive, allgemeingültige Zeit, sondern nur unser subjektives Zeitgefühl. Einen Teil des heutigen Nachmittags nutzten wir, um uns noch einmal einige Gedanken über das Thema mit der Matrix und dem Verwirrer zu machen. Genauer gesagt, haben wir uns gefragt, wie der Verwirrer überhaupt arbeitet. Habt ihr euch schon einmal die Frage gestellt, warum wir Menschen so handeln wie wir handeln und so leben, wie wir leben? Unser innerer Wesenskern ist stets darauf ausgelegt, das höchste Glück und die größtmögliche Freude zu erreichen. Wir wollen uns unser Leben so angenehm und schön wie möglich machen und es gibt wahrscheinlich niemanden, der dies bestreiten würde. Niemanden also, der bewusst von sich sagen würde: „Ich habe es mir zur Lebensaufgabe gemacht, so viel Leid, Schmerz und Unannehmlichkeiten zu erleben, wie nur möglich!“ Wir versuchen immer die beste Wahl zu treffen, stets das beste aus allem zu machen und es uns stets so zu gestalten, dass wir uns wohl fühlen. Wenn das also unsere Hauptmotivation im Leben ist, warum leben wir dann so, wie wir leben? Warum zerstören wir unseren Planeten, warum schleppen wir uns in Jobs, die wir nicht mögen, essen eine Nahrung, die uns kaum mehr nährt, wohnen in großen Städten oder neben Autobahnen und verbringen mehr Zeit mit Stress, schlechter Laune und Streitigkeiten als mit dem, was uns Spaß macht und uns erfüllt? Rein objektiv betrachtet macht dies keinen Sinn, wenn wir leben in einer Zeit voller Möglichkeiten in der wir als Volk durchaus in der Lage wären, uns den Himmel auf Erden zu schaffen. Und trotzdem tun wir es nicht! Das ist doch auffällig, oder? Wären wir wirklich im Vollbesitz unserer geistigen Kräfte, würden wir so niemals handeln. Die Frage ist also, sind wir im Vollbesitz unserer geistigen Kräfte? Oder handeln wir vielleicht überhaupt nicht bewusst, sondern laufen wie ein Zug auf Schienen, ohne einen direkten Einfluss zu haben. Nehmen wir zunächst einmal ein einfaches Beispiel aus dem Alltag, um das Grundkonzept zu verstehen. Es heißt ja stets, dass wir als Kunden durch unser Konsumverhalten darüber bestimmen, was der Markt anbietet, da nur die Dinge produziert werden, die man auch kauft. Aber stimmt das wirklich? Entscheiden wir uns frei, was wir kaufen, wenn wir im Supermarkt herumschauen? Wenn wir nun also die Wahl hätten, uns zwischen frischen, sonnengereiften Produkten voller Geschmack und Nährstoffe auf der einen und chemisch angereicherten Giftmüll in Dosen ohne großen Geschmack und mit tausend Zusatzstoffen, von denen wir wissen, dass sie eine Vielzahl an tödlichen Krankheiten auslösen können auf der anderen Seite zu entscheiden, würde doch niemand ernsthaft zu letzterem greifen. Dies tun wir nur, weil wir vom Markt direkt gesteuert werden. Preis, Verpackung, Werbung, Präsentation, Suggestionen, Präsenz im Laden, all dies ist nur darauf ausgelegt, uns abzulenken und so zu steuern, dass wir das kaufen, was wir kaufen sollen, ohne zu merken, dass wir es gar nicht haben wollen. Denn die Produkte, die optimal für uns wären, sind in den meisten Fällen nicht nur unbegründeter Weise überteuert, sie sind oft überhaupt nicht vorhanden und stehen nicht einmal zur Wahl. Wie also wollen wir uns entscheiden? Der Trick ist jedoch, dass wir das Gefühl haben, selbst nach etwas zu greifen und somit glauben, auch selbst entschieden zu haben, während in Wirklichkeit sowohl unsere Wünsche als auch unsere Auswahl komplett von außen beeinflusst werden. Nach einem ähnlichen Prinzip funktioniert auch die Lebensverwirrung, die uns dazu bringt, nicht in dem Paradies der Glückseligkeit zu leben, in dem wir eigentlich leben könnten. Gehen wir also einmal davon aus, dass jeder Mensch ein Darma, also eine Lebensmission hat, die es zu erfüllen gilt, und dass er durch die Erfüllung dieser Mission in die Glückseligkeit eintaucht. Er entwickelt dabei all seine Potentiale und Talente, spürt, dass er wahrhaft hilfreich ist, hat für alles was er tut eine Begeisterung und Leidenschaft, ist ausbalanciert und erfüllt und entwickelt sich stetig weiter. Stellen wir uns das Darma dafür einmal wie eine Tür vor, die man durchschreitet, um dann in die Erleuchtung, also ins vollkommene Eins-Bewusstsein einzutauchen. Unser Leben ist also im Endeffekt nichts anderes, als der Verbindungsweg, zwischen unserem Lebensstart und der Tür zum Darma. Doch genau da beginnt es spannend zu werden. Denn hier kommt der Verwirrer ins Spiel, der und gnau davon abhalten will. Er greift direkt am Beginn unseres Lebensfilms ein und bringt uns in die exakte Gegenrichtung, um uns so weit wie möglich von unserem Lebensziel zu entfernen. Anstatt auf die Darma-Tür zuzugehen, entfernen wir uns also noch weiter davon, wobei wir in der Regel mindestens noch einmal so weit in die Gegenrichtung wandern, wie der Weg zwischen 0-Punkt und Ziel ist. Im Günstigsten Fall verdoppelt sich unsere Darma-Strecke also. Es kann aber auch weitaus mehr sein, denn nach oben hin gibt es hier keine Begrenzung. Irgendwann beginnen wir, uns von diesem Punkt aus, wieder in Richtung Lebensmission zu bewegen. Rein theoretisch könnten wir dies auf direktem Wege tun, also gerade den Weg zurück nehmen, den wir durch den Verwirrer in die falsche Richtung gegangen sind. Praktisch passiert dies aber so gut wie nie. Stattdessen laufen wir Schlangenlinien, Kreise, Kurven und Winkel, so dass wir nun auf dem Weg zurück zum 0-Punkt ein vielfaches der Strecke gehen, die wir vom 0-Punkt zur Maximalverwirrung zurückgelegt haben. Wir gehen dabei immer wieder vor uns zurück, werden ein Stück bewusster, lassen uns erneut verwirren, vergessen alles und fangen noch einmal neu an. Der Weg, den wir von unserer Geburt an zur Erleuchtung gehen wird also schnell 100, 1000 oder Millionen Mal so lang werden, wie er eigentlich sein müsste. Im Umkehrschluss bedeutet dies aber natürlich auch, dass wir dadurch 100, 1000 oder 1 Million Mal mehr die Liebe ausdehnen, als wenn direkt auf der kürzesten Verbindung zum Darma gelangen würden. Diese Phase jenseits des 0-Punktes ist die längste und sie findet vollkommen in der Irrealität statt. Alles, was sich vor dem 0-Punkt befindet ist Matrix. Hier gibt es nichts Reales. Was heißt das? Diese Phase wird von uns ähnlich erlebt, wie ein Traum. Wir sind daran beteiligt und glauben auch, dass wir aktiv daran teilnehmen und etwas erleben, doch es ist viel mehr ein Film, der vor unseren Augen abgespielt wird und zu dessen Inhalt es gehört, dass wir glauben es sei kein Film. Wie im Traum sehen wir alles durch die Augen einer der Traumfiguren, können diese aber nicht wirklich beeinflussen. Es ist ein bisschen, als wären unsere Hände an einem Lenkrad von einem Auto mit Autopiloten festgeklebt. Wenn sich die Reifen drehen, dreht sich auch das Lenkrad und dadurch bewegen sich unsere Hände, so dass wir glauben, wir hätten die Kontrolle über das Fahrzeug. Wie im Traum ist es natürlich auch hier, unsere Phantasie, die die Traummatrix erschafft, aber wie im Traum haben wir auch hier keine Kontrolle darüber, da unsere Phantasie gewissermaßen extern vom Verwirrer übernommen wird. Hier gibt es einige zentrale Punkte, die man verstehen muss, um die Matrix zu enttarnen und den Schritt von ihr zurück ins Realerleben zu machen. Die Matrix selbst ist eine direkte Kopie, des Reallebens, das heißt sie ist genau so aufgebaut, wie auch das echte Leben aufgebaut ist, nur eben als Simulation, die zu unserer Verwirrung dient. Die Entscheidung, ob wir ins Reallebens eintauchen oder in die Matrix treffen wir direkt mit unserer Geburt. Hier bekommen wir das erste Mal eine Illusion vorgespielt, die uns wie ein Angebot gereicht wird, das wir entweder annehmen oder abschlagen können. Wir haben nun die Möglichkeit, zu sagen: „Netter Versuch, aber auch so einen Blödsinn falle ich nicht herein!“ Oder wir erkennen die Illusion als Wahrheit an und tauchen damit in die Matrix ein. Es ist ein bisschen, als wären wir zu beginn unseres Lebens in ein Kino eingeladen. Die Vorstellung ist eine Sneak-Preview, also eine Vorstellung von der wir noch nicht wissen, was für ein Film überhaupt gezeigt wird. Sobald er beginnt, können wir nun entweder sofort erkennen, dass es ein Film ist und das Kino wieder verlassen, oder wir bleiben sitzen und nehmen den Film als unsere Wahrheit und somit als unser Leben an. In diesem Fall bleiben wir in der Matrix und beginnen nicht mit dem eigentlichen Leben. Alles, von dem wir glauben, dass wir es erleben, erleben wir lediglich als Filmsequenz, oder Traumsequenz, die wir nicht beeinflussen können. Damit wir dies uns auf den Film einlassen, ohne zu bemerken, dass wir in einem Film sind, muss der Verwirrer einige Tricks anwenden, die wir hier anhand von einigen Sinnbildern beschreiben wollen. Gehen wir einmal davon aus, dass wir nicht ins Kino, sondern in ein Auto eingeladen werden, mit dem wir zur Tür unserer Lebensmission fahren können. Vor uns stehen nun zwei Wagen, von denen wir uns einen aussuchen können. Der erste ist leer und wenn wir uns hier hinein setzen, müssen wir unser Lebensziel alleine finden. Im zweiten hingegen sitzt ein Fahrlehrer, der uns anbietet, dass er uns bei der Fahrt helfen kann. Wir haben noch nie in einem Auto gesessen und wissen nicht, ob es schwierig oder gar gefährlich ist, also ist die zweite Variante durchaus verlockend. Es ist also vor allem die Angst, die uns zum Fahrlehrer tendieren lässt, denn objektiv betrachtet brauchen wir ihn nicht im geringsten. Alles ist eins, also ist auch alles bereits jetzt in uns. Wir sind das Allwissen und brauchen daher keinen Fahrlehrer, da uns das Steuern des Fahrzeugs hin zu unserem Darma ebenso angeboren ist, wie einem Fisch das schwimmen. Doch die Herausforderung wirkt bedrohlich und ein kleiner Zweifel reicht und schwubs, sitzen wir im Auto des Fahrlehrers. Das Problem ist nur, dass der Fahrlehrer nicht vor hat, uns das Fahren beizubringen, geschweige denn, uns in Richtung Darma zu leiten. Tatsächlich steigen wir bei ihm nicht einmal in ein Auto ein, sondern viel mehr in einen Fahrsimulator, der hinten auf der Ladefläche eines LKWs steht, mit dem der Verwirrer uns Schnurstracks in die Gegenrichtung zu unserem Darma fährt. Fortsetzung folgt...
 
Spruch des Tages: So schnell landet man im falschen Film!
Höhenmeter: 210 m
Tagesetappe: 14 km
Gesamtstrecke: 21.738,27 km
Wetter: Sonnig und relativ warm
Etappenziel: Gemeindesaal der Stadt, 76680 Neufbosc, Frankreich

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Zuletzt aktualisiert am 2017-05-29 07:59:54


Tag 1184: Gemütliches Ankommen

Bleib ruhig und genieße das Leben!

29.03.2017 Abgesehen davon, dass unsere Wanderung ein klein wenig länger war als geplant, war heute ein recht entspannter und gemütlicher Tag. Gegen Mittag kamen wir durch eine kleine Stadt mit dem komplexen und kreativen Namen “Ry”, in der wir sogar einen kurzen Stadtbummel machen konnten. Wir bekamen einiges an Essensspenden von einem Schlachter und einem Bioladen und wanderten dann wieder hinaus ins Hügelland. Die nächsten beiden Dörfer waren nicht so hilfreich wie erhofft, hauptsächlich deshalb, weil wir niemanden antrafen, der uns hätte weiterhelfen können. Dann standen wir vor einer Weggabelung. Rechts kam nur noch ein einziger kleiner Ort, von dem wir nicht wussten, ob überhaupt noch jemand dort lebte. Links gab es eine größere Ortschaft und in rund 10km Entferung eine kleine Stadt, die wahrscheinlich ebenfalls einiges an Infrastruktur bot, dafür aber wahrscheinlich auch mehr Bürokratie, was alles wiederum schwerer machte. Wohin also sollten wir uns wenden? Wir ließen den Muskeltest entscheiden, der den rechten Weg empfahl. Und tatsächlich hätten wir damit nicht richtiger liegen können. Der Ort war tatsächlich winzig, hatte aber trotzdem ein kleines Rathaus mit einem einzigen Büro. Als ich dort eintraf, wurde ich direkt vom stellvertretenen Bürgermeister empfangen, der gerade die Post aus dem Briefkasten holte. Er war etwas unsicher, ob er wirklich befugt war uns zu helfen, sah aber nicht ein, warum er es nicht tun sollte. Wenig später hatten wir einen Saal und bekamen gleich noch ein Abendessen von seiner Frau und seiner Tochter vorbei gebracht, dass wir und auf einer Bank im Sonnenuntergang schmecken ließen.
 
Spruch des Tages: Bleib ruhig und genieße das Leben!
Höhenmeter: 220 m
Tagesetappe: 20 km
Gesamtstrecke: 21.724,27 km
Wetter: Sonnig und relativ warm
Etappenziel: Gemeindesaal der Stadt, 76750 Héronchelles, Frankreich

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Zuletzt aktualisiert am 2017-05-29 07:58:22


Tag 1183: Virtuelle Falschmeldungen

Traue keiner Fehlinformation, die du nicht selbst

28.03.2017 Heute hatten wir eine sehr spannende Begegnung mit zwei jungen Informatikern, der uns einiges über ihre Arbeit erzählen konnten. Spannend war das Gespräch dabei vor allem aus zwei unterschiedlichen Perspektiven heraus, einmal aus unserer Sicht als Blogger und Web-Nomaden, die darauf angewiesen sind, dass ihre Internetprojekte bekannt und erfolgreich werden und einmal aus Sicht eines normalen Bürgers, der etwas darüber erfährt, wie unsere sogenannte “Informationsgesellschaft” aufgebaut ist. Die beiden jungen Männer stammten aus Paris und waren gerade dabei, eine Radtour nach Mount Saint Michelle zu machen. Als wir uns trafen waren sowohl wir als auch sie gerade bereit für ein Picknick und so kamen wir etwas ins Gespräch. Der ältere von beiden, nennen wir ihn Phill, war Programmierer, während sein jüngerer Begleiter Luk vor allem Suchmaschinenoptimierung und Sozial Marketing betrieb. Vor allem, was uns der zweite erzählte war äußerst interessant un ließ uns wieder einmal ein klein bisschen vom Glauben abfallen. Ein erfolgreiches Unternehmen zu sein bedeutet heute vor allem, eine gute Positionierung im Netz zu haben. Wer bei Google und Facebook unsichtbar ist, ist quasi vom Markt. Es sei denn natürlich, er verkauft selbstgestrickte Mützen an Leute im Altenheim. Doch selbst hier ist es fast unerlässlich eine Homepage zu haben. Ein falscher Eintrag bei Google-Maps, so dass die Menschen, die einen im Netz finden, an die falsche Adresse geführt werden, reicht manchmal aus um einem Unternehmen eine Kundeneinbuße zu verschaffen, die es an den Rand der Existenz bringt. Dieses Spiel bedeutet auch, dass fast niemand mehr ohne einen eigenen Facebook, Twitter und Instagram Account auskommt. Und hier wurde es jetzt spannend, denn um als Unternehmen erfolgreich zu sein, reicht es nicht aus eine Präsenz im Netzt zu haben. Man muss auch beliebt sein. Oder zumindest beliebt wirken. Wenn eine große Firma eine Facebookseite mit fünf Fans hat, dann wirkt das eher lächerlich, als dass es hilft. Aus diesem Grund gibt es Spezialisten, die sich um die Aufwertung dieser Sozial-Media-Präsenzen kümmern. Methoden gibt es dafür einige und die einfachste und Effektivste von ihnen ist es, sich die “Likes” und “Follower” einfach zu kaufen. Dazu gibt es Firmen im Netz, die ihr Gel damit verdienen, dass sie überall auf der Welt Fake-Accounts anlegen, sie im Netz lebendig werden lassen und dann damit alles liken und jedem folgen, der eben dafür zahlt. So kann man als Unternehmen innerhalb von relativ kurzer Zeit einige 10.000 an Followern, Freunden und Fans gewinnen, durch die man weitaus beliebter wirkt, als man eigentlich ist. Bis zu diesem Punkt war aber alles noch im humanen Bereich. Es war eben wie überall sonst auch: Es gibt nichts reales, alles ist Fake und Fassade. Aber wenn dies bei unserem Geldsystem und den Informationen die wir von Ärzten, Lehrern, Nachrichten und Wissenschaftlern bekommen der Fall ist, wieso sollte es hier anders sein? Jeder versuchte eben so gut darzustehen wie möglich und da spielte es zunächst keine Rolle, ob es echt ist oder nur so wirkt. Weitaus spannender war jedoch, was Luk über Kollegen berichtete, die weitaus größere und einflussreichere Auftraggeber hatten. Denn wenn es möglich ist, eine Freundesliste bei Facebook zu fälschen, dann kann man auch alles andere fälschen, was mit diesem Bereich zu tun hat. Uns war schon klar, dass hier einiges möglich ist, aber nicht, wie weit die Möglichkeiten hier gehen. Denn wenn man genügend Mittel und Gelder zur Verfügung hat, kann man mit Hilfe des Internets und der sozialen Medien hoch koordinierte Desinformationskampagnen starten. Das bedeutet im Klartext: Man überflutet die Welt mit Informationen aus tausend unterschiedlichen Quellen, die alle aufeinander abgestimmt sind und daher eine so hohe Glaubwürdigkeit besitzen, dass man mit ihnen komplette Ereignisse erzeugen kann, die es nie gab. Früher in den Zeitungen nannte man so etwas eine „Ente“. Das Käseblatt aus Hinterhugelhapfingen berichtete beispielsweise, dass demnächst ein großes Straßenfest stattfinden sollte, obwohl nie etwas in der Art geplant war. Heute macht man im Prinzip nichts anderes, nur dass alles ein paar Nummern größer geworden ist und es nicht mehr um Straßenfeste sondern um Großereignisse geht, die ganze Konzerne, Städte, Nationen oder sogar die Weltbevölkerung betreffen. Ich erinnerte mich daran, etwas ähnliches im bescheideneren Ausmaß bereits vor einigen Jahren einmal mit Zusammenhang mit der Umweltschutzbewegung in Deutschland gehört zu haben. Damals hatte ich einige Aktivisten kennengelernt, die Umweltkampagnen von großen gewissenlosen Firmen ins Leben riefen, indem sie die Illusion erzeugten, es gäbe sie bereits. Das Prinzip dahinter war ebenso einfach wie genial. Man sucht sich einen Konzern, der gerade dabei ist, die Umwelt zu zerstören und dem man deswegen eins auswischen will. Dann hackt man dessen Internetseite oder erstellt eine eigene, identische, die wirkt als wäre sie die originale und die man bei Google so nach oben ratet, dass sie die echte überbietet. Und nun kommt der Clou: Man erfindet eine großangelegte Umweltschutzkampagne, die man auf allen Kanälen, über Facebook, Twitter, Instagram, Google+ und natürlich die gefakte oder gehackte Webseite im Namen der besagten Firma verbreitet. Zum Beispiel: „Die Firma Öl-Gigant2000 übernimmt Verantwortung für die Verschmutzung der Meere und startet eine großangelegte Kampagne um die durch Öltanker verschmutzten Strände zu reinigen.“ Man gibt Pressemeldungen heraus, versendet Newsletter, postet was das Zeug hält und sorgt dafür, dass binnen weniger Stunden die halbe Welt davon weiß. Dann kündigt man große Pressekonferenzen mit der Führungsetage des Konzerns an und lädt alle großen Medien dazu ein. Jetzt kommt der Moment der Entscheidung. Der betroffene Konzern kann nun natürlich dementieren und erklären, dass es sich bei all dem um einen großen Schwindel handelt. Doch er kann dies nun nicht mehr insgeheim tun, sondern muss es öffentlich machen, vor den Augen der halben Weltbevölkerung. Wenn er das tut, muss er dabei offen und ehrlich eingestehen, dass er nicht der gute ist. Alle Welt ist bereits begeistert und freut sich darüber, dass hier etwas getan wird. Um das richtig zu stellen muss etwas gesagt werden wie: „Es handelt sich um eine Fehlmeldung! Öl-Gigant2000 hat nicht vor und hatte auch nie vor, irgendetwas in dieser Richtung zu tun!“ Ihr könnt euch sicher vorstellen, dass dies einen nicht unerheblichen Image-Schaden verursacht, die die Position der Firma am Markt durchaus schwächen könnte. Die andere Alternative ist, die Kampange anzunehmen und die Welt glauben zu lassen, dass es von Anfang an wirklich genau so geplant war. Nun steht man als die guten da, hat aber natürlich das Problem, dass man die Kampagne auch wirklich durchführen muss. Zumindest in einem gewissen Rahmen. Wichtig ist natürlich, dass die erfundene Kampagne so groß ist, dass sich der Aufwand lohnt und dass sie von außen tatsächlich überprüfbar ist. Wenn es dem Konzern gelingt, nur so zu tun, als würde er etwas machen, hat man als Aktivist nicht mehr erreicht, als das Image eines Unternehmens aufzupolieren, dem man eigentlich schaden wollte. Gleichzeitig darf es aber auch wiederum nicht zu groß und teuer sein, denn der Konzern wird sich immer für das kleinere Übel entscheiden. Stört ihn der Image-Verlust bei der Aufklärung der Falschinformationen weniger als die Kosten der tatsächlichen Kampagne, dann wird er sie kaum durchführen. Dieses Beispiel ist natürlich noch immer relativ klein im Vergleich zu dem was möglich ist und was Luk uns erzählte ging noch einmal um ein vielfaches weiter. Denn in der Regel sind es keine studentischen Umweltaktivisten, die solche Kampagnen in Auftrag geben, sondern Regierungen, Lobiisten, die besagten Großkonzerne selbst, Verbrechersyndikate, Geheimdienste oder das Militär. Wer wie diese Gruppen nicht aufs Geld schauen muss, kann heute nahezu alles erschaffen. Ganz gleich ob es dabei um eine unliebsame Person geht, der man ein Verbrechen anhängen will, ob man ganze Städte durch erfundene Terroranschläge in Angst und Schrecken versetzen möchte, ob man Regierungen stürzen oder nie dagewesene Kriege anzetteln will. Man aktiviert tausende von Fake-Accounts überall auf der Welt, die zehntausende von Posts und Tweets senden, die sich alle beispielsweise auf einen Ebola-Ausbruch in New Orleans beziehen, um damit den Aktienkurs des Pharmaunternehmens in die Höhe zu treiben, das zufällig kurz zuvor einen Impfstoff dagegen entwickelt hat. Man hackt sich in die Homepages der Onlinezeitungen um glaubwürdige Meldungen über einen Terroranschlag in London zu verbreiten und stimmt dies mit gefaketen Live-Berichten auf Twitter und Instagram ab um von dem Abzulenken, was in Paris oder Brüssel gerade wirklich passiert. Dank der Foto-, Film- und Informationstechnik erscheinen die erfundenen Ereignisse dabei so echt, dass am Ende niemand mehr weiß, ob nun etwas passiert ist oder nicht. Denn unsere Gesellschaft ist ein dynamisches System. Es reicht, wenn man eine erfundene Information hinein wirft, um danach echte Reaktionen zu bekommen, die zu weiteren realen Ereignissen führen. Am besten funktioniert es, wenn man dabei möglichst viel Angst erzeugt, denn diese verbreitet sich wie ein Lauffeuer. In kürzester Zeit entstehen Rauchschwaden, die alles vernebeln und durch die niemand mehr sagen kann, was eigentlich wirklich geschehen ist. Im Schutz dieses Chaos kann man dann ganz in Ruhe und vollkommen unbemerkt das tun, was man tun wollte. Was immer das auch sein mag.
 
Spruch des Tages: Traue keiner Fehlinformation, die du nicht selbst gefälscht hast.
Höhenmeter: 170 m
Tagesetappe: 15 km
Gesamtstrecke: 21.704,27 km
Wetter: Sonnig und relativ warm
Etappenziel: Gemeindesaal der Stadt, Auzouville-sur-Ry, Frankreich

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Zuletzt aktualisiert am 2017-05-14 18:21:58


Tag 1182: Weltweiter Sandbedarf

Ne, ne, ne! So viel Sand und keine Förmchen!

27.03.2017 Besonders lang hielt die Phase des entspannten Reisens leider nicht an, denn heute war bereits wieder ein Tag, der versuchte unsere Nerven so gut wie möglich zu strapazieren. Das heißt der Tag konnte natürlich nichts dafür und er selbst verhielt sich auch vollkommen normal. Nur die Menschen, mit denen wir heute zu tun hatten, konnten einem schon recht auf die Nerven gehen. Oder wahrer ausgedrückt: Sie spiegelten das, was mich, bzw. uns im Moment am meisten nervte, nämlich das unnötige verplempern von Zeit. Darin war ich eigentlich ja auch ohne die Hilfe von anderen schon recht gut, aber mit ihrer Unterstützung klappte es natürlich gleich noch einmal besser. Von unserer Ferienvilla aus durchwanderten wir zunächst ein äußerst beeindruckendes Sandabbaugebiet, das von kilometerlangen Förderbändern durchzogen war. Wusstet ihr, dass Sand nach Wasser das meistverbrauchte Wirtschaftsgut der Welt ist? Wenn man an wichtige Rohstoffe denkt, dann kommen einem meist als erstes Öl, Kohle, Eisen, Aluminium oder Gold in den Sinn. Aber an Sand denkt dabei zunächst niemand. Dabei ist es an sich logisch, dass wir ihn in schier unvorstellbaren Mengen brauchen, da er in fast allen Bauprojekten der Welt eine entscheidende Rolle spielt. Hinzu kommt natürlich die Glasproduktion, denn eine herkömmliche Glasflasche besteht zu mehr als 2/3 aus Quarzsand. Alles in allem verbrauchen wir weltweit mehr als 15 Milliarden Tonnen Sand pro Jahr. Das sind knapp eine Milliarde LKW-Ladungen, die irgendwo abgebaut, gewaschen, gelagert, transportiert und verbaut werden. Diese Zahlen sind so groß, dass man sich keine Vorstellung mehr davon machen kann. Deutlicher wird es hingegen, wenn man sich einzelne Bauprojekte unter diesem Aspekt anschaut. Ein einfaches Einfamilienhaus beispielsweise verschlingt bereits 2.000 Tonnen an Sand. Ein größeres Gebäude, wie ein Doppelhaus benötigt rund 3.000 Tonnen. Ein einziger Kilometer Autobahn enthält mehr als 30 Tonnen Sand und in einem Atomkraftwerk, wie wir es vor ein paar Tagen gesehen haben stecken mehr als 12 Millionen Tonnen. Da unsere Bauprojekte immer größer, aufwendiger und häufiger werden steigt der Bedarf an Sand Jahr für Jahr weiter an. Das weltweite Handelsvolumen für den Rohstoff, den wir oft als Wertlos betrachten, da er ja überall einfach herumliegt, beträgt inzwischen bereits 70 Millarden US-Dollar. Könnt ihr euch das vorstellen? Abbaugebiete wie dieses hier machen dabei trotz ihrer beeindruckenden Größe nur einen winzigen Bruchteil der Gesamtfördermenge aus. Das meiste wird aus Seen, Flüssen und Meeren gewonnen. Allein die Kosten für die Schwimmbagger, die dafür verwendet werden, liegen zwischen 20 und 100 Millionen Euro pro Stück. Nachdem wir das Sandgebiet hinter uns gelassen hatten, kamen wir an die Seine, jener Fluss der durch Paris fließt und einige Kilometer weiter westlich von hier ins Meer mündet. Wie ihr euch sicher vorstellen könnt, war die Seine prädestiniert dafür, Industrie aller Art anzuziehen, wozu natürlich auch unser Sandabbaugebiet gehörte. Demensprechend schwierig war es, einen Angenehmen Weg auf die andere Seite zu finden. Der erste Ort am Ufer war noch verhältnismäßig klein, bot uns aber leider keine Übernachtungsmöglichkeiten. Dafür wurden wir aber von einem freundlichen Mechaniker auf eine Führung in seine Autowerkstatt eingeladen. Das war tatsächlich weitaus cooler als es im ersten Moment klingen mag, denn er hatte sich ausschließlich auf alte Minis spezialisiert, die er in allen Varianten von überall auf der Welt zusammenkaufte und dann restaurierte. Dabei hatte er seine gesamte Werkstatt im Retro-Stil der fünfziger Jahre eingerichtet. Sogar sein Kühlschrank wirkte, als wäre er noch aus dieser Zeit. Gerade jetzt in dieser Phase waren Heiko und ich besonders begeistert davon, da wir ja gerade dabei sind, unser neues Erlebnis-Geschenke-Portal aufzubauen, dem wir ebenfalls einen Retro-Look verpasst haben. Seither haben wir ein besonderes Augenmerk auf diesen Stil gelegt und freuen uns jedes Mal, wenn wir dazu passende Elemente finden. Leider ist die Seite noch nicht so weit, dass wir sie euch zeigen können, aber allzu lange dürfte es jetzt nicht mehr dauern. Ihr werdet begeistert sein! Der Rest des Tages verlief dann eher gemischt. Auf der einen Seite gab es tolle Momente, in denen wir beispielsweise in der Sonne auf dem Platz vor der Kirche liegen, uns entspannen und einen Döner futtern konnten. Auf der anderen Seite waren da aber diese nervigen Momente, die ich ja schon erwähnt hatte. Der Ort, an dem wir auf die andere Seite der Seine wechseln konnten hieß Pont de l'Arche und war einer der wenigen Orte, an denen es noch einen Pfarrer gab. Nur war dieser wie üblich nicht zu hause und ließ sich auch am Telefon nicht erreichen. Stattdessen erreichten wir einen Kollegen, der uns versicherte, dass alles überhaupt kein Problem sei, da er in einer knappen halben Stunde einen Termin mit dem Pfarrer direkt an der Kirche habe. Wir bräuchten also nur zu warten und dann würde sich alles klären. Wir warteten etwa eine Stunde, doch es erschien niemand. Auch beim Rathaus war es ähnlich. Anstatt uns eine klare Auskunft zu geben, vertröstete man uns mit der Aussage, dass der Bürgermeister leider nicht gestört werden dürfe und wir in einer Stunde noch einmal zurückkommen sollten. Das taten wir uns dann aber nicht mehr an. Stattdessen verließen wir die Stadt, um über die lange und extrem stark befahrene Brücke ans andere Flussufer zu gelangen. Dort versuchten wir unser Glück in einer kleineren Ortschaft noch einmal mit dem gleichen Erfolg. Zwei Mal wurde ich von einem Entscheidungsträger zum nächsten weitergeleitet und am Ende wieder eine Viertelstunde warten gelassen. „Ich spreche kurz mit dem Bürgermeister, dauert nur ein oder zwei Minuten!“ teilte mir eine Frau mit, die für die Abteilung „Jugend, Familie und Soziales“ zuständig war. Nach fünfzehn Minuten erklärte sie mir dann, dass es in diesem Ort leider keine Räumlichkeiten für uns gab. Wir sollten es stattdessen einmal in Pont de l'Arche versuchen. Das liege gleich auf der anderen Flussseite und war deutlich größer. Dort würden wir sicher etwas finden. Wir wanderten noch gut zwei Stunden, bis wir dieses Gebiet hinter uns gelassen hatten. Dann erreichten wir eine kleine Ortschaft, in der wir direkt mit dem Bürgermeister sprechen konnten. Hier dauerte es dann keine drei Minuten, bis wir nicht nur einen, sondern gleich zwei Säle bekamen, von denen wir uns einen aussuchen durften.
 
Spruch des Tages: Ne, ne, ne! So viel Sand und keine Förmchen!
Höhenmeter: 240 m
Tagesetappe: 26 km
Gesamtstrecke: 21.689,27 km
Wetter: Sonnig und relativ warm
Etappenziel: Altes Rathaus, 76520 Ymare, Frankreich

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Zuletzt aktualisiert am 2017-05-14 18:20:21


Tag 1181: Begeisterung steckt an!

Begeisterung steckt an

25.03. 2017 Zu unserem Glück wurde es eine trockene Nacht und wir konnten unser Zelt am nächsten Morgen ohne zusätzliche Kilo an Wasser wieder einpacken. Der Tag wurde sonnig und einigermaßen warm, dazu aber auch extrem windig. Dies und die Tatsache, dass wir gestern außer zum Wandern zu überhaupt nichts gekommen waren, veranlasste uns heute, relativ zeitig nach einem Platz zu suchen. Zumindest fürs Erste schienen sich die Wogen des Verwirrungsfilmes wieder geglättet zu haben, denn gleich die erste Bürgermeisterin, die wir antrafen, begegnete uns freundlich und hilfsbereit. Einen Festsaal konnte sie uns dennoch nicht anbieten, da dieser für eine Party belegt war. Dieses Mal stimmte es jedoch wirklich und war nicht nur eine Ausrede, denn draußen fanden schon die ersten Vorbereitungen statt. Auch war die Bürgermeisterin bemüht, uns eine Alternative aufzuzeigen und wurde damit sogar fündig. Ihr Amtskollege aus dem Nachbarort hatte mit seiner Frau gemeinsam ein großes Haus und war bereit, uns für eine Nacht aufzunehmen. Es war nicht ganz das, was wir uns eigentlich erhofft hatten, da der Ort nicht auf unserem Weg lag und wir ja etwas vorsichtig waren, was Privateinladungen anbelangte, aber es entpuppte sich dennoch als gute Option. Unsere Gastgeber waren eher zurückhaltende und wortkarge Menschen, die kein Interesse an ausschweifenden Unterhaltungen hatten. Außerdem waren sie einen Großteil des Nachmittags außer Haus und so hatten wir viel Zeit für uns, um einiges von gestern nachzuholen. Dennoch stellten wir am Abend fest, dass wir nicht so gut vorangekommen waren, wie wir es uns eigentlich gewünscht hätten. Irgendetwas hatte uns trotzdem wieder Zeit geraubt, auch wenn wir noch nicht genau verstanden wir und wodurch. 26.03.2017 Wieder einmal sollte sich zeigen, dass gerade der Sonntag, an dem es durch die äußeren Gegebenheiten immer am schwierigsten sein müsste, einen Platz zu finden, am besten klappte. Alles hatte geschlossen und es gab wenig Möglichkeiten, irgendwo jemanden anzutreffen, der einem einen Platz zu Verfügung stellen konnte. Und doch passierte heute alles fast wie von selbst. Kaum hatten wir unser Tagesetappenziel erreicht, wurden wir von einem älteren Herren angesprochen, der absolut begeistert davon war, einen Mönch anzutreffen. Er lud uns ein, in der Bäckerei gegenüber einiges an Brot und Teigwaren für uns zu besorgen und wollte uns dann den Weg zum Bürgermeister zeigen und ihn von unserer Reise überzeugen. Dazu kam es aber nicht, denn der Mann war so begeistern von dem was wir machten, dass sich diese Begeisterung auch auf alle anderen Anwesenden übertrug. Sofort bildete sich eine Traube um uns herum und alle Kunden des Bäckers vergaßen, dass sie eigentlich Brot kaufen wollten und hörten stattdessen unseren Geschichten zu. Darunter war auch eine ältere Dame, die uns gleich einen Schlafplatz anbot. Sie hatte zwar selbst keine Räume, die sie uns geben konnte, betreute aber das Gästehaus einer reichen Pariser Familie hier im Ort. „Die haben sicher nichts dagegen, wenn ihr eine Nacht dort bleibt!“ meinte sie, „vor allem auch deshalb, weil sie es niemals erfahren werden.“ „Super!“ rief der Mann, der das Gespräch begonnen hatte, „das ist eine fabelhafte Lösung! Denn unser Bürgermeister ist Kommunist und dazu ein mürrischer Brummbär. Ich bin mir unsicher, ob er auch nur zugehört hätte, also ist das sicher die bessere Lösung!“ Da die Dame das Gästehaus erst noch reinigen und von den Spuren der letzten Gäste befreien musste, verabredeten wir uns für den späteren Nachmittag mit ihr. Bis dahin konnten wir bei einer anderen Familie im Wintergarten arbeiten, wurden mit Essen und Getränken versorgt und konnten an einem windgeschützten Platz die Frühlingssonne genießen.
 
Spruch des Tages: Begeisterung steckt an
Höhenmeter: 30 m
Tagesetappe: 15 km
Gesamtstrecke: 21.663,27 km
Wetter: Sonnig und relativ warm
Etappenziel: Private Gästehaus, 27400 Montaure, Frankreich

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Zuletzt aktualisiert am 2017-05-14 18:18:43


Tag 1180: Ablehnung aus Angst

Kaum etwas ist so gefährlich, wie unsere eigene An

Fortsetzung von Tag 1179: Der nächste Ort bestand aus nicht viel mehr als einer Kirche, einem Rathaus und einer Schule. Das Sekretariat der Schule war noch besetzt und eine junge Frau schaute uns vom Schreibtisch aus entgegen. Ich klopfte an die Tür und sie stand auf um zu öffnen. „Entschuldigung, ich hätte nur kurz eine Frage“, begann ich, kam aber nicht weiter, denn die Frau unterbrach mich mit den Worten: „Es interessiert mich nicht!“, schlug mir die Tür vor der Nase zu und schloss von innen so oft ab, wie es nur ging. Heiko, der einige Meter weiter bei unseren Wagen stand schaute mich in etwa so perplex an, wie ich ihn. Sie hatte uns nicht wirklich einfach die Tür zugeschlagen, ohne zu wissen, worum es überhaupt ging, oder? Doch genau das war geschehen. Und wie wir kurz darauf feststellen mussten, hatte sie damit sogar genau nach Vorschrift gehandelt. Auch hier hing eines der Plakate, dass jeden dazu aufforderte, fremde Personen so schnell wie möglich abzuweisen und zu vertreiben. Dennoch konnte ich es kaum fassen. Sie hatte nicht den Hauch einer Ahnung, was unsere Bitte gewesen wäre. In diesem Fall wollten wir nichts weiter fragen, als wo wir den Bürgermeister finden konnten. Ebenso gut hätten wir aber auch einen Unfall haben können. Vielleicht hatte man uns ausgeraubt, vielleicht hatte jemand einen Herzanfall oder vielleicht brauchte man auch nur ein Taschentuch oder einen Stift für eine wichtige Notiz. Aber nein, wir waren schon so weit, dass uns andere nicht einmal mehr für eine Sekunde interessierten. Wir waren bereit, jeden direkt vor unseren Augen auf der Straße sterben zu lassen, ohne uns dabei auch nur schlecht zu fühlen. Und gleichzeitig waren wir aber die gleichen, die verlangten, dass man uns jede Hilfe entgegen brachte, die wir benötigten. Was war nun, wenn es kein Fremder war, sondern das eigene Kind, das in Not geriet? Wenn irgendwo ein Haus brennt und unser Sohn oder unsere Tochter, ja selbst unser Hund noch im Inneren ist, dann verlangen wir, das irgendjemand, der uns nicht kennt, ohne zu zögern in dieses Haus rennt und sein eigenes Leben riskiert um ein anderes zu retten. Wir verlangen, dass immer ein Ersthelfer zur Stelle ist, wenn wir einen Unfall haben, dass ein Sanitäter zu unserem brennenden Auto rennt, ungeachtet der Gefahr, dass er vielleicht von einer möglichen Explosion erfasst werden könnte, um uns herauszuziehen und zu verarzten. Aber wir sind nicht bereit, einem anderen auch nur für eine Sekunde zuzuhören um herauszufinden, ob wir auch nur helfen könnten. Ist das nicht vollkommen absurd und erschreckend? Und dann haben wir dabei auch noch das Gefühl, dass wir uns selbst mit diesem Verhalten schützen. Als würde ein Attentäter tatsächlich mit einem Pilgerwagen und in einr Mönchsrobe in ein Dreißig-Seelen-Dorf wandern um dort eine leere Schule zu sprengen. Und als könnte man ihn davon abhalten, wenn man ihm dreist und unfreundlich die Tür vor der Nase zuschlägt. Ich meine, ich war nur dort, weil ich nach dem Bürgermeister fragen wollte und hatte nach dieser Aktion schon nicht übel Lust, die verdammte Tür einzutreten und sie der Frau um die Ohren zu schlagen. Wie sollte dann erst jemand reagieren, der mit einer kriminellen Absicht ankam? Da konnte man sich ja auch gleich ein Blinklicht mit der Aufschrift „Ermorde mich!“ auf den Kopf setzen und die ganze Zeit „Hier!“ schreien. Ein noch unsichereres und unsinnigeres Verhalten im Umgang mit einer möglichen Gefahr gab es ja kaum. Zum Glück entdeckten wir dass Rathaus dann auch ohne die Hilfe der Angstgurke, so dass wir uns hier vom Bürgermeister persönlich die nächste Abfuhr abholen konnten. Angeblich sei der Festsaal heute ausgebucht und von den anderen Räumen könne man uns leider nichts geben. Es sei sehr bedauerlich und täte ihm wirklich extrem Leid, dass es hier nicht helfen könne, aber es wäre leider nichts zu machen. Ich begann mich zu fragen, ob mir die Reaktion der Schulsekretärin nicht doch lieber gewesen war, denn sie war wenigstens ehrlich. Der Bürgermeister traf letztlich die gleiche Aussage: „Es interessiert mich einen Scheißdreck, was ihr da macht, seht nur zu, dass ihr aus meinem Dorf verschwindet!“ Aber er verpackte es in eine recht unangenehme Hülle aus Scheißfreundlichkeit und Heuchelei. Es war nun bereits kurz vor sechs Uhr am Abend und der Festsaal lag noch immer verrammelt und verriegelt vor uns. Wenn jetzt noch niemand für eine Veranstaltung aufbaute, dann gab es auch keine. Im nächsten Ort gab es gleich noch einmal den Direktvergleich, denn hier war es der Bürgermeister selbst, der mir ohne einen einzigen Satz zu hören sofort die Tür, oder besser sein großes, massives Gartentor vor der Nase zuknallte. Allerdings erst, nachdem sein Hund an mir hochgesprungen und mit seinen Dreckspfoten meine Robe eingesaut hatte. Es gab kein Wort der Entschuldigung, kein Versuch, den Hund zu bändigen oder von seiner Attacke abzuhalten. Nichts, nur ein weiterer unfreundlicher Rauswurf. Dass eine Schulsekretärin so reagierte fand ich erschreckend, aber mit all der Angstschürerei konnte ich es noch irgendwie nachvollziehen. Aber als Bürgermeister? Als höchster Entscheidungsträger eines Ortes, als der Mensch, dessen Aufgabe es ist, sich um die Belange seines Dorfes und seiner Mitmenschen zu kümmern? Wenn nicht einmal diese Menschen mehr bereit sind, einen anzuhören, an wen soll man sich dann noch wenden? Man mochte ja von der Kirche halten was man wollte, aber ein Land, in dem es sie fast gar nicht mehr gab, gewann dadurch definitiv keine Vorteile. Keine Richtlinien zu haben und nichts mehr, an das man noch glaubt, kein Gefühl von Nächstenliebe oder Solidarität zu haben, ließ einen Menschen auf jeden Fall erkalten. Klar, war die Angst vor der Hölle jetzt nicht unbedingt die beste Motivation, um einen Menschen dazu zu bewegen einem anderen zu helfen, aber nur noch Angst zu schüren und gar keinen Weg mehr aufzuzeigen war nun auch keine Lösung. Während ich mich mit Hund und Herrchen herumärgerte wurde Heiko auf dem Dorfplatz von einer jungen Frau angesprochen, die mit ihrem Kind spazieren ging. Sie sprach Englisch und frage ihn ein wenig über unsere Reise aus. Sofort bestand ein Interesse, sowohl sexueller Natur, als auch an Informationen. Als wir jedoch auf das Thema Schlafplatz zu sprechen kamen, zog sie sich sofort zurück und begann uns mit Ideen und Vorschlägen zu überhäufen, die davon ablenken sollten, dass sie selbst nicht bereit war, uns irgendwie weiter zu helfen. Für einige Minuten war es in Ordnung, aber dann merkten wir, dass wir langsam ärgerlich wurden, darüber, dass wir in dieser Situation nun auch noch aufgehalten wurden, ohne dass es dafür irgendeinen Ausgleich gab. Wir waren eine Art Touristenattraktion, die man ausquetschte und bestaunte, mit der man sich fotografieren lies und die man dann stehen ließ wie ein Kriegerdenkmal. Noch einmal zogen wir einen Ort weiter und dieses Mal trafen wir kurz vor 19:00 Uhr ein. Hier war der Festsaal tatsächlich durch eine Feier belegt, weshalb er als Übernachtungsstätte schon einmal nicht in Frage kam. Der Bürgermeister befand sich noch immer im Rathaus, hatte sich darin jedoch verbarrikadiert, so dass man sich nicht direkt an ihn wenden konnte. Dafür trafen wir aber auf seinen Stellvertreter, der uns die Türen öffnete. Er war der einzige Mensch, den wir heute kennenlernten, der zumindest einigermaßen freundlich und hilfsbereit war. Er war bereits weit in den siebzigern und hatte kürzlich eine Lungen-OP hinter sich, weshalb er ein mobiles Sauerstoffgerät auf Rollen hinter sich her zog. Das arme Gerät musste ganz schon was aushalten, denn es wurde gegen nahezu jede Kante und jeden Stein im Umkreis von drei Metern geschleudert. Wie der alte Herr bereits befürchtet hatte, war der Bürgermeister nicht bereit, uns einen Raum zur Verfügung zu stellen auch hier war es wieder eine Mischung aus nicht können und nicht wollen. Auf der einen Seite hatte er schon das Gefühl helfen zu wollen, und er bemühte sich, irgendwo jemanden aufzutreiben, der vielleicht einen Platz für uns hatte. Er wäre sogar bereit gewesen, uns eine Frühstückspension zu bezahlen, aber nicht einmal die wollte Gäste aufnehmen. Auf der anderen Seite schloss er aber jede naheliegende Option aus und wollte keinen der städtischen Räume zur Verfügung stellen. Er war einer der Männer, bei denen man nie so genau wusste, ob sie nun hilfreich SEIN oder hilfreich WIRKEN wollten und daher einiges an Aufhebens veranstalteten, um am Ende gut dazustehen, obwohl ihnen von Anfang an klar war, das nichts dabei herauskommen würde. Es ging in diesem Fall nicht ums Helfen, sondern darum, sagen zu können, dass man ja alles versucht habe, so dass man der Gute ist, auch wenn man jemanden abweist. Ob seine Versuche nun ernst gemeint waren oder nicht, am Ende standen wir noch immer ohne Unterkunft dar und nun war es bereits kurz vor Einbruch der Dämmerung. Sinnvoller Weise lag nun auch noch ein Streckenabschnitt vor uns, der uns an einer großen, vielbefahrenen Straße entlang führte. Um der Situation noch etwas mehr Dramatik zu verleihen, wurden wir gleich an der Kreuzung von drei großen Holzkreuzen empfangen, die auf die Verkehrstoten hinwiesen, die diese Straße in der letzten Zeit gefordert hatte. Rund eineinhalb Kilometer wanderten wir neben den rasenden Autos und auf der Strecke wurden wir zwei Mal angehupt und einmal von den quietschenden Reifen eines überschnellen Fahrers aufgeschreckt, der knapp hinter uns bremste. Nein, die Hauptstraßen hierzulande sind nicht problematisch, da kann man locker entlang wandern, so wie es uns immer wieder empfohlen wird! Als wir das nächste Dorf erreichten hatten wir noch etwas Restlicht für ungefähr eine Viertelstunde. Bis dahin brauchten wir entweder einen Zeltplatz oder eine Unterkunft. Noch immer waren wir von großen Straßen umgeben, was die Chance auf eine ruhige Zeltnacht deutlich verringerte, aber wir hatten nun kaum eine andere Wahl mehr. Zwei Kilometer vor uns endete unser Kartenmaterial. Wir waren nun wirklich an einem Tag mehr als drei komplette Tagesetappen marschiert und damit nun langsam am Ende unseres Lateins. Hier musste ein Platz her und gleichzeitig auch eine Möglichkeit, ins Internet zu kommen um neue Strecke zu suchen. Wir teilten uns auf. Heiko untersuchte die Wälder in der Nähe des Dorfes nach Zeltplätzen und ich suchte nach dem Bürgermeister oder einer anderen netten Person, die uns aufnehmen würde. Ich traf auf einen Zimmermann, der gerade dabei war, ein neues Fachwerkhaus zu bauen und der anders als die meisten seiner Mitmenschen, die wir heute getroffen hatten, sogar relativ freundlich wirkte. Aufnehmen konnte er uns nicht, da er in einem kleinen Haus mit vier Kindern wohnte, aber er beschrieb mir die Adresse des Bürgermeisters. Ich begann zu joggen, da ich verhindern wollte, dass wir, falls es nicht klappen sollte, wirklich komplett im Dunkeln aufbauen mussten. Eine weise Entscheidung, denn auch hier kam ich keinen Schritt weiter. Der Bürgermeister selbst war nicht da und seine Frau meinte lediglich, dass wir ja eine Viertelstunde oder 20 Minuten warten könnten, dann würde er wahrscheinlich kommen. Ich wies darauf hin, dass es kurz vor Einbruch der Dunkelheit war und eine Vielleicht-Option um diese Zeit recht gefährlich werden konnte. Doch ihre einzige Reaktion war ein müdes: „Tut mir leid!“ Also wurde es eine Zeltnacht. Und damit die nicht allzu entspannt wurde, frischte nun ein weiteres Mal der Wind auf, der nun kalt aus Richtung der Nationalstraße zu uns herüberwehte und frischen Autolärm mitbrachte. Den ganzen Tag über war es bewölkt gewesen, doch jetzt klarte der Himmel auf und es wurde eine klirrend kalte, sternenklare Nacht. Während Heiko unser Zelt einrichtete, kehrte ich noch einmal ins Dorf zurück, um den freundlichen Zimmermann nach einer Internetverbindung zu fragen. Doch auch daraus wurde nichts. Sein Grundstück war von einer großen Mauer umgeben und man konnte das Haus nur über ein ebenso großes Tor erreichen. Dieses war abgeschlossen und eine Klingel gab es nicht. Wenn ich meine Bitte also nicht mit einer Erklärung beginnen wollte, warum ich nachts bei ihm einbrach, brauchte ich eine andere Lösung. Schließlich fand ich eine Familie, die mir ihren w-LAN-Anschluss und ihren Wohnzimmertisch zur Verfügung stellte. Im Balkan und auch in Rumänien und Bulgarien war dies oft die Variante gewesen, wie ich an Internet gekommen war und meistens hatte dies dazu geführt, dass ich gleich auch noch ein Abendessen bekam. Nie aber war es vorgekommen, dass mir nicht mindestens ein Getränk oder ein paar Kekse angeboten wurden. Hier geschah nichts der gleichen. Nach einer knappen Stunde fragte mich die Mutter, ob ich vielleicht ein Wasser wolle. Das war alles. Als ich zum Abschied nach ein bisschen Brot für unser Abendessen fragte, bekam ich drei Scheiben alten Toast. Gut also, dass wir noch so viel Zwieback und Milch hatten. Doch selbst als wir in unserem Zelt lagen und den Tag mit einem Videoabend ausklingen lassen wollten, waren die Störungen durch die Illusionsgeschehen noch nicht vorbei. Draußen sank die Temperatur auf wenige Grad über Null und noch immer wehte ein starker kalter Wind über unser Zelt hinweg. Und trotzdem begannen plötzlich die Grillen zu zirpen, so wie sie es im Sommer in Spanien oder im Balkan oft getan hatten. Wie konnte dies sein? Es war weder ihre Region, noch ihre Jahreszeit noch ihre Temperatur. Es dürfte sie jetzt, hier und unter diesen Bedingungen eigentlich nicht geben. Und doch waren sie da und zirpten so laut, dass man kaum mehr den Film hören konnte. Das allein war schon abstrakt, aber richtig unheimlich wurde es erst als wir die Situation reflektierten. Kaum hatten wir ausgesprochen, dass wir nicht an ihre tatsächliche Existenz glaubten, weil es sie eigentlich nicht geben durfte, begannen sie leiser zu werden und wenige Minuten später waren sie ganz verstummt.
 
Spruch des Tages: Kaum etwas ist so gefährlich, wie unsere eigene Angst
Höhenmeter: 80 m
Tagesetappe: 16 km
Gesamtstrecke: 21.648,27 km
Wetter: Sonnig und relativ warm
Etappenziel: Privates Gästezimmer des Bürgermeisters, 27110 Marbeuf, Frankreich

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Zuletzt aktualisiert am 2017-05-14 18:16:37


Tag 1179: Angst schüren

Hier hat Religion nichts verloren

Weitaus spannender und erschreckender ist jedoch die Reaktion, die diese Attentate, was immer sie auch sein mögen, nach sich ziehen. Noch nie gab es in Europa einen terroristischen Anschlag auf dem Land und doch ist die Angst hier nun so präsent wie nie zuvor. An fast jedem Rathaus hängen Schilder, die den Einwohnern das richtige Verhalten bei einem Terrorangriff erklären. Die Information lautet etwa folgendermaßen: „Wenn ihr eine euch unbekannte Person seht, rennt ins Haus, verbarrikadiert Türen und Fenster und ruft die Polizei. Meldet jede liegengebliebene Tasche sofort einer Behörde. Traut niemandem! Jeder könnte ein Terrorist sein!“ Wie um das ganze noch ein bisschen zu parodieren hing in einem der Säle, in denen wir in den letzten Tagen übernachten durften, gleich nebenan ein weiteres Plakat, das auf eine ebenso große wie unterschätzte Gefahr hinwies: „Die Sonne!“ Denn kaum jemand weiß, dass auch die Sonne eine Art Terrororganisation ist, die es nur darauf abgesehen hat, und zu zerstören. Das Plakat beschrieb tatsächlich die wichtigsten Maßnahmen, die man ergreifen muss, wenn eine Hitzewelle auf das Land zurast: „Vermeiden Sie jede Form der Bewegung oder Anstrengung, ziehen Sie sich in Ihre Kellerräume zurück, halten Sie den Kopf bedeckt, sorgen Sie dafür, dass Sie immer ausreichend Wasservorräte in Ihrer unmittelbaren Nähe haben und halten Sie die Nummer eines Arztes immer griffbereit!“ Letztlich war es also egal, ob es gerade um Sonne, Terrorismus oder die Vogelgrippe ging, die Botschaft war immer die gleiche: „Habt so viel Angst wie möglich und haltet alles von euch fern, das irgendwie dazu führen könnte, dass ihr ein Leben habt!“ Bis zu unserer Grafenfamilie war diese Schreckensmentalität zum Glück noch nicht durchgedrungen und so verlebten wir zumindest noch das Frühstück in entspannter und angenehmer Atmosphäre. Unsere Gastgeberin war fast traurig, dass wir bereits jetzt wieder abreisen wollten und sie lud uns ein, gerne noch einen Tag oder einen Monat zu bleiben, oder jederzeit wiederzukommen. Dann stellte sie uns ein umfangreiches Lunchpaket zur Verfügung, das leider fast ausschließlich aus Milch und Zwieback bestand. Nichts gegen Milch und Zwieback, aber ab einer Menge von je drei Kilo wird es doch irgendwann etwas einseitig. Gut 16km wanderten wir entspannt und nichtsahnend vor uns hin, bis wir unsere erste Zielortschaft erreichten. Sie war winzig, hatte aber dennoch ein geöffnetes Rathaus, was eigentlich ein Garant dafür war, dass wir hier einen Schlafplatz bekommen müssten. Doch etwas war anders. Obwohl hier vielleicht gerade einmal 100 Menschen lebten, herrschte im Ortskern ein Terror, wie wir ihn in manchen Großstädten nicht erlebt hatten. Aus vier Gärten bellten uns fünf Hunde an und schrien mit den Spatzen um die Wette, während plötzlich und ohne erkennbaren Grund ein Auto nach dem nächsten durch den kleinen Ortskern rauschte. Alles zusammengenommen sorgte dafür, dass wir gleich von Beginn an ein ungutes Gefühl hatten. Wir wurden nicht enttäuscht. Der Bürgermeister empfing mich mit den Worten: „Religion hat hier im Rathaus nichts verloren! Auf wiedersehen!“ Hier muss ich sagen, dass ich auf diese Form der Begrüßung nicht allzu geschickt reagierte. Im Reflexionsgespräch mit Heiko wurde mir später klar, dass ich tatsächlich eine reale Chance gehabt hätte, den Mann auf meine Seite zu ziehen und seine Skepsis gegenüber Mönchen sogar für mich zu nutzen, aber in diesem Moment wollte es mir nicht gelingen. Die wenigen Worte reichten aus, um mein Ego auf den Plan zu rufen, das sofort begann, gegen den Bürgermeister zu wettern. Ich wollte ihn davon überzeugen, dass seine Vorurteile gegen Mönche falsch waren oder zumindest auf mich nicht zutrafen. Meine Reaktion bestand daher aus einem energischen „Nein aber!“ In diesem Fall ein „Nein aber ich will doch!“ Ein idealer Gesprächseinstieg also wenn man die Sympathie eines Mannes gewinnen wollte, der beschlossen hatte, einen nicht zu mögen nur weil man eine Kutte trug. Meine Taktik war die eines Laubbaumes im Schnee, der vergessen hatte, seine Blätter abzuwerfen. Ich wurde starr, wollte Recht behalten und Widerstand leisten und brachte das Gespräch so zum Zusammenbruch. Im Nachhinein wurde mir klar, dass es sinnvoller gewesen wäre, flexibel zu werden, auf die Bedürfnisse des Mannes einzugehen und seine Abneigung gegen die Religion zu würdigen. Anstatt wie ein Laubbehangender Ast unter dem Schneedruck zu zerbrechen hätte ich also auch ein Tannenzweig sein können, der nachgibt, geschmeidig mitgeht und anschließend wieder auf seine Position zurückkehrt, nur dass er dann das hat, was er benötigt. In diesem Fall hätte ich dabei nicht einmal Lügen müssen, da meine Einstellung der Kirche als Institution gegenüber seiner eigenen ja nicht einmal unähnlich war. Immerhin hatte es einen Grund, dass ich nicht in einem Kloster lebte, sondern als Wandermönch umherzog. Alles, was der Mann wollte war es, sich gehört zu fühlen und jemanden zu haben, mit dem er seinen Frust der Kirche gegenüber abbauen konnte. So wie ich mich verhielt, sah er in mir einen Gegner, der eine gute Projektionsfläche für diesen Frust bot. Genauso gut hätte ich aber auch der Bruder oder Leidensgenosse sein können, mit dem man sich gegen den großen unbekannten Feind verbündet. Wir zogen also weiter bis ins nächste Dorf, wo sich eine ähnliche Situation bot. Das Rathaus war offen, aber es gab nur eine Putzfrau, die gerade sauber machte, keine Entscheidungsgewalt besaß und auch als Informationsquelle nur mäßig ergiebig war. Immerhin erfuhr ich die grobe Richtung, in der der Bürgermeister wohnte. Auf dem Weg schaute ich noch bei einem kleinen Minimarkt vorbei, in dem ich von einem struppigen Hund begrüßt wurde. Vorsichtig schnupperte er an meiner Hand und schaute mich treuherzig an. Dann, ohne eine Vorwarnung wurde er plötzlich grimmig, schnappte zu und biss mir in den Finger. Es war nicht doll, nicht so, dass es blutete, aber es reichte auf um weh zu tun. Abgesehen von einer nun schmerzenden Hand war der Erfolg eher gering. Wir bekamen zwei schrumpelige Äpfel, und zwei Orangen, von denen eine bereits schimmelig war. Dann kam Bürgermeister Nummer zwei. Er bewohnte ein großes Anwesen, das ich nicht betreten konnte, weil ich von seiner Frau an der Gegensprechanlage hingehalten wurde. Ihr Mann sei nicht da und sie selbst könne nicht mehr tun, als uns seine Handynummer zu geben, auf der wir ihn anrufen konnte. Wie fast erwartet führte ich kurz darauf ein deprimierend einseitiges Gespräch mit einer Mailbox, von der aus nie wieder zurückgerufen wurde. Bis zu diesem Moment war die Sache ja noch einigermaßen in Ordnung. Aber von nun an schien es, als hätte sich die ganze Welt gegen uns verschworen. Fortsetzung folgt...
 
Spruch des Tages: Hier hat Religion nichts verloren!
Höhenmeter: 330 m
Tagesetappe: 45 km
Gesamtstrecke: 21.632,27 km
Wetter: überwiegend bedeckt und Kühl
Etappenziel: Zeltplatz im Wald, 27110 Le Tilleul Lambert, Frankreich

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Zuletzt aktualisiert am 2017-05-14 18:15:11


Tag 1178: Das Universum muss verrückt sein

Das Universum muss verrückt sein

24.03.2017 Wenn all dies wirklich real wäre und nicht nur eine Illusion des Lebensfilms, hätten wir heute wohl vollkommen durchdrehen müssen! 50 Kilometer liegen nun hinter uns und wir haben es tatsächlich geschafft, auf der gesamten Strecke keinen einzigen Menschen zu treffen, der uns auch nur im Ansatz freundlich, hilfreich oder zumindest positiv gesonnen war. So einen heftigen Tag hatten wir auf der ganzen Reise noch nicht. Vor allem aber keine Ablehnung in so einer Intensität und Häufung. Gerade wo ich hier sitze und euch davon berichte, schaue ich auf das Geschehene von zwei verschiedenen Perspektiven aus zurück. Auf der einen Seite, wenn ich es aus einer übergeordneten Sicht betrachte und es als Inszenierung des Gegenspielers ansehe, dann habe ich vollste Bewunderung für dieses Schauspielstück. Alles ist eins und irgendwo haben wir uns alles selbst erschaffen, um dadurch wachsen, lernen und die Liebe ausbreiten zu können. Und im Kontext mit den aktuellen inneren Prozessen, die jeder von unserer Herde gerade durchläuft, ist es auch absolut sinnvoll und logisch, dass es so kommen musste. Bei den letzten Wandlungsschritten war es immer genau gleich gewesen. Wenn wir nun noch einmal zurück denken, dann war dies sogar schon weit länger der Fall, als wir es zunächst glaubten. Bei meinem letzten Ritual, war es in den drei Tagen zuvor bedeutend schwerer für uns gewesen als normal. Am Tag der Wandlung war es dann fast unerträglich geworden und einen Tag danach ging plötzlich überhaupt nichts mehr. Dann hat es sich langsam wieder akklimatisiert und wir waren wieder in unserem gewohnten Rhythmus. Das Prinzip war nachvollziehbar. Man war gerade dabei, alte Fesseln zu lösen und aus einem Muster auszubrechen, in das man sich sehr lange eingefügt hat. Es ist also ein bisschen, als hätte man Jahrelang apathisch auf die Gitterstäbe seiner Gefängniszelle gestarrt, ohne sich zu rühren und nun wacht man plötzlich auf und macht Anstalten auszubrechen. Damit weckt man natürlich den Gefängniswärter, der einen zunächst mit einem bösen Blick straft und durch diese Einschüchterungstaktik versucht, einen von weiteren Ausbruchsüberlegungen abzuhalten. Wenn dass nicht funktioniert und man weiterhin auf dem Freiheitskurs bleibt, werden die Gegenmaßnahmen natürlich härter. Es kommt zu Essensentzug, Schlägen, Psychoterror und ähnlichem, um ganz klar zu zeigen, wer hier der Boss ist. Wenn der Stichtag dann erreicht ist, und man trotz aller Warnungen ausbricht, wird es einem hier natürlich am Schwersten gemacht. Und wenn einem der Ausbruch trotz alledem gelingt, bekommt man im Nachhinein nicht mehr die Warnungen, sondern den Zorn zu spüren. So war es am Canal du Midi und so war es auch dieses Mal. Wir gingen noch einmal in unseren Erinnerungen zurück und stellten fest, dass es auch zuvor schon diese Regelmäßigkeit gegeben hatte. Unsere Härte-Zeit in der Ukraine fiel mit meiner Wandlung von Tobias zu Franz zusammen. Der Horrortrip durch Andorra mit Lärm und Anstrengung bis zum Umfallen kam genau in der Zeit, in der sich Heiko von der Besetzung durch seinen verstorbenen Onkel Hans löste. Jede Härtephase, die wir uns zum jeweiligen Zeitpunkt nicht erklären konnten, fiel mit einem größeren oder kleineren Lösungs- oder Wandlungsprozess von einem von uns zusammen. Jetzt war es der von Shania, der den Ausschlag gab und wenn man sich dessen bewusst war, dann waren all die unangenehmen Ereignisse des Tages sogar frohe Botschaften, da sie zeigten, dass wirklich eine Lösung stattfand. Auf einen Gefangenen, der nur glaubt ausgebrochen zu sein, der aber in Wirklichkeit noch immer in seiner Zelle sitzt, ist niemand sauer. Den Gegenwind braucht es nur, wenn er tatsächlich fliehen konnte. Wenn man den Tag hingegen einfach als Tag betrachtet und davon ausgeht, dass alle Menschen, denen wir begegnet sind, eigenständige, frei denkende und fühlende Wesen sind, die nicht auf unsere energetische Ausrichtung reagieren, sondern so handeln, wie sie immer handeln würden, dann konnte man nicht anders, als von der Menschheit zu tiefst enttäuscht zu sein. Unter diesem Aspekt, war Frankreich ein Land, das bereits ausgestorben war. Menschlichkeit und Nächstenliebe gab es nicht mehr und die Einwohner waren so eiskalt, dass ein Zombie dagegen noch als Psychiater durchgehen konnte. Wir haben in Griechenland ja bereits einmal geschrieben, dass wir befürchten, dass Europa bald zu einem Polizeistaat werden könnte. Ausgehend von den heutigen Erfahrungen muss man diese Vermutung noch einmal revidieren. Wir sind dieser Polizeistaat bereits. Wir sind ein Volk, dass nur noch aus der Angst heraus lebt und in dem Solidarität ein Fremdwort geworden ist. Wir sind bereit für eine Diktatur in der es keine Freiheiten mehr gibt, weil wir alles Freie mit Gefahr verbinden. Vielleicht habt ihr es besser mitbekommen als wir, aber vor einigen Tagen gab es wieder einmal ein Attentat, das gemeinhin als terroristische Aktion bezeichnet wird. Oder besser gesagt, es gab sogar gleich zwei. Eines in Belgien, über das ich leider so gut wie gar nichts weiß und eines in London. Hier traf es die Westminster-Bridge wodurch 4 Menschen getötet und einige weitere verletzt wurden. Geht nun einmal einen Schritt zurück vergesst alles, was ihr über Terrorismus bislang gehört habt und betrachtet dieses Ereignis einmal aus der Sicht eines Detektivs, der den Fall aufklären will. Was sind die Auffälligkeiten, die ihr ausmachen könnt? Uns ist folgendes aufgefallen: 1. Es wird ein Bombenattentat verübt, bei dem insgesamt 4 Menschen sterben. Für diese Menschen und ihre Angehörigen ist das ohne jeden Zweifel tragisch, aber aus sich eines Attentäters ist es ein kompletter Reinfall. Jeder Wahnsinnige, der blindlings mit einem Messer um sich sticht, würde mehr Menschen dabei töten. Hätte der Attentäter ein Auto genommen und wäre damit in eine Menschenmenge gerast, wäre das Ergebnis ebenfalls deutlich schlimmer geworden. Stattdessen aber investierte er Zeit, Geld und Mühe in den Bau einer Bombe, riskierte damit, entdeckt zu werden oder sich selbst durch eine Panne beim Zusammenbau zu verletzen und tötete dann gerade einmal vier Menschen. Angenommen wir gehen nun einmal wirklich davon aus, dass eine terroristische Organisation hinter all diesen Attentaten steckt. Was sagt das dann über diese Organisation aus. Es ist eine Organisation, die auf der einen Seite gewieft genug ist, jederzeit und überall in der westlichen Welt ein Attentat zu verüben, die die Macht hat, Menschen über Jahrzehnte hinweg als Schläfer einzuschleusen, die dann auf Knopfdruck erwachen und bereit sind ihr Leben und das Leben anderer zu opfern, nur für ein fadenscheiniges Heilsversprechen. Und die dann auf der anderen Seite vollkommen unfähig ist, diese Macht so einzusetzen, das sie damit irgendetwas bewirken könnte. Wirtschaftlich betrachtet ist es so, als würde eine Firma zehn Jahre damit verbringen, den Börsenmarkt zu untersuchen, Informanten in Konkurrenzunternehmen einzuschleusen, Fehlinformationen zu streuen und unter der Hand die Fäden zu ziehen, um dann am Ende einen Gewinn von 37,50€ einzufahren. Wenn es sich bei den angeblichen Attentätern nicht stets um Selbstmörder handeln würde, müssten die Terrorgruppen ja ständig sämtliches Personal aufgrund von Unfähigkeit verlassen. 2. Es gibt zwei Anschläge in zwei Ländern an zwei Tagen. Warum? Wenn ich möglichst viel Aufsehen erregen will, ist es dann nicht viel sinnvoller, die Attentate zeitgleich zu organisieren? Hier mal ein Klecks und dort mal ein Klecks bringt doch relativ wenig. Eine einzige Aktion in fünf Städten zur gleichen Zeit in Verbindung mit einer klaren Forderung, von dem, was man überhaupt erreichen will, dass würde sich vielleicht lohnen. Aber so? Ist es nicht generell noch eine offene Frage, was sich die Terroristen von ihren Attentaten erhoffen? Außer, dass sie damit den Hass und das Unverständnis ihnen selbst gegenüber schüren, haben sie ja keinerlei Vorteil daraus. Niemand konvertiert deshalb zum Islam. Niemand setzt sich deshalb für ihre Freiheiten ein. Nicht einmal Geld gibt es dafür, da es ja nie eine Forderung oder eine Erpressung gibt. Klar könnte man jetzt wieder alles auf den Fanatismus schieben und behaupten, ein Fanatiker brauche keinen Grund um zu tun, was er eben tut. Aber stimmt das? Hat nicht jeder irgendwo eine Absicht? Und wenn meine Absicht tatsäschlich reiner Fanatismus ist und ich alle anderen Religionen auslöschen will, ist dann der Erfolg nicht gleich noch lächerlicher? 3. Das Attentat fand in der Nähe einer Schule statt, betraf die Schule aber nicht direkt. Es traf die Westminsterbrücke, nicht aber die Towerbridge oder ein anderes kulturell oder historisch bedeutsames Ziel. Wenn ich doch einen heiligen Krieg gegen eine andere Kultur führe, würde ich dann nicht eher so ein Ziel wählen. Stattdessen war es ein Ziel, das den Eindruck erweckte, es hätte wirklich etwas schlimmes passieren können, an dem letztlich aber kaum Schaden angerichtet werden konnte. Um eine Lüge zu enttarnen ist es stets wichtig, alle Sinne miteinander abzugleichen und alle Informationen dahingehend zu prüfen, ob sie in sich stimmig sind. Passt das, was ich höre zu dem, was ich sehe, rieche, fühle oder schmecke? Nicht anders ist es im Umgang mit den Informationen in den Medien. Und auch wenn man vielleicht nicht mit Gewissheit sagen kann, was hier vor sich geht, kann man doch erkennen, dass etwas nicht stimmt und dass das, was uns erzählt wird, nicht der Wahrheit entspricht.
 
Spruch des Tages: Das Universum muss verrückt sein
Höhenmeter: 150 m
Tagesetappe: 15 km
Gesamtstrecke: 21.587,27 km
Wetter: Regen
Etappenziel: Wohnung im Schloss, 27580 Chaise Dieu du Theil, Frankreich

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Zuletzt aktualisiert am 2017-05-14 18:13:26


Tag 1177: Ein Schloss aus alten Tagen

Auch für Schlossherren sind die Zeiten nicht mehr

23.03.2017 Auch heute regnete es wieder in Strömen und es machte nicht den Anschein, als wollte es je wieder damit aufhören. Der Bürgermeister, der uns in der Früh nun noch einmal besuchte bot an, uns eine Unterkunft an unserem Zielort zu suchen. Wir dachten dabei eigentlich weder an einen Festsaal, doch leider war dieser außer Gefecht gesetzt, da sein Dach eingestürzt war. Stattdessen vermittelte er uns einen Platz in einem Chateau, also einem alten Herrenhaus etwas außerhalb des Ortes. Nach den Erfahrungen der letzten Tage waren wir auch dieses Mal etwas unsicher, ob es eine gute Idee war, diesen Platz anzunehmen. Es klang, als hätten wir einen Raum für uns und wären weitgehend unabhängig, aber irgendwie trauten wir dem Frieden nicht. Da heute der Stichtag für Shanias Wandlungsprozess war, lag es nahe, dass wir noch einmal mindestens genauso stark manipuliert wurden, wie an den letzten Tagen und tatsächlich zeigten die Muskeltests, dass es egal war, wie wir uns entschieden, weil uns alles mit zeitraubenden Illusionen konfrontieren würde. Wir hatten lediglich die Wahl, ob wir dabei ein altes Schloss kennenlernen wollten oder nicht. Da wir lange kein echtes Schloss mehr besichtigt hatten, entschieden wir uns dafür und auch wenn man zugeben muss, dass wir heute kaum mehr Zustande brachten als gestern, obwohl wir bereits um 12:00 ankamen, war es doch zumindest unterhaltsam und aufschlussreich. Das Schloss mit dem darum liegenden Anwesen und den Nebengebäuden stammte aus dem 13. Jahrhundert und war im 17. Jahrhundert noch einmal vollkommen restauriert und überarbeitet worden. Es war also ein alter, traditioneller Adelsbesitz, der sich nun bereits seit vier Generationen in den Händen unserer Gastgeber befand. Von weiten lugten die alten herrschaftlichen Gebäude zwischen den Bäumen hindurch und wirkten noch immer so erhaben und imposant wie vor vielen Hundert Jahren. Doch bereits die Einfahrt verriet mit ihren unzähligen Schlaglöchern, dass die Glanzzeiten des Anwesens längst vergangen waren. Als wir das Portal erreichten, fühlten wir uns ein bisschen, als wären wir in der Eröffnungsszene eines Gruselfilms. Das Haupthaus war verriegelt und vom Zerfall angefressen. Der Hof war schlammig und voller Pfützen und Schlaglöcher, in denen ein paar freilaufende Hühner planschten. Lediglich ein Nebengebäude schien renoviert zu sein und dieses war, wie sich herausstellte, vermietet worden. Unser Kontakt lebte in einem weiteren Nebengebäude, das vom Hocheingang nicht sichtbar war. Er war ein edel gekleideter, vornehmer Mann, mit einem ebenso vornehm und edel eingerichteten Haus. Verantwortlich für das Anwesen und die dazugehörigen Ländereien war jedoch sein Bruder, der das genaue Gegenteil von ihm zu sein schien. Er lebte gemeinsam mit einer Frau, von der ich noch immer nicht genau sagen kann, ob es seine Ehefrau oder seine Mutter ist, in einem Seitenflügel des Haupthauses und hatte sich hier ein wohnliches Chaos eingerichtet. Es war ein typisch französischer Messi-Haushalt, nur dass die Räume hier mit lauter Antiquitäten voll gestellt waren, die sich seit Jahrhunderten hier befanden. An den Wänden hingen lebensgroße Ölportraits von alten militärischen Würdenträgern, die wahrscheinlich einst in diesem Anwesen gelebt hatten. Daneben lehnte eine farbbekleckste Leiter an der stuckverzierten Wand. Draußen vor der Tür befand sich ein Hühnerstall, in dem rund 20 Hühner herumflitzten, die anders als die meisten ihrer domestizierten Artgenossen erstaunlich munter unterwegs waren. Nebenan grasten ein paar Schafe und im Hintergrund schauten uns die Pferde zu. Von hier aus wirkte das Anwesen nun eher wie ein Streichelzoo oder ein Mitmachbauernhof als wie ein Fürstentum. Zum Übernachten bekamen wir ein Haus im hinteren Bereich, das zum landwirtschaftlichen Teil des Gutshofes gehörte. Es war seit langem nicht mehr benutzt worden und diente zurzeit nur noch als Abstellkammer. Aber es gab Heizungen, Strom und Wasser. Zum Mittagessen wurden wir von unseren Gastgebern eingeladen. Es gab eine Nudelsuppe als Vorspeise, sauer eingelegte Ochsenzunge mit Kartoffelpüree als Hauptgericht und die übliche Käsekollektion zum Abschluss. Dieses mal aber wieder in reichhaltigerer Variante, als wir es von den letzten Einladungen gewohnt waren. Außer unseren Gastgebern, deren Schwiegersohn und uns waren noch einige gefiederte Freunde anwesend. In einem großen Käfig saß ein Papagei und beäugte und mit einer Mischung aus Neugierde und Wachsamkeit. Auf der gegenüberliegenen Seite des Raumes stand ein Pappkarton mit einem eigensinnigen Plastikgestell darin, mit dem ich zunächst nichts anfangen konnte. Erst als wir es genauer gezeigt bekamen, erkannte ich die kleinen, frisch geschlüpften Küken, die sich darin versteckten. Wir durften sogar eines von ihnen auf den Arm nehmen. In der Küche befand sich außerdem ein Plastikkasten mit Eiern darin, die kurz vor dem Schlüpfen standen. Eines schlüpfte sogar während des Essens. Vor der Suppe schaute bereits ein Füßchen nach draußen und als wir mit der Nachspeise fertig waren, war sie Schale auf einer Seite bereits vollständig aufgebrochen und es lag nur noch die dünne, milchige Haut über dem Küken. Beim Essen erfuhren wir ein paar Hintergründe über das Anwesen und seine Bewohner. In der heutigen Zeit wurde es immer schwerer, es vor dem Verfall zu bewahren. Allein die Heizkosten stiegen ins unermessliche und als Einnahme diente fast nur die Landwirtschaft, die aber mit einem Großindustriebetrieb nicht im geringsten Mithalten konnte. Früher einmal waren es die Grundbesitzer gewesen, denen die Landflächen gehörten und die ihre Anwesen damit instand halten konnten, dass sie Pacht von den Bauern bekamen. Irgendwann kam der Umbruch und das alte Adelssystem funktionierte nicht mehr auf die gewohnte Weise. Um das System dennoch so lange wie möglich am Laufen zu halten begannen viele damit, ihr Land zu verkaufen. Doch was sie erst einmal über Wasser hielt wurde später ihr Untergang denn nun waren sie selbst nichts anderes mehr als Kleinlandwirte, die anders als ihre Konkurrenz aus den bäuerlichen Reihen, noch mit immensen Unkosten für die Erhaltung ihrer Immobilien zu kämpfen hatte. Sie waren also kaum mehr konkurrenzfähig und somit war es kein Wunder, dass die alten Schlösser und Adelsanwesen mehr und mehr verfielen. So war auch unser Schlafquartier, das eint einmal ein stolzes Landhaus gewesen war, nur noch eine schimmelige Baracke, mit undichten Fenstern, fehlenden Türen und Wänden, von denen der Putz in großen Placken herunter fiel. Neben der Badewanne klaffte ein großes Loch in der Wand, das auf fast poetische Weise wiederspiegelte, wie es im Inneren der Rohrleitungen aussah. Als wir am Abend ein Bad nehmen wollten, begann es in der Küche aus der Decke zu tropfen. Um nicht alles unter Wasser zu setzen, suchten wir uns einen Eimer und kippten das Badewasser ins Klo, denn dieses schien zumindest dicht zu sein. Alles in allem wurde es auch heute wieder ein nur mäßig produktiver Tag. Die Einladung zum Mittagessen und ein Gespräch im Gang am Nachmittag verschlungen insgesamt 6 Stunden an Zeit, ohne dass wir dabei ein tieferes Gespräch geführt hätten. Langsam wird noch einmal deutlich, warum wir im Alltag für gewöhnlich zu nichts kommen.
 
Spruch des Tages: Auch für Schlossherren sind die Zeiten nicht mehr so golden, wie sie einmal waren!
Höhenmeter: 290 m
Tagesetappe: 32 km
Gesamtstrecke: 21.572,27 km
Wetter: Regen
Etappenziel: Gemeindesaal, 61300 Vitrai Sous Laigle, Frankreich

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Zuletzt aktualisiert am 2017-05-14 18:11:58


Tag 1176: Leben im Irrealen

Nichts davon ist real!

Fortsetzung von Tag 1175: Wo uns dies bewusst wurde, fielen uns plötzlich unzählige Situationen ein, in denen es uns genau so ergangen war. Wie oft war es uns passiert, dass wir irgendwo ankamen, wo wir glaubten, einen ganzen Tag voller Möglichkeiten vor uns zu haben, um dann am Abend festzustellen, dass wir keinen Schritt weiter gekommen waren, ohne dass wir festmachen konnten, woran das lag. Es war ein bisschen, als würde man träumen, dass man an einer Festtagstafel sitzt und schlemmt bis zum Umfallen. Man kann essen so viel man will, wenn man aufwacht hat man trotzdem noch Hunger. In den meisten Fällen waren diese Situationen aufgetreten, wenn wir Einladungen von Privatpersonen angenommen hatten. Es war selten wirklich unangenehm gewesen, und oft hatten die Besuche durchaus ihren Unterhaltungswert, so wie ja auch ein Kinofilm in der Regel unterhaltsam ist. Aber meistens zahlten wir dafür einen recht hohen Preis in dem Sinne, das wir mit dem, was wir eigentlich machen wollten nicht weiterkamen oder erst mitten in der Nacht mit dem Arbeiten beginnen konnten. Es waren keine negativen Erfahrungen, aber es war etwas, das einen auf Dauer auslaugte, ausbremste und ablenkte, so dass man seinen Fokus verlor. Dies war auch der Grund, weshalb ich heute so skeptisch auf die Einladung reagierte. Denn unglücklicher Weise war die Frau am Vortag nicht die letzte Illusion gewesen. Was danach kam, waren zwar keine Privateinladungen mehr, aber es schien als wäre alles, was an diesem Tag geschah darauf ausgelegt, uns Zeit zu stehlen. Erst mussten wir warten, bis der Bürgermeister nach hause kam, dann hieß es, dass wir den vorgeschlagenen Saal nicht nutzen können, weil der Gemeinderat fürchtete, dass wir aus Versehen mit dem Gasherd den Ort in die Luft sprengen. Wir schauten uns also mehrere Alternativen an, die aber alle keine wirklichen Lösungen waren und am Ende bekamen wir den Saal dann doch. Zuvor aber mussten wir im eiskalten Büro des Bürgermeisters warten, bis eine Gemeindeversammlung ihr Ende fand. Bis wir dann in unseren Saal einziehen konnten, war es bereits kurz vor 20:00 Uhr. Die Situation im Bürgermeisterbüro entpuppte sich dabei ebenfalls als Illusion und tatsächlich zeigte sich dabei noch einmal deutlich, dass ein Erschaffen hier nur bedingt möglich war. Fast die ganze Zeit über hatten wir an einem Designentwurf für eine Unterseite der Homepage gearbeitet und nun, da Heiko sie am Abend noch einmal öffnen wollte, war sie wie vom Erdboden verschluckt. Sie existierte einfach nicht mehr. Alles, was wir an diesem Nachmittag erstellt hatte, war verschwunden und musste nun noch einmal neu gemacht werden. Nach diesen eher ernüchternden Erfahrungen wollte ich heute nicht schon wieder den gleichen Fehler begehen und für einen weiteren Tag des Stillstandes sorgen. Wir entschieden uns dafür, das Angebot einmal über die Muskeln auszutesten und kamen anders als gestern dabei zu einem eher uneindeutigen Ergebnis. Die Antwort lautete, dass es eine Illusion war und dass wir hier gerade einmal 10% unserer Erschaffungskraft nutzen konnten. Sie lautete aber auch, dass es relativ gleichgültig war, ob wir nun weiter gingen oder nicht. Zunächst lag die Kraft bei 50:50, was ich in diesem Moment nicht verstehen konnte. Wieso kann es nicht eindeutig sein? Fragte ich im Stillen. Als wir danach ein weiteres Mal testeten kam klar heraus, dass wir weitergehen sollten. Jetzt im Nachhinein wird mir klar, dass diese Aufforderung kein Hinweis darauf war, dass wir durch diese Entscheidung mehr erreichen konnten. Es war lediglich die Antwort auf meine Frage: Es konnte nicht eindeutig sein, weil wir heute, so kurz vor Shanias Wandlungsschritt nahezu keine Gewalt über die Ereignisse hatten. Es war egal was wir taten, da wir in jedem Fall geblockt wurden. So wanderten wir nun insgesamt gut 35km und versuchten unser Glück in fünf verschiedenen Orten. Einmal war der Bürgermeister in Paris, einmal trafen wir überhaupt niemanden an und einmal bekamen wir ein weiteres Illusions-Angebot, das gleich noch schlechter war, als das erste. Wir hatten einen Ort erreicht, der aus nichts weiter bestand, als zwei Häuserreihen, links und rechts einer grauenhaften Hauptstraße. Allein der Umstand, dass hier überhaupt jemand lebte, musste praktisch bereits eine Illusion sein, da es keinerlei Grund dafür gab, an so einen schrecklichen Platz zu ziehen. Vor allem nicht in Frankreich, wenn rings umher alles frei war. Vielleicht konnte man noch die Alteingesessenen verstehen, deren Häuser hier erbaut worden waren, bevor ihre Straße zur Hauptverkehrsader erklärt wurde und die einfach nicht loslassen konnten oder denen das Geld für einen Umzug fehlte. Aber es gab auch ein Neubaugebiet, mit Doppelhäusern, das sich auf rund 100m entlang der Hauptstraße erstreckte. Was sollte irgendjemanden dazu motivieren, sich hier ein Haus zu kaufen. Man zog ja auch nicht auf den Mittelstreifen einer Autobahn. Vor allem nicht, wenn man für den gleichen Preis ein ruhiges Grundstück zwei oder drei Kilometer abseits bekommen konnte. Selbst wenn man ein Pendler nach Paris war, machte es von der Fahrzeit her nahezu keinen Unterschied, verhinderte aber, dass man in der Hölle leben musste. Wer sich einen Wohnort 100km außerhalb von Paris auf dem Land sucht, der will doch dann nicht schon wieder nichts als Straßenlärm um sich haben. Oder liege ich da falsch? Auf jeden Fall erreichte ich den Bürgermeister per Telefon, und wurde zunächst einmal ziemlich unfreundlich und fadenscheinig abgewimmelt. Es war ja nicht so, dass er nicht helfen wolle, aber heute seien alle Räume verschlossen und er habe keinen Schlüssel dafür. Offenbar brachte ihm diese Taktik eine Standpauke von seiner Ehefrau ein, denn keine 10 Minuten später stand er vor uns und hatte nun plötzlich doch einen Platz. Er habe mich am Telefon erst nicht richtig verstanden, erklärte er seinen Sinneswandel und ging dann ins Rathaus um den Schlüssel für unser Quartier zu holen. Das Angebot, das wir nun bekamen, war jedoch so unverschämt, dass er besser daran getan hätte, sich einfach gar nicht blicken zu lassen. Wir gingen an einem Festsaal vorbei, einem Konferenzraum, einem städtischen Campingplatz mit Pavillons und einem Multifunktionssaal. Jedes Mal dachten wir, dass wir am Ziel waren, dich jedes Mal ließen wir es links liegen und gingen weiter, bis wir eine Art Kulturcafé erreichten, das um diese Jahreszeit geschlossen hatte. Es hatte neue Isolierscheiben, war schön aufgemacht und lag verlassen da. Der Schlafplatz, den wir angeboten bekamen befand sich direkt daneben in einer verlassenen Ruine, die mit Glaswolle und einem Haufen Schutt voll gestellt war. Es gab weder eine Heizung noch eine Toilette oder auch nur einen Wasseranschluss und der Boden war so dreckig, dass wir uns die Schuhe abtraten, bevor wir ihn wieder verließen. „Eine Toilette?“ fragte er ehrlich überrascht, „oh, ich hatte nicht daran gedacht, dass ihr so etwas brauchen könntet! Das gibt es nicht, da müsst ihr dann einfach in die Natur hinaus gehen!“ Von seiner Seite her war dies das letzte Wort. Ein Kollege von ihm, der zufällig auftauchte, weil er seine Alkoholfahne ein wenig ausdünnen wollte, bevor er ins Büro zurückkehrte, wies jedoch darauf hin, dass sich direkt unter unserem Saal öffentliche Toiletten befanden, die zum Campingplatz gehörten. „Die sind aber abgeschlossen!“ wandte der Bürgermeister ein und glaubte, damit wieder einmal ein überzeugendes Argument geliefert zu haben. „Na und?“ entgegnete der Alkoholiker, „wir haben doch den Schlüssel!Das Rathaus ist direkt um die Ecke und es gibt ein halbes Dutzend Jungs, die ihn kurz vorbeibringen könnten.“ Dagegen konnte nun auch der Bürgermeister nichts mehr einwenden. Für einen Moment waren wir sogar der Ansicht, dass wir uns mit diesem Platz anfreunden konnten. Klar, er war kälter als der Regen draußen und sein Standard lag weit unter den miesesten Räumen, die wir in Rumänien oder Serbien angeboten bekommen hatten, aber er war zumindest trocken. Dann aber fuhr draußen der erste LKW vorbei und brachte unsere Wände zum Wackeln. Es dröhnte wie im Inneren einer Flugzeugturbine und selbst wenn man sich die Hände auf die Ohren presste und dabei das Gesicht verzog, wurde es nicht wesentlich besser. Ob man sich da nicht selbst bei der Privateinladung noch mehr hätte konzentrieren können? Der Junge mit dem Toilettenschlüssel kam gerade rechtzeitig, um ihm von unserer Abreise berichten zu können. Er nickte verständnisvoll, nachdem er sich einmal kurz in dem Saal umgesehen hatte. Es war ihm bereits peinlich, dass man ihn überhaupt mit seinem Chef in Verbindung brachte, wenn dieses Loch sein Verständnis von Gastfreundschaft war. In Serbien oder Rumänien, wo die Gemeinden wirklich nichts anderes hatten, war so ein Raum ein ernst zu nehmendes Angebot und auch wirklich freundlich gemeint. Hier jedoch hatte sich der Bürgermeister wirklich Gedanken darüber gemacht, welcher Raum wohl der schäbigste sein könnte. Wieder testeten wir nach und wieder stellte sich heraus, dass es eine Illusion war, die nur der Ablenkung und dem Rauben von Zeit diente. Uns mit Angeboten von Privatpersonen zu locken funktioniere offenbar nicht mehr so gut, also brauchte es einen anderen Weg um uns die Zeit zu stehlen. Und man musste sagen, diese Variante hatte hervorragend funktioniert. Im nächsten Ort kamen wir ebenfalls nicht weiter, denn hier war der Bürgermeister, der bei seinen Mitmenschen einen sehr guten Ruf genoss, gerade mit seinem Traktor unterwegs und hörte deshalb sein Handyklingeln nicht. Aber bereits im fünften Ort hatten wir dann Erfolg. Es war nun 19:00 Uhr und somit gerade früh genug um mit dem Kochen anzufangen ohne zuvor noch irgendetwas großartiges bewerkstelligen zu können. Doch in diesem Moment übernahmen wir wieder selbst die Kontrolle. Der Platz, an dem wir nun ankamen, war tatsächlich von uns selbst erschaffen worden. Er war real und auch wenn es nicht den Anschein hatte, brachten wir am Abend doch noch einiges zustande. Wenn ich schätzen müsste, würde ich sagen, dass es wirklich in etwa die 10% vom eigentlich möglichen waren, die wir auch bei der Bürgermeisterfamilie hingebracht hätten. Dafür hatten wir nun einen ruhigen Platz für uns alleine und auch wenn der Festsaal insgesamt so kalt war, dass man seinen Atem sehen konnte, gab es doch zwei kleine Räumchen neben der Küche, die beheizbar waren und gerade genug Platz für je einen von uns boten. Der Bürgermeister selbst brachte uns Kartoffeln und einige weitere Zutaten für ein Abendessen, dass wir nur in den Ofen schieben mussten, so dass wir zumindest hier nun nahezu keine Zeit mehr verloren. Es war ein bisschen wie bei dem Vergleichsportal, das wir gerade erschufen. Man bekam beide Varianten direkt gegenüber gestellt, so dass man die Unterschiede klar erkennen konnte.
 
Spruch des Tages: Nichts davon ist real!
Höhenmeter: 220 m
Tagesetappe: 19 km
Gesamtstrecke: 21.540,27 km
Wetter: Regen
Etappenziel: Gemeindesaal, 61290 Monceaux-au-Perche, Frankreich

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Zuletzt aktualisiert am 2017-05-14 18:10:27